Ana de la Vega und Ramón Orte­ga Quero zei­gen auf ihrem Album das fas­zi­nie­ren­de Zusam­men­spiel von Flö­te und Oboe. Mit den Trond­heim Soloists haben sie Wer­ke von Joseph Haydn und Carl Stamitz auf­ge­nom­men. Im CRE­SCEN­DO-Gespräch erzäh­len sie von ihrer Suche nach alten Noten, ihrer Lie­be zu den baro­cken Klän­gen und dem reiz­vol­len Zusam­men­wir­ken ihrer Instru­men­te.

CRESCENDO: Frau de la Vega, Herr Orte­ga Quero, Ihr Album mit den Trond­heim Soloists ent­hält eine musi­ka­li­sche Wie­der­ent­de­ckung: zwei Kon­zer­te von Carl Stamitz. Wie sind Sie dar­auf gesto­ßen?
Ana de la Vega: Als ich die­se Musik hör­te, ver­lieb­te ich mich sofort in sie und woll­te sie unbe­dingt spie­len. Die­ses spe­zi­fi­sche Flö­ten­kon­zert von Stamitz ist eines der groß­ar­tigs­ten die­ser Epo­che. Und sein Kon­zert für Flö­te und Oboe ist ein­fach umwer­fend.

Ana de la VegaAna de la Vega: »Ich brauchte Monate, um dieses Flötenkonzert von Carl Stamitz zu finden.«

Die Schwie­rig­keit bestand dar­in, die Par­ti­tu­ren auf­zu­trei­ben. Stamitz stamm­te aus einer Musi­ker­fa­mi­lie. Auch zwei sei­ner Brü­der Johann und Anton waren Musi­ker. Zu den Kom­po­si­tio­nen der Fami­lie Stamitz wur­de wohl 1801 ein Werk­ver­zeich­nis erstellt. Es ist jedoch ver­lo­ren. Ich brauch­te Mona­te, um die­ses Flö­ten­kon­zert zu fin­den.

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Die Trondheim Soloists haben mit Ana de la Vega und Ramón Ortega Quero Werke von Joseph Haydn und Carl Stamitz aufgenommen.

Haben mit Ana de la Vega und Ramón Orte­ga Quero Wer­ke von Joseph Haydn und Carl Stamitz auf­ge­nom­men: die Trond­heim Soloists
(Foto: © Niko­laj Lund)

CRESCENDO: Sie haben direkt aus dem Manu­skript gespielt. Was ist das für ein Gefühl?
Ana de la Vega: Das war eine beson­de­re Erfah­rung für mich. Man fühlt sich dem Kom­po­nis­ten ganz nah.
Ramón Orte­ga Quero: Da ich viel Barock­mu­sik spie­le, bin ich ver­traut mit alten Noten­schrif­ten. Aber die Hand­schrift des Kom­po­nis­ten vor sich zu haben, ist noch ein­mal ein ande­res Gefühl. Wenn man sieht, wie er die Akzen­te und Arti­ku­la­ti­ons­zei­chen gesetzt hat, dann spürt man, wel­che Wich­tig­keit er ihnen bei­maß.

CRESCENDO: Was das Dop­pel­kon­zert aus­zeich­net, ist, dass es tat­säch­lich für Flö­te und Oboe geschrie­ben ist…
Ramón Orte­ga Quero: Diese bei­den Instru­men­te müss­ten als Solo­in­stru­men­te häu­fi­ger im Vor­der­grund ste­hen.

Ramón Ortega QueroRamón Ortega Quero: »Wir wollten zeigen, wie wunderbar der helle Flötenklang mit der dunklen Färbung der Oboe harmonisiert.«

Das war für uns ein ent­schei­den­der Beweg­grund zu die­sem Album. Wir woll­ten das Zusam­men­spiel der bei­den Instru­men­te zei­gen, wie wun­der­bar der hel­le Flö­ten­klang mit der dunk­len Fär­bung der Oboe har­mo­ni­siert.
Ana de la Vega: Das ist zau­ber­haft, und vie­le Kom­po­nis­ten haben die­sen Effekt in Sin­fo­ni­en und Opern auch wir­kungs­voll ein­ge­setzt. Selt­sa­mer­wei­se aber zeig­ten nur weni­ge Inter­es­se dar­an, Flö­te und Oboe als Solo­in­stru­men­te zu ver­wen­den.

Ramón Ortega Quero und Ana de la Vega

Freu­en sich über die Reak­tio­nen des Publi­kums in ihren Kon­zer­ten: Ana de la Vega und Ramón Orte­ga Quero
(Foto: © Boaz Arad)

Für uns war es eine gro­ße Freu­de, die Reak­tio­nen des Publi­kums bei den Kon­zer­ten zu erle­ben, die wir in Zusam­men­hang mit die­sem Album spiel­ten. Wenn wir bei­de gemein­sam auf der Büh­ne ste­hen, dann ist das Publi­kum gepackt von der klang­li­chen Magie die­ser bei­den Stim­men.

CRESCENDO: Wis­sen Sie etwas über die Ent­ste­hung die­ses Dop­pel­kon­zerts?
Ramón Orte­ga Quero: Stamitz schrieb für die meis­ten Holz­blas­in­stru­men­te Kon­zer­te. Es gibt berühm­te Kla­ri­net­ten­kon­zer­te, ein Obo­en- und ver­schie­de­ne Flö­ten­kon­zer­te. Ver­mut­lich baten ihn Kol­le­gen oder befreun­de­te Musi­ker dar­um.

Ana de la VegaAna de la Vega: »Vom Nachlass der Familie Stamitz ist kaum etwas erhalten.«

Ana de la Vega: Her­aus­fin­den konn­te ich dazu aller­dings nichts. Vom Nach­lass der Fami­lie Stamitz ist kaum etwas erhal­ten. Was ich an Brie­fen und Noti­zen gese­hen habe, befand sich in einem schreck­lich schlech­ten Zustand.

CRESCENDO: Als Stamitz starb, hin­ter­ließ er hohe Schul­den, sodass sein Nach­lass ver­stei­gert wur­de. Vie­le sei­ner Wer­ke sind daher ver­schol­len. Hof­fen Sie, noch wel­che auf­zu­stö­bern?
Ana de la Vega: Das wäre groß­ar­tig.
Ramón Orte­ga Quero: Nach­dem ich die­ses Flö­ten­kon­zert gehört habe, das ich für eines der bes­ten Kon­zer­te hal­te, die damals für Flö­te geschrie­ben wur­den, hof­fe ich, dass noch ein eben­so genia­les Obo­en­kon­zert von ihm auf­taucht.

CRESCENDO: Die bei­den Haydn-Kon­zer­te waren ursprüng­lich für Orgel­lei­er geschrie­ben. War­um haben Sie sich für sie ent­schie­den?
Ramón Orte­ga Quero: Sie schaf­fen als Con­cer­ti gros­si eine wun­der­ba­re Balan­ce zu den bei­den vir­tuo­sen Solo­kon­zer­ten von Stamitz. Haydn selbst hat die­se Umbe­set­zung zuge­las­sen. Die Kon­zer­te waren ein Auf­trag von König Fer­di­nand von Nea­pel.

Ramón Ortega QueroRamón Ortega Quero: »Die Orgelleier war das Lieblingsinstrument von König Ferdinand von Neapel.«

Die Orgel­lei­er war sein Lieb­lings­in­stru­ment. Er spiel­te sie auch selbst und erteil­te einer Rei­he von Kom­po­nis­ten Auf­trä­ge dafür. Da Haydn damals der berühm­tes­te Kom­po­nist war, lud der König ihn sogar ein, nach Nea­pel zu kom­men und die Auf­füh­rung sei­ner Kon­zer­te selbst zu lei­ten. Haydn aber ent­schied sich, einer Ein­la­dung nach Lon­don zu fol­gen. Er nahm eine Abschrift der Kon­zer­te mit. Und da es in Lon­don kei­ne Orgel­lei­er gab, wur­den sie dort mit Flö­te und Oboe gespielt.

Ana de la Vega und Ramón Ortega Quero

Pla­nen ein wei­te­res Album mit sel­ten auf­ge­nom­me­nen Flö­ten- und Obo­en­kon­zer­ten: Ana de la Vega und Ramón Orte­ga Quero
(Foto: © Boaz Arad)

CRESCENDO: Frau de la Ver­ga, auf Ihrem ers­ten Album spiel­ten Sie Mozart und Mys­li­veček, jetzt Haydn und Stamitz. All die­se Kom­po­nis­ten sind tief ver­wur­zelt in der mit­tel­eu­ro­päi­schen Kul­tur. Sie sind in Aus­tra­li­en auf­ge­wach­sen. Was begeis­tert Sie an die­ser Musik?
Ana de la Vega: Ganz ein­fach: dass sie so herr­lich ist! Ja, Aus­tra­li­en mag geo­gra­fisch weit ent­fernt von ihrem Ursprungs­ort lie­gen. Aber vom ers­ten Augen­blick an, als ich die­se Musik hör­te, war ich völ­lig bezau­bert. Ich wuss­te, dass ich sie spie­len möch­te, auch wenn sie hohe Anfor­de­run­gen an ihre Inter­pre­ten stellt.
Ramón Orte­ga Quero: Die­se Musik spricht direkt zur See­le. Da ist es egal, woher man kommt. Die­se Spra­che ver­steht jeder.

CRESCENDO: Das Stück von Mys­li­veček war auch eine Ent­de­ckung. Befin­den Sie sich immer auf der Suche?
Ana de la Vega: Ja, in Paris, wo ich lan­ge Zeit leb­te, ver­brach­te ich viel Zeit in Biblio­the­ken. Als Flö­tis­ten ver­fü­gen wir nur über ein begrenz­tes Reper­toire. Aus der Roman­tik haben wir gera­de­mal ein paar Stü­cke von Carl Rei­ne­cke.

Ana de la VergaAna de la Vega: »Ich hoffe immer, noch etwas Vergessenes oder Verschollenes zu finden.«

Aber von Mozart bis zur fran­zö­si­schen Musik des frü­hen 20. Jahr­hun­derts klafft ein rie­si­ges Loch. Auch von Mozart haben wir nur zwei Kon­zer­te sowie eines für Flö­te und Har­fe, und eines davon wur­de von der Oboe gestoh­len. So hof­fe ich immer, noch etwas Ver­ges­se­nes oder Ver­schol­le­nes zu fin­den.
Ramón Orte­ga Quero: Flö­te und Oboe erleb­ten im 20. Jahr­hun­dert eine Renais­sance. Gegen­wär­tig wer­den, so scheint es mir, sogar mehr Stü­cke für sie geschrie­ben, als zur Zeit des Barocks. Die Zukunft sieht gut aus für die bei­den Instru­men­te. Den­noch füh­le ich mich mehr zur Alten Musik hin­ge­zo­gen.
Ana de la Vega: Mir liegt eben­falls mehr dar­an, älte­re Wer­ke auf­zu­fin­den und ans Licht zu brin­gen. Das ist die Ära, der mei­ne Lei­den­schaft gehört.

CRESCENDO: Wel­che wei­te­ren musi­ka­li­schen Plä­ne haben Sie?
Ana de la Vega: Es gibt vie­le Ide­en. Mein nächs­tes Album soll sich in Rich­tung fran­zö­si­scher Musik des frü­hen 20. Jahr­hun­derts bewe­gen.

CRESCENDO: Wer­den Sie es wie­der gemein­sam auf­neh­men?
Ramón Orte­ga Quero: Unse­re Wege wer­den sich ohne Zwei­fel wie­der kreu­zen. Aber es ist auch wich­tig, dass jeder von uns sei­ne eige­nen Pro­jek­te hat.
Ana de la Vega: Für unse­re gemein­sa­men pla­nen wir ein wei­te­res Album mit sel­ten auf­ge­nom­me­nen Flö­ten- und Obo­en­kon­zer­ten. Und ein Bach-Pro­jekt ist eben­falls ange­dacht.

Joseph Haydn, Carl Stamitz: „Con­cer­tos for Flu­te and Oboe”, Ana de la Vega, Ramón Orte­ga Quero, Trond­heim Soloists (Pen­ta­to­ne)

das Album ist zu erwer­ben auf: Ama­zon oder auf: jpc

CRE­SCEN­DO-Abon­nen­ten kön­nen die­ses Album kos­ten­frei auf der NML hören: NML

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Kon­zert­ter­mi­ne und wei­te­re Infor­ma­tio­nen zu Ana de la Vega und Ramón Orte­ga Quero: www.anadelavega.com und www.ramonortegaquero.com

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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