Oper FrankfurtAlles außer|irdisch?

„L’Africaine – Vasco da Gama“
Foto: Monika Rittershaus

Das erlebt man wahr­lich nicht alle Tage: die Opernr­a­ri­tät L’Africaine – Vas­co da Gama und noch dazu eine der­art ‚abge­spac­te‘ Insze­nie­rung, wie sie in Frank­furt zu sehen ist. Als drit­tes Opern­haus nach Chem­nitz und Ber­lin hat nun die Oper Frank­furt die Grand Opé­ra von Gia­co­mo Mey­er­beer aus der Tau­fe geho­ben. 150 Jah­re lang war das Werk unter dem Titel L’Africaine bekannt, auch wenn kei­ne Afri­ka­ne­rin in der Oper vor­kommt. Erst 2013 wur­de in Chem­nitz mit der Auf­füh­rung der revi­dier­ten Fas­sung die­ser gro­be Feh­ler beho­ben. Grund damals war, dass Mey­er­beer vor der Urauf­füh­rung starb. Er hielt für die Pro­ben immer unter­schied­li­che Ver­sio­nen bereit und voll­ende­te das Werk erst kurz vor der Pre­mie­re. Also war es an dem Musik­wis­sen­schaft­ler François-Joseph Fétis, eine spiel­ba­re Fas­sung zu erstel­len. Jedoch beließ er den Titel „L’Africaine“, weil die Oper in der Öffent­lich­keit dar­un­ter bekannt war. Mey­er­beer hat­te das Werk wäh­rend des fast 30-jäh­ri­gen Ent­ste­hungs­pro­zes­ses näm­lich ein­mal grund­le­gend über­ar­bei­tet: Aus der Afri­ka­ne­rin hat­te er eine Inde­rin gemacht, weil er nun die Rei­se des por­tu­gie­si­schen See­fah­rers Vas­co da Gama nach Indi­en ins Zen­trum stell­te. Aber ob nun Afri­ka­ne­rin oder Inde­rin – die Frank­fur­ter Insze­nie­rung umgeht die­ses Pro­blem gänz­lich. Regis­seur Tobi­as Krat­zer macht aus der indi­schen Prin­zes­sin Seli­ka und ihrem Gefähr­ten Nelus­ko Außer­ir­di­sche in blau­en Ganz­kör­per­an­zü­gen (mit Figu­ren aus „Ava­tar“ oder ‚Hulk in Blau‘ haben sie Ähn­lich­keit). Als Vas­co die bei­den dem por­tu­gie­si­schen Rat, Geschäfts­leu­ten in Anzü­gen, als Beweis für das fer­ne Land vor­führt, geht die­ser in Deckung und bewaff­net sich mit Büro­stüh­len. Die Rei­se von Por­tu­gal nach Indi­en funk­tio­nier­te Krat­zer zu einer Rei­se auf einen unbe­kann­ten Pla­ne­ten um.

Außer­ir­di­sche in blau­en Ganz­kör­per­an­zü­gen“

Auf den ers­ten Blick schei­nen die sze­ni­sche Umset­zung und der Werk­text kaum mehr ver­bun­den zu sein. Statt See­fah­rer ist Vas­co Astro­naut, statt auf einen Schiffs­bug schaut das Publi­kum auf das futu­ris­ti­sche Inne­re eines Raum­schiffs (Büh­nen­bild und Kos­tü­me: Rai­ner Sell­mai­er). Doch Krat­zer hat Recht: Der Schau­platz Indi­en meint im Werk­text weni­ger eine Ver­or­tung als einen Sehn­suchts­ort, der auch abs­trakt gedacht wer­den kann. Vas­co sehnt sich nach dem Unbe­kann­ten, zu dem der Welt­raum heut­zu­ta­ge zu gro­ßen Tei­len zwei­fels­oh­ne immer noch zählt. Doch recht­fer­tigt das, Seli­ka und Nelus­ko als Frem­de mit Ali­ens gleich­zu­set­zen, die von den Por­tu­gie­sen mehr als Spe­zi­es denn als Men­schen wahr­ge­nom­men wer­den? Sind nur Ali­ens uns fremd? Soll dadurch nach­emp­find­bar wer­den, wie man im 19. Jahr­hun­dert Men­schen ande­rer Kon­ti­nen­te wahr­nahm? Nelus­ko tritt auch recht mensch­lich auf, kennt mensch­li­ches Emp­fin­den wie Lie­be und Hass. Doch die Bezie­hung zwi­schen Vas­co und Seli­ka scheint wenig glaub­wür­dig. Krat­zer bezeich­net sie zwar selbst im Pro­gramm­heft als „Trieb­fe­der des gesam­ten Abends“, doch sze­nisch wird sie nur schwach ange­deu­tet. Clau­dia Mahn­ke, kon­zen­triert auf die Gesangs­par­tie, drückt sich oft an den Büh­nen­rand und ver­mei­det jeg­li­chen Blick­kon­takt mit Vas­co. Es fehlt der Hei­rat und Seli­kas Selbst­mord in den tod­brin­gen­den Düf­ten des Man­za­nil­lo­baums damit an Moti­va­ti­on, da unklar bleibt, woher die Anzie­hungs­kraft zwi­schen bei­den kommt. In der Hin­sicht ist die Bezie­hung tat­säch­lich alles – außer irdisch.

Foto: Moni­ka Rit­ters­haus
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Und es knirscht auch an ande­rer Stel­le zwi­schen Werk­text und Kon­zept. Ein Kern des Stücks, der reli­giö­se Kon­flikt, der aus dem Fana­tis­mus der Inder und Por­tu­gie­sen erwächst und den etwa Vera Nemi­ro­va in ihrer Insze­nie­rung an der Deut­schen Oper Ber­lin 2015 stark mach­te, fin­det wenig Beach­tung. Dass Chor und Oberb­rah­ma­ne indi­sche Gott­hei­ten besin­gen, läuft folg­lich ins Lee­re.

Statt See­fah­rer ist Vas­co Astro­naut“

Auf den Punkt zei­gen sich Orches­ter und Chor am Pre­mie­ren­abend. Anto­nel­lo Mana­cor­da hält im Gra­ben mit Bra­vour die Fäden zusam­men und bril­liert am meis­ten dar­in, wie er ein­zel­ne Instru­men­ten­grup­pen her­vor­hebt und etwa die unbe­glei­te­ten Sän­ger­ensem­bles im zwei­ten Akt zu führt. Der Chor ist exakt geführt und sze­nisch prä­sent (Chor: Til­man Micha­el). Mey­er­beer kul­ti­vier­te eine spe­zi­fi­sche Gesangs­äs­the­tik mit sei­nen Wer­ken: schlank im Ton, klar in der Aus­spra­che, dif­fe­ren­ziert in der Dyna­mik, weich im Stimm­an­satz, wech­selnd zwi­schen Spre­chen und Sin­gen in ario­sen Pas­sa­gen. Micha­el Spy­res als Vas­co ver­fügt über die­se Qua­li­tä­ten, kann sich jedoch stimm­lich bei gro­ßen Chor­sze­nen nicht recht über die Mas­se erhe­ben. Bri­an Mul­ligan gibt einen stimm­ge­wal­ti­gen Nelus­ko mit schar­fer Arti­ku­la­ti­on. Clau­dia Mahn­ke beherrscht die her­aus­for­dern­de Par­tie der Seli­ka tech­nisch, vor allem die fast halb­stün­di­gen Solo­sze­ne am Schluss ist anrüh­rend, bleibt aber sze­nisch hin­ter ihrer Mit­strei­te­rin: Ines, Vas­cos Lie­be aus Kin­der­ta­gen, wird von Kirs­tin MacKin­non ver­kör­pert, die mit der Par­tie ihr Deutsch­land-Debüt gibt. Sie schat­tiert in ihrem Aus­druck, über­strahlt die Ensem­bles im zwei­ten Akt mit silb­ri­gen Spit­zen­tö­nen und ist ges­tisch wie mimisch aus­drucks­stark.

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Jasmin Goll
Jasmin Goll hat Musiktheaterwissenschaft in Bayreuth studiert und arbeitet zurzeit am Forschungsinstitut für Musiktheater der Uni Bayreuth. Ihr Steckenpferd ist das Musiktheater, insbesondere die Oper. Derzeit ist sie in ein Forschungsprojekt zum Musiktheater zur Zeit des Nationalsozialismus eingebunden und beschäftigt sich mit Frauenbildern auf der Bühne. Seit einem Praktikum bei crescendo 2016 schreibt sie für das Magazin. Foto: Maxim Zimmermann, Andy Koch und Tim Schmude

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