Ein Anruf bei Ricarda Fuss vom Arcis Saxophon QuartettAls Saxofonistin in Saudi-Arabien

Ricarda Fuss
Foto: privat

Ein Anruf bei Ricarda Fuss vom Arcis Saxophon Quartett, die sich als unverheiratete Frau auf eine Tournee nach Saudi-Arabien begab.

crescendo: Frau Fuss, gerade kommen Sie von einer Tournee mit vier Konzerten in Saudi-Arabien zurück. Wie kam es dazu?

Ricar­da Fuss: Im Som­mer hat­ten wir auf NDR Kul­tur einen klei­nen Radio­bei­trag. Der deut­sche Gene­ral­kon­sul in Tschid­da stand – gera­de auf Deutsch­land­be­such – auf der Auto­bahn im Stau, hör­te uns und war so begeis­tert, dass er uns sofort form­los auf Face­book anschrieb und zu Kon­zer­ten in Sau­di-Ara­bi­en ein­lud.
Wie auf­wen­dig war es mit den Papie­ren?
Für den Kon­sul war es ein Rie­sen­auf­wand, er muss­te meh­re­re Instan­zen durch­lau­fen. Weil ich eine Frau und unver­hei­ra­tet bin und somit kei­nen männ­li­chen Vor­mund habe. Tou­ris­mus-Visa gibt es nicht. Wir muss­ten zur Bot­schaft in Ber­lin und haben erst weni­ge Stun­den vor­her Bescheid bekom­men, dass es klappt. Fast wäre es schief­ge­gan­gen!

Wie war es vor Ort?

Am Flug­ha­fen wur­de mir eine Aba­ya gebracht, ein boden­lan­ges isla­mi­sches Gewand. Das muss­te ich im öffent­li­chen Raum anzie­hen. Ein Kopf­tuch muss­te ich nicht tra­gen, das ist seit cir­ca einem Jahr kei­ne Pflicht mehr. Das Hotel- und Kon­zert­pu­bli­kum war sehr inter­na­tio­nal. Aber wir sind viel spa­zie­ren gegan­gen. Da fie­len wir natür­lich auf, da etwa 95 Pro­zent der Frau­en voll­ver­schlei­ert sind. Allein her­um­zu­lau­fen hät­te ich mich nicht getraut.

Wissen Sie die Freiheit in Europa jetzt mehr zu schätzen?

Nach einer Woche war ich total froh, wie­der hier zu sein und mei­ne Frei­heit zu genie­ßen. Obwohl ich das mit der Aba­ya anfangs nicht so schlimm fand, hat es mich irgend­wann doch gestresst, immer gleich aus­zu­se­hen und bei 30 Grad dar­un­ter zu schwit­zen. Sich selbst mor­gens aus­zu­su­chen, was man trägt, ist Aus­druck der eige­nen Per­sön­lich­keit! Im Hotel war ein sehr schö­ner Pool- und Spa-Bereich – nur für Män­ner. Wäh­rend die ande­ren am Pool lagen, muss­te ich im Hotel­zim­mer sit­zen! Den­noch war es eine tol­le Erfah­rung, die­se Kul­tur ken­nen­zu­ler­nen.

Schon in Deutschland sind Sie als Saxofonistin die Minderheit…

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Mir selbst fällt das gar nicht so auf. Wobei nach Kon­zer­ten regel­mä­ßig Zuhö­rer – meis­tens älte­re Herr­schaf­ten – kom­men und fra­gen, wie ich als Frau die Kraft habe, so ins Saxo­fon zu bla­sen, was mit Geschlecht und Kör­per­bau gar nichts zu tun hat. Aber in den Köp­fen der Leu­te sind Blas­in­stru­men­te eher was für Män­ner.

Auch als Ensemble, das Saxofon mehr in der klassischen Musik etablieren will, sind Sie Teil einer Minderheit…

Ja, es gibt nur sehr weni­ge klas­si­sche Wer­ke für Saxo­fon­quar­tett. Nach wie vor wis­sen die Leu­te nicht, was sie in unse­ren Kon­zer­ten erwar­tet. Sie kom­men mit fal­schen Erwar­tun­gen – Saxo­fon ver­bin­den die meis­ten haupt­säch­lich mit Jazz – oder gar kei­nen. In jedem Fall ist es immer eine Über­ra­schung … und wir haben nach dem Kon­zert noch nie eine nega­ti­ve Stim­me dazu gehört!

Infos zum Arcis Saxo­phon Quar­tett unter www.arcissaxophonquartett.de

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Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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