Jean Sibe­li­us wird bis heu­te unter Wert gehan­delt. Das mag an Ador­nos abschät­zi­gem Urteil lie­gen, aber gewiss auch sei­ner eigen­wil­li­gen Musik­spra­che, die sich der deutsch-öster­rei­chi­schen Tra­di­ti­on weit­ge­hend ver­wei­gert. Ein Mus­ter­be­spiel für Sibe­li­us’ „fin­ni­sche“ Ästhe­tik bil­det sei­ne Ers­te Sin­fo­nie, die trotz Ein­flüs­sen von Tschai­kow­sky und Boro­din sein eige­nes sin­fo­ni­sches Pro­fil ener­gisch unter­streicht: Der jun­ge fin­ni­sche Diri­gent Sant­tu-Mati­as Rou­va­li hat sie mit dem tra­di­ti­ons­rei­chen Göte­bor­ger Sym­pho­ni­kern, die er seit kur­zem als Chef lei­tet, in einer hoch­dra­ma­ti­schen, gera­de­zu vul­ka­nisch bro­deln­den Inter­pre­ta­ti­on neu ein­ge­spielt, und sich so mit Nach­druck als neu­er Hoff­nungs­trä­ger der fin­ni­schen Diri­gen­ten­schu­le posi­tio­niert. Obwohl Sibe­li­us selbst in die­sem bild­mäch­ti­gen Werk jeg­li­chen pro­gram­ma­ti­schen Bezug abge­wie­sen hat­te, ent­fes­selt der 33-jäh­ri­ge Rou­va­li ein elek­tri­sie­ren­des Wech­sel­spiel von Ruhe und emo­tio­na­len Schü­ben, die eine opern­haf­te, vor Ener­gie bers­ten­de Sze­ne­rie ohne eigent­li­che Hand­lung evo­zie­ren, also ein genu­in „sin­fo­ni­sches“ Dra­ma von archa­isch-ele­men­ta­rer Kraft. Damit aber über­trifft er sogar die alten Refe­ren­zen wie Bern­stein, Jan­sons oder Maazel an Inten­si­tät, Prä­zi­si­on und fin­ni­schem Lebens­ge­fühl. Ähn­lich detail­ge­nau und span­nungs­ge­la­den diri­giert er auch die frü­he sin­fo­ni­sche Dich­tung En Saga, die eben­falls aus alten fin­ni­schen Mythen schöpft.

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Attila Csampai
Attila Csampai ist Chefrezensent bei crescendo. Als gebürtiger Budapester lebt er seit 1957 in München, und studierte hier Musikwissenschaft. Seit 1974 schreibt er Schallplattenkritiken in allen wichtigen Fachzeitschriften. Seine Essays, seine Werkkommentare und vor allem sein zahlreichen Musikbücher sind legendär. 32 Jahre lang war er Musikredakteur und Live-Moderator beim Bayerischen Rundfunk. Seine CD-Sammlung umfasst mehr als 30.000 Alben.

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