Es ist diese magische Stunde, wenn Tag und Nacht sich treffen und eins werden, der die Pianistin Alice Sara Ott ihr neues Programm widmet. Weil sie wie keine andere Licht und Schatten der menschlichen Seele beleuchtet.

crescendo: Das Thema „Nightfall“ ist eine Plattform für einerseits sehr romantische Musik, andererseits aber macht sie uns die Endlichkeit sehr bewusst. Sind Sie dafür nicht zu jung?

Ali­ce Sara Ott: Inter­es­sant ist ja, dass vie­le Kom­po­nis­ten in mei­nem Alter schon gestor­ben waren. Und haben trotz­dem Wer­ke hin­ter­las­sen, die in die Abgrün­de der mensch­li­chen See­le bli­cken. Und gera­de mit die­sem The­ma, glau­be ich, hat man sich in mei­nem Alter schon aus­ein­an­der­ge­setzt. Ich wür­de mich selbst als sehr hel­len, opti­mis­ti­schen Cha­rak­ter beschrei­ben. Füh­le mich aber immer auch zur dunk­len Sei­te hin­ge­zo­gen. Die­se Zwie­späl­tig­keit der Men­schen fas­zi­niert mich von jeher. Es geht um die Momen­te, wo sich Gren­zen ver­wi­schen, wo man nicht mehr sagen kann, das ist gut, und das ist böse. Es ist auch die Stun­de am Tag, die ich am inter­es­san­tes­ten und mys­te­riö­ses­ten fin­de.

Die Kompositionen sind sehr filigran …

Ja, einer­seits. Es gibt aber auch extrem raue und fast schon bru­ta­le und schmerz­haf­te Sei­ten in die­ser Musik, gera­de im Gas­pard de la Nuit. Es hat viel Fines­se. Debus­sy, der Meis­ter der Klang­far­ben – er ist für mich wie Monet: Auf den ers­ten Blick ist alles wun­der­schön und har­mo­nisch, aus der Nähe wer­den die Makel sicht­bar. Debus­sy ist genau­so. Alles klingt so harm­los, aber es ist teil­wei­se gro­tesk. Clai­re de Lune zum Bei­spiel. Irgend­wie hab ich immer gefühlt, dass es nicht nur so schön ist, wie es scheint. Und tat­säch­lich: Es han­delt sich ja um eine Hom­mage an das Gedicht von Paul Ver­lai­ne: Die Men­schen sin­gen von Glück und Lebens­freu­de, hin­ter der Mas­ke aber ver­ber­gen sich Schmerz und Ängs­te.

Es geht um die Momen­te, wo sich Gren­zen ver­wi­schen, wo man nicht mehr sagen kann, das ist gut, und das ist böse“

Sie haben einmal gesagt, Sie würden alles, was Sie fühlen, durch die Musik fühlen. Was macht so ein Programm mit Ihnen?

Tat­säch­lich war die­se Vor­be­rei­tungs­zeit eine sehr düs­te­re Zeit, in vie­ler­lei Hin­sicht. Es heißt ja oft, dass Musik Trost spen­det und beru­higt. Das ist nicht immer so. Gera­de, wenn man eine schmerz­haf­te oder trau­ri­ge Erfah­rung gemacht hat, kann Musik einen das noch viel tie­fer emp­fin­den las­sen. Musik ist also nicht immer nur schön, son­dern hat schmerz­haf­te und raue Sei­ten. Auch ich muss­te mich Dämo­nen stel­len, denen ich sonst aus dem Weg gehe.

Sie haben mit Ravel, Debussy und Satie drei Komponisten gewählt, die eine Ära geprägt haben. Spüren Sie die unterschiedlichen Charaktere und Befindlichkeiten in der Musik?

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Ja, aber ich den­ke wäh­rend des Spie­lens nicht mehr drü­ber nach. Ich hab mich natür­lich mit den Cha­rak­te­ren aus­ein­an­der­ge­setzt, als ich die Stü­cke gelernt habe. Die drei sind sehr ver­schie­den und haben einen ganz unter­schied­li­chen Kom­po­si­ti­ons­stil. Und den­noch: Gera­de in die­sem The­ma gibt es einen gro­ßen gemein­sa­men Nen­ner.

Weist „Nightfall“ ein wenig in die Richtung, in die die Marke Alice Sara Ott gehen soll?

Nein, für mich sind sol­che Auf­ga­ben und Pro­jek­te nur das Fest­hal­ten eines Moments, der mir sehr wich­tig ist. Aber dann gehe ich auch wei­ter. Des­halb höre ich mir auch nie mei­ne alten Auf­nah­men an. Das ist für mich dann Ver­gan­gen­heit. Und ich schaue ungern in die Ver­gan­gen­heit zurück. Aber ja, ich den­ke jetzt mehr über jeden Schritt nach. Ich bin ja auch kein New­co­mer mehr. In mei­nem Alter über­legt man noch, was einen aus­macht, wor­über man sich defi­niert und womit man sich iden­ti­fi­ziert.

Auch ich muss­te mich Dämo­nen stel­len, denen ich sonst aus dem Weg gehe“

Sie sind gerade 30 geworden. Kommen Sie langsam an?

Ich weiß nicht, ob ich mich schon zu 100 Pro­zent gefun­den habe. Als Musi­ker ist man doch immer auf der Suche.

Es heißt, Sie hätten großen Respekt vor Mozart. Ravel, Debussy, Satie fallen leichter?

Ich fin­de leich­ter Ein­tritt in ihre Welt. Mit ihnen füh­le ich mich nicht so nackt auf der Büh­ne. Bei Mozart habe ich das Gefühl, dass ich in einem Spie­gel­raum spie­le, in dem mich jeder beob­ach­tet. Ich schät­ze sei­ne Musik unglaub­lich und habe schon so vie­le Kon­zer­te und Auf­nah­men erlebt, wo es so klingt, wie es sein muss. Und dann set­ze ich mich hin und den­ke: Nein, so darf es nicht sein.

Gab es denn eine größte Herausforderung für Sie bei diesem Programm?

Gas­pard de la Nuit ist auf alle Fäl­le eine sehr gro­ße Her­aus­for­de­rung. Aber eigent­lich: alles. Die Stim­mun­gen, die Struk­tur. Das ist es ja meis­tens. Ich wür­de gene­rell nicht sagen, dass das eine Stück leich­ter ist als das ande­re. Das gilt für alles, was ich bis­her gespielt habe. Jedes ist eine Her­aus­for­de­rung. Es ist genia­le Musik. Muss es ja sein.

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Barbara Schulz
Die Zutaten für ein gutes Leben sind für unsere Autorin Barbara Schulz: gute Menschen, gute Musik, gute Bücher, gutes Essen. Und weil sie gern alles auf einmal hat, trifft sie am liebsten interessante Musiker oder Literaten zum Essen und schreibt über sie. Weil sie so mit Musikhören oder Lesen auch noch Geld verdienen kann. Die Literaturwissenschaftlerin, die selbst gern Musikerin geworden wäre, bekommt auf diese Weise alles unter einen Hut. Gut!

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