Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

was für eine Woche! Große Polit-Oper in Österreich und der Abgesang von Pop-Diva Madonna beim ESC. Und die Klassik? Sie redet über zu wenig Kohle für Musiker, kämpft gegen politische Beeinflussung und dreht ein bisschen am Personal-Karussell. 

WAS IST

Die Lunch-Konzerte im Concertgebouw sorgen für Unmut – die Künstler werden nicht bezahlt.

CONCERTGEBOUW ZAHLT SEINE MUSIKER NICHT

Neulich bekam ich einen Link zugeschickt, der in Musikerkreisen kursiert und für allerhand Wut sorgt. Es handelt sich um einen Blog-Eintrag auf der Seite hellostage, der sich wiederum auf einen Artikel des holländischen News-Portals NOS bezieht. Hier wird berichtet, dass der Concertgebouw in Amsterdam die Musiker seiner Lunch-Konzerte nicht bezahlt. Mehr noch: Der Chef des Hauses, Simon Reinink, verteidigt seine Vorgehensweise und erklärt, dass die Musiker bei diesen Veranstaltungen doch Erfahrung sammeln würden. Absurd wird all das, wenn der Concertgebouw die kostenlosen aber gesponserten Konzerte auf seiner Homepage unter der Kategorie „Soziale Verantwortung“ auflistet. Junge Musiker macht es wütend, dass selbst die größten Häuser auf angemessene Bezahlung verzichten. So sei es kein Wunder, dass kleinere Veranstalter ebenfalls glaubten, einen Musiker – anders als einen Installateur – nicht bezahlen zu müssen. Er macht ja nur Musik!

Passend dazu ein sehr lesenswerter Artikel einer Musikschullehrerin und ihrer Arbeitsbedingungen, der diese Woche in der taz erschienen ist. Der Text beginnt wie folgt: „Heike Linke hat über sieben Jahre studiert und arbeitet seit 20 Jahren als Musikschullehrerin. Ihr Traumjob hat einen Preis: Vermutlich Altersarmut.“ Und was lernen wir daraus? Links verschicken und auf die Situation aufmerksam machen hilft – aber es ist auch der Mut junger Musiker gefragt, unbezahlte Angebote einfach kategorisch und kollektiv abzulehnen! 

PRAG GEGEN PER BOYE HANSEN

In seinem Blog schreibt Manuel Brug über den aktuellen Zoff am Prager Nationaltheater. Die 400 Mitarbeiter begehren gegen den designierten Intendanten Per Boye Hansen auf und fordern seinen Rücktritt. Brug schreibt: „Nach Ansicht der Unterzeichner des Briefes habe Hansen keine grundlegende Vision und führe die Oper in einer Krise. Ihm wird auch mangelnde Kommunikation, ständige Umplanungen und wenig Souveränität in der Gestaltung des Spielplans vorgeworfen. Alles Dinge, die auch laut wurden im Zusammenhang mit seinem unfreiwilligen Abgang an der Oper in Oslo im Jahr 2017.

AfD ATTACKIERT DEUTSCHE THEATER

In Freiberg versucht die AfD derzeit offensichtlich, eine Debatte am Mittelsächsischen Theater zu verbieten. Anlass: Das Theater unter Indendant Ralf-Peter Schulze veranstaltete den politischen „Dialog – Wir haben die Wahl“. Die Veranstaltung wurde zunächst von AfD-Mitgliedern gestört, danach forderten Stadträte der Partei, dass das Theater keine politischen Gesprächsrunden veranstaltet. Der parteilose Oberbürgermeister schloss sich dieser Forderung an. Aber nun mischt sich auch Sachsens Kulturministerin Eva-Maria Stange (SPD) ein, die dem Theater Rückendeckung gibt: Stange spricht von einem „einmaligen Vorgang in Sachsen“ und sieht die Kunstfreiheit gefährdet. „Wir benötigen den freien Meinungsaustausch mit allen“. In seinem Artikel in den Dresdner Neuesten Nachrichten schreibt Autor Michael Bartsch: „Auch in Leipzig wehrt sich die Freie Szene derzeit gegen einen Extremismus-Vorwurf der AfD, die den unabhängigen Künstlern deshalb Fördergelder streichen will. Verschiedene Off-Bühnen und die AG Soziokultur haben wegen dieser Diffamierung eine Entschuldigung verlangt. Die AfD-Landtagsfraktion versucht bereits seit dem vorigen Sommer, unbequemen soziokulturellen Vereinen finanziell das Wasser abzugraben.


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Am Freiberger Theater musste auch eine Petition des Theaters für die Kampagne „Erklärung der Vielen“ zurückgezogen werden. In Österreich haben derweil – noch vor dem Ende der Türkis-Blauen Rechts-Rechts-Regierung – mehrere hundert Künstler einen Aufruf gleichen Namens unterzeichnet. Die Initiative „Die Vielen“ sieht die Freiheit der Kunst und Kultur in Österreich bedroht: Nicht nur durch die Kürzung von Fördergeldern, Zensurmaßnahmen oder das politisch motivierte Einsetzen unqualifizierter Personen in wichtigen Funktionsposten. Zu den Unterzeichnern gehören u.a. die Wiener Festwochen, die Ars Electronica, und die Universität Mozarteum Salzburg.  

BLACKFACING-DEBATTE FLAMMT AUF

Michael Stallknecht nimmt in der Neuen Zürcher Zeitung die alte Blackfacing-Debatte erneut auf. Darf man einem weißen Sänger bei einer Aufführung des Otello das Gesicht schwarz anmalen? Anlass des Artikels: eine Aufführung von Aischylos’ Schutzflehenden an der Pariser Sorbonne wurde gewaltsam verhindert, weil eine Theatergruppe sich mit der antiken Aufführungspraxis auseinandersetzen und die im Stück auftretenden Ägypter dunklere Masken tragen lassen wollte als die Griechen. Für Stallknecht ist die die so genannte „Blackfacing“-Diskussion absurd: „Der fettleibige Falstaff, der verkrüppelte Rigoletto oder Zemlinskys Zwerg könnten unter diesen Umständen schon bald unter Bilderverbote fallen, bei denen auch nur die Ahnung eines Tabubruchs jederzeit einen Shitstorm nach sich ziehen könnte.“ 

WAS WAR 

Teurer als Erwartet: die Sanierung der Komischen Oper wird mindestens 238 Millionen kosten.

RENOVIERUNG DER KOMISCHEN OPER WIRD TEURER

In der Berliner Morgenpost berichtet Volker Blech, dass die Sanierung der Komischen Oper in Berlin auch ohne Extrawünsche teurer werden wird als gedacht. Die fünfjährige Sanierung, die 2022 beginnen soll, wird wohl 238 statt der einst veranschlagten 227 Millionen kosten. Skeptisch macht, dass Kultursenator Klaus Lederer (Linke) bereits davon spricht, dass 2022 ein ehrgeiziges Ziel sei. Zum Vergleich: die Renovierung der Staatsoper kostete 440 Millionen statt der kalkulierten 239 Millionen und dauerte sieben statt drei Jahre.

SALZBURGER OSTER-FESTSPIELE DOCH OHNE BACHLER?

Wir erinnern uns: Dirigent Christian Thielemann würde Nikolaus Bachler als neuen Intendanten der Salzburger Osterfestspiele gern verhindern. Die Salzburger Politiker wollen dem derzeitigen München-Intendanten derweil eine carte blanche geben. Immer öfter ist hinter vorgehaltenen Händen zu hören, dass Bachler darüber nachdenken würde, Salzburg doch einen Korb zu geben. Wie es dann weitergehen könnte? Markus Hinterhäuser, Intendant der Salzburger Sommerfestspiele, wird nachgesagt, er hätte großes Interesse daran, die Osterfestspiele der gesamten Festspiel-Idee einzuverleiben. Es bleibt spannend an der Salzach.


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MUSIK UND SPORT

Vor einigen Wochen haben wir über die Angriffe des Bonner Sportvereins auf die Subventionen des Beethoven-Orchesters in Bonn berichtet. Danach über Musiker, die als Sportler aktiv sind. Wir haben die Idee entwickelt, einen Klassik-Run zu organisieren: 10 Kilometer durch ein klingendes Orchester! Nun erreichte mich ein Anruf der neuen Dezernentin für Sport und Kultur in Bonn, Birgit Schneider-Bönninger – sie will die Gemeinsamkeiten von Sport und Klassik strategisch fördern. Wer weiß, vielleicht wird unseres kleine Newsletter-Idee ja schon bald Wirklichkeit!

AN UNSEREN BÜHNEN

Am Theater an der Wien wurde Webers Oberon aus München übernommen, unter anderem mit Annette Dasch. Ich frage mich in meiner Rezension, warum gerade junge Regisseure wie Nikolaus Habjan so unglaublich bieder daherkommen. +++ In der Süddeutschen feiert Julia Spinola den Dirigenten Yoel Gamzou für seine Bremer Interpretation von Korngolds Tote Stadt mit Karl Schinies als Paul. +++ In der FAZ schreibt Wolfgang Fuhrmann über Claus Guths Inszenierung der Händel-Oper Rodelinda in Frankfurt, die noch nach Lyon und Barcelona wandern wird: „Im Ganzen ist diese Produktion wunderbar gelungen. Musikalisch genügt sie allen Ansprüchen, szenisch bietet sie eine vertiefte und in sich stimmige Lesart – glücklich, wer sich an Leid und Freud erfreuen will!“ +++ Eleonore Büning feiert im Tagesspiegel das pädagogische Konzept Unboxing Mozart mit Lars Vogt und dem Mahler Chamber Orchestra in Berlin. 


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PERSONALIEN DER WOCHE

Ton Koopman ist neuer Päsident der Leipziger Bach-Archiv-Stiftung und folgt damit auf John Eliot Gardiner. +++   Sarah Wedl-Wilson wird neue Rektorin der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler. Die 49jährige war zuvor an der Universität Mozarteum Salzburg und sitzt dort auch im Aufsichtsrat der Osterfestspiele. +++ Karlsruhe bekommt einen neuen Musikdirektor: Georg Fritzsch wird Justin Brown beerben.

WAS LOHNT

Kirill Gerstein begeistert mit seiner Interpretation des C‑Dur Konzertes von Busoni.

Das hat mich echt umgehauen: Busoni Klavierkonzert in C‑Dur ist ein Monument, ein gigantischer Klotz, ein episches Werk (75 Minuten!), das durch alle Facetten des Seins führt. Gespickt mit problematischen Stellen wie einem Männerchor mit dubiosen Text-Passagen. Ein Grund, warum dieses Werk schnell verdrängt wurde. Nun wagen sich Kirill Gerstein und das Boston Symphony Orchestra unter Sakari Oramo an diesen Brocken – und fassen ihn mit emotionaler Wucht, kluger Einordnung und spannender Gestaltung an. Eine echte Entdeckung, die allerhand Reibung im Ohr und im Gehirn erzeugt!

In diesem Sinne, halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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