Klassik-Woche 25/2019Geschönte Bilanzen, eine Morddrohung und keine Zugabe

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Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

dieses Mal mit viel Kritik an der Kulturpolitik, mit erfundenen Leistungsbilanzen, einer Morddrohung – aber leider ohne Zugabe.

WAS IST

Regisseur Martin Kušej erzählt im Talk „Willkommen Österreich“ von einer Morddrohung.

ENTSCHEIDUNG IN MAILAND FÄLLT AM DIENSTAG

Nachdem der römische Opernchef Carlo Fuortes nicht mehr als Intendant der Mailänder Scala kandidieren will, läuft nun alles auf einen Showdown zwischen zwei Männern hinaus: Entweder wird Alexander Pereira nochmal verlängert (gerade hat er in Riccardo Chailly einen prominenten Fürsprecher gefunden), oder Dominique Meyer von der Wiener Staatsoper wird ihm nachfolgen. Pereira stand unter anderem wegen dubioser Geschäfte mit den Scheichs aus Saudi-Arabien in der Kritik, Meyer verlässt die Staatsoper in Wien und sucht nach neuen Aufgaben. Am Dienstag wollen die Mailänder zunächst einmal entscheiden, ob sie ihren alten Intendanten verlängern – derzeit scheint die Stimmung wieder für ihn zu sprechen. 

WELSER-MÖST KRITISIERT KULTURPOLITIK

Franz Welser-Möst geht scharf mit der österreichischen Kulturpolitik, auch der Übergangsregierung, ins Gericht. In den Oberösterreichischen Nachrichten sagte er: „Wer waren denn die letzten maßgeblichen Kulturpolitiker Österreichs? Rudolf Scholten (1990–1997 Kulturminister) und in Wien Peter Marboe (1996–2001 Wiener Kultur-Stadtrat, Anm.), dann wird’s dünn. Bei der abgetretenen Regierung war Kultur bei Minister Gernot Blümel auch nicht vorrangig, und bei der aktuellen Übergangsregierung wurde die Kultur irgendwo angegliedert (bei Außenminister Alexander Schallenberg, Anm.). Kultur scheint nicht wichtig zu sein – und wenn eine Gesellschaft etwas nicht wichtig nimmt, dann investiert sie auch nicht.

WIE  KUSEJ MIT DEM LEBEN BEDROHT WURDE

Dieses ist zwar kein Schauspiel-Newsletter, aber der designierte Intendant des Wiener Burgtheaters, Martin Kušej, ist ja auch Opern-Regisseur. Und es war einfach zu schön, wie er in der Talk-Sendung Willkommen Österreich erzählt hat, dass er nur einmal in seinem Leben ernsthaft bedroht wurde. Nach einer Fidelio-Inszenierung gingen Morddrohungen bei ihm ein, und er stand unter Polizeischutz. Dafür seien, wie sich herausstellte, keine Klassik-Hooligans oder Neonazis verantwortlich gewesen, sondern die Freunde Beethovens, erzählte Kušej, der inzwischen über diese Angelegenheit lachen kann. 

MEHR EHRLICHKEIT BEI KULTURINSTITUTIONEN

Die Kulturwissenschaftlerin Leila Jancovich von der Universität in Leeds thematisiert ein Tabu: Viele Kulturinstitutionen, besonders Orchester, würden, wenn es um ihre Nachwuchsprogramme gehe, die eigenen Statistiken aufhübschen. Da von den Bilanzen Fördergelder abhingen, würde vieles geschönt, erklärt Jancovich. Eine Studie hat herausgefunden, dass Kulturinstitutionen ihre Berichte je nach den Erwartungsrastern von Sponsoren oder staatlichen Institutionen formulieren. Deshalb hat Jancovich nun eine Plattform gegründet, auf der Nachwuchsprogramme ihre schonungslosen Daten hinterlegen können. „Es ist wichtig, dass wir auch das Scheitern erlauben und thematisieren“, sagt Jancovich – erst, wenn die „unerzählten Geschichten“ erzählt würden, sei eine tatsächliche Verbesserung der musikalischen Förderprogramme möglich, und nur so würden sie auch dauerhaft Erfolg haben.


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WAS WAR

Will aufhören: Dirigent Bernard Haitink.

BERNARD HAITINK TRITT ZURÜCK

Der große Dirigent Bernard Haitink hat angekündigt, wohlgemerkt mit 90 Jahren, ein Sabbatical einzulegen. Eine kluge Formulierung dafür, dass er als Dirigent abtritt. Haitink wird im September, bei einem Konzert in Luzern, zum letzten Mal am Pult stehen. „Ich habe das Wort Sabbatical gewählt“, erzählte er der Zeitung Volkskrant, „weil ich keine Lust auf all die öffentlichen Abschiedsworte habe – Fakt ist: ich werden nicht länger dirigieren.“ Während das Image der Alten in der Politik immer schlimmer wird, feiern die Alten in der Klassik eine Renaissance: Herbert Blomstedt, inzwischen 91 Jahre alt, wurde gerade von der Wiener Staatsoper ausgezeichnet. Mariss Jansons, 76 Jahre alt, zeigt mit seinem BR-Symphonieorchester noch, wie unverbraucht Beethoven und Bruckner klingen. Zubin Mehta, 83 Jahre alt, lange durch Krankheit ausgefallen, kehrt immer wieder zurück und begeistert durch seine milde Art alle Musiker-Generationen. Zeit für die Politik, von der Klassik zu lernen. Sie zeigt, dass die Generationen voneinander lernen können, übereinander staunen und einander befragen. Dazu muss man nur – wie immer in der Musik – einander zuhören. Wie Haitink, der still Abschied nehmen wollte, nun bei seinen letzten Konzerten gefeiert wird, war unter anderem gerade in Amsterdam zu sehen.

CONCORD SCHLUCKT SIKORSKI

Über die Krise des Plattenmarktes haben wir oft berichtet. Aber auch die Noten-Verlage sind in einer schweren Lage und haben noch nicht wirklich gute Zukunftsmodelle gefunden. Oft ist es ihnen wichtiger, Tantiemen für ihre Künstler herauszuholen, als sie wirklich auch modern zu fördern. Nun schluckt einer der größten Verlage, Concord (u.a. Boosey & Hawkes) den deutschen Traditionsverlag Sikorski. Sikorski besitzt die Rechte unter anderem an Komponisten wie Dmitri Schostakowitsch, Sergej Prokofiew, Alfred Schnittke, Sofia Gubaidulina, Giya Kancheli und Lera Auerbach. Boosey & Hawkes mit Hauptsitz in London, gilt als Marktführer für zeitgenössische Klassik. Die Dachgesellschaft Concord Music Publishing verfügt über die Urheberrechte an mehr als 390 000 Werken – von Frank Sinatra bis Igor Strawinsky. Was diese Übernahme für Gegenwartskomponisten bedeutet, ist noch vollkommen offen. Sicher ist: Weniger Konkurrenz könnte die Preise für Komponisten drücken und sie gleichzeitig für Orchester und Medien steigen lassen.

AUF UNSEREN BÜHNEN

Die letzte Neuproduktion der Ära Tobias Richter in Genf, Verdis Maskenball in einer Inszenierung von Giancarlo del Monaco, reißt Thomas Schacher von der NZZ nicht vom Hocker – er setzt auf einen grundlegenden Wandel am Grand Théâtre. +++ Jubel über die Pfingstfestspiele von Cecilia Bartoli in Salzburg. La Bartoli hat gerade ihren Vertrag verlängert, und Walter Weidringer hört in der Presse überall „seligstes Licht“.  +++ Spannend ist das diesjährige Bachfest, das seit dem 14. Juli Bach auch jenseits von Thomaskirche und Nikolaikirche aufstöbert. +++ FAZ-Musikmann Jan Brachmann war Mal wieder auf Reisen, dieses Mal mit dem Gewandhaus und Andris Nelsons in Asien. Von dort hat er eine lesenswerte Reportage mitgebracht, in der er zeigt, wie Bruckner und Tschaikowsky in China und Japan gefeiert werden. Nachholbedarf für Europa, findet der Kulturkritiker. +++ Manuel Brug reiste dagegen ans Deutsche Stadttheater nach Nürnberg, um sich noch einmal die gigantische Krieg und Frieden-Produktion von Jens-Daniel Herzog und Joana Mallwitz anzuschauen und zu finden, dass solche Aufführungen grundsätzlich viel länger auf den Bühnen auch kleinerer Häuser stehen sollten – eine Feier des Repertoiretheaters!

PERSONALIEN DER WOCHE

Sie wollten schon immer wissen, was die Sängerin Simone Kermes liest? – dann schauen Sie doch Mal hier: all ihre Lieblingsbücher von Franz Binders Händel-Biografie bis zu Márquez’ „Liebe in Zeiten der Cholera“. +++ Oder interessiert Sie eher, warum die Schauspielerin Corinna Harfouch die Oper spannender findet als das Schauspiel? – das können Sie hier nachlesen. +++ Die Bach-Medaille der Stadt Leipzig wurde dem Bassbariton Klaus Mertens überreicht. +++ Unübersehbar in den Medien ist letzte Woche Regisseur Franco Zeffirelli verstorben. Sein Otello-Film mit Plácido Domingo hat mich einst für die Oper begeistert, so wie sein Traviata-Film mit der Stratas Diana Damrau schmelzen ließ. Er, der Maria Callas immer wieder in Seide und Blattgold hüllte, hatte niemals Lust darauf, die Oper ins Jetzt zu stellen – und verlängerte mit seinen Inszenierungen in Verona, oder seiner Traviata an der MET die Vergangenheit der Museums-Oper bis in unsere Tage. Erzkonservativ und unangepasst war Zeffirelli auch als Politiker, unter anderem für die Partei Silvio Berlusconis, oder als er die Todesstrafe für Frauen, die abgetrieben haben, forderte. Mir gefiel der respektvolle, aber auch durchaus kritische Nachruf der BBC. Die Trauerfeier findet am Dienstag in Florenz statt. 

WAS LOHNT

Längst kein Geheimtipp mehr: Die intimen Schostakowitsch Tage in Gohrisch bei Dresden.

In der Nähe von Dresden, in Gohrisch, hat Dmitri Schostakowitsch sein bewegendes 8. Streichquartett komponiert und sich eine Auszeit von der Stalin-Diktatur genommen. Seit 10 Jahren wird hier – in einer Konzertscheune – eines der intimsten Klassik-Festivals gefeiert. Nirgendwo lassen sich Konzerte so direkt, so unmittelbar und so leidenschaftlich genießen wie bei den Schostakowitsch Tagen. Intendant Tobias Niederschlag und sein Team schauen vom 20. bis zum 23. Juni auf die letzten 10 Jahre zurück und kreisen in ihrem Programm um Schostakowitsch, Prokofjeff und Strawinsky. Mit dabei: das Quatuor Danel, das Borodin-Quartett, die Sächsische Staatskapelle, Isabel Karajan, der Geiger Linus Roth und der Cellist Isang Enders. Andris Nelsons wird mit dem Schostakowitsch-Preis ausgezeichnet. Und auch wir von CRESCENDO werden dabei sein und jeden Abend Künstler-Interviews in der Hotelbar führen, die Sie dann auf unserer Website und auf unserer Facebook-Seite anschauen können. Ich hoffe, wir sehen uns da!

NOCH MAL DIE LOCKE

Diesen Nachtrag bin ich Ihnen noch schuldig: Letzte Woche haben ich über eine Beethoven-Locke berichtet, die bei Southeby’s für 17 000 Euro versteigert werden sollte. Nun ist sie – zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten! – über den Tisch gegangen, und zwar für 39 000 Euro. Tipp an junge Komponisten, bevor Sikorski alias Concord Sie über den Tisch zieht: Zumindest der Nachwuchs könnte bereits heute mit einem schnöden Friseurtermin abgesichert werden. 

ZUGABE?

Bis hierher hat Ihnen unser Newsletter gefallen, und Sie wollen eine Zugabe? Die muss heute leider ausfallen – das habe ich mir von den Berliner Philharmonikern abgeschaut,  die angeblich auch nicht mehr spielen wollen, wenn ein Konzert zu Ende ist und Zugaben in Zukunft wohl verweigern.

In diesem Sinne: halten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected]

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Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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