Will­kom­men in der neu­en Klas­sik-Woche,

heu­te mit den Gehäl­tern gro­ßer Opern­di­rek­to­ren, Klas­sik-Unter­stüt­zung durch Pop-Stars und einer klei­nen Schwei­ne­rei von Mozart. 

WAS IST 

Bölzlschei­be, wie von Mozart in einem Brief vor­ge­ge­ben. Jetzt ist das Schrei­ben im Besitz der Stif­tung Mozar­te­um. (Foto: Bar­ba­ra Gindl)

ANZEIGE



MOZARTS LOCKE

Mozart und kein Ende. Vor zwei Wochen die Umfra­ge aus Groß­bri­tan­ni­en: 25 Pro­zent der Jugend­li­chen ken­nen Mozart nicht. Dann der Eklat in Flo­renz: San­ta Cro­ce will den Frei­mau­rer Mozart nicht spie­len – zu unchrist­lich. Doch jetzt end­lich die Reha­bi­li­ta­ti­on durch das Mozar­te­um in Salz­burg. Es hat eine Locke von Mozart gekauft, eines von 12 noch exis­tie­ren­den Haar­bü­scheln. Außer­dem noch einen Brief. Aber wenn Mozart sich mit dem bloß nicht wie­der in die „Rue de la Kack“ gerit­ten hat. Dar­in beschreibt er, wie eine Schieß­schei­be ange­malt wer­den soll: „Ein klei­ner Mensch mit lich­ten haa­ren steht gebückt da, und zeigt den blo­sen arsch her. aus sei­nen Mund gehen die wort. guten appe­tit zum schmaus. der ande­re wird gemacht, in stiefl und sporn (…) er wird in der Posi­tur vor­ge­stellt wie er den andern just im arsch leckt. aus sei­nen Mund gehen die wor­te. ach, da geht man drü­ber N’aus.“ Mozarts Aus­drucks­form erhöht zumin­dest sei­ne Street-Credi­bi­li­ty in Groß­bri­tan­ni­en!    

ÖSTERREICH LEAKT KULTURGEHÄLTER

Der Stan­dard berich­tet über Gehäl­ter der Kul­tur­schaf­fen­den, unter ande­rem der Salz­bur­ger Fest­spie­le: Dort besteht der Vor­stand aus Mar­kus Hin­ter­häu­ser als Inten­dant, Hel­ga Rabl-Stad­ler als Prä­si­den­tin und Lukas Crepaz als kauf­män­ni­schem Geschäfts­füh­rer. Dem­nach erhielt Rabl-Stad­ler 2017 212.700 Euro und 2018 218.300 Euro, bei den Her­ren waren es durch­schnitt­lich 235.100 Euro (2017) bezie­hungs­wei­se 226.900 Euro im Jahr dar­auf. Bei den Bre­gen­zer Fest­spie­len leg­te die künst­le­ri­sche Lei­te­rin Eli­sa­beth Sobot­ka von 2017 (194.800 Euro) auf 2018 ordent­lich zu und ver­dien­te 211.700 Euro, wäh­rend ihr kauf­män­ni­scher Lei­ter Micha­el Diem 2017 120.300 Euro und 2018 124.800 Euro ver­buch­te. Wie viel der schei­den­de Staats­opern­di­rek­tor Domi­ni­que Mey­er genau ver­dien­te, geht aus dem anony­mi­sier­ten Bericht nicht her­vor. Da ihm mit Tho­mas W. Plat­zer ein männ­li­cher Kol­le­ge als kauf­män­ni­scher Lei­ter zur Sei­te steht, wur­de im Bericht nur ein Durch­schnitts­ge­halt der bei­den bekannt gege­ben. Die­ses belief sich 2017 auf 244.200 Euro, 2018 waren es 248.500 Euro. 

____________________________________

Beethoven wird 250! Entdecken Sie den großen Komponisten neu!

In der CRE­SCEN­DO-Son­der­aus­ga­be lesen Sie, was ihn so beson­ders macht, sei­ne Jugend, sei­ne Lie­be, sein Leben. Dazu vie­le Musik­emp­feh­lun­gen und Ver­an­stal­tungs­tipps im offi­zi­el­len Maga­zin BTHVN2020.
Jetzt am Kiosk oder hier ein kos­ten­lo­ses Pro­be­heft bestel­len

____________________________________

LUZERN UND KEIN ENDE

Ein neu­es Opern­haus für Luzern? Wenn es nach dem Stif­ter und Unter­neh­mer Arthur Waser geht, soll es kom­men: Er hat bereits eine Mil­li­on Fran­ken zuge­si­chert, um einen inter­na­tio­na­len Archi­tek­tur­wett­be­werb aus­zu­schrei­ben. Das neue Haus soll das in die Jah­re gekom­me­ne Stadt­thea­ter erset­zen. Kri­ti­ker fürch­ten einen Flop wie einst bei Kunst­mä­zen Chris­tof Engel­horn, der mit sei­ner Salle Modul­ab­le nur für Zoff in der Stadt sorg­te. Der­weil geht der Macht­kampf beim Lucer­ne Fes­ti­val zwi­schen Micha­el Hae­f­li­ger und dem Stif­tungs­prä­si­den­ten Hubert Acher­mann in die nächs­te Run­de. So oft, wie wir in den letz­ten Wochen über Hae­f­li­ger berich­tet haben, scheint sei­ne Posi­ti­on inzwi­schen ordent­lich zu wackeln.

POPSTARS UND KLASSIK

Elton John war zu Gast beim bri­ti­schen Klas­sik-Sen­der fM4 und hat in einem sehr hörens­wer­ten Gespräch über die Rol­le und den Wan­del an der „Roy­al Aca­de­my of Music“ gespro­chen. John hat hier Cho­pin, Mozart und Debus­sy stu­diert. Er erzählt: „Im Schul­chor zu sin­gen war für mich ein ent­schei­den­des Erleb­nis für mein Leben.“ Auch des­halb klag­te er die bri­ti­sche Regie­rung an und kri­ti­sier­te, dass die Musik aus dem Schul­un­ter­richt weit­ge­hend ver­schwun­den sei. Dazu passt die Nach­richt: Im Jubi­lä­ums­jahr zum 250. Geburts­tag von Lud­wig van Beet­ho­ven singt Rob­bie Wil­liams am 18. Mai 2020 auf der Bon­ner Hof­gar­ten­wie­se. Auch ein Auf­tritt des chi­ne­si­schen Pia­nis­ten Lang Lang am 9. Sep­tem­ber mit US-DJ Ste­ve Aoki gehört zum Kul­tur­pro­gramm, mit dem sich die Tele­kom an den Fei­ern zum 250. Geburts­tag des 1770 in Bonn gebo­re­nen Kom­po­nis­ten betei­ligt. Nach so viel Pop noch etwas Seriö­ses: Diri­gent Man­fred Hon­eck wünscht sich für das Beet­ho­ven-Jahr 2020 end­lich auch Beet­ho­ven­ku­geln!

WAS WAR 

Sta­nisław Moni­uszkos Oper „Hal­ka“ hat­te ges­tern Pre­mie­re in Wien – mit Pio­trBec­zała.

TATORT GESTERN

Haben Sie ges­tern Tat­ort gese­hen? Ich auch – im Thea­ter an der Wien. Zuge­ge­ben, Dreh­buch (rei­cher Pole schwän­gert arme Polin, hei­ra­tet rei­che Polin, wäh­rend die arme Polin ins Was­ser geht) und Sound­track (vom pol­ni­schen Ver­di-Zeit­ge­nos­sen Sta­nisław Moni­uszko) waren eher ein­di­men­sio­nal. Aber Mari­usz Tre­liń­ski insze­niert einen hand­werk­lich bril­lan­ten Kri­mi auf einer schwarz-weiß-Dreh­büh­ne der andau­ern­den Gegen­sät­ze: Hochzeitsgesellschaft/Duett, Ballsaal/Wald, Wodka/Blut. Die letz­ten Ecken und Kan­ten der Par­ti­tur hät­ten Łuka­sz Boro­wicz und das ORF Radio-Sym­pho­nie­or­ches­ter Wien viel­leicht noch aus der Par­ti­tur her­aus­ar­bei­ten kön­nen. Aber wie in jedem Tat­ort: alles egal, wenn der Cast stimmt. Und der stimm­te! Der Geni­al-Bass-Bari­ton Tomasz Konie­cz­ny fällt von bol­lern­der Cho­le­rik in lyri­sches Selbst­mit­leid, Corin­ne Win­ters (die Ame­ri­ka­ne­rin ist eine der weni­gen Nicht-Polen die­ses Abends) lei­det sich mit see­len­nack­ter Stim­me durch die Titel­par­tie. Und dann kommt jemand wie Pio­tr Bec­zała und zeigt uns in nur zwei Sze­nen, wie Moni­uszko klin­gen könn­te, wenn man in der Lage ist, aus einer pol­ni­schen Epi­go­nen-Oper ein Lei­den­schafts­ju­wel zu for­men. Prä­di­kat: Unbe­dingt hin­ge­hen und ken­nen­ler­nen.    

AN UNSEREN BÜHNEN

Für den letz­ten News­let­ter zu spät, aber weit­ge­hend gefei­ert: die Urauf­füh­rung von Olga Neu­wirths „Orlan­do“ an der Wie­ner Staats­oper. Fälsch­li­cher­wei­se wird sie immer wie­der als ers­te Oper aus der Feder einer Frau an der Staats­oper titu­liert – das stimmt nicht: Bereits 2014 hat etwa Johan­na Dode­rer die Oper Fati­ma im Auf­trag der Staats­oper kom­po­niert. Erstaun­lich, wie die­se Falsch­mel­dung des Guar­di­an auch von gro­ßen deut­schen Zei­tun­gen unkon­trol­liert wei­ter­ver­brei­tet wur­de. +++  Wir haben immer wie­der von der poli­ti­schen Kon­trol­le über die Kul­tur in Ungarn berich­tet – nun hat das Par­la­ment das umstrit­te­ne Kul­tur­ge­setz gebil­ligt, mit dem Vik­tor Orbán und sei­ne Freun­de noch mehr Macht über die Füh­rung an Opern­häu­sern und Thea­tern bekom­men. +++

ZUM TODE VON PETER EMMERICH

Über­ra­schend für jeden, der ihn kann­te: Bay­reuths Pres­se­spre­cher Peter Emme­rich wur­de ver­gan­ge­ne Woche tot in sei­ner Woh­nung auf­ge­fun­den. Katha­ri­na Wag­ner kom­men­tier­te scho­ckiert, eben­so wie zahl­rei­che Kri­ti­ker-Kol­le­gen, die wuss­ten, dass Peter Emme­rich mehr war als ein Pres­se­spre­cher: Er war das ver­kör­per­te Wis­sen um die Bay­reu­ther Fest­spie­le. Hier mei­ne Gedan­ken, nach­dem ich von sei­nem Tod erfah­ren habe – wie gern hät­te ich noch eine Ziga­ret­te mit ihm geraucht.      

DE LA PARRAS PRESSE-PROPAGANDA

Es ist kein Geheim­nis, dass zahl­rei­che Orches­ter nur noch genervt von Alon­dra de la Par­ra sind – weil sie das Ins­ta-Foto-Schie­ßen wich­ti­ger fin­det als die Arbeit am Pult. Stört die deut­sche Medi­en-Land­schaft nicht: De la Par­ra hat die­se Woche eine Absurd-Pres­se­er­klä­rung ver­schickt, in der die media­len Super­la­ti­ve der Diri­gen­tin in Deutsch­land auf­ge­zählt wur­den. Eine Erklä­rung, die sogar bei Nor­man Leb­recht für Über­ra­schung sorg­te. Merk­wür­dig, wie man zum Fern­seh-Star wird, aber Tho­mas Gott­schalk hat die Ant­wort für die­ses Phä­no­men ja bereits gege­ben und über de la Par­ra gesagt: Mit ihr müs­se man Klas­sik nicht mehr hören, son­dern kön­ne sie end­lich auch anse­hen. 

PERSONALIEN DER WOCHE

Simo­ne Young wird 2022 neue Chef­di­ri­gen­tin des Syd­ney Sym­pho­ny Orches­tra. Im Jahr davor wird sie bereits meh­re­re Kon­zer­te in Syd­ney lei­ten. +++ Der Beef zwi­schen dem Kom­po­nis­ten Moritz Eggert und dem Kom­po­nis­tin­nen-Vater Guy Deut­scher geht in die nächs­te Run­de. Die Münch­ner Musik­hoch­schu­le hat sich – voll­kom­men ohne Grund – für Eggert ent­schul­digt (obwohl Deut­scher dem Kom­po­nis­ten Nazi-Metho­den vor­ge­wor­fen hat!). Nach­dem Freun­de Deut­schers nun auch Eggerts You­tube-Bei­trä­ge mit Kri­tik flu­te­ten, gibt es einen Back­clash, und offen­sicht­li­che Eggert-Fans haben ein amü­sant-neu­tö­nen­des Hor­ror-Video gebas­telt. +++ Gera­de gab es eine Gehalts­er­hö­hung, nun die Ver­trags­ver­län­ge­rung: Eli­sa­beth Sobot­ka wird die Bre­gen­zer Fest­spie­le bis 2024 lei­ten. +++ Alain Alti­no­g­lu wird zur Sai­son 2021/2022 neu­er Chef­di­ri­gent des hr-Sin­fo­nie­or­ches­ters. +++ Tja – damals hat­ten wir einen lus­ti­gen Streit: Regis­seur Kay Voges hat­te ein You­tube-Video von mir und Chris­ti­an Thie­le­mann für sei­ne Frei­schütz-Insze­nie­rung in Han­no­ver geklaut. Nun pro­vo­ziert er mit dem ältes­ten Mit­tel über­haupt: und Wien ist erregt. Voges bringt – Ach­tung! – Sex auf die Büh­ne. Na denn…  

WAS LOHNT

Der Diri­gent Yoel Gamzou war schon wie­der zu Hau­se – ich muss­te noch auf­räu­men nach unse­rem beschwing­ten Inter­view.

Zwei span­nen­de Inter­views möch­te ich Ihnen noch ans Herz legen. Für CRESCENDO hat mein Kol­le­ge Rüdi­ger Sturm sich mit Regis­seur Ron Howard unter­hal­ten, des­sen Pava­rot­ti-Film am 26. Dezem­ber in die deut­schen Kinos kommt. Howard erzählt sei­nen Zugang zum legen­dä­ren Tenor: „Dann ent­deck­te ich, dass Pava­rot­tis Leben etwas Opern­haf­tes an sich hat­te. Die gan­zen Wen­dun­gen sei­ner per­sön­li­chen Rei­se fan­den sich in den The­men sei­ner Ari­en reflek­tiert.

Voll­kom­men aus unse­rer Welt dage­gen das Gespräch, das ich mit dem glo­be­trot­ten­den Diri­gen­ten und Bre­mer GMD Yoel Gamzou für die Serie „Brüg­ge­manns Begeg­nun­gen“ bei mir zu Hau­se geführt habe. Yoel hat­te einen Whis­key mit­ge­bracht – und unse­re Zun­gen waren locker. Eine herr­lich „besoff­ne G’schicht“, wie die Öster­rei­cher sagen, unter ande­rem über den Eros des Rosen­ka­va­liers, das Vege­ta­rier­tum, über Isra­el, New York und Bre­men – über Ido­le wie Car­lo Maria Giu­li­ni, über Chris­ti­an Thie­le­mann und Teo­dor Cur­r­ent­zis – und natür­lich (ist ja Inter­net!) über Kat­zen. 

Wenn Sie rein­hö­ren, wür­de ich mich freu­en, aber, bit­te: hal­ten Sie die Ohren steif! 

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

P.S.: Und, ja – letz­te Woche hat sich ein Feh­ler ein­ge­schli­chen: statt von der Sai­son­er­öff­nung in Mai­land habe ich vom Sai­son­ende geschrie­ben. Nach der 243. Kor­rek­tur-Mail habe ich ein­ge­se­hen: ein unver­zeih­li­cher Lap­sus, der in der Online-Ver­si­on natür­lich sofort kor­ri­giert wur­de.

Vorheriger ArtikelRevolutionär und Liebling der adeligen Salons
Nächster ArtikelMit CRESCENDO gewinnen
Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here