Adele Neuhauser (*1959) ist eine österreichische Schauspielerin. Sie machte Furore als Mephisto am Stadttheater Regensburg, ihren großen Durchbruch beim Fernsehen verdankt sie der Rolle der alkoholabhängigen Kommissarin Bibi Fellner. Aufsehen erregte ihre 2017 erschienene Biografie ­„Ich war mein größter Feind“.

crescendo: Frau Neuhauser, Sie wollten Tänzerin, Kugelstoßerin, Speerwerferin und bereits mit sechs Jahren Schauspielerin werden. Im Wiener Stephansdom hatten Sie auch als Sängerin auf sich aufmerksam gemacht. War das nie ein Berufswunsch von Ihnen?

Adele Neuhauser: Natürlich war es auch ein großer Wunsch von mir, Sängerin zu werden. Mit zwölf Jahren hab ich mich per Autostopp aufgemacht, um wie Billie Holiday in Bars aufzutreten. Ich wurde allerdings von der Polizei aufgegriffen und nach Hause zurückgeschickt. Damit hat mein Anlauf ein jähes Ende gefunden.

Zur Musik Billie Holidays wollten Sie auch sterben, wie Sie im Zusammenhang mit mehreren Selbstmordversuchen erzählen. Musik spielt für Sie also eine große emotionale Rolle.

Ja, ohne Musik kann ich nicht leben. Und damals wollte ich auch nicht ohne Musik sterben. Billie Holidays Gesang und vor allem ihre Texte haben mich in meiner Traurigkeit bestätigt und bestärkt. Ich wusste schon, wie ich mich „richtig“ stimulieren konnte, um einen so heftigen Schritt zu vollziehen.

Billie Holidays Gesang und vor allem ihre Texte haben mich in meiner Traurigkeit bestätigt“

Ich muss die Welt von mir befreien“ – Ihr Lebensgefühl als Jugendliche. Es war wohl eher eine Befreiung von sich selbst.

Ja, in gewisser Weise war ich mir zu viel. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und habe auch ein sehr theatralisches Wesen. So überspitze oder überzeichne ich gerne Situationen und Stimmungen. Ich bin also nicht nur ein bisschen traurig, sondern gleich in Endzeitstimmung. Aber so schnell ich diese Gefühle hege, so schnell kann ich auch wieder zurück – mittlerweile … Damals hat mir meine Vehemenz Angst gemacht. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass ich mich überwunden habe.

Sie hatten eine Stimmbandoperation. Das ist mehr als ein körperlicher Eingriff. Was hat sich dadurch verändert?

Diese Stimmbandoperation hat eine elementare Veränderung bei mir bewirkt. Als junges Mädchen war ich eher burschikos, um meine Unsicherheiten zu kaschieren. Allerdings ist dadurch meine Weiblichkeit etwas auf der Strecke geblieben. Durch die OP hatte ich eine hellere Stimme und fühlte mich insgesamt weicher und angenehm weiblich.

Hinter Ihnen liegt eine schwere Zeit. Vater, Mutter und Bruder sind innerhalb kurzer Zeit gestorben. Damit muss man erst mal fertig werden …

Mir hat das Schreiben sehr geholfen, um den Verlust dieser drei geliebten Menschen zu verarbeiten. Ich habe zuerst gedacht, ich könnte jetzt gar nicht mehr an dem Buch weiterarbeiten. Aber ich habe das Schreiben auch als Chance gesehen. Nicht nur, um Trauerarbeit zu leisten, sondern auch, um zu sehen, wo ich stehe. Aber alle, mein Vater, meine Mutter und mein Bruder, sind immer um mich. Und das ist ein schönes Gefühl!

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Mir hat das Schreiben sehr geholfen“

Ihre Mutter hat Sie einmal gefragt: „Adele, wo ist jetzt eigentlich dein Glück?“ Wissen Sie heute, wo Sie es finden?

Ich denke oft an den Moment, als meine Mutter mir diese so liebevolle Frage gestellt hat. Wenn man ehrlich ist, denkt man doch meist ans Glück, wenn man keines hat, oder? Ich bin zurzeit ziemlich zufrieden mit mir und meinen Lebensumständen, und das ist für mich immer mehr das eigentliche Glück.

Sie wurden in Athen geboren, Ihr Vater war Grieche. Spüren Sie die Mentalität – und wenn ja, wo und wie?

Ich spüre meine Wurzeln immer mehr in den Menschen die mich begleiten und begleitet haben. So hat mir zum Beispiel mein letzter Aufenthalt in Griechenland gezeigt, dass dieses Land schon sehr mit meinem großartigen Vater gekoppelt war. Jetzt ist er nicht mehr, und ich habe irgendwie das Gefühl, dort keine Berechtigung mehr zu haben. Was natürlich Quatsch ist. Ich liebe Griechenland und muss wieder öfter dorthin, um meinen eigenen Zugang zu diesem Land zu erspüren. Denn im Grunde meines Herzens bin ich schon noch eine (kleine) Griechin. Das merke ich vor allem, wenn ich mich aufrege oder begeistert bin!

Ich spüre meine Wurzeln immer mehr in den Menschen die mich begleiten“

Ihr Start als Schauspielerin war ziemlich steinig. Haben Sie immer an sich und Ihre Entscheidung geglaubt?

Die Antwort ist ein klares Ja. Irgendwie bin ich nachträglich auch froh, dass mein Weg nicht so leicht war. Das hat mich noch mehr an mir arbeiten lassen und mich in meinem Entschluss bestärkt.

Mit den Rollen der eigenbrötlerischen Amateurermittlerin Julie Zirbner und der eigenwilligen Kommissarin Bibi Fellner haben Sie einen phänomenalen Durchbruch erlebt. Grenzgängerinnen sind offenbar Ihr Metier?

Ich mag es, wenn ich in meiner Profession, auf eigenwillige Weise, von meinen Charakteren gefordert werde. Diese Grenzgängerinnen sind ja auch spannende Figuren.

Dazu passen auch die legendären Rollen der Medea und des Mephisto, die Sie am Theater gespielt haben …

Absolut! Ich bin sehr froh, dass ich sie spielen durfte. Diese Rollen und Inszenierungen werden mir immer in Erinnerung bleiben. Und ich sehne mich auch nach mehr solcher Herausforderungen.

Wenn man allein lebt, heißt das ja nicht zwingend, dass man keine Liebe mehr empfindet“

Gutes Stichwort: Im Frühjahr 2019 sind Sie in der ARD als Helene Weigel neben Burghart Klaußner als Bert Brecht zu sehen. Keine einfache Frau, keine einfache Beziehung …

Ja, absolut. Ich habe Helene Weigel seit jeher verehrt, und ihre Biografie wie auch ihre Verbindung mit Brecht haben mich schon immer sehr gefesselt. Brecht war ja kein einfacher Lebenspartner. Sie aber wollte nie als Opfer über ihn sprechen. Im Gegenteil. Die Zusammenarbeit mit Burghart Klaußner war toll. Ich bin sehr gespannt auf den fertigen Zweiteiler.

Sie wandern am liebsten schnell und allein. Was macht das?

Ich kann mich und meine Gedanken vergessen und mich, im Idealfall, völlig der Natur geben. Klingt ein bisschen schwülstig, aber so würde ich es mir wünschen. Und manchmal gelingt es mir eben auch. Dann empfinde ich übrigens großes Glück!

Sie sagen, Sie könnten durch Ihr Alleinsein sehr verschwenderisch mit Liebe umgehen …

Wenn man allein lebt, heißt das ja nicht zwingend, dass man keine Liebe mehr empfindet. Und ich kann meine Liebe jetzt allen geben, die mir herzlich und freundlich gegenübertreten. Und das sind ganz schön viele! (lacht)

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