BroadwayAmüsieren wir uns!

Die Zuckergusswelt in
Foto: Joan Marcus

Unsere Autorin hat sich am Broadway das neue Musical „Charlie and the Chocolate Factory“ von Marc Shaiman, David Greig und Scott Wittman angesehen. Noch mehr beeindruckt als der Show-Glitter hat sie: die auf besondere Weise wohlwollende Haltung des Publikums. Warum routinierte Operngänger hier etwas lernen können…

Allein schon der Weg vom New Yorker Times Square mit all seinem überdimensionierten Blinky-blink hin zu den optisch jeweils feinst auf ihre aktuelle Darbietung abgestimmten Musiktempeln des Broadway lässt selbst hartgesottene europäische Großstädter in Schnappatmung verfallen. Nähert man sich dem Lunt-Fontanne Theatre, wo seit April „Charlie and the Chocolate Factory“ gegeben wird, springt schon einen Häuserblock zuvor die Beflaggung in Quietsch-Pink und Gold mit dem omnipräsenten „W“ für Willy Wonka ins Auge, um dessen Schokoladen-Imperium sich im Stück alles dreht. Und drinnen, ja drinnen bekommt man dann formvollendet all das serviert, was man von einer solchen Show vielleicht erwarten mag: eine mal mehr, mal weniger funktionsfähige Adaption des Kinderbuchklassikers von Roald Dahl (1964) beziehungsweise stärker noch von deren berühmter Verfilmung durch Tim Burton mit Johnny Depp in der Hauptrolle (2005), eine Mischung aus sanftem Kitsch, soliden Akteuren (bemerkenswert der sensationelle Kinderdarsteller Ryan Foust als Charlie Bucket), einem Hauch überdrehtem Showglitter, etwas Klamauk (vor allem die Darstellung des kleinwüchsigen Volks der Oompa Loompa), einer Prise Illusionstheater (entschwebende Papierflieger, hinweggleitende Sekretäre, das platzende Mädchen Violet), einer Musik, die ein wenig wie das Medley aus bereits bekannten Musicalmelodien wirkt, und einem bisschen Mediashow.

Amüsieren wir uns!

Doch noch bevor die Show überhaupt beginnt, lohnt sich ein Blick weg von der Bühne mit dem in sehr tiefem Graben darunter eingekerkerten Orchester, das am Ende nicht einmal einen eigenen Applaus erhalten wird, hin zu den Nebenmännern, Nebenfrauen und ja, auch jeder Menge Nebenkindern. Bewegt man sich sonst eher in den Sphären des traditionellen Opern- und Konzertbetriebs, ist hier etwas fundamental anders. Und nein, es sind nicht reine Äußerlichkeiten wie die Durchmischtheit der Gewandungen von lässigem Bummel-Outfit bis großer Abendgarderobe, von kurzer Hose bis Bügelfaltenrock. Es ist ebensowenig die Durchmischtheit der Altersgruppen, Nationalitäten und offenkundig verschiedenen sozialen Herkünfte. Es ist auch nicht die Möglichkeit der Mitnahme von Speisen und Getränken in den Saal – selbstverständlich dargereicht in Behältnissen im Willy-Wonka-Design – und dem dadurch evozierten popcornseligen Kino-Feeling. Es ist die Toleranz, mit der all dies geschieht! Menschen, die eine ganz spezifische Art der Offenheit besitzen: Nicht nur ihrem Mit-Publikum sondern auch und im Besonderen dem gegenüber, was gleich auf der Bühne geschehen wird. Sie sind ultimativ willig, sich begeistern zu lassen; ultimativ willig, sich verführen zu lassen; ultimativ willig, zu lachen. Sie sind auf spezielle Art wohlwollend in Perfektion. Und sehr entscheidend: Sie sind nicht dumm oder kritikunfähig. Sie kultivieren eine besondere Form von Betrachtungs-Optimismus.

Dagegen die Welt der „Hochkultur“, in der schon das Wort „Show“ despektierlich ist

Wie anders atmosphärelt es oft im Opernhaus. Schon mit leicht angerümpfter Nase wird die Stätte der Kulturaustragung betreten, allein das Wort „Show“ wäre hochgradig despektierlich. Und selbst bei den grundsätzlich Begeisterungswilligen lässt sich eine bizarre Angespanntheit detektieren – vielleicht ein Relikt aus den frühen, überfordernden oder schockierenden Zeiten des Regietheaters? – „Oje, man wird mir doch >meinen< Mozart nicht kaputtmachen? Man wird doch >meinen< Wagner nicht sezieren? Was hat der Regisseur wieder getrieben?“. Warum diese Unsicherheit, dieser Pessimismus, statt Neugier in ihrer Absolutheit, statt einem bedingungslosen Erstmal-die-Reise-mitgehen-egal-wohin? Und schließlich wären da noch die Opern-„Fans“. Sie haben es, das ultimative Wohlwollen. Doch sie haben es nur ihrem Star gegenüber. Bei diesem jedoch zuweilen in einem Ausmaß bis zur Fehlerblind- bzw. Taubheit.

„A person can’t eat daydreams!“ Lächelnd verziehene Binsenweisheiten

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Bei „Charlie“ bekommt jeder Solist einen Auftrittsapplaus, egal ob Broadway-Prominenz oder Newcomer. Über viele Klischees (die russische Supersnob-Familie, der permanent Würste futternde, deutsche Fettwanst mit jodelnder Mutter etc.) oder Allgemeinplätze („A person can’t eat daydreams!“) lacht das Publikum einfach hinweg, um sich an den etwas ironischeren und klügeren Gags umso mehr zu freuen („Here in the bossom of America, we give our kids a lot of love and lots of guns“). Am Bühnenausgang werden die Darsteller des Abends gefeiert wie Popstars.

Warum nicht vom Musicalpublikum lernen und mit einem maximal offenen und toleranten „Unterhalte mich! Verführe mich! Bezaubere mich! Denn ich will unterhalten, ich will verführt, ich will bezaubert werden“ in die Oper gehen? Und zuweilen alles einfach mal eine richtig gute Show sein lassen?

Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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