Jean Sibelius wird bis heute unter Wert gehandelt. Das mag an Adornos abschätzigem Urteil liegen, aber gewiss auch seiner eigenwilligen Musiksprache, die sich der deutsch-österreichischen Tradition weitgehend verweigert. Ein Musterbespiel für Sibelius’ „finnische“ Ästhetik bildet seine Erste Sinfonie, die trotz Einflüssen von Tschaikowsky und Borodin sein eigenes sinfonisches Profil energisch unterstreicht: Der junge finnische Dirigent Santtu-Matias Rouvali hat sie mit dem traditionsreichen Göteborger Symphonikern, die er seit kurzem als Chef leitet, in einer hochdramatischen, geradezu vulkanisch brodelnden Interpretation neu eingespielt, und sich so mit Nachdruck als neuer Hoffnungsträger der finnischen Dirigentenschule positioniert. Obwohl Sibelius selbst in diesem bildmächtigen Werk jeglichen programmatischen Bezug abgewiesen hatte, entfesselt der 33-jährige Rouvali ein elektrisierendes Wechselspiel von Ruhe und emotionalen Schüben, die eine opernhafte, vor Energie berstende Szenerie ohne eigentliche Handlung evozieren, also ein genuin „sinfonisches“ Drama von archaisch-elementarer Kraft. Damit aber übertrifft er sogar die alten Referenzen wie Bernstein, Jansons oder Maazel an Intensität, Präzision und finnischem Lebensgefühl. Ähnlich detailgenau und spannungsgeladen dirigiert er auch die frühe sinfonische Dichtung En Saga, die ebenfalls aus alten finnischen Mythen schöpft.