Kleine Bühnen und ihr RepertoireProvinzprovokation?

Die Meistersinger von Nürnberg in Meiningen

Die Meistersinger von Nürnberg“ in Meiningen? An Opernproduktionen in kleinen Orten ist oft deren halbe Bevölkerung beteiligt. Unser Autor hat sich auf eine Spurensuche ins vermeintliche „Hinterland“ begeben.

Ein Who-Is-Who der essen­zi­el­len Musik­ge­schich­te Deutsch­lands ist die Diri­gen­ten­lis­te der Mei­nin­ger Hof­ka­pel­le: Max Reger, Johan­nes Brahms, Richard Strauss – hier waren sie alle! Und hier war auch das „Ring“-Debüt von Mün­chens, Bay­reuths, Ber­lins genia­lem Dar­ling Kirill Petren­ko, der vor etwa 15 Jah­ren in vier Tagen die Tetra­lo­gie aus dem Mei­nin­ger Ensem­ble stemm­te mit Sän­gern, von denen es eini­ge spä­ter auf den grü­nen Hügel schaff­ten. Am ein­zi­gen Thü­rin­gi­schen Staats­thea­ter ist man des­halb zum gro­ßen Reper­toire ver­pflich­tet, ganz selbst­ver­ständ­lich. Jede Spiel­zeit gibt es min­des­tens eine span­nen­de Opern-Reak­ti­vie­rung wie Wag­ners „Lie­bes­ver­bot“, von Schil­lings‘ „Mona Lisa“ oder Lort­zings „Regi­na“. Als amtie­ren­der Inten­dant schwärmt Ans­gar Haag von der ihn anfeu­ern­den Geschich­te der klei­nen Resi­denz­stadt, sie ist ihn beflü­geln­de Ver­pflich­tung zu sei­nem Spiel­plan. Nach Mei­nin­gen kom­men nicht nur Gäs­te von aus­wärts, das Musik­thea­ter ist eine gesuch­te Gas­tier­trup­pe. Im nahen Ful­da und genau­so zum Bei­spiel in den Stadt­thea­tern Fürth und Ingol­stadt.

Der Opern­chor des Mei­nin­ger Thea­ters, als pro­fes­sio­nel­les Ensem­ble in der sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne 1946 gegrün­det, fei­ert gera­de sein 70jähriges Jubi­lä­um. Das war damals ein maß­geb­li­cher Kick für das jun­ge Musik­thea­ter in der frü­he­ren Resi­denz­stadt, in der Georg II. die Hof­ka­pel­le und das in ganz Euro­pa gas­tie­ren­de Schau­spiel pfleg­te, nicht aber die Oper. Zur „Meistersinger“-Premiere, vor der im obe­ren Foy­er eine Aus­stel­lung über den Chor eröff­net wur­de, gab es stür­mi­schen Applaus und Buhs für ein Ende mit Schre­cken: Die umstrit­te­nen Kunst­the­sen Richard Wag­ners wer­den auf der Büh­ne zum rechts­po­pu­lis­ti­schen Kampf­ruf, ganz bit­ter.

Ans­gar Haag ver­spricht für sei­ne Regie eine Zeit­rei­se durch die letz­ten hun­dert Jah­re, begin­nend 1913. Nach dem Vor­spiel gibt es von der Kriegs­trau­er 1918 in einen Sprung die Wei­ma­rer Repu­blik, doch spä­ter las­sen Bernd-Die­ter Mül­ler und Annet­te Zep­pe­ritz die Hand­lung in den 1960er Jah­ren ste­cken und kom­men erst zum Schluss in der unmit­tel­ba­ren Gegen­wart an.
Wahr­schein­lich sind die Stra­ßen von Mei­nin­gen zu den Vor­stel­lun­gen wie leer gefegt, weil da alles auf die Büh­ne drängt: Chor und Extrachor, die Mei­nin­ger Kan­to­rei, der Chor des Evan­ge­li­schen Gym­na­si­ums, Sta­tis­te­rie und Bür­ger­büh­ne bal­len sich. Sie wie­der­ho­len grö­lend Hans Sachs‘ Appell zum Respekt für die „deut­schen Meis­ter“. Dage­gen sind die Meis­ter­sin­ger wehr- und macht­los. Die Poli­zei schaut weg, wenn Hans Sachs in den letz­ten Tak­ten zusam­men­bricht: Herz­ver­sa­gen oder Atten­tat? Man ertappt man sich bei dem Wunsch, Chor­lei­ter Mar­tin Wett­ges hät­te mit sei­nen Scha­ren ein weni­ger scharf pola­ri­sie­ren­des Meis­ter­stück gewählt.

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Es ist klar, dass die­se Buhs nicht auf die stel­len­wei­se etwas mat­te Per­so­nen­füh­rung gerich­tet waren, son­dern tat­säch­lich auf die Sicht­wei­se die­ses fata­len Endes. Hans Sachs‘ und damit Wag­ners Schluss­wor­te for­dern auf, gera­de in Kri­sen­zei­ten die inte­gra­ti­ve Kraft deut­scher Kul­tur zu bewah­ren. Dabei balan­ciert die Insze­nie­rung auf dem ris­kant schma­len Grat, ver­ein­facht Miss­ver­ständ­nis­se zu zei­gen: Die Mas­sen ver­ste­hen die Schluss­an­spra­che Sachs‘ als Slo­gan zu Natio­na­lis­mus und Frem­den­hass. Wag­ners mehr­schich­ti­ges Anlie­gen wird hier zur in Fra­ge gestell­ten Hass­pa­ro­le.

Davor gibt es jedoch auch Gen­re­sze­nen aus dem Bil­der­buch der Phil­an­thro­pen und dazwi­schen immer wie­der Riss­li­ni­en. Beim Klei­der­tausch zie­hen Evchen und Mag­da­le­ne bun­te Tücher über den Kopf. Offen­bar stam­men sie aus Fami­li­en von Umsied­lern aus dem Osten, die zum Vor­spiel in der schlimms­ten Kriegs­trau­er 1918 ankom­men und sich inte­grie­ren. Zum Auf­zug der Zünf­te sind auch neue Mit­bür­ger, Ehe­män­ner und jun­ge Väter, dabei. Mit dem Süd­afri­ka­ner Siy­abon­ga Maqungo als David flir­ten und knut­schen die Mäd­chen aus Fürth, sei­ne Mag­da­le­ne (Caro­li­na Kro­gius) eifer­süch­telt des­halb nicht.
Die Pro­duk­ti­on ver­steht sich als Auf­ruf zum Schutz imma­te­ri­el­ler Kul­tur­gü­ter. Am Rand des Bun­des­lan­des mit der größ­ten Kul­tur­dich­te, in einer Stadt mit gera­de 20.000 Ein­woh­nern spielt das Thea­ter Mei­nin­gen, größ­ter Arbeit­ge­ber mit Außen­wir­kung am Ort, eine der auf­wän­digs­ten Opern über­haupt. Mit Kraft, im Voll­be­sitz künst­le­ri­scher Res­sour­cen und mit einem glän­zen­den Sän­ger­ensem­ble aus den eige­nen Rei­hen.

Dabei sind es in allen Par­ti­en Rol­len­de­bü­tan­ten und sie zei­gen in inter­na­tio­na­ler Beset­zung ein pho­ne­tisch sou­ve­rä­nes Deutsch, wie es an gro­ßen Häu­sern und über­haupt Sel­ten­heits­wert hat. Der Hans Sachs zeigt sich nach­denk­lich und viel beschei­de­ner, als sein Dar­stel­ler es nach sei­nem lyri­schen und nur in der Begrü­ßungs­an­spra­che kurz Gren­zen strei­fen­de Por­trät Dae-Hee Shin sein müss­te. Ondrej Šaling bringt wirk­lich jun­ger Exot Licht in die bläss­lich gewor­de­ne Meis­ter­sin­ger-Welt. Vokal und sze­nisch inten­siv ist das Evchen von Cami­la Ribe­ro-Souz­as auch dann, wenn sie sich auf der Fest­wie­se in den Mas­sen trei­ben lässt und die Lip­pen der Poli­zis­ten sucht.

Ste­pha­nos Tsi­ra­ko­glous Beck­mes­ser hat präch­ti­ges Bari­ton­ma­te­ri­al mit einem noch präch­ti­ge­ren hohen A. Das Hass­po­ten­zi­al zwi­schen ihm und Sachs: Pures Dyna­mit.
GMD Phil­ip­pe Bach ent­deckt und holt die Spiel­opern-Far­ben aus der Par­ti­tur. Auf­merk­sa­me Hörer kön­nen hier eine hoch­mu­si­ka­li­sche Kampf­an­sa­ge gegen Klang­bal­last und all­zu simp­le Ver­ein­fa­chun­gen erle­ben. Zum Höhe­punkt des Abends wird – trotz Chor­ju­bi­lä­um – die Schus­ter­stu­be. So ent­hal­ten die Mei­nin­ger „Meis­ter­sin­ger“ ein Bekennt­nis für die inte­grie­ren­den Kräf­te von Kul­tur, zei­gen deren Gefähr­dung und Gefah­ren­po­ten­zia­le. Des­halb haben sie neben dem Event­fak­tor und eini­gen Län­gen eine star­ke mensch­li­che Dimen­si­on.

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Roland H. Dippel brennt für Kontraste im groß(artig)en wie im klein(formatig)en Musik-, Tanz- und Konzert-Theater. Auf Entdeckungsreisen zu idyllischen Nischen und verwegenen Momenten folgt er freudig apollinischen Verheißungen und dionysischen Lockrufen. Boulevard, Belcanto, Brauchtum, ästhetische Exzesse in Literatur und Kunst sind Ziele seiner realen und fiktiven Abenteuer-Streifzüge. Er schätzt greifbare Bücher mehr als E-Books.

3 Kommentare

  1. Das Deut­sche Natio­nal­thea­ter Wei­mar ist eben­falls ein Thü­rin­ger Staats­thea­ter!

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