Klassikwoche 52/20192019–2020 – Rückblick und Ausblick

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Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute verabschieden wir das Offenbach-Jahr 2019 und freuen uns auf das Beethoven-Jahr 2020. Der letzte Newsletter für dieses Jahr – mit einem Rückblick und großer Freude auf das, was kommt…. 

WAS IST

KRISE DES CONCERTGEBOUWORKEST 

Hat uns das ganze Jahr lang beschäftigt – und bleibt unbeständig: das Orchester des Concertgebouw in Amsterdam

Es galt als bestes Orchester der Welt – und ist rasant abgestiegen. Jetzt geht Concertgebouworkest-Chef Jan Raes, wohl auch, weil er die Affäre um den Dirigenten Daniele Gatti titanisch schlecht im Griff hatte. Einen Nachfolger gibt es nicht, nur einen Übergangskandidaten: David Bazen. Aber nicht nur für Musik-Manager scheint das Orchester inzwischen ein No-Go zu sein, sondern auch für Dirigenten. Wir dürfen davon ausgehen, dass bereits einige Maestri (Jaap van Zweden etc.) gefragt wurden, Gattis Posten zu übernehmen: Aber keiner will! 

WENN DIE LICHTER AUSGEHEN

Fachkräftemangel ist nicht nur in der allgemeinen Wirtschaft ein großes Thema, sondern auch auf unseren Bühnen! Bis 2030 werde es einen Bedarf von über 2.500 Stellen allein in Deutschlands Theaterlandschaft geben, sagt Marc Grandmontagne vom Deutschen Bühnenverein dem Deutschlandfunk: „Aus eigenen Kräften werden wir das nicht stemmen können.“ Besonders eng werde es bei Beleuchtern, Rüstmeistern oder Damenschneidern – dabei seien Theater ein perfekter Ort zur Meister-Ausbildung. Aber Bezahlung und Arbeitsbedingungen bei Privatunternehmen seien einfach besser.

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Das Royal Ballet im Kino erleben:
„Dornröschen“

Das wunderschöne klassische Ballett am 16. Januar live
auf der Kinoleinwand – ein Genuss!

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SCHLÄGEREI UND SCHLECHTE SITTEN

In einer Siegfried-Aufführung der Royal Opera kam es zur Schlägerei: Ein Mann hatte einen besseren, freien Sitz okkupiert – was ihm Prügel im Vorspiel der Oper einbrachte. In der FAZ berichtet Gina Thomas nun über das Gerichtsverfahren: „Im Verfahren, das der Designer später anstrengte, befand der Richter zu seinen Gunsten. Der Angeklagte, ein in Oxford ausgebildeter Anwalt, dessen Name Feargrieve (wörtlich Furchttrauern) wie aus einem Dickens-Roman klingt, wurde wegen tätlichen Angriffs verurteilt und gegen Kaution entlassen. Die Strafzumessung erfolgt im Januar.“ 

PERSONALIEN WIENER STAATSOPER

Österreichs Kulturminister Alexander Schallenberg stellte die niederösterreichische Wirtschaftslandesrätin Petra Bohuslav (ÖVP) als kaufmännische Direktorin der Wiener Staatsoper vor. Eine Wahl, die für Irritation sorgt. Während der designierte Intendant Bogdan Roščić derzeit irritiert, unter anderem weil durchgesickert ist, dass der Ex-Plattenboss einen Großteil der Sänger entlassen hat, kaum Eigenproduktionen plant und eher einen Spielplan nach Marketing-Konzepten als nach Kunst-Visionen aufstellt, regt sich nun auch politischer Widerstand gegen seine designierte kaufmännische Direktorin. Die Partei NEOS fragt, „ob die niederösterreichische Landesrätin unter den 53 Bewerberinnen und Bewerbern tatsächlich objektiv die Bestqualifizierte war.“

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Beethoven bewegt BR-KLASSIK

Entdecken Sie den Komponisten in Podcasts, Konzerten, im TV, Radio und online.
Ein ganzes Jahr – immer neu – immer überraschend!

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JAHRESRÜCKBLICK: DAS WAR 2019

Viele Tränen haben wir 2019 für sie vergossen: Jessye Norman

INSZENIERUNGEN DES JAHRES

2019 war ein ziemlich schrilles und queres Opern-Jahr: Meine Top-Drei-Inszenierungen waren der Road-Movie-Tannhäuser von Tobias Kratzer bei den Bayreuther Festspielen, Die Nase in der Inszenierung von Karin Beier an der Staatsoper Hamburg und Orpheus in der Unterwelt bei den Salzburger Festspielen von Barrie Kosky.

DIE KLASSIK-PAARE DES JAHRES

Mir gefiel die Aufstellung der Power-Paare der Klassik 2019, die Kollege Norman Lebrecht in seinem Blog auflistet – die Überraschungs-Top-Drei (neben Anna Netrebko und Yusif Eyvazov) sind wahrscheinlich: Tenor Roberto Alagna und die Sopranistin Aleksandra Kurzak, die Sängerin Kate Royal und der Filmschauspieler Julian Ovenden und die Paarung David Fray (Pianist) mit Regisseurin Chiara Muti, Tochter von Riccardo Muti

TRÄNEN DES JAHRES

Viel zu viel Tränen flossen im vergangenen Jahr. Und es waren Legenden, die gingen – zum Teil die letzten ihrer Art. Wir haben ihnen an dieser Stelle wortreich nachgesungen: Aber es fehlt ein Stück Vision und Menschlichkeit ohne Persönlichkeiten wie den Dirigenten Mariss Jansons.  Ohne den originellen, kreativen, zuweilen sehr lustigen – und stets handwerklich genialen Komponisten Hans Zender, ohne die Pianistin Diana Ugorskaja, deren letzte Aufnahme nun posthum erschienen ist, ohne den Komponisten Jacques Loussier, den Dirigenten Michael Gielen, das Multi-Genie André Previn und natürlich ohne die einzigartige: Jessye Norman

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Beethoven wird 250! Entdecken Sie den großen Komponisten neu!

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DIE ÄRGERNISSE DES JAHRES…

… waren natürlich #metoo und der Umgang damit: Am besten zu sehen am Beispiel Siegfried Mauser, der noch jetzt der WELT ein absurd larmoyantes Interview gab. Ein wichtiges Thema, das uns auch 2020 begleiten wird – hoffentlich mit weniger Schaum vor dem Mund, menschlicher Abwägung – und: einem Ohr für die wirklichen Opfer! Enttäuschend war auch so einiges anderes. Um so spannender war es, all das hier auszudebattieren: Etwa den Streit um Nike Wagner in Bonn, um die Gegenwart der Kompositionskunst am Beispiel von Guy Deutscher, über die Zukunft der Salzburger Osterfestspiele und… und … und. Die Klassik braucht, wie jede Nische der Demokratie, Transparenz und einen freien Diskurs! Das ist nicht immer leicht und sorgt zuweilen auch für Beschimpfungen, wie ich anhand dieses Newsletters festgestellt habe – aber es macht Spaß, diesen Debatten ein Forum zu sein! 

PERSONALIEN DER WOCHE

18 Minuten Applaus für Plácido Domingo in Mailand – das freute den Star-Sänger so sehr, dass er drei Zugaben gab – die letzte, „No puede ser“, obwohl das Orchester schon zu Hause war. +++ Anna Netrebko erklärte dem Tagesspiegel, dass sie keine Lust mehr auf sechs Wochen Proben habe. Klar, es lässt sich konzertant mehr Geld verdienen – aber Mal unter uns: Wann genau hat die Netrebko denn das letzte Mal sechs Wochen geprobt? 2002 beim Salzburger „Don Giovanni“? +++ Ursula Haselböck wird die Festspiele in Mecklenburg-Vorpommern mit „alpenländischem Esprit“ beleben, wie es Festival-Mitbegründer Matthias von Hülsen ausdrückte. Haselböck kommt vom Grafenegg Festival und vom Konzerthaus Berlin, ihr Vorgänger, Markus Fein, wechselt an die Alte Oper nach Frankfurt. 

FROHE WEIHNACHTEN UND EIN TOLLES 2020

Wird auch diesen Silvester im ZDF dirigieren: Christian Thielemann

Für mich war 2019 ein spannendes Jahr – auch, weil wir uns bei CRESCENDO entschlossen haben, diesen Newsletter zu starten, der Ihnen hoffentlich ebenso viel Spaß macht wie mir (natürlich würden wir uns sehr freuen, wenn Sie auch Ihren Freunden von uns berichten). Außerdem ist es schön, auf Spotify monatlich neue Gäste begrüßen zu dürfen. Überhaupt sehe ich in all meinen Film- und Buchprojekten überall: Die Klassik lebt und vibriert – innen wie außen! 

Brüggemanns Klassik-Woche ist 2019 als Experiment gestartet. Es ist eine wunderbare Herausforderung, jede Woche am Puls der Zeit zu sein: egal, ob die Besetzung des Chefpostens im Wiener Musikverein, das Drama um die Osterfestspiele in Salzburg oder die Zukunft des Fernsehens – ich freue mich, dass Sie an dieser Stelle in der Regel als erste informiert wurden. Ich freue mich über das Vertrauen all jener, die mit mir debattieren, streiten oder argumentieren.

Und weil das Jahresende auch Rückblick und Einkehr bedeutet, hier noch der Abschluss eines Dauer-Themas. Mir ist zu Ohren gekommen, dass in den Reihen der Unitel beklagt wird, dass ich zwar sofort über die Unzufriedenheit des ZDF mit dem Silvesterkonzert in Sachen Staatskapelle Dresden und Christian Thielemann berichtet hätte, aber noch nicht geschrieben hätte, dass man sich inzwischen auf einen Vertrag über zwei weitere Jahre verständigt habe. Das sei an dieser Stelle natürlich ebenfalls nachgetragen. Auch, wenn es sich dabei nach meinen Informationen eher um „nicht künstlerische Gründe“ gehandelt haben soll. Mit anderen Worten: Wir werden im neuen Jahr sehen, wie hoch die Berliner Philharmoniker noch pokern können. 

Jetzt kümmere ich mich erst einmal drei Wochen lang um die wesentlichen Dinge des Lebens – und hoffe, dass wir uns am 13. Januar an dieser Stelle wieder lesen. Bis dahin wünsche ich Ihnen und den Ihren ein wunderbares Weihnachtsfest und ein großartiges 2020. Vor allen Dingen aber: halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected]

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Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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