Para­di­se Lost“ lau­tet der Titel des neu­en Albums von Anna Pro­has­ka. Die Kolo­ra­turs­o­pra­nis­tin mag kei­ne Kli­schees. Ihrem Fach ent­spre­chend, weiß sie zu dif­fe­ren­zie­ren. Ein Gespräch über Frau­en­bil­der,  Rol­len­ver­tei­lung und Igno­ranz. Und über das Glück der lei­sen Töne.

CRESCENDO: Frau Pro­has­ka, in Ideo­me­no sind Sie die Ilia, eine kriegs­ge­fan­ge­ne Prin­zes­sin, die sich in den Feind ver­liebt. Das ist ja in vie­ler­lei Hin­sicht eine Her­aus­for­de­rung…

Anna Pro­has­ka: Abso­lut. Auf der schau­spie­le­ri­schen Ebe­ne fin­de ich es span­nend, die Ilia nicht als Opfer oder schwäch­li­ches Prin­zes­schen dar­zu­stel­len, son­dern als Frau, die ihren Prin­zi­pi­en, ihrer Fami­lie und ihrem Land treu blei­ben will. Ent­spre­chend ver­su­che ich, die­sen Kon­flikt der Lie­be zum Feind aus einer inne­ren Stär­ke her­aus zu beglau­bi­gen, die viel­leicht eher aus der Stimm­far­be kommt – statt zu ver­su­chen, sie durch gro­ße schau­spie­le­ri­sche Ver­ren­kun­gen von außen drauf­zu­sat­teln.

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Anna Pro­has­ka: „Die Musik ist etwas viel Grö­ße­res als wir.“ 
(Alle Fotos die­ser Sei­te: © Mar­co Borg­gre­ve)

CRESCENDO: Sie begrei­fen sich zu glei­chen Tei­len als Sän­ge­rin und Schau­spie­le­rin?

Anna Pro­has­ka: Im Ide­al­fall sind Sän­ger Musi­ker und Schau­spie­ler zu je  50 Pro­zent. Vie­le erklä­ren sich zu Sän­gern, als wäre das eine Art eige­ner Spe­zi­es. Gera­de in Kon­zer­ten oder Lie­der­aben­den füh­le ich mich wie eine Musi­ke­rin, nicht wie eine Hül­le der Stim­me. Die Musik ist etwas viel Grö­ße­res als wir, grö­ßer als die Per­so­na der Pri­ma­don­na oder des Pri­mo Uomo.

CRESCENDO: Ach­ten Sie bei der Rol­len­wahl auch dar­auf, wel­ches Frau­en­bild damit trans­por­tiert wird?

Anna Pro­has­ka: Ich habe natür­lich an Insze­nie­run­gen mit­ge­wirkt, mit deren Frau­en­bild ich mich nicht iden­ti­fi­zie­ren konn­te. Da muss man sich ent­schei­den, ob man gegen die Regie ankämpft oder ver­sucht, mit Charme, Humor oder Diplo­ma­tie den Regis­seur vom eige­nen Bild zu über­zeu­gen. Zum Bei­spiel, wenn man in eine extrem sexua­li­sier­te Rich­tung gedrängt wer­den soll, wenn jede Arie eine neue Spie­le­rei damit ist. Ich bin nicht prü­de, aber bei sol­chen Kon­zep­ten bekom­me ich schnell das Gefühl, das ist jetzt doch tot­ge­tre­ten.

Anna Pro­has­ka: „Die Män­ner sind nicht immer die Chau­vis, die Frau­en nicht auto­ma­tisch die eman­zi­pier­ten Viel­sei­ti­gen.“ 

CRESCENDO: Ist das ein Pro­blem der Män­ner­do­mi­nanz in Ihrer Bran­che?

Anna Pro­has­ka: Ich habe bei Regis­seu­ren erlebt, dass sie einen in ein Kli­schee zu drän­gen ver­su­chen, genau­so aber auch bei Regis­seu­rin­nen, die einen benut­zen für einen Topos oder eine Reprä­sen­ta­ti­on von etwas total Ein­di­men­sio­na­lem. Die Män­ner sind nicht immer die Chau­vis, die Frau­en nicht auto­ma­tisch die eman­zi­pier­ten Viel­sei­ti­gen. Es gehen ja auch nicht alle Frau­en gern shop­pen.

CRESCENDO: Ist der Klas­sik­be­trieb in Fra­gen von Reprä­sen­ta­ti­on zurück hin­ter dem Sprech­thea­ter?

Anna Pro­has­ka: Mitt­ler­wei­le wird auch in der Oper sehr inter­na­tio­nal besetzt. Noch vor 20, 30 Jah­ren, das haben mir dun­kel­häu­ti­ge Kol­le­gen erzählt, war Haut­far­be ein selbst­ver­ständ­li­ches Kri­te­ri­um für Absa­gen. Weil es hieß, das pas­se irgend­wie nicht. So was treibt mich zur Weiß­glut. Neh­men wir Così fan tut­te, zwei Schwes­tern – was spricht dage­gen, dass die eine schwarz ist, die ande­re weiß? Es ist doch viel unrea­lis­ti­scher, dass jemand, der an Tuber­ku­lo­se stirbt, 15 Minu­ten eine hel­di­sche Arie vor­trägt.

»Über das Unglaubhafte hinweg in eine Fantasiewelt«

CRESCENDO: Aber das glau­ben die Leu­te.

Anna Pro­has­ka: Im Eng­li­schen gibt es die schö­ne Wen­dung „sus­pen­si­on of dis­be­lie­ve“, was meint, über das Unglaub­haf­te hin­weg in eine Fan­ta­sie­welt, eine ande­re Rea­li­tät zu kom­men. Das ist doch eigent­lich das Tol­le an der Oper! In Star Wars schie­ßen die Sturm­trup­pen auch immer dane­ben, und die Hel­den über­le­ben. Ist das etwa rea­lis­tisch?

Anna Pro­has­ka: „Ist Eva nicht viel­leicht sogar ein weib­li­cher Pro­me­theus?“ 

CRESCENDO: Um zu den Frau­en zurück­zu­kom­men – auf Ihrer neu­en CD „Para­di­se Lost“, die nach dem gleich­na­mi­gen Vers­epos von John Mil­ton beti­telt ist, wid­men Sie sich unter ande­rem der bibli­schen Eva. Wodurch ist die­ses Pro­jekt inspi­riert?

Anna Pro­has­ka: Ursprüng­lich woll­te ich mich mit grie­chi­schen Sagen beschäf­ti­gen. Über den Gar­ten der Hespe­ri­den bin ich dann auf die­ses Motiv des ewi­gen Lebens und der ewi­gen Jugend gekom­men, das ja in fast allen Mytho­lo­gien und Kul­tu­ren exis­tiert. Es hat mich gereizt, mir den mono­the­is­ti­schen Kreis der abra­ha­mi­ti­schen Reli­gio­nen, die ja sämt­lich in Meso­po­ta­mi­en wur­zeln, dar­auf näher anzu­schau­en und zu hin­ter­fra­gen, wel­che Sehn­süch­te sich in die­sen Jung­brun­nen-Bil­dern eigent­lich for­mu­lie­ren. Ähn­lich wie der Olymp der Grie­chen war der Gar­ten Eden für die Men­schen eine Art, sich ihre Her­kunft zu erklä­ren.

»Eva ist diejenige, die mit der Schlange, also Satan, in Kontakt tritt.«

CRESCENDO: Okay, aber hät­te das nicht char­man­ter gesche­hen kön­nen als mit einer Frau, die der Rip­pe des Man­nes ent­stammt?

Anna Pro­has­ka: Klar, die Frau als Eben­bild des Man­nes hat kei­ne Allein­stel­lung. Aber ich fin­de es span­nend, dass Eva die­je­ni­ge ist, die mit der Schlan­ge, also Satan, in Kon­takt tritt, die sich aktiv ent­schei­det, den Apfel zu pro­bie­ren und an Adam wei­ter­zu­rei­chen. Sie hat die Hand­lungs­macht. Ist Eva nicht viel­leicht sogar ein weib­li­cher Pro­me­theus? Sicher, sie hat sehr viel nega­ti­ve Pres­se erlebt in den ver­gan­ge­nen Jahr­tau­sen­den, sie ist der Ursprung der Erb­sün­de, ver­ant­wort­lich für die Schmer­zen bei der Arbeit, der Geburt, kurz­um, des irdi­schen Lebens…

Anna Pro­has­ka: „Viel­leicht war Eva die­je­ni­ge, die uns her­aus­ge­ris­sen hat aus die­sem bene­bel­ten Para­dies­zu­stand.“

CRESCENDO: Ein ech­tes Image­pro­blem.

Anna Pro­has­ka: Wenn man dar­an glaubt, sind wir Men­schen dadurch aber auch unab­hän­gig gewor­den. Wir haben uns für den schwe­ren Weg ent­schie­den. Wenn ich mir die gegen­wär­ti­ge poli­ti­sche Situa­ti­on anschaue, ist es viel­leicht sogar sinn­vol­ler, die schmerz­haf­te Wahr­heit zu wäh­len als die simp­len Illu­sio­nen und Lügen. Viel­leicht war Eva die­je­ni­ge, die uns her­aus­ge­ris­sen hat aus die­sem „zuge­drog­ten“ bene­bel­ten Para­dies­zu­stand.

»Ich beschäftige mich gern mit konfliktgeladenen Stoffen.«

CRESCENDO: Hat­ten Sie vor der Beschäf­ti­gung ein bestimm­tes Bild vom Para­dies, einen kon­kre­ten Begriff?

Anna Pro­has­ka: Ich fand das Para­dies vor­her eher lang­wei­lig. Ich beschäf­ti­ge mich gern mit kon­flikt­ge­la­de­nen Stof­fen.

CRESCENDO: Wie dem Ers­ten Welt­krieg, auf Ihrer CD „Behind the Lines“?

Anna Pro­has­ka: Ja, oder auf „Ser­pent & Fire“ mit Dido und Kleo­pa­tra, zwei Köni­gin­nen, die sich umge­bracht haben für Lie­be und Poli­tik. Aber in der Recher­che zu „Para­di­se Lost“ habe ich rea­li­siert, wie vie­le Ein­flüs­se aus ver­schie­de­nen Kul­tur­krei­sen das Para­dies birgt. Dabei war Eva längst auch nicht immer die nega­ti­ve Figur, sie wur­de bei­spiels­wei­se auch als Spie­gel­bild der Got­tes­mut­ter Maria gese­hen. Es gibt einen gre­go­ria­ni­schen Gesang, Ave Maris Stel­la. Ave, heil dir, was man umdre­hen kann zu Eva.

Der Pia­nist auf dem Album „Para­di­se Lost“: Juli­us Dra­ke

CRESCENDO: Wie sind Sie dra­ma­tur­gisch bei „Para­di­se Lost“ vor­ge­gan­gen?

Anna Pro­has­ka: Ich habe die Stü­cke in ver­schie­de­ne Grup­pen gefasst, ange­fan­gen mit Ein Mor­gen im Para­dies: Die Son­ne geht auf, Gott gibt Eva einen Auf­trag wie Orpheus, näm­lich jedem Tier und jeder Pflan­ze einen Namen zu ver­lei­hen. Das steckt in Fau­rés Para­dis. Dann fol­gen Die Erschaf­fung der Eva, Ver­trei­bung, Exo­dus, Erin­ne­rung und schließ­lich Das irdi­sche Leben.

»Syrien – das Land, in dem Milch und Honig fließen, während wir damit heute den Horror des Krieges verbinden.«

CRESCENDO: Den Ton set­zen Sie ein­gangs mit Ravels Trois beaux oise­aux du para­dis

Anna Pro­has­ka: Ravel beschreibt eine Art Rück­blick. Eine Frau war­tet auf ihren Mann, der aus dem Ers­ten Welt­krieg wie­der­keh­ren soll. Statt­des­sen lan­den aber drei Vögel in ver­schie­de­nen Far­ben – Blau, Weiß und Rot bezeich­nen­der­wei­se –, die ihr die Todes­nach­richt über­brin­gen. Das geht über in Bern­steins Sil­hou­et­te, das auf einem liba­ne­si­schen Volks­lied basiert und uns nach Meso­po­ta­mi­en führt, in den heu­ti­gen Mitt­le­ren Osten. Für mich öff­net sich da wie­der­um eine Par­al­le­le zu Schu­manns Das Para­dies und die Peri, das Syri­en als Land beschreibt, in dem Milch und Honig flie­ßen, wäh­rend wir damit heu­te den Hor­ror des Krie­ges ver­bin­den.

»Es gibt keine Grenzen, wir haben eine Welt.«

CRESCENDO: Schließt für Sie auch das Motiv der Ver­trei­bung dar­an?

Anna Pro­has­ka: Natür­lich, die Flucht zieht sich ja durch die Jahr­hun­der­te, von der Völ­ker­wan­de­rung bis zu den Migra­ti­ons­wel­len, die wir heu­te erle­ben und die uns klar­ma­chen, dass sich eine Welt­ord­nung ändern muss. Es ist doch absurd, irgend­wel­che Zäu­ne hoch­zu­zie­hen. Es gibt kei­ne Gren­zen, wir haben eine Welt. Mit dem Begriff von Natio­nal­staa­ten, mit neu­en Mau­ern kom­men wir nicht wei­ter. Ich hat­te gehofft, nach 1989/90 hät­te sich das alles erle­digt. Aber ganz im Gegen­teil.

»Nicht mehr im Elfenbeinturm verharren wollen«

CRESCENDO: Sie haben sich gele­gent­lich über Kol­le­gen gewun­dert, die in der Kan­ti­ne nur über Pro­ben­zei­ten und ande­re Pro­blem­chen reden. Ändert sich das, wird es poli­ti­scher?

Anna Pro­has­ka: Auf jeden Fall. Der Pia­nist Igor Levit zum Bei­spiel, ein sehr guter Freund von mir, enga­giert sich stark poli­tisch und hält auch sei­nen Kopf dafür hin, trotz der anony­men Anfein­dun­gen, die auf Twit­ter und anders­wo über­schie­ßen. Mei­ne Kol­le­gin Elsa Drei­sig, mit der ich in Vio­let­ter Schnee gespielt habe, tritt für den Umwelt­schutz ein. Es gibt auch im klas­si­schen Bereich immer mehr Men­schen, die nicht mehr im Elfen­bein­turm ver­har­ren wol­len.

CRESCENDO: Nervt Sie den­noch etwas am Betrieb?

Anna Pro­has­ka: Wir haben an der Staats­oper das Glück, dass der Cas­ting­di­rek­tor ein ehe­ma­li­ger Sän­ger ist und sich wirk­lich aus­kennt. Das ist lei­der die Aus­nah­me. Es gibt so vie­le Cas­ting­di­rek­to­ren, bei denen man sich fragt, wie sie in die­se Posi­ti­on gelangt sind. Die nach You­Tube beset­zen, ohne zu wis­sen, wie die Stim­me über­haupt im Raum klingt. Oder die Men­schen auf­grund ihres Aus­se­hens beset­zen, weil sie ver­meint­lich pas­sen für eine Lulu oder einen Othel­lo.

»Ich liebe die Barockszene.«

CRESCENDO: Weh­ret den Äußer­lich­kei­ten… Immer­hin haben Sie alle Ver­glei­che mit Anna Netreb­ko im Keim erstickt!

Anna Pro­has­ka: Weil sie pein­lich und unan­ge­nehm für mich waren. Anna Netreb­ko hat eine ganz ande­re stimm­li­che Ent­wick­lung als ich genom­men, in Rich­tung Ver­di, jetzt auch Wag­ner. Da sehe ich mich über­haupt nicht. Leu­te ohne Ahnung erwar­ten nach sol­chen Ver­glei­chen doch, dass ich mit einer Rie­sen­stim­me auf die Büh­ne kom­me und das Publi­kum weg­föh­ne. Das ist übri­gens noch eine Sache, die mich am Busi­ness ärgert: dass laut auto­ma­tisch als gut gilt.

CRESCENDO: Das ist ja in vie­len Lebens­be­rei­chen so.

Anna Pro­has­ka: Des­we­gen lie­be ich die Barock­sze­ne. Dort hat sich längst die Gewiss­heit durch­ge­setzt, dass es nicht immer der Fer­ra­ri sein muss. Der etwas lang­sa­me­re Old­ti­mer mit dem offen Ver­deck kann viel mehr Genuss bie­ten. 

Para­di­se Lost“, Anna Pro­has­ka, Juli­us Dra­ke (Alpha)
Zu bezie­hen u.a.: www.jpc.de

Infor­ma­tio­nen zu geplan­ten Auf­trit­ten von  Anna Pro­has­ka auf ihrer Web­site: www.annaprohaska.com

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