Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute mit viel Adrenalin nach den ersten öffentlichen Auftritten seit Wochen, mit einem vorsichtigen Wackeln am Olivenbaum und natürlich mit Neuigkeiten aus dem Wiener Treppenhaus.

DER RAUSCH DER BÜHNE

Das Staatstheater Wiesbaden – ein Post auf dem Instagram-Profil von Michael Volle

Es sind nur wenige, sehr, sehr wenige und sehr privilegierte Häuser, an denen der Konzertbetrieb allmählich wieder hochgefahren wird – natürlich unter höchsten Sicherheitsbedingungen. Und die Künstler können es kaum erwarten. In den sozialen Medien wird jeder Auftritt wie eine MET-Premiere gefeiert. Das Sängerpaar Gabriela Scherer und Michael Volle war in Wiesbaden – um einen konzertanten Querschnitt des „Fliegenden Holländer“ zu singen. Die beiden haben schon beim Hinflug Social-Media-Geschichte geschrieben, als Volle ein Bild aus dem dicht gedrängten Flieger von Berlin nach Frankfurt und ein Bild des leeren Zuschauersaals mit versprengtem Publikum in Zweiergruppen gepostet hat.

SOMMERPLANUNGEN

Euphorisch auch die Posts von Andreas Schager, Catherine Foster und René Pape, die Bilder ihrer „Tristan“-Aufführung in Wiesbaden ins Netz stellten. Gesungen wurde konzertant mit Klavier, und Schagers Frau, Lidia Baich, spielte an der Geige. All das macht Kai-Uwe Laufenberg (jaha!!!) sicherlich nicht zu einem menschlicheren Intendanten, wohl aber – und das muss man eingestehen – zu einem Pionier. Nun werden ihm auch andere Häuser folgen: Die Frankfurter Oper will vor 100 Menschen spielen, und auch Schloss Elmau plant kleinere Konzerte. Riccardo Muti wird das Ravenna Festival eröffnen. Franz Xaver Ohnesorg hat mir erklärt, dass er beim Klavier-Festival Ruhr Künstler wie Rudolf Buchbinder zwar nur einmal bezahlen wird, sie aber zweimal im Corona-gerecht ausgestatteten Saal spielen werden. Und es bleiben auch Unmöglichkeiten:Kleinere Theater und Privattheater sind kaum in der Lage zu öffnen. Der Tagesspiegel  berichtet über die Situation „wenn Spielen teurer ist als Schließen“. Und Ulrich Khuon spricht mit Sabine Rennefanz in der Berliner Zeitung Klartext: „Ich erlebe sehr viel Verstörung und Überlastung.

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SALZBURGER SICHERHEITSKONZEPT

Helga Rabl-Stadler wendet sich mit beschwörenden Worten an ihre Mitarbeiter.

Die Salzburger Festspiele sind unter Druck geraten, nachdem das Grafenegg Festival bekannt gegeben hat, dass es – so oder so – stattfinden wird. Aber an der Salzach lässt man sich nicht drängen. Für die Salzburger Festspiele sendet Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler erst einmal Durchhalte-Parolen. Auf Facebook adressiert sie ihr Publikum: Wer Karten hat, wird im Krisen-Spielplan, der eventuell im August 2020 stattfinden soll, bevorzugt. Und dann gibt es ein Video, das der „Klassik-Woche“ vorliegt, in dem sich Rabl-Stadler an ihre Mitarbeiter wendet: „Wir haben erkämpft, dass wir die Kurzarbeit anwenden können, das ist für jeden eine finanzielle Einbuße. Aber wir sind uns doch alle klar, es ist die einzige Alternative zu Kündigungen.“ Es ginge darum, bei den Sicherheitsanforderungen, „künstlerisch Sinnvolles und wirtschaftlich Vertretbares miteinander zu kombinieren“, sagt Rabl-Stadler, „Der Teufel liegt im Detail“. Dann gesteht sie offen ein: „Wir haben noch keine Idee, wie das mit den Proben geht, keine Ahnung, was mit Orchester und Chören möglich ist.“ Sie bittet ihre Angestellten: „Ich bitte Euch, lernt, mit der Ungewissheit zu leben.

NERVÖSE STIMMEN 

Zum Wohl – Anna Netrebko hat ihre Malarbeiten beendet. Nun kümmert sie sich um Corona.

Und die großen Gesangstars? Anna Netrebko hat die Corona-Krise dazu genutzt, ihre gesamte Dachterrasse im Ersten Wiener Gemeindebezirk anzupinseln – mit Birken und Nachtmond. Aber jetzt reicht es ihr! „So soll unser Leben bis Frühling aussehen?“, fragt sie auf Instagram unter dem Bild eines schlecht gefüllten Theaters, „ich finde, wer sich diese Regelungen ausgedacht hat, soll verschwinden.“ (Putin hätte es nicht besser sagen können!) Darunter die Hashtags: „Stoppe dumme Regelungen“ und „Bringt die Kultur zurück“. Eher stoisch gelassen überbrückt Piotr Beczała dagegen die Tage und zeigt, wie er gut gelaunt auf einem polnischen Golfplatz an seinem Handicap arbeitet (inklusive Schlag aus dem Sand!). Und die Wut hat sich auch noch nicht gelegt. Der Sänger Franz Hawlata etwa erklärt (allerdings inhaltlich nicht ganz korrekt), in Frankreich seien auf Druck des Staates Ersatz-Gagen bis zu 100 Prozent gezahlt worden, weil der Passus der „höheren Gewalt“ sofort gekippt worden sei. In Deutschland seien die Vertrags-Absagen eben mit diesem Passus der „höheren Gewalt“ begründet worden. Er kritisiert den bürokratischen Aufwand und das regionale Hick-Hack.     

DER OLIVENBAUM

Neulich habe ich mit einer renommierten Musik-Managerin gesprochen. Corona sei, sagte sie, wie das Rütteln an einem Olivenbaum. Die Frage ist, welche Oliven dabei herabfallen würden und welche bis zum Ende hängen bleiben. Mit anderen Worten: es geht in diesen Tagen um Grundlegendes. In diesem Zusammenhang empfehle ich den Text „Systemredundanz“ von Hartmut Welscher in VAN, der davor warnt, dass die Klassik sich in einen Opfer-Status begibt: „Statt alptraumhaft von der eigenen Irrelevanz zu träumen, wäre es wichtiger, jetzt dabei mitzuhelfen, ein besseres System für die Kultur zu schaffen. Das mit der Relevanz kommt dann von ganz alleine.“ Aufschlussreich auch, was Michael Volles Rechtsanwalt Turgay Schmidt zu sagen hat. Er erklärt in der FAZ zur Ernüchterung vieler Sänger: „Zwar koche jedes Theater sein eigenes Süppchen und schließe individuell gestaltete Verträge ab. Der rote Faden aber sei: Sowohl die Leistungspflicht als auch das Ausfallrisiko müssen die Künstler schultern.“ 

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Jetzt auf CRESCENDO.DE

Samuel Mariño: »Die Musik steht im Mittelpunkt, dann kommen Ausdruck und Gefühle, erst zuletzt denke ich an meine Stimme.«

Lesen Sie das Porträt des Sopranisten Samuel Mariño auf CRESCENDO.DE

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Etwas locker am Olivenbaum hängen derzeit auch viele Agenturen. Sie werden zum großen Teil vergessen. Wer glaubte, dass Agenturen lediglich von der Kunst anderer profitieren, irrt. Hörenswert, wie die Künstler-Agentin Helga Machreich-Unterzaucher gemeinsam mit der Sängerin Elisabeth Kulman in einem YouTube-Video über die Situation und die Rolle der Agenturen spricht. Und wie steht es um Monika Grütters? Ist sie eine fallende Olive? Auf jeden Fall hat sie schon wieder neue Maßnahmen versprochen, obwohl bislang nur wenige ihrer Ankündigungen erfolgreich waren. In unserer letzten Newsletter-Ausgabe haben wir gesehen, dass Parteikolleginnen wie Elisabeth Motschmann schon in den Startlöchern stehen. Allein der Generalsekretär des Deutschen Musikrates, Christian Höppner, scheint noch nibelungentreu an Grütters Seite zu stehen. Und dann ist da noch die Überlegung, dass Corona ja nur der Anfang ist – wie sieht die Klassik-Welt aus, wenn auch die Wirtschaft daniederliegt und die Sponsoren abspringen. Eine feste Olive scheint in diesem Sinne das Lucerne Festival zu haben: In der NZZ wird erklärt, warum der Roche-Konzern seine Unterstützung für das Lucerne Festival trotz Absage der Sommersaison aufrechterhält. Die Musik-Managerin und ich sind irgendwann von der Klassik zur Kulinarik gekommen und haben gefragt: Welches Restaurant sucht man eigentlich nach zwei Monaten Entbehrungen auf? Wir waren einig: Ins „Borchardt“ geht in so einer Situation nur jemand wie Christian Lindner – wir würden den kleinen Italiener an der Ecke, in dem Oma kocht und Giovanni uns kennt, bevorzugen. Wir waren einig: Barrie Koskys Komische Oper wäre so ein familiäres Klassik-Restaurant, das wir als erstes besuchen würden.

KLASSIK-NACHRICHTEN

Raumpatrouille-Orion-Komponist Peter Thomas ist gestorben.

Im letzten Newsletter haben wir noch über den Rücktritt von Österreichs Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek berichtet, nun ist ihre Nachfolgerin bekannt. In der Zeitung Die Presse wird Andrea Mayer vorgestellt. +++ Seit einiger Zeit wurde darüber spekuliert, jetzt ist es offiziell: der Vertrag des kaufmännischen Geschäftsführers der Bayreuther Festspiele, Holger von Berg, wurde nicht verlängert. Nun wird offiziell ein Nachfolger gesucht. Interessant auch: im Text wird die Nachricht der Klassik-Woche bestätigt, dass der Vertrag von Christian Thielemann als Musikdirektor ebenfalls noch nicht verlängert wurde (und eventuell auch nicht verlängert werden soll). +++ In einem spannenden Bericht erklärt die Washington Post, wie Internet-Roboter auf der Suche nach lizenzierter Musik sind und dabei auch in Corona-Klassik-Streams u.a. mit Mozart fündig werden. +++ Die Nachricht klang großartig: Chöre und Orchester dürfen in NRW wieder proben. Die Auflagen sind allerdings hart: 1. In einer Reihe müssen seitlich mindestens drei Meter Abstand eingehalten werden, 2. Bei Instrumentalmusik reicht ein seitlicher Abstand von 1,5 Metern, 3. Zur nächsten Reihe nach vorne müssen es bei Gesang wie Blasmusik sogar sechs Meter Abstand sein. +++ Die Deutsche Grammophon startet eine neue Online-Plattform. Es ginge darum, den DG-Künstlern eine weitere hochwertige Plattform zu geben, sagt Präsident Clemens Trautmann. +++ Er war eine Legende, so, wie die Filme, zu denen er den Soundtrack schrieb, etwa „Raumpatrouille Orion“: Nun ist Peter Thomas im Alter von 94 Jahren gestorben.

UNSER KLEINES TREPPENHAUS

Große Berichterstattung nach Brüggemanns Klassik-Woche: Österreich debattiert „Fidelio“-Bühnenbild

Letzte Woche haben wir gefragt, ob das Bühnen-Treppenhaus des Büros Barkow Leibinger in Christoph Waltz’ Wiener „Fidelio“ das Plagiat eines Entwurfes des jungen Architekten Khoa Vu aus Los Angeles ist. In dieser Woche hat so ziemlich jede österreichische Zeitung darüber berichtet (siehe Bild). Der ORF war am Ende sicher: „Der Plagiatsexperte Stefan Weber bezeichnet die Vorwürfe gegen das Bühnenbild als ‚mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zutreffend‘… Die ‚Zweckentfremdung‘ eines Plans für eine Bibliothek für ein späteres Bühnenbild sind seines Erachtens ‚kein Gegenargument gegen den Plagiatsvorwurf‘.“ Barkow wiederholte gegenüber internationalen Medien nun mehrfach, dass er Vus Vorlage zwar gekannt haben könnte, weist eine Kopie aber zurück. Dennoch hat er sich inzwischen persönlich bei Vu gemeldet. Nun stehen die beiden in direktem Austausch. Nur so viel: Vu akzeptiert Barkows Argumentation nicht und lässt ihn wissen, dass seine Treppe eine jahrelange, sehr persönliche Entwicklung (begleitet von zahlreichen Kollegen und Professoren) war. „Es würde mich sehr wundern, wenn Du in so kurzer Zeit zu genau dem selben Ergebnis kommen würdest“, schreibt Vu und vermutet, dass Barkows „Design-Team“ ihm sicherlich besser Auskunft darüber geben könne, wie viel des Bühnenbildes geklaut sei.   

FÜR DIE OHREN

Passend zu dieser Klassik-Woche kann ich Ihnen heute noch etwas für die Ohren empfehlen: beim Laufen, Kochen oder auf dem Sofa – ich habe mich zwei Stunden lang mit Michael Volle unterhalten. Nicht über Corona, nicht über seinen aktuellen Auftritt, sondern über den Menschen und Sänger. Wir haben über seine Kindheit als Pfarrer-Sohn auf dem Land gesprochen, über die Bayreuther Festspiele, seine Familie und seine beiden neuen Knie – und über einen gemeinsamen Freund, den Stimm-Professor Matthias Echternach, der Michael Volle beim Singen von innen gezeigt hat und derzeit Luft- und Viren-Experimente mit dem Chor des BR unternimmt. Viel Spaß bei Brüggemanns-Begegnungen auf Spotify, die es auch mit Emmanuel Tjeknavorian, Franz Welser-Möst, Annette Dasch und vielen anderen gibt.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif.

Ihr 

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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