Eine Tragödie um Liebe, Intrige und Macht

Andreas Kriegenburg

Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Verdis Simon Boccanegra im Großen Festspielhaus Salzburg mit Luca Salsi in der Titelpartie und Valery Gergiev am Pult der Wiener Philharmoniker

Andreas Kriegenburg sieht Verdi als politisch denkenden Künstler. Scharf, genau und bitter würde er beobachten und das Böse und Grausame wahrnehmen. Mit gnadenlosem Blick beschreibe er die Gesellschaft und die Verzerrungen der Charaktere. Mit Simon Boccanegra inszenierte Kriegenburg zu den Salzburger Festspielen 2019 eine Oper, die nicht zu Verdis populären Werken zählt und von Verdi selbst als „Schmerzenskind“ gesehen wurde.


Marina Rebeka und Charles Castronovo als Liebespaar Amelia Grimaldi und Gabriele Adorno im Trailer zur DVD und Blue-ray Disc von Andreas Kriegenburgs Simon Boccanegra-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 2019  

Verdi stützte sich auf ein Drama von Antonio Garcia Gutierrez, bei dem er schon den Stoff zur Oper Il Trovatore gefunden hatte und das ein ähnlich düsteres Geschehen zum Thema hat. Die Handlung spielt um 1350 in Genua vor dem Hintergrund eines Klassenkampfes zwischen Patriziern und dem Plebejer Simon Boccanegra. Dieser soll neuer Doge von Genua werden und hofft damit, Maria, die Tochter des Patriziers Jacopo Fiesco, heiraten zu können, die dieser ihm aus Standesstolz nicht zur Frau geben will. Maria ist aus Kummer darüber verstorben, und das Kind aus ihrer Beziehung ist verschwunden.

Dramatik aus dem Inneren der Musik

Harald B. Thor entwarf für Kriegenburgs Inszenierung ein unterkühltes, klar strukturiertes Bühnenbild.
Harald B. Thor entwarf für Kriegenburgs Inszenierung ein unterkühltes, klar strukturiertes Bühnenbild.
(Foto: © Ruth Walz / Salzburger Festspiele)

In der Verschränkung sozialer und privater Konflikte ist die Oper sowohl eine politische Tragödie um Macht, Intrige und Mord, als auch eine Familientragödie um Liebe, Eifersucht und später Versöhnung im Angesicht des Todes. Was sie auszeichnet, ist die musikalische Gestaltung. Verdi verlässt mit ihr das Schema der Arienoper. Statt eine Reihe herausragender Arien zu gestalten, lässt er die Musik von der ersten bis zur letzten Szene dahinströmen und mit unglaublichem psychologischen Verständnis und eindringlicher Aussagekraft die Geschichte erzählen. Diese Dramatik, die aus dem Inneren der Musik erwächst, sucht Kriegenburg in seiner Inszenierung umzusetzen. Ihm ist es darum zu tun, Verdis bittere Analyse der Gesellschaft genauso bitterböse und schmerzhaft auf die Bühne zu bringen, wie dieser sie komponierte. So zeigt er eine Gesellschaft, in der Missgunst und Neid herrschen und die von Zerrissenheit geprägt ist.

Dunkle Männerstimmen und eine düstere Schwere

René Pape als Jacopo Fiesco inmitten der beiden Nebenbuhler Gabriele Adorno und Paolo Albiani, verkörpert von Charles Castronovo und André Heyboer, in Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Verdis "Simon Boccanegra"
René Pape als Jacopo Fiesco inmitten der beiden Nebenbuhler Gabriele Adorno und Paolo Albiani, verkörpert von Charles Castronovo und André Heyboer
(Foto: © Ruth Walz / Salzburger Festspiele)

Getragen von dunklen Männerstimmen, liegt eine düstere Schwere auf dem Werk. Die Titelfigur Simon Boccanegra verkörpert der Bariton Luca Salsi, der die Zerrissenheit zwischen privaten Wünschen und politischem Auftrag stimmlich in warmen Farben und berührenden Piani zum Ausdruck bringt. Als sein Gegenspieler Jacopo Fiesco steht der Bass René Pape auf der Bühne. Er gab in der Rolle sein Debüt und lotet mit seiner Stimme die volle Tiefe des Charakters aus. Amelia Grimaldi, Boccanegras Tochter und Fiescos Enkelin, gestaltet Marina Rebeka mit ihrem strahlenden Sopran. Als Nebenbuhler Gabriele Adorno und Paolo Albiani stehen einander der Tenor Charles Castronovo und der Bariton André Heyboer gegenüber. Der Plebejer Pietro ist der Bass Antonio Di Matteo. Eine tragende Rolle kommt dem Wiener Staatsopernchor zu. Am Pult der Wiener Philharmoniker steht Valery Gergiev.

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Blick in die Angründe des Menschen

Sieht Verdi als politisch denkenden Künstler: Regisseur Andreas Kriegenburg
Sieht Verdi als politisch denkenden Künstler: Regisseur Andreas Kriegenburg
(Foto: © Salzburger Festspiele)

Was Kriegenburg auf die Bühne bringt, ist nicht bloß eine politische Parabel, sondern ein tiefer Blick in die Abgründe des Menschen. Er hebt die Oper aus ihrem historischen Rahmen heraus, betont ihre Allgemeingültigkeit und stellt durch Attribute wie Smartphones und Laptops den Bezug zur Gegenwart her. Von Harald B. Thor hat er sich ein unterkühltes, klar strukturiertes Bühnenbild entwerfen lassen, das der Vorstellungskraft der Zuschauer Raum lässt. In unterschiedliches Licht getaucht, schimmert es golden oder silbern und dient als Symbol wirtschaftlicher Macht ebenso wie als politische Bühne und privater Raum.

Luca Salsi als Simon Boccanegra
Vergiftet: Luca Salsi als Simon Boccanegra
(Foto: © Ruth Walz / Salzburger Festspiele)

Sicher nicht leicht zu filmen bei weitgehender Dunkelheit auf der Bühne des Salzburger Festspielhauses, ist es Tiziano Mancini gelungen, die Darsteller in ihrem Ausdruck einzufangen und den Blick des Betrachters, sei es in der Totale oder in den jeweiligen Nahaufnahmen, auf die Dramatik des düsteren Geschehens zu lenken.

Beigefügt ist ein ausführliches Booklet mit Besetzungsliste, Inhaltszusammenfassung sowie einem Bericht über die Oper und Pressestimmen zu Kriegenburgs Inszenierung.

Giuseppe Verdi: „Simon Boccanegra“, Luca Salsi, Marina Rebeka, René Pape, Charles Castronovo u.a., Andreas Kriegenburg, Wiener Philharmoniker, Valery Gergiev (UNITEL Edition)
Zu beziehen als DVD oder Blu-ray Disc u.a. bei: www.amazon.de

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