Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

die­ses Mal mit viel Kri­tik an der Kul­tur­po­li­tik, mit erfun­de­nen Leis­tungs­bi­lan­zen, einer Mord­dro­hung – aber lei­der ohne Zuga­be.

WAS IST

Regis­seur Mar­tin Kušej erzählt im Talk „Will­kom­men Öster­reich“ von einer Mord­dro­hung.

ENTSCHEIDUNG IN MAILAND FÄLLT AM DIENSTAG

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Nach­dem der römi­sche Opern­chef Car­lo Fuor­tes nicht mehr als Inten­dant der Mai­län­der Sca­la kan­di­die­ren will, läuft nun alles auf einen Show­down zwi­schen zwei Män­nern hin­aus: Ent­we­der wird Alex­an­der Perei­ra noch­mal ver­län­gert (gera­de hat er in Ric­car­do Chail­ly einen pro­mi­nen­ten Für­spre­cher gefun­den), oder Domi­ni­que Mey­er von der Wie­ner Staats­oper wird ihm nach­fol­gen. Perei­ra stand unter ande­rem wegen dubio­ser Geschäf­te mit den Scheichs aus Sau­di-Ara­bi­en in der Kri­tik, Mey­er ver­lässt die Staats­oper in Wien und sucht nach neu­en Auf­ga­ben. Am Diens­tag wol­len die Mai­län­der zunächst ein­mal ent­schei­den, ob sie ihren alten Inten­dan­ten ver­län­gern – der­zeit scheint die Stim­mung wie­der für ihn zu spre­chen.

WELSER-MÖST KRITISIERT KULTURPOLITIK

Franz Wel­ser-Möst geht scharf mit der öster­rei­chi­schen Kul­tur­po­li­tik, auch der Über­gangs­re­gie­rung, ins Gericht. In den Ober­ös­ter­rei­chi­schen Nach­rich­ten sag­te er: „Wer waren denn die letz­ten maß­geb­li­chen Kul­tur­po­li­ti­ker Öster­reichs? Rudolf Schol­ten (1990–1997 Kul­tur­mi­nis­ter) und in Wien Peter Mar­boe (1996–2001 Wie­ner Kul­tur-Stadt­rat, Anm.), dann wird’s dünn. Bei der abge­tre­te­nen Regie­rung war Kul­tur bei Minis­ter Ger­not Blü­mel auch nicht vor­ran­gig, und bei der aktu­el­len Über­gangs­re­gie­rung wur­de die Kul­tur irgend­wo ange­glie­dert (bei Außen­mi­nis­ter Alex­an­der Schal­len­berg, Anm.). Kul­tur scheint nicht wich­tig zu sein – und wenn eine Gesell­schaft etwas nicht wich­tig nimmt, dann inves­tiert sie auch nicht.

WIE  KUSEJ MIT DEM LEBEN BEDROHT WURDE

Die­ses ist zwar kein Schau­spiel-News­let­ter, aber der desi­gnier­te Inten­dant des Wie­ner Burg­thea­ters, Mar­tin Kušej, ist ja auch Opern-Regis­seur. Und es war ein­fach zu schön, wie er in der Talk-Sen­dung Will­kom­men Öster­reich erzählt hat, dass er nur ein­mal in sei­nem Leben ernst­haft bedroht wur­de. Nach einer Fide­lio-Insze­nie­rung gin­gen Mord­dro­hun­gen bei ihm ein, und er stand unter Poli­zei­schutz. Dafür sei­en, wie sich her­aus­stell­te, kei­ne Klas­sik-Hoo­li­gans oder Neo­na­zis ver­ant­wort­lich gewe­sen, son­dern die Freun­de Beet­ho­vens, erzähl­te Kušej, der inzwi­schen über die­se Ange­le­gen­heit lachen kann. 

MEHR EHRLICHKEIT BEI KULTURINSTITUTIONEN

Die Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin Lei­la Jan­co­vich von der Uni­ver­si­tät in Leeds the­ma­ti­siert ein Tabu: Vie­le Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen, beson­ders Orches­ter, wür­den, wenn es um ihre Nach­wuchs­pro­gram­me gehe, die eige­nen Sta­tis­ti­ken auf­hüb­schen. Da von den Bilan­zen För­der­gel­der abhin­gen, wür­de vie­les geschönt, erklärt Jan­co­vich. Eine Stu­die hat her­aus­ge­fun­den, dass Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen ihre Berich­te je nach den Erwar­tungs­ras­tern von Spon­so­ren oder staat­li­chen Insti­tu­tio­nen for­mu­lie­ren. Des­halb hat Jan­co­vich nun eine Platt­form gegrün­det, auf der Nach­wuchs­pro­gram­me ihre scho­nungs­lo­sen Daten hin­ter­le­gen kön­nen. „Es ist wich­tig, dass wir auch das Schei­tern erlau­ben und the­ma­ti­sie­ren“, sagt Jan­co­vich – erst, wenn die „uner­zähl­ten Geschich­ten“ erzählt wür­den, sei eine tat­säch­li­che Ver­bes­se­rung der musi­ka­li­schen För­der­pro­gram­me mög­lich, und nur so wür­den sie auch dau­er­haft Erfolg haben.


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WAS WAR

Will auf­hö­ren: Diri­gent Ber­nard Hai­tink.

BERNARD HAITINK TRITT ZURÜCK

Der gro­ße Diri­gent Ber­nard Hai­tink hat ange­kün­digt, wohl­ge­merkt mit 90 Jah­ren, ein Sab­ba­ti­cal ein­zu­le­gen. Eine klu­ge For­mu­lie­rung dafür, dass er als Diri­gent abtritt. Hai­tink wird im Sep­tem­ber, bei einem Kon­zert in Luzern, zum letz­ten Mal am Pult ste­hen. „Ich habe das Wort Sab­ba­ti­cal gewählt“, erzähl­te er der Zei­tung Volks­krant, „weil ich kei­ne Lust auf all die öffent­li­chen Abschieds­wor­te habe – Fakt ist: ich wer­den nicht län­ger diri­gie­ren.“ Wäh­rend das Image der Alten in der Poli­tik immer schlim­mer wird, fei­ern die Alten in der Klas­sik eine Renais­sance: Her­bert Blom­stedt, inzwi­schen 91 Jah­re alt, wur­de gera­de von der Wie­ner Staats­oper aus­ge­zeich­net. Mariss Jan­sons, 76 Jah­re alt, zeigt mit sei­nem BR-Sym­pho­nie­or­ches­ter noch, wie unver­braucht Beet­ho­ven und Bruck­ner klin­gen. Zubin Meh­ta, 83 Jah­re alt, lan­ge durch Krank­heit aus­ge­fal­len, kehrt immer wie­der zurück und begeis­tert durch sei­ne mil­de Art alle Musi­ker-Genera­tio­nen. Zeit für die Poli­tik, von der Klas­sik zu ler­nen. Sie zeigt, dass die Genera­tio­nen von­ein­an­der ler­nen kön­nen, über­ein­an­der stau­nen und ein­an­der befra­gen. Dazu muss man nur – wie immer in der Musik – ein­an­der zuhö­ren. Wie Hai­tink, der still Abschied neh­men woll­te, nun bei sei­nen letz­ten Kon­zer­ten gefei­ert wird, war unter ande­rem gera­de in Ams­ter­dam zu sehen.

CONCORD SCHLUCKT SIKORSKI

Über die Kri­se des Plat­ten­mark­tes haben wir oft berich­tet. Aber auch die Noten-Ver­la­ge sind in einer schwe­ren Lage und haben noch nicht wirk­lich gute Zukunfts­mo­del­le gefun­den. Oft ist es ihnen wich­ti­ger, Tan­tie­men für ihre Künst­ler her­aus­zu­ho­len, als sie wirk­lich auch modern zu för­dern. Nun schluckt einer der größ­ten Ver­la­ge, Con­cord (u.a. Boo­sey & Haw­kes) den deut­schen Tra­di­ti­ons­ver­lag Sikor­ski. Sikor­ski besitzt die Rech­te unter ande­rem an Kom­po­nis­ten wie Dmi­tri Schosta­ko­witsch, Ser­gej Pro­ko­fiew, Alfred Schnitt­ke, Sofia Gubai­du­li­na, Giya Kan­che­li und Lera Auer­bach. Boo­sey & Haw­kes mit Haupt­sitz in Lon­don, gilt als Markt­füh­rer für zeit­ge­nös­si­sche Klas­sik. Die Dach­ge­sell­schaft Con­cord Music Publi­shing ver­fügt über die Urhe­ber­rech­te an mehr als 390 000 Wer­ken – von Frank Sina­tra bis Igor Stra­win­sky. Was die­se Über­nah­me für Gegen­warts­kom­po­nis­ten bedeu­tet, ist noch voll­kom­men offen. Sicher ist: Weni­ger Kon­kur­renz könn­te die Prei­se für Kom­po­nis­ten drü­cken und sie gleich­zei­tig für Orches­ter und Medi­en stei­gen las­sen.

AUF UNSEREN BÜHNEN

Die letz­te Neu­pro­duk­ti­on der Ära Tobi­as Rich­ter in Genf, Ver­dis Mas­ken­ball in einer Insze­nie­rung von Gian­car­lo del Mona­co, reißt Tho­mas Scha­cher von der NZZ nicht vom Hocker – er setzt auf einen grund­le­gen­den Wan­del am Grand Théât­re. +++ Jubel über die Pfingst­fest­spie­le von Ceci­lia Bar­to­li in Salz­burg. La Bar­to­li hat gera­de ihren Ver­trag ver­län­gert, und Wal­ter Wei­d­rin­ger hört in der Pres­se über­all „seligs­tes Licht“.  +++ Span­nend ist das dies­jäh­ri­ge Bach­fest, das seit dem 14. Juli Bach auch jen­seits von Tho­mas­kir­che und Niko­lai­kir­che auf­stö­bert. +++ FAZ-Musik­mann Jan Brach­mann war Mal wie­der auf Rei­sen, die­ses Mal mit dem Gewand­haus und Andris Nel­sons in Asi­en. Von dort hat er eine lesens­wer­te Repor­ta­ge mit­ge­bracht, in der er zeigt, wie Bruck­ner und Tschai­kow­sky in Chi­na und Japan gefei­ert wer­den. Nach­hol­be­darf für Euro­pa, fin­det der Kul­tur­kri­ti­ker. +++ Manu­el Brug reis­te dage­gen ans Deut­sche Stadt­thea­ter nach Nürn­berg, um sich noch ein­mal die gigan­ti­sche Krieg und Frie­den-Pro­duk­ti­on von Jens-Dani­el Her­zog und Joana Mall­witz anzu­schau­en und zu fin­den, dass sol­che Auf­füh­run­gen grund­sätz­lich viel län­ger auf den Büh­nen auch klei­ne­rer Häu­ser ste­hen soll­ten – eine Fei­er des Reper­toire­thea­ters!

PERSONALIEN DER WOCHE

Sie woll­ten schon immer wis­sen, was die Sän­ge­rin Simo­ne Ker­mes liest? – dann schau­en Sie doch Mal hier: all ihre Lieb­lings­bü­cher von Franz Bin­ders Hän­del-Bio­gra­fie bis zu Már­quez’ „Lie­be in Zei­ten der Cho­le­ra“. +++ Oder inter­es­siert Sie eher, war­um die Schau­spie­le­rin Corin­na Har­fouch die Oper span­nen­der fin­det als das Schau­spiel? – das kön­nen Sie hier nach­le­sen. +++ Die Bach-Medail­le der Stadt Leip­zig wur­de dem Bass­ba­ri­ton Klaus Mer­tens über­reicht. +++ Unüber­seh­bar in den Medi­en ist letz­te Woche Regis­seur Fran­co Zef­firel­li ver­stor­ben. Sein Otel­lo-Film mit Pláci­do Dom­in­go hat mich einst für die Oper begeis­tert, so wie sein Tra­via­ta-Film mit der Stra­tas Dia­na Damrau schmel­zen ließ. Er, der Maria Cal­las immer wie­der in Sei­de und Blatt­gold hüll­te, hat­te nie­mals Lust dar­auf, die Oper ins Jetzt zu stel­len – und ver­län­ger­te mit sei­nen Insze­nie­run­gen in Vero­na, oder sei­ner Tra­via­ta an der MET die Ver­gan­gen­heit der Muse­ums-Oper bis in unse­re Tage. Erz­kon­ser­va­tiv und unan­ge­passt war Zef­firel­li auch als Poli­ti­ker, unter ande­rem für die Par­tei Sil­vio Ber­lus­co­nis, oder als er die Todes­stra­fe für Frau­en, die abge­trie­ben haben, for­der­te. Mir gefiel der respekt­vol­le, aber auch durch­aus kri­ti­sche Nach­ruf der BBC. Die Trau­er­fei­er fin­det am Diens­tag in Flo­renz statt.    

WAS LOHNT

Längst kein Geheim­tipp mehr: Die inti­men Schosta­ko­witsch Tage in Goh­risch bei Dres­den.

In der Nähe von Dres­den, in Goh­risch, hat Dmi­tri Schosta­ko­witsch sein bewe­gen­des 8. Streich­quar­tett kom­po­niert und sich eine Aus­zeit von der Sta­lin-Dik­ta­tur genom­men. Seit 10 Jah­ren wird hier – in einer Kon­zert­scheu­ne – eines der intims­ten Klas­sik-Fes­ti­vals gefei­ert. Nir­gend­wo las­sen sich Kon­zer­te so direkt, so unmit­tel­bar und so lei­den­schaft­lich genie­ßen wie bei den Schosta­ko­witsch Tagen. Inten­dant Tobi­as Nie­der­schlag und sein Team schau­en vom 20. bis zum 23. Juni auf die letz­ten 10 Jah­re zurück und krei­sen in ihrem Pro­gramm um Schosta­ko­witsch, Pro­kof­jeff und Stra­win­sky. Mit dabei: das Qua­tu­or Danel, das Boro­din-Quar­tett, die Säch­si­sche Staats­ka­pel­le, Isa­bel Kara­jan, der Gei­ger Linus Roth und der Cel­list Isang End­ers. Andris Nel­sons wird mit dem Schosta­ko­witsch-Preis aus­ge­zeich­net. Und auch wir von CRESCENDO wer­den dabei sein und jeden Abend Künst­ler-Inter­views in der Hotel­bar füh­ren, die Sie dann auf unse­rer Web­site und auf unse­rer Face­book-Sei­te anschau­en kön­nen. Ich hof­fe, wir sehen uns da!

NOCH MAL DIE LOCKE

Die­sen Nach­trag bin ich Ihnen noch schul­dig: Letz­te Woche haben ich über eine Beet­ho­ven-Locke berich­tet, die bei Southeby’s für 17 000 Euro ver­stei­gert wer­den soll­te. Nun ist sie – zum Ers­ten, zum Zwei­ten, zum Drit­ten! – über den Tisch gegan­gen, und zwar für 39 000 Euro. Tipp an jun­ge Kom­po­nis­ten, bevor Sikor­ski ali­as Con­cord Sie über den Tisch zieht: Zumin­dest der Nach­wuchs könn­te bereits heu­te mit einem schnö­den Fri­seur­ter­min abge­si­chert wer­den.

ZUGABE?

Bis hier­her hat Ihnen unser News­let­ter gefal­len, und Sie wol­len eine Zuga­be? Die muss heu­te lei­der aus­fal­len – das habe ich mir von den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern abge­schaut,  die angeb­lich auch nicht mehr spie­len wol­len, wenn ein Kon­zert zu Ende ist und Zuga­ben in Zukunft wohl ver­wei­gern.

In die­sem Sin­ne: hal­ten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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