Willkommen in der neuen KlassikWoche, 

ja, eigentlich wollte ich schon im Urlaub sein – und ich danke allen, die mir letzte Woche so nett schöne Ferien gewünscht haben. Warum es nun doch erst diese Woche losgeht, darüber mehr in diesem Newsletter.

CHOLERIK IN KARLSRUHE 

In der letzten Woche haben wir berichtet, dass Karlsruhes Intendant, Peter Spuhler, trotz massiver Despotismus-Vorwürfe im Amt bleiben soll. Die Politik in Karlsruhe hofft auf erneute Mediationen (die schon jetzt unglaublich viel Geld verschlungen haben). In meinem Postfach haben auch diese Woche die Nachrichten von enttäuschten und geschockten Mitarbeitern in Karlsruhe nicht abgenommen. Besonders schockiert waren viele über den Schulterschluss von Regionalpresse und Intendanz. Darüber, dass der Chefredakteur der Rhein-Neckar-Zeitung, Klaus Welzel, in einem Kommentar (Printausgabe) schrieb: „Wer Peter Spuhler nur etwas kennengelernt hat, kann sich vorstellen, wie sehr ihm diese Zerreißprobe zu Herzen geht – eine Zerreißprobe, übrigens, die von einigen Medien im Ländle geradezu genüsslich befördert wurde.“ Theatermitarbeiter empfanden diese Einschätzung als Affront. Mir war lange nicht klar, worum es in diesem Konflikt eigentlich geht – was sind die konkreten Vorwürfe gegen Spuhler, was bedeutet „despotischer Führungsstil“? Einen ersten Einblick gibt der Blog des Theaters.

Inzwischen wurden auch Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe erhoben, in der Regel aber richtet sich der Ärger der Theater-Angestellten gegen Spuhlers Führungsstil. Unter dem, was der Intendant „Theater-Leidenschaft“ nennt, soll er seine Mitarbeiter in Konferenzen beleidigen, sie willkürlich des Raumes verweisen, effektvoll Schriftstücke in der Luft zerreißen, er ist ein Kontroll-Freak, der niemandem anderen Entscheidungen zutraut, einer, der keine festgeschriebenen Arbeitszeiten akzeptiert, der „zu wenig Herzblut“ schreit, wenn ein Mitarbeiter am Ende ist – und der seiner Wut, seiner Ungeduld und seinem Jähzorn gern durch Tritte an die Wand freien Lauf lässt. Spuhler unterteilt die Welt in Freunde oder Feinde. All das hat wohl zu einer erschreckend hohen Zahl von Burnout-Fällen in Karlsruhe und zu sehr kurzfristigen Arbeitsverhältnissen geführt. Nimmt man die andere Position ein, so Empfindet Spuhler sich wahrscheinlich als leidenschaftlichen Kämpfer für die Kunst, und es gibt sicherlich auch Menschen, die Ebenfalls glauben, dass künstlerische Perfektion bedingungslose Leidenschaft verlangt – und damit auch derartiges Verhalten legitimiert. Die Frage aber ist, ob all das in eine Betrieb, der sich allabendlich den Humanismus auf die Fahnen schreibt, und dazu noch Aushängeschild staatlicher Kulturarbeit ist, wirklich nötig ist. Als moderne aufgeklärte Kultur-Liebhaber wissen wir längst, dass menschliche Größe, Kollegialität und Teamgeist großes Theater nicht verhindern – im Gegenteil. Es gibt Dinge, von denen wir uns einfach verabschieden können – und Despotismus in der Kunst ist sicherlich eine davon.

SCHLIEßT DIE BÜHNEN FÜR EIN PALAVER

Spannend, weil provokant kompromisslos, fand ich diese Woche den Zwischenruf von Autor und Regisseur Björn Bicker, der auf der Seite des BR unter anderem feststellte: „Als die Theater wegen der Pandemie schließen mussten, hatte man kurz die Hoffnung, die Theaterleute würden diese verordnete Zwangspause dazu nutzen, um den Blick auf sich selbst zu richten. Was für ein Theater wollen wir eigentlich unter welchen Bedingungen machen? Stattdessen sind viele Theater schlagartig in eine noch nervösere Hyperaktivität verfallen als zuvor. Eine schier unendliche Anzahl von digitalen Formaten wurde produziert. Mit dem traurigen Gestus der Unbeirrbaren wurde die eigene Verzweiflung durch die Breitbandkabel des World Wide Web gejagt.

Stattdessen wünscht sich Bicker: „Wir schließen den Betrieb für eine Weile und richten stattdessen runde Tische ein, mit Abstand, in Stadien, auf Plätzen und Straßen. Auf Bühnen. Wir bilden achtsam Beteiligungsgremien aus der Zivilgesellschaft, die die Vielfalt der Städte abbilden und denken gemeinsam darüber nach, für wen und für was unsere Theater in Zukunft gut sein sollen. Man könnte Wünsche formulieren, Träume besprechen, Pläne machen. Ein großes Palaver. Und natürlich wären die Erfahrungen und das Wissen der Profis unabdingbar.“ Das Palaver eröffnet hat unter anderem der Intendant der Styriarte, Mathis Huber, der in einem Essay unter anderem fordert: „Und das erreichen wir nicht mit einer bürokratisierten Kunstverwaltung, mit Tarifregelungen, Kollektivverträgen und Jammern über angeblich verpatzte Kulturpolitik. Gerne nehmen wir immer so viel öffentliches Geld wie möglich, schließlich leisten wir ja auch noch nebenbei allerhand Umwegrentables, für die Standortqualität und so weiter und so fort. Aber vor allem wollen wir als Veranstalterinnen Freiräume und flexible Rahmenbedingungen, in denen wir unsere Kreativität fließen lassen können, um Künstlerinnen und Publikum zusammenzubringen. So oft und so intensiv wie möglich.

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RETTE SICH, WER KANN 

In der letzten Woche gab der OPUS KLASSIK (formerly known als ECHO KLASSIK) die diesjährigen 450 Nominierungen bekannt. Allein für den Titel „Sängerin des Jahres“ wurden an die 30 Damen nominiert (manche gleich für unterschiedliche Alben). Von einigen der Sängerinnen hatte der OPUS offensichtlich nicht einmal ein Foto für die Website. Von Cecilia Bartoli (welch Überraschung!) bis Nuria Rial reicht die Bandbreite. Das Problem: Der Opus definiert die Einreichung (Grundlage sind zwei „herausragende Rezensionen“) bereits als Nominierung. Das Ziel ist leicht durchschaubar: Möglichst viele Nominierte sollten ihre Nominierung teilen und ein wenig ihres Glanzes auf den Preis abfärben lassen. Kurz gesagt: Der OPUS zeichnet schon lange nicht mehr die Sängerinnen aus, sondern die Sängerinnen geben dem OPUS Glanz. Zumal am Ende nach wie vor die Labels selber die Preisträgerinnen untereinander ausschachern werden – und am Ende spricht noch das ZDF mit, welcher Star in der TV-Gala auftreten wird (und deshalb auch bedacht werden muss). Vielleicht wäre es ein gutes Projekt für 2021, zur Abwechslung mal einen seriösen, europäischen Klassik-Preis auf die Beine zu stellen? Wer wäre dabei?     

PERSONALIEN DER WOCHE

Letzte Woche haben wir berichtet, dass der Sänger Bernd Weikl seinen Kommentar zu Corona bei YouTube gelöscht hat – inzwischen steht die korrigierte Version zur Verfügung. Weikl berücksichtigt hier die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Aerosolen. +++ Der Dirigent Manfred Honeck erklärt der Schwäbischen Zeitung, warum es den Orchestern in den USA schlechter geht als jenen in Europa: „Wir sind in Amerika in einem viel größeren Maße abhängig vom Kartenverkauf als in Europa. Das hat zur Folge, dass beispielsweise das Nashville Symphony Orchestra die ganze nächste Saison abgesagt hat. Chor und Orchester der Metropolitan Opera New York haben seit April kein Gehalt mehr erhalten. Da sind wir mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra schon wesentlich besser dran, weil wir das finanzielle Defizit zumindest teilweise durch Sponsoren, Stiftungen und Spender auffangen können.“ +++ Wie absurd die Aufgabe eines Dirigenten sein kann, haben wir in Bayreuth gesehen, als Christian Thielemann ein Kammerorchester mit dem Siegfried-Idyll dirigierte. Das Tokyo Symphony Orchestra zieht das ganze nur von der anderen Seite auf: Da Dirigent Jonathan Nott nicht nach Japan reisen kann, soll er das Orchester virtuell dirigieren. +++ Den Kollegen Markus Thiel haben wir an dieser Stelle schon öfter zitiert – immer wieder hat er die Nase ganz weit vorn. Dieses Mal lehnt er sich in Sachen Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks aus dem Fenster und ist ziemlich sicher: Sir Simon Rattle wird Nachfolger von Mariss Jansons – oder doch Fanz Welser-Möst? +++ Plácido Domingo – war was? Der Tenor wird im Rahmen des Österreichischen Musiktheaterpreises mit dem Sonderpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. +++ Der Beitrag des ZDF über die Bayreuther Festspiele sorgte in Wagner-Kreisen für Aufregung. Der Direktor des Richard-Wagner-Museums im Haus Wahnfried, Dr. Sven Friedrich, etwa echauffierte sich bei Facebook: „Leider bediente die Berichterstattung erwartungsgemäß wieder mal nur dumme, oberflächliche Klischees.“ 

HAUSAUFGABE FÜR DIE FERIEN

Der Grund, warum ich den im letzten Newsletter angekündigten Urlaub diese Woche doch nicht angetreten bin, war eine Schnaps-Idee, die zu einer ernsthaften Sache geworden ist. Als ich gelesen habe, dass Wagner-Tenor Stefan Vinke, statt nach Bayreuth zu kommen, eigene Richard Wagner-Festspiele in seinem Garten macht, fand ich das so optimistisch und charmant, dass ich überlegt habe, wie man diese Künstler-Initiative begleiten kann: Mit Klassik Radio war ein Partner gefunden, dazu das alte Team der Bayreuther Kino-Übertragungen – alle waren leidenschaftlich an Bord. Dummerweise habe ich es vor Ort nicht geschafft, so wie versprochen, den Link zur Vinke-Walküre und dem Vorprogramm auf der CRESCENDO-Facebook-Seite einzubinden. Aber jetzt ist alles online – genießen Sie die Show (oder reservieren Sie ein Ticket für Vinkes Garten in der Nähe von Bad Kreuznach). Wenn Sie dann noch Ferien haben, können Sie gleich weiter hören: In einem ausführlichen Gespräch redet der Harfenist Xavier de Maistre über seine Jugend, über Extremsport und fragt, ob Orchester nicht zu satt geworden sind.

So, und nun ist aber wirklich eine Woche Pause: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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