Alles wird anders? Macht doch nix!

Unser Kolumnist Axel Brüggemann sammelt erste Beobachtungen aus der Corona-Krise und ordnet sie für neue Visionen.

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Nichts wird sein, wie es einmal war? Diesen Satz haben wir oft gehört in den letzten Wochen und Monaten. Sicher ist: Corona verändert die Welt, und damit auch die Kultur. Das Prinzip ist dabei das Gleiche: Vieles, was bereits krank war, wird jetzt als solches sichtbar. Wir sammeln Erfahrungen, die uns helfen könnten, wenn die öffentlichen Haushalte noch enger geschnürt werden müssen als heute schon. Hier einige Initial-Gedanken und Visionen. Vielleicht der Anfang einer spannenden Debatte. Wer sagt denn, dass alles schlechter werden muss?

Klassik und Publikum 

Die vielleicht größte Erkenntnis in Corona-Zeiten ist, dass wir uns etwas vorgemacht haben, als wir glaubten, dass die Systemrelevanz der Musik offensichtlich sei. Dass Musik für jeden als Säule der westlich-zivilisierten Gesellschaft gilt, als geistiges Zentrum im Land der Dichter und Denker, von Bach, Beethoven und Brahms. Von wegen! Die Kultur, besonders die Musik, rangierten in der öffentlichen Wahrnehmung am Ende der Aufmerksamkeitsspirale. Diese schonungslose Wahrheit muss Grundlage einer Bestandsaufnahme sein: Das hochsubventionierte System der Klassik hat sich in den letzten Jahren oft selber überschätzt und seine Relevanz und Bedeutung für Publikum und Gesellschaft falsch eingeschätzt. 

Die Kultur-Fuzzis da oben sollen erst einmal richtig arbeiten!“

Trotz aller Verweise auf den erheblichen Wirtschaftsfaktor der Kultur und die moralische Bedeutung der Klassik für eine Gemeinschaft werden Künstler, Häuser und Ensembles in der Krise weitgehend allein gelassen, und in einschlägigen Kommentaren unter Feuilleton-Artikeln (etwa in der „Welt“) verstört uns die öffentliche Wut auf Kultur („Die Schmarotzer leben eh nur auf unsere Kosten!“). Aber diese Wut scheint ein neues, gesellschaftliches Grundrauschen zu sein. Der Tenor: „Die Kultur-Fuzzis da oben, was wissen die schon von unseren Problemen – die sollen erst einmal richtig arbeiten!“. 

Vor vielen Jahren gab es eine Umfrage, nach der nicht einmal 20 Prozent der Befragten Klassik-Veranstaltungen besucht haben – dennoch erklärten 80 Prozent, dass es richtig sei, Orchester und Opernhäuser staatlich zu subventionieren. Ich bin ziemlich sicher, dass wir in diesen Tagen weit entfernt von derartigen Zahlen sind. Mit anderen Worten: Es muss bei allem Handeln darum gehen, Musik wieder in die Mitte unserer Gesellschaft zu stellen, als identifikatorische Selbstverständlichkeit und als ihre prägende Kunstform. 

Ego und Demos 

Wie dreht ein Sopran eine Glühbirne ein? – Sie hält die Glühbirne in die Halterung und wartet, bis sich die Welt um sie dreht. Zugegeben, das ist ein abgedroschener Witz, der – das haben wir in den letzten Monaten gesehen –  auch für Dirigenten, Baritone, Tenöre, Chorsänger oder Musikjournalisten gelten könnte. Musik ist eine Kunst der Leidenschaft, vielleicht braucht sie Menschen, die kompromisslos und bedingungslos – ohne Rücksicht auf alles andere – für die Musik leben. Das Problem ist, dass ein breiter Teil der Bevölkerung, das Demos, an diesen Eitelkeiten nicht mehr teilnimmt, sie nicht mehr versteht – und sie auch nicht will! 

Der Streit zwischen Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern, der Lebenswandel von Maria Callas – das waren Themen, die mitten in der Gesellschaft standen, warum auch immer. Heute ist das anders: Ich bin sicher, dass Namen wie Christian Thielemann, Franz Welser-Möst, Piotr Beczala und, ja, selbst Anna Netrebko – allesamt die Besten, die wir haben! – in der Fußgängerzone keine Rolle mehr spielen. Das liegt auch daran, dass sie keine Rolle in gesellschaftlich relevanten Debatten spielen, dass sie kaum sichtbar werden, wenn es um die Planung einer Stadt, um die Rolle von Musik, um Orte der Begegnung geht.

Stattdessen findet in der Klassik oft ein inzestuöser Streit um Kleinigkeiten statt. Der aber interessiert niemanden da draußen! Es ist gut, wenn die Klassik-Szene um unterschiedliche Meinungen ringt, ästhetische Debatten führt, über ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft streitet. Aber Zickenkriege und Eitelkeiten oder verbittert geführte Verteilungskämpfe innerhalb der Klassik interessieren da draußen niemanden. Aber das „ da draußen“ ist, was wir zurückgewinnen müssen. Niemand hat Interesse daran, wie ein Sopran eine Glühbirne eindreht, erst Recht nicht, wenn die Sängerin die Welt dabei beschimpft, dass sie sich schon lange nicht mehr um sie dreht.

Das kranke System

Nach außen hat die Welt der Klassik in den letzten Jahren hauptsächlich für Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Ausgerechnet die Kunst, die sich dem Humanismus verschrieben hat, die am liebsten „Seid umschlungen, Millionen“ anstimmt, ist eines der inhumansten Systeme überhaupt geworden. Wie kann es sein, dass tyrannisches Verhalten, verbale Erniedrigung von Musikern durch Dirigenten, Übergriffe von Regisseuren und diktatorische Machausführung von Intendanten in der Klassik geduldet werden? Dass vor lauter Starkult kein Wort über derartige Missstände verloren wird? Die Leute sind doch nicht blöd!

Wie kann es sein, dass ausgerechnet in der Klassik #metoo zu einem so großen Thema geworden ist? James Levine, Gustav Kuhn, Siegfried Mauser, selbst Placido Domingo. Die lange Liste von Übergriffen und despotischen Verhaltensweisen ist auch Zeichen für die Abgehobenheit und Weltfremdheit des musikalischen Betriebs. Dennoch hat das System kein Problem damit, sich andauernd selber in seiner Falschheit zu bestätigen. Junge Musiker akzeptieren die alten Regeln, weil sie Angst haben, und die Klassik-Freaks verbuchen Fehlverhalten als Kavaliersdelikt, als Luxus des Genies. 

Erst wenn auch in der Musik wieder selbstverständlich ist, was in jedem Unternehmen und überall in der Welt selbstverständlich sein sollte, kann sie wieder auf ihre Position in der Öffentlichkeit pochen: Sicherheit vor sexuellen Übergriffen, Diversität und Warnsysteme gegen despotische Chefs sollten selbstverständlich sein. Nur so ist Musik als moralischer Ort auch glaubhaft. Und um diese Glaubhaftigkeit muss es gehen! 

Sinn von Subventionen 

Natürlich muss die Musik-Szene darauf hoffen, dass der Staat sie durch Subventionen am Leben erhält. Dafür muss die Klassik sich aber auch unangenehme Fragen gefallen lassen. Die wichtigste ist, warum ein staatlich subventioniertes System weitgehend unkontrolliert erscheint und die oben beschriebenen Exzesse erlaubt. 

Es ist noch sehr viel mehr falsch im System der Klassik. Wie kann man einer Öffentlichkeit, die nicht in die Oper oder ins Konzert geht, erklären, dass mit den Subventionen gleichsam viel zu hohe Mega-Gagen und Hungerlöhne finanziert werden? Konkret: Ist es okay, dass ein Dirigent 20.000 Euro Abendgage kassiert, die – wenn man alle Beteiligten eines Opernabends auszahlt – niemals allein durch Ticket-Verkäufe zu finanzieren wäre? Und gleichzeitig verdient die Soubrette am Stadttheater nicht einmal 2.000 Euro pro Monat! Ganz zu schweigen von allen prekären freien Verhältnissen, die das Stadttheatersystem am Leben erhalten. Niemand versteht, warum ein derartiges System staatlich subventioniert wird. Zumal: In Zeiten von Corona haben wir gelernt, dass Verträge an staatlichen Häusern vollkommen unberechenbar sind. An vielen Häusern bedeutete keine Vorstellung auch kein Honorar. Warum bekamen Festangestellte Musiker 70 Prozent Kurzarbeitergeld, einige Freie aber null Prozent ihrer Vertragssumme? Wenn in der Post-Corona-Zeit die Staatsfinanzen knapp werden, wird die Kultur ein wesentlicher Sparfaktor sein. Da wäre es gut, eine Legitimation des eigenen Schaffens zu haben, aber auch ein Gehalts-System, das nachvollziehbar ist.

Bedeutung in der Region

Was das deutsche Stadttheater-System einmalig gemacht hat, waren nicht nur seine großartigen Aufführungen, sondern seine Struktur der Künstler-Förderung und das Bekenntnis von Städten, sich mit dem Theater ein „intellektuelles Atomkraftwerk“ zu leisten, das frei denken, ausufernd inszenieren, jegliche Grenze einreißen durfte – und zwar: um die Stimmung innerhalb einer Stadt zu beflügeln. Das geht nur mit kreativen Künstlern, die der Stadt verbunden sind, die in der Stadt eine Rolle spielen, mit Ensembles, die Musik als Soundtrack einer Stadt verankern. Ich kenne das aus meiner Jungend in Bremen: Werder-Trainer Otto Rehagel war auf einem Plakat im Smoking, Intendant Klaus Pierwoß im Werder-Trikot zu sehen. Die Botschaft: Fußball und Theater sind gleich wichtig für die Region! 

Subventionen für ein Theater sollten riskante Experimente unterstützen, ohne auf Auslastungszahlen zu schielen. Ein Haus, das krampfhaft versucht, mit Musical-Produktionen politisch vorgegebene Umsätze zu generieren, ist nicht nur eine unfaire Konkurrenz zu privaten Musical-Theatern, sondern auch ein Affront gegen die Subventionskultur an sich. 

Gut, dass Orchester in Schulen gehen sollen, aber man darf ihnen nicht den kompletten musikalischen Bildungsauftrag überschreiben. Wenn die Politik es nicht schafft, den musikalischen Bildungsauftrag in Schulen durchzusetzen, braucht sie gar nicht daran zu denken, staatliche Theater zu subventionieren – denn deren Publikum wird in der Regel in der Schulzeit begeistert. Intendanten und Künstler müssen ihre Rolle in der Region wieder neu entdecken: Sie sind die subventionierten Freigeister einer Stadt! In Corona-Zeiten hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. Während manche Theater sofort in Kurzarbeit gegangen und die Saison beendet haben, spielten andere leidenschaftlich an den Grenzen dessen, was möglich war, und haben Standards für das Verhalten in Zeiten der Pandemie definiert. Die Rolle der Kultur: Das Quartett spielt selbst, wenn die Titanic sinkt!

Die Rolle der Medien

In der Corona-Krise wurde deutlich, dass überregionale Tageszeitungen und auch die Hauptprogramme des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks dem kulturellen Überlebenskampf weitgehend macht- und energielos zuschauten. Arte hat, immerhin, Daniel Hope täglich als Musiker in die Wohnzimmer gebracht, der ORF die Festspiele begleitet und großen Künstlern Auftrittsmöglichkeiten gegeben – ansonsten: weitgehend Funkstille. 

Derweil haben Musiker sich selbst als Medium entdeckt und begonnen, aus ihren Wohnzimmern zu streamen. Niemand war so erfolgreich wie Pianist Igor Levit, der – ob man ihn mag oder nicht – inzwischen mit seinen Social Media Profilen als ernsthaftes Medium, wirkungskräftiger als das alte Fernsehen, verstanden werden muss. Die wichtige Debatte, die sich entwickelt hat, wurde noch nicht zu Ende geführt: Leisten kostenlose Streams der Entwertung der Musik Vorschub? Wer soll die Musik bezahlen? 

Die neue Rolle von Künstler-Seiten, Blogs und alternativen Anbietern ist spannend: Streams mit ernster Musik („Die Walküre“) aus dem Planschbecken-Garten des Sänger-Ehepaars Vinke erreichten weit über 100.000 Zuschauer*innen – und damit mehr als mancher Nischensender. Offen auch, wie Streamingdienste sich in Zukunft sortieren: Werden sie neue Geschäftsmodelle finden (wie z.B. DG Stage), wird es einen großen Player geben, oder werden alle Orchester und Theater auch weiterhin egoistisch weiterwursteln? Eine Entwicklung, die vollkommen offen ist. 

Sicher ist, dass Medien schon lange nicht mehr auf Kunstkritik reduziert werden können – sie müssen als Plattform der Musik fungieren, die Debatten bündeln, Geschichten entwickeln, Konzepte erarbeiten, die Musik wieder in den öffentlichen Diskurs stellen, egal, ob in Zeitungen und Zeitschriften, in sozialen Medien oder in Streams. Dabei müssen sie kritisch werden, nicht nur was die Qualität der Aufführungen betrifft, sondern auch gegenüber den Problemen des Systems. 360-Grad-Berichterstattung darf nicht nur eine technische Frage sein, sondern muss vor allen Dingen inhaltlich gedacht werden: Wie erzählen wir von der Begeisterung, die unsere Kunst auslöst, von ihren Diskursen, ihrem Ringen und ihrer Erfüllung? 

Der Auftrag der Politik

Schockiert sind viele Künstler besonders über die Politik. Da waren die sich sonst im Scheinwerferlicht der Musik sonnenden Politiker, die nun heillos überfordert schienen. Viele Künstler und Kulturinstitutionen fühlen sich im Stich gelassen. Tatsächlich ist es erschütternd, wie Monika Grütters durch die Krise taumelt. Meist: in Deckung! 

Kulturpolitik scheint tatsächlich an Relevanz verloren zu haben. Dabei ist ein System, das auf Subventionen angewiesen ist, und das ist die Klassik, auch auf kluge Kulturpolitik im Bund und in den Ländern angewiesen. 

Aber auch ohne Corona schien die Kulturpolitik schon länger über ihre eigene Unwissenheit und ihre Angst zu stolpern. Berlins Kultursenator Klaus Lederer hat in Sachen Staatsoper viel zu zögerlich reagiert, in Karlsruhe schaut man derweil zu, wie ein ganzes Theater gegen den Intendanten aufbegehrt. Und außerhalb der Kulturszene scheint dieser Seitenstrang der Politik niemanden zu interessieren.

Es ist wesentlich, dass Politiker allgemeingültig Formen von Benehmen und Anstand auch im Raum der Kultur durchsetzen. Gleichzeitig muss Kulturpolitik auch Lobby für die Kultur sein und die Bedeutung von Orchestern und Theatern nicht nur gebetsmühlenhaft in Sonntagsreden formulieren, sondern sie sichtbar machen: Durch kluge Personalpolitik, ausreichende Ausstattung der Häuser und in anstehenden Zeiten dramatischer Kürzungen auch durch den Kampf um jeden Euro – vor allen Dingen darf sie sich nicht nur in der Kultur sonnen, sondern muss das Vertrauen der Musiker*innen durch Kompetenz erreichen.

Foto Titelbild: Brüggemann

2 COMMENTS

  1. 1. Oper als Institution war – zumindest in deutschen Landen – noch nie Bürgeroper gewesen, sie war stets elitär. Getragen vom Hof (und damit von Steuergeldern) war sie zumeist nicht einmal zugängig, geschweige denn bezahlbar. Selbst Versuche der Gegenoper (etwa die deutsche Oper mit Weber vs. Hofoper in DD) waren nur bedingt Bürgeropern (resp. erschwinglich). Oper interessierte lange nicht, hatten damit auch keine oder wenig Relevanz, fahrende Bühnen präsentierten Schenkelklopfer und Hits der Zeit. Zu DDR-Zeiten wurden Arbeiter verpflichtet in die Oper zu gehen, die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Das Musical hatte von Beginn an eine ganz andere gesellschaftliche Bedeutung erlangen können, daher ist es von Theatern sehr wohl legitim, eigentlich sogar Pflicht, ihren Bürgern auch Musicals darzubieten, zumal private Musicaltheater in nur sehr wenigen Städten Deutschlands zu finden sind, Kultur, zumal Stadtkultur, aber vor Ort und nicht in HH oder K stattfinden muss. Insofern ist die „gute alte Zeit der klassischen Musik“ doch recht ambivalent zu sehen. Man möge sich mal mit der Publikumszusammensetzung bei Konzerten von Clara Schumann beschäftigen, das war nicht das alle Schichten umgreifende, alle Jahrgänge enthaltende Publikum, sondern das elitäre.

    2. Abseits von Opern und Orchestern gibt es zahlreiche Institutionen, die (kammer-)musikalische Erlebnisse vermitteln – durchaus mit großem Erfolg. Wir haben gemischtes Publikum und ausverkauftes Haus. Das Publikum war durchweg sehr froh, dass es endlich wieder losging, trotz aller Ein- und Beschränkungen. Die Relevanz für unser Publikum war und ist spürbar! Es werden auch sehr viele Menschen sagen, dass Fußball keine Relevanz habe. Für die Menschen, für die es wichtig ist, wird es gemacht. Und ja, sie wachsen sehr wohl nach, die Musikschulen sind ausgelastet. Das System ist nicht so kaputt wie gerne getan wird, klassische Musik ist weit mehr als Oper! Wir versuchen, kreativ neue Räume im wahrsten Sinne des Wortes zu erschließen und – es wird begeistert angenommen. Wenn die Hemmschwelle – schwarzer Smoking und Abendkleid – nicht vorhanden ist, sind weit mehr Menschen „Klassikfans“ als sich selbst vielleicht bezeichnen würden. Ob Opernhäuser überlebensfähig sind und bleiben sollten, das darf durchaus diskutiert werden. Sie binden nicht nur im Erhalt der Häuser extremes Geld, welches für viele spannende Projekte klassischer Musik (übrigens auch Opernprojekte) dann fehlt. Mittelfristig wäre zu diskutieren, ob es weniger Opernhäuser geben sollte, die dann mit spannenden, nicht den immergleichen Aufführungen für größere Regionen zuständig sind (inkl. den entsprechenden Reisen).

    3. Wer heutzutage noch verwundert darüber ist, dass Institutionen, die hierarisch organisiert sind und an denen vermeintliche oder echte Stars das Sagen haben, ein Machtgefälle vorhanden ist, welches sexuelle Übergriffigkeiten und Schlimmeres unterstützt, der hat die letzten 20 Jahre verschlafen. Es hätte mich weit mehr verwundert, wenn alle Künstlerinnen und Angestellte eines Opernbetriebs einhellig berichtet hätten, Domingo wäre nicht übergriffig gewesen, ehrlich gesagt wäre das weit eher eine Neuigkeit als das Gegenteil. Was aber sollen junge Leute, die in einen solchen Betrieb eintreten und solchen auch von den Medien gehypten Stars (und ja, auch Sie, Herr Brüggemann leben von den Stars und Sternchen der Szene! Da mutet es schon fast ein wenig scheinheilig an, zu fordern, internationale Stars seien überflüssig.) begegnen, was sollen sie dagegen machen? Was soll eine 23Jährige Choristin, grade von der Hochschule kommend, machen, um gegen ein solches System anzukommen? Den jungen Leuten vorzuwerfen, dass sie das System, das auch von den Medien jahrzehntelang gedeckt wurde (die Zustände waren bekannt und hätten ohne persönliche Konsequenzen aufgedeckt werden können!), nicht bekämpfen, ist ziemlich absurd. Es hat auch nicht zwingend mit Angst zu tun, meist hat man an solchen Häusern erst einmal damit zu tun, überhaupt musikalisch, praktisch und instrumental zu überleben. Der Sprung von der Hochschule, selbst mit Praktika, Hospitanz oder Substitutentum, an eine Oper oder in ein Orchester ist immens.

    4. Über Monika Grütters schweigt die Höflichkeit.

  2. Danke für den kritischen Anheizer, Herr Brüggemann, man muss Kultur & Klassik in die Gesellschaft bringen, d.h. ins allgemeine Leben, in die Politik, in die Bildungssysteme usw.!
    Mehr als Brot & Spiele (Fußball etc.) hat die Musik eine positive, verbindende Kraft, in allen Altersgruppen und in allen Genres (von Rock bis Oper!).
    Anders wie „angeheizt“ bin ich aber der Meinung, dass alles besser wurde mit der Zeit „der Aufklärung, der Verjüngung, der Entkrampfung von Spießertum und elitärem Zugang“. Nie war die Klassik so sehr bei jungen Leuten „möglich“ (wenn schon nicht „cool“) als heute. Zu Zeiten von Winifred, Karajan und Callas (sorry!) wäre doch niemand aus dem Nachwuchs ins Konzert gegangen.
    Heute geben kleine Events mit jungen, unprätentiösen „Stars“ ein autentisches Bild für Zusammengehörigkeit ab, wie es gerade in Corona-Zeiten deutlich gelobt werden sollte: z.B. Herbert Schuch mit seinem Beethoven-Zyklus über 18 Monate im Amberger Theater, ein dauernd ausgebuchtes New-Wave-Konzert-Haus Blaibach, oder ein 17jähriger Domspatz, der gerade zum Chorleiter in seiner Heimatgemeinde gekürt wurde: Kleine Notizen aus der Provinz, die den großen vergangenen in den Weltstädten gegenüber stehen und das Publikum erweitern, wenn auch mühsam und ohne Sensationsmedien. Freilich fehlen die Finanzmittel, wenn nicht große Gagen und Reklame dafür sorgen. Umso mehr müssen die Kulturverantwortlichen von Ländern und Städten Ihre Pflicht tun!

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