Sonya YonchevaAuf der Bühne extrem, privat diskret ­

Foto: Kristian Schuller / Sony Classical

Die Sopranistin Sonya Yoncheva über Medienrummel, einmalige Chancen und die zwei Leben einer Sängerin.

crescendo: „The Last Minute Sensation“ hat man Sie genannt …

Sonya Yon­che­va: Das ist lus­tig! Die Met rief mich 2014 in der Schweiz an, wo ich woh­ne, und frag­te mich, ob ich gleich nach New York flie­gen kön­ne, um die Mimì in Puc­ci­nis La Bohè­me zu sin­gen – nur einen Monat vor der Pre­mie­re und fünf Wochen nach der Geburt mei­nes Kin­des!

Da gerät man doch erst einmal in Panik!

Wenn die Met ruft, denkt man nicht zwei­mal nach. Ich wuss­te, ich habe nur die­se eine Chan­ce, die sich nie wie­der erge­ben wird. Und ich muss sie nut­zen. Ich such­te nach dem Pass, ließ schnell einen für mein Baby aus­stel­len und stu­dier­te mit­ten in der Nacht die Par­ti­tur. Die eine oder ande­re Arie kann­te ich, aber nicht die gan­ze Oper. Es half mir sehr, dass ich recht gut Kla­vier spie­len kann.

Viel­leicht ist mein
Adre­na­lin­spie­gel sehr hoch“

Die New York Times war begeistert von Ihrer Interpretation …

Und ich bekam wei­te­re Enga­ge­ments. Man muss so etwas mögen und kei­ne Angst haben. Viel­leicht ist mein Adre­na­lin­spie­gel im Blut sehr hoch. Es ist sehr schwer, eine Rol­le in so kur­zer Zeit zu erler­nen. Aber heu­te ist es oft so, das ist unser Sys­tem, wir bekom­men kei­ne Zeit. Wir haben Kon­zert­tour­ne­en, Opern­auf­trit­te, Schall­plat­ten­pro­duk­tio­nen, Pro­ben. Und müs­sen zudem in Soci­al Media, auf Twit­ter und Face­book prä­sent sein, wir haben PR-Ver­pflich­tun­gen. Unser Leben ist kom­pli­ziert, und man muss tough, robust und gesund sein, um durch­zu­hal­ten, denn zugleich ist man sehr trans­pa­rent gewor­den. Den Fans ent­geht kein Detail aus dei­nem Leben. Man muss es also unbe­dingt wol­len, und – sor­ry, das ist jetzt nicht jugend­frei – man muss „cua­tro cojo­nes“ haben, wie die Vene­zo­la­ner sagen. Bewun­de­rung in die­sen Medi­en kann schnell in Hass umschla­gen.

Woher können Sie so gut Spanisch?

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Mein Mann ist Vene­zo­la­ner. Er ist dort gebo­ren, aber er kam mit etwa 20 in die Schweiz. Mit ihm spre­che ich Fran­zö­sisch, wäh­rend er mit unse­rem Sohn Spa­nisch spricht. Der ist jetzt zwei­ein­halb, und es ist so süß, wie er zwi­schen den Spra­chen chan­giert.

Wie sind Sie aufgewachsen?

In Bul­ga­ri­en, in Plow­diw. Eine sehr schö­ne, klei­ne, alte Stadt mit viel Geschich­te. Die Römer waren da, es gibt eini­ge Thea­ter und ein anti­kes Sta­di­on. Wir haben eine gro­ße musi­ka­li­sche Tra­di­ti­on. Mein Vater sang sehr schön, war aber kein Musi­ker.

Ihr Bruder wurde ein regelrechter Popstar.

Die­se Geschich­te ist erstaun­lich, denn er wuchs so auf wie ich. Er spiel­te Kla­vier, Kon­tra­bass, alle mög­li­chen Instru­men­te. Und er sang. Eines Tages mel­de­te mei­ne Mut­ter ihn bei einer in Bul­ga­ri­en sehr popu­lä­ren Cas­ting-Show an. Mein Bru­der gewann 2005 als 17-Jäh­ri­ger die Star Aca­de­my. Danach änder­te sich sein gan­zes Leben. Bul­ga­ri­en ist nun mal kein gro­ßes Land. Plötz­lich kann­te man ihn über­all. Und wir sahen ihn mehr im Fern­se­hen als zu Hau­se. Das war schon kuri­os! Es war ein­fach nicht mehr mög­lich, mit ihm auf der Stra­ße zu gehen. Unmög­lich. Alle Mäd­chen schrien nach ihm. Irgend­wann ent­schied mein Bru­der, damit auf­zu­hö­ren, das Fach zu wech­seln. Er singt heu­te auch an der Oper in Bul­ga­ri­en.

Würden Sie gerne ein Leben führen wie Ihr Bruder damals?

Nein. Ich habe zwar mal Pop-Duet­te mit ihm gesun­gen, aber ich mag das dis­kre­te Leben. Ich brau­che eine gesun­de Distanz zu die­sem gan­zen Zir­kus. Ich wür­de dort zu viel Ener­gie las­sen, die ich brau­che, um eine gute Sän­ge­rin zu sein.

Sie waren Moderatorin in einer Musikshow im Fernsehen.

Ja, das war nicht ein­fach für mich, denn eigent­lich bin ich eher schüch­tern. Doch wie gesagt den­ke ich mir immer, dass ich kei­ne zwei­te Chan­ce bekom­me, und bin ins kal­te Was­ser gesprun­gen. Die Erfah­rung half mir sehr. Ich lern­te, mich auf der Büh­ne zu bewe­gen, die Angst vor der Angst zu ver­lie­ren und mei­ne Bewe­gun­gen und den Aus­druck des Gesichts zu kon­trol­lie­ren.

Als Künst­ler hast du zwei Leben,
die par­al­lel lau­fen, das auf der Büh­ne und das wah­re Leben“

Geformt wurden Sie von der Alten Musik.

Ja, das war Schick­sal. In Genf bei einer Mas­ter­class von Wil­liam Chris­tie sang ich eine Alci­na-Arie, habe sie ein­fach aus­pro­biert, obwohl ich mich mit die­sem Reper­toire eigent­lich nicht beschäf­tigt hat­te. In Bul­ga­ri­en gibt es fast nur Veris­mo-Oper. Und Chris­tie nahm mich. So konn­te ich in sei­nem Jar­din-des-Voix-Pro­jekt schnell Pra­xis gewin­nen. Ich lern­te Fle­xi­bi­li­tät, Prä­zi­si­on, Dis­zi­plin beim Gestal­ten der Ver­zie­run­gen und der Arti­ku­la­ti­on und Aus­spra­che, die in der Barock­mu­sik beson­ders wich­tig sind. Sän­ger des 19.-Jahrhundert-Repertoires inter­es­siert das oft weni­ger, weil sie immer den gro­ßen Bogen im Kopf haben. Es war eine wun­der­ba­re Schu­le, in die jeder Sän­ger gehen soll­te, denn es hilft, spä­te­re Feh­ler zu ver­mei­den.

Dabei vergleicht man Sie mit Anna Netrebko, die Sie nicht nur als Mimì, sondern auch als Marguerite in Gounods Faust ersetzt haben.

Ich mag es nicht, wenn die Men­schen immer eine Art Klon haben wol­len. Ich weiß nicht, war­um das so ist. Man wird nicht als eigen­stän­di­ge Künst­ler­per­sön­lich­keit gese­hen. Ich woll­te selbst nie eine ande­re Sän­ge­rin imi­tie­ren. Nie. Natür­lich höre ich, wie ande­re Sän­ge­rin­nen bestimm­te tech­ni­sche Din­ge ange­hen. Die Per­sön­lich­keit muss man selbst hin­ein­ge­ben. Anna, die ich sehr mag, ist ein ande­rer Typ als ich. Sie berührt auf ande­re Wei­se, mit ihrem Gla­mour, ihrem Auf­tritt, ihrer fan­tas­ti­schen Stim­me, die eine ein­zig­ar­ti­ge Strahl­kraft hat.

Sie malen gerne?

Ich lie­be es, Land­schaf­ten zu malen. Die Natur hat alles, alle Far­ben, das Kräf­ti­ge wie das Zar­te, Impres­sio­nis­ti­sche.

Wenn Sie Ihre Stimme malen müssten?

Oh, das wäre lus­tig! Ich wür­de, glau­be ich, alle Far­ben neh­men, die ein­an­der bei­ßen. Als Künst­le­rin lie­be ich die Extre­me, als Mensch aller­dings weni­ger. Als Künst­le­rin kann ich eben­so eine dra­ma­ti­sche Frau sein wie eine zar­te, zurück­hal­ten­de. Das ist das Groß­ar­ti­ge an unse­rem Beruf. Wir kön­nen das alles aus­le­ben, ohne es zu müs­sen.

Beeinflusst Ihre bulgarische Muttersprache Ihren Gesang?

Ich glau­be, dass die ers­te Spra­che, die man als Kind lernt, immer eine Aus­wir­kung auf die Vokal­fär­bung, die Into­na­ti­on, die Modu­la­ti­on hat. Sla­wi­sche Spra­chen haben sehr vie­le Far­ben, haben einen ori­en­ta­li­schen, einen grie­chi­schen, einen tür­ki­schen Touch. Den­noch hat mich die Spra­che nicht gehin­dert, auch ande­re Spra­chen zu erler­nen.

Inwiefern beeinflusst die heutige Casting-Politik der Opernhäuser Ihre Karriere?

Das ist nicht ein­fach zu beant­wor­ten. Frü­her durf­te ich kei­ne Ent­schei­dung tref­fen, jetzt habe ich mehr Frei­heit. Frü­her war ich die jun­ge Sonya, die frisch und spru­delnd zu sein hat­te. Heu­te darf ich tief­grün­di­ger sein, bin betei­ligt an Ent­schei­dun­gen, wel­che Pro­duk­ti­on, wel­ches Ensem­ble, kann mit Regis­seu­ren spre­chen. Das ist sehr wich­tig. Nur so kön­nen wir wirk­lich gute Ergeb­nis­se erzie­len.

Christie sagte zu Ihnen, Sie könnten alles singen. Wie wird man eine gute Sängerin?

Dis­zi­plin, Fleiß, Neu­gier und die Fähig­keit, die Emo­tio­nen fokus­sie­ren zu kön­nen. Und das pri­va­te Leben nicht mit dem Leben auf der Büh­ne zu ver­wech­seln. Mein Vater starb, als ich auf der Büh­ne stand. Das war schwer für mich. Als Künst­ler hast du zwei Leben, die par­al­lel lau­fen, das auf der Büh­ne und das wah­re Leben. Mein Herz und mei­ne Gedan­ken waren natür­lich bei mei­ner Fami­lie in die­sem Moment. Aber nicht ich soll als Künst­le­rin auf der Büh­ne wei­nen, son­dern die Men­schen zum Wei­nen brin­gen. Das ist ein gro­ßer Unter­schied, und vie­le ver­wech­seln das.

Und wie bleibt man eine gute Sängerin?

Man muss eine Art Fee­ling ent­wi­ckeln für das, was einem gut­tut. Im Moment habe ich das Gefühl, dass mei­ne Stim­me tie­fer gewor­den ist, wär­mer in der Mit­tel­la­ge. Danach muss ich die Rol­len wäh­len. Und selbst­be­wusst Ange­bo­te ableh­nen, die nicht zu mir pas­sen. Das ist nicht ein­fach. Auch pri­vat muss es stim­men. Denn nur eine glück­li­che Sän­ge­rin ist auch eine gute Sän­ge­rin.

 

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