Das Nō-Thea­ter gehört zu den beein­dru­ckends­ten Kunst­for­men Japans. Es folgt einem bis ins Kleins­te fest­ge­leg­ten Zere­mo­ni­ell und ist extrem abs­trakt. Jede Bewe­gung ist redu­ziert und ver­schmilzt mit Text, Gesang, Instru­men­tal­mu­sik sowie Tanz und Farb­sym­bo­lik zu einer fas­zi­nie­ren­den Ein­heit. Das Spiel ist gekenn­zeich­net von abgrün­di­ger Tie­fe, Schlicht­heit und Erha­ben­heit. Es dringt in die Tie­fe des mensch­li­chen Bewusst­seins und bringt die unsicht­bar wir­ken­den Kräf­te leib­haf­tig auf die Büh­ne. Eine Beson­der­heit stel­len die Mas­ken dar, die die Spie­ler tra­gen. Mit unüber­treff­li­cher Schlicht­heit zei­gen sie Gefüh­le und damit das Inne­re der jewei­li­gen Figur.

Die Kie­fer als Sym­bol der Lebens­kraft

Ein Nō-Spiel beginnt damit, dass der Neben­spie­ler die Büh­ne betritt, an deren Rück­wand eine auf­ge­mal­te Kie­fer Lebens­kraft sym­bo­li­siert. Der Spie­ler nennt Ort und Zeit der Hand­lung. Er sag­te, dass er eine Rei­se vor­ha­be und durch Gesang erläu­tert er, dass er sich bereits unter­wegs befin­de und an einem bestimm­ten Ort ange­kom­men sei. Dar­auf tritt der Haupt­spie­ler auf, pracht­voll geklei­det und mit einer Mas­ke. Er macht Andeu­tun­gen über wun­der­sa­me, trau­ri­ge und tra­gi­sche Ereig­nis­se und weckt die Neu­gier­de des Neben­spie­lers. Die­ser sucht nun her­aus­zu­be­kom­men, wel­che Figur der Haupt­spie­ler dar­stel­len wer­den und wor­um es in dem Stück gehen wer­de.

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Gezeigt wird zunächst ein Göt­ter­stück, dar­auf ein Kriegs­stück, gefolgt von einem Frau­en­stück, in dem der Haupt­dar­stel­ler eine Frau ver­kör­pert, um damit das Wesen des Weib­li­chen zu zei­gen. Dar­auf ver­fällt die Frau aus Trau­er über den Tod ihres Gelieb­ten oder ihres Kin­des dem Wahn­sinn, ehe am Schluss Dämo­nen und Geis­ter erschei­nen und das Spiel mit einem Tanz endet. Die­ser schlägt die Büh­ne in den Bann einer tran­szen­den­ten Kraft. Das Reper­toire umfasst etwa 2000 Stü­cke, von denen 200 den klas­si­schen Kanon bil­den. Im klas­si­schen Pro­gramm folgt auf jedes Nō-Dra­ma ein Inter­mez­zo. Dabei wird ein soge­nann­tes Kyōgen-Stück auf­ge­führt mit komi­schen Dia­lo­gen und akro­ba­ti­schen Spä­ßen. Das Ensem­ble der Umewa­ka Ken­nō­kai Foun­da­ti­on Tokio zeigt drei Haupt­gat­tun­gen des klas­si­schen Nō-Thea­ters: das kul­ti­sche Tanz­spiel, die Kyōgen-Komö­die und das dra­ma­ti­sche Nō-Spiel. Das Nō-Thea­ter­en­sem­ble der Foun­da­ti­on setzt sich aus der Grup­pe der Haupt­dar­stel­ler der Umewa­ka-Fami­lie sowie Neben­dar­stel­lern, Kyōgen-Zwi­schen­spie­lern und vier Instru­men­ta­lis­ten aus jeweils eige­nen Spiel­erfa­mi­li­en zusam­men. Die Umewa­ka-Fami­lie selbst zählt zu den ältes­ten Nō-Schau­spiel­erfa­mi­li­en Japans.

Das Sam­meln von Per­len
und das Erwer­ben von Blü­ten“

Das Nō-Spiel ent­stand im 14. Jahr­hun­dert. Es wur­zelt tief in der Samu­rai-Kul­tur und im Zen-Bud­dhis­mus und geht zurück auf den Schau­spie­ler Zea­mi. In sei­nen Schrif­ten wie „Die Neun Stu­fen“ oder „Das Sam­meln von Per­len und das Erwer­ben von Blü­ten“ erläu­tert die­ser den Unter­schied zwi­schen blo­ßer Nach­ah­mung und der getreu­en Wie­der­ga­be des inne­ren Wesens einer Figur. Dabei muss der Dar­stel­ler immer auf Anmut und Ele­ganz ach­ten. Auf die­ser Wei­se kann er beim Publi­kum Ver­bor­ge­nes wecken, es inner­lich bewe­gen und über­ra­schen. Alle Bewe­gun­gen sind ver­lang­samt, alle Schrit­te gemes­sen und alle Ges­ten auf ein Zei­chen redu­ziert. „Schlägt das Herz zehn­fach, darf der Kör­per sie­ben­fach reagie­ren“, schreibt Zea­mi vor. So ver­ra­ten drei Schrit­te nach vor­ne bereits höchs­te Erre­gung.

Die The­men der Nō-Spie­le sind den Volks­my­then ent­nom­men. Aber die Spie­le wur­den nicht vor dem Volk auf­ge­führt. Sie waren dem Sho­gun und dem Schwert­adel vor­be­hal­ten. Im spä­ten 16. Jahr­hun­dert fan­den sie an den Fürs­ten­hö­fen zu höchs­ter Ent­fal­tung. Erst nach dem Zer­fall der feu­da­lis­ti­schen Struk­tu­ren Mit­te des 19. Jahr­hun­derts such­ten die Nō-Spie­ler nach Ein­nah­me­quel­len und brach­ten das Nō-Spiel an die Öffent­lich­keit. Sie zeig­ten es auf Tour­ne­en auch im Aus­land, wo es nach­hal­ti­gen Ein­fluss auf das abend­län­di­sche Thea­ter aus­üb­te.

Das Foto zeigt das Nō-Thea­ter „Shōjō – Mida­re / Sō no mai“ des Ensem­bles der Umewa­ka Ken­no­kai Foun­da­ti­on (©Koda­ma Seiichi).

www.berlinerfestspiele.de

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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