CRESCENDO: Herr Pro­fes­sor Schmid, was fas­zi­niert Sie am Kla­vier?

Ralf Schmid: Das Kla­vier ist seit Kin­der­ta­gen mein Instru­ment. Ich habe mit fünf Jah­ren ange­fan­gen, es zu spie­len, und seit­her hat es mich durch mein Leben beglei­tet. Ihm gilt mei­ne Fas­zi­na­ti­on. Es ist ein beson­de­res Instru­ment vie­ler musi­ka­li­scher Sphä­ren. Solo-Instru­ment per se, lässt es sich zugleich wun­der­bar in alle orches­tra­len und sons­ti­gen musi­ka­li­schen For­ma­tio­nen inte­grie­ren. Man kann so Viel­fäl­ti­ges damit tun. Auch wenn ich als Kom­po­nist, Diri­gent, Arran­geur oder Pro­du­zent tätig bin, bleibt mei­ne Basis bei allem das Kla­vier.

Das 20. Jahr­hun­dert arbei­te­te sich am pia­nis­ti­schen Erbe ab. Pia­no Activi­ties von Phil­ip Cor­ner wur­de 1962 in Form der mehr­tä­gi­gen Zer­le­gung eines Flü­gels auf­ge­führt, des­sen Tei­le anschlie­ßend an das Publi­kum ver­stei­gert wur­den. Brach­ten sol­che Aktio­nen wie die­se Flu­xus-Per­for­mance die erhoff­te Befrei­ung?

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Eine Befrei­ung erfolg­te nur in bestimm­ten Sze­nen, im Main­stream ist sie kaum zu spü­ren. An Musik­hoch­schu­len kon­zen­triert sich die pia­nis­ti­sche Aus­bil­dung nach wie vor auf ein Spek­tum von Bach bis Bar­tók, mit Fokus auf dem 19. Jahr­hun­dert. Und wir bil­den hier die nächs­te Genera­ti­on von Musi­kern aus, die dem­nächst ins Kon­zert­le­ben tritt oder wie­der unter­rich­tet.

Emp­fin­den Sie das pia­nis­ti­sche Erbe als Bür­de oder als Her­aus­for­de­rung?

Eine Bür­de ist es, wenn man die Epo­che nicht ver­lässt. Das 19. Jahr­hun­dert war eine Blü­te für das Kla­vier, für die Kom­po­nis­ten, die dafür schrie­ben, und für die Inter­pre­ten, die vir­tu­os dar­auf spiel­ten. Liszt, Cho­pin und all die Kory­phä­en von damals kom­po­nier­ten und impro­vi­sier­ten mit den Mit­teln ihrer Zeit groß­ar­ti­ge Musik. Wir kön­nen so viel von ihnen ler­nen, gegen­wär­tig aber fin­det die Pfle­ge ihrer Wer­ke oft ver­kürzt statt. Wir inter­pre­tie­ren die­se gut 100 Jah­re alten Kom­po­si­tio­nen, lie­ße man sich dar­über hin­aus auf den frei­en impro­vi­sa­to­ri­schen Geist die­ser Meis­ter ein, könn­te das Erbe eine weit­aus grö­ße­re Inspi­ra­ti­on sein.

Ein Kom­po­nist, der sich immer wie­der mit dem Erbe her­um­schlug und sich inten­siv mit dem Kla­vier aus­ein­an­der­setz­te, war John Cage. Ist er Vor­bild oder Inspi­ra­ti­on für Sie?

Cage ist eine der größ­ten Inspi­ra­ti­ons­quel­len für mein Pro­jekt PYANOOK. Sei­ne Schrif­ten las ich bereits Jah­re davor, und mit sei­ner Musik begann ich mei­ne Klang­rei­se. Ich such­te im Flü­gel nach neu­en Klang­far­ben, und die­se Suche setz­te damit ein, dass ich Cage kopier­te und aus­pro­bier­te, wie es klingt, wenn man Nylon­schrau­ben und Gum­mis an die Sai­ten hef­tet. Aller­dings ging ich in der Fol­ge zu zeit­ge­nös­si­schen elek­tro­ni­schen Tech­ni­ken über und jag­te die John-Cage-Klän­ge durch Effekt­schlei­fen.

Karl­heinz Stock­hau­sen betrach­te­te den Syn­the­si­zer als Wei­ter­füh­rung des Kla­viers. Ab Num­mer XV schrieb er sei­ne Kla­vier­stü­cke für Syn­the­si­zer. Wie beur­tei­len Sie sei­ne Ein­schät­zung?

Auf vie­len Berei­chen der Musik gab es die­se Anfangs­be­geis­te­rung für den Syn­the­si­zer sowie elek­tro­ni­sche und spä­ter auch digi­ta­le Vari­an­ten von Kla­vier. Ich möch­te das Kla­vier erhal­ten. Mit sei­ner Aura emp­fin­de ich es als idea­le Basis für ein elek­tro­ni­sches Pro­jekt wie PYANOOK, das die Gegen­wart auf­nimmt und in die Zukunft denkt. Es ist mir zu lieb und auch zu gut, um ad acta gelegt zu wer­den. Ich lie­be das Holz und die Klang­äs­the­tik, die mit elek­tro­ni­schen Mit­teln nicht nach­zu­ah­men ist. Die Elek­tro­nik hat ande­re Stär­ken.

Jede Bewe­gung ver­än­dert den Klang: die von der Grup­pe mi.mu.
ent­wi­ckel­ten Daten­hand­schu­he

Sie arbei­ten mit den Daten­hand­schu­hen, die die Lon­do­ner Grup­pe mi.mu. ent­wi­ckel­te, um den Klang des Flü­gels zu ver­än­dern. Ist das für Sie der Weg, die Pia­nis­tik ins 21. Jahr­hun­dert zu brin­gen?

Es ist ein Weg – mein Weg, im 21. Jahr­hun­dert neue Klän­ge zu fin­den, neue Struk­tu­ren zu gene­rie­ren und neue Musik zu kom­po­nie­ren, zu impro­vi­sie­ren und mit Ein­be­zie­hung der elek­tro­ni­sche Ebe­ne eine Art digi­ta­le Poe­sie zu kre­ieren. Ent­gren­zung ist für mich ein wich­ti­ges The­ma. Ich über­win­de Gren­zen und suche nach Schnitt­stel­len zwi­schen der ana­lo­gen und digi­ta­len Per­for­mance, zwi­schen der ana­lo­gen und digi­ta­len Klang­welt und zwi­schen sti­lis­ti­schen Sphä­ren. Dabei tau­che ich ganz in eine Mensch-Maschi­ne-Aus­ein­an­der­set­zung ein, woll­te aber als Pia­nist nicht Lap­top, Misch­pult, Touch­screen oder Syn­the­si­zer als Werk­zeu­ge. Ich such­te daher nach orga­ni­schen Mög­lich­kei­ten, den Klang zu ver­än­dern. Die­se Daten­hand­schu­he von mi.mu. ermög­li­chen es mir, durch mini­ma­le Fin­ger­be­we­gun­gen Klang­ver­än­de­run­gen zu erzie­len. Ich emp­fin­de sie als urmu­si­ka­lisch und damit auch als zukunfts­wei­send.

Wie brin­gen Sie die­se Daten­hand­schu­he in PYANOOK zum Ein­satz?

Ich spie­le auf zwei Flü­geln, die ich mikro­fo­nie­re. Den Klang des einen belas­se ich unver­än­dert. Die Sai­ten des ande­ren prä­pa­rie­re ich à la Cage oder ver­än­de­re des­sen Klän­ge elek­tro­nisch. Die Hand­schu­he ermög­li­chen es mir, die Klän­ge in Echt­zeit mit Effek­ten aus­zu­stat­ten. Das kön­nen Hall­räu­me sein, Echos, Modu­la­tio­nen oder digi­ta­le Fil­ter mit denen sich Höhen oder Bäs­se dazu­set­zen las­sen. Wäh­rend ich spie­le, ver­mag ich durch Arm- oder Fin­ger­be­we­gun­gen die Klän­ge mei­nes Flü­gels durch Effekt­schlei­fen zu schi­cken und die­se live zu steu­ern. Ich kann mit mei­nem Flü­gel­klang Kathe­dra­len öff­nen und wie­der schlie­ßen oder durch das Bal­len einer Faust den Klang in eine Ver­zer­rung schi­cken.

Durch die Arm­be­we­gun­gen bezie­hen Sie auch den Raum in Ihre Musik ein. Der Kom­po­nist Mar­co Strop­pa nann­te den Raum das größ­te Rät­sel der Musik…

Die Hän­de im Raum zu bewe­gen und damit einen Klang zu for­men, ist unglaub­lich fas­zi­nie­rend. Es eröff­net eine ande­re Dimen­si­on und lässt etwas mit­schwin­gen. Für mich war es ein logi­scher Schritt, von der Kla­vier­bank auf­zu­ste­hen. Bis dahin saß ich zwi­schen den bei­den Flü­geln. Aber nach­dem ich eine Wei­le mit den Hand­schu­hen expe­ri­men­tiert hat­te, merk­te ich plötz­lich: Ich kann ja auf­ste­hen und sogar drei Schrit­te von der Kla­vier­bank weg­ge­hen. Wenn sich mein Klang in einem lan­gen Kathe­dra­len­hall befin­det, kann ich den im Raum ste­hen­den Kla­vier­ak­kord for­men. Damit ergibt sich eine neue Ästhe­tik.

Wie kam es zur Zusam­men­ar­beit mit dem Licht­künst­ler Pie­tro Car­da­rel­li?

Als der Raum in mei­ne Musik ein­be­zo­gen war, woll­te ich ihn auch künst­le­risch gestal­ten und die Sze­ne­rie nicht dem Zufall über­las­sen. Pie­tro Car­da­rel­li ist auf vie­len Berei­chen der digi­ta­len Kunst und der Video­kunst tätig und arbei­tet als Büh­nen­bild­ner am Thea­ter. Er ent­warf mir für die Auf­füh­run­gen von PYANOOK eine Sze­ne­rie und eine visu­el­le Umset­zung. Der­zeit arbei­ten wir dar­an, dass mei­ne Bewe­gun­gen, mit denen ich die Klän­ge ver­än­de­re, auch sei­ne visu­el­len Pro­jek­tio­nen ver­än­dern. Das öff­net aber­mals eine neue Dimen­si­on.

Der medi­ta­ti­ve Cha­rak­ter Ihres Pro­jekts lässt erneut an John Cage den­ken. Ist Ihnen das Medi­ta­ti­ve ein Anlie­gen?

Das Medi­ta­ti­ve und das Ver­sen­ken in den Klang sind für mich ein wich­ti­ger Aspekt. Ich möch­te mit mei­ner Musik Men­schen errei­chen und ihnen etwas mit­ge­ben. Wir leben in einer immer schnel­ler wer­den­den Welt. Die Musik kann die­se rasen­de Zeit auf­he­ben und in medi­ta­ti­ve Momen­te über­füh­ren.

Am 8. Novem­ber erscheint auch ein Album von PYANOOK

Das Label Neue Meis­ter trat an mich her­an und schlug die Pro­duk­ti­on eines Albums vor. Dem bin ich ger­ne nach­ge­kom­men! Die Auf­nah­men erfolg­ten im restau­rier­ten Opern­thea­ter der ita­lie­ni­schen Stadt Asco­li Pice­no. Car­da­rel­li stammt daher, und er orga­ni­sier­te, dass wir in die­sem traum­haf­ten Set­ting eine Woche lang auf­neh­men und kon­zer­tie­ren konn­ten.

Wie sehen Ihre Vor­ha­ben für die Zukunft aus?

Ich ste­he mit PYANOOK noch am Anfang, obwohl ich bereits vier Jah­re damit befasst bin. Mit den Daten­hand­schu­hen arbei­te ich seit zwei Jah­ren. Aber es taten sich im Lau­fe der Zeit so vie­le Mög­lich­kei­ten in dem Pro­jekt auf. Ich möch­te all den Klän­gen und den Ver­bin­dun­gen zwi­schen Bewe­gung und Klang nach­ge­hen, die ich gefun­den habe. Außer­dem habe ich die Idee, das Pro­jekt als Kla­vier­kon­zert mit Orches­ter zu fas­sen, um mit ande­ren Musi­kern zu inter­agie­ren. PYANOOK ist für mich kein abge­schlos­se­nes Pro­jekt, son­dern ein Work in pro­gress. 

Erscheint am 8. Novem­ber 2019 beim Label Neue Meis­ter:
Ralf Schmid: „PYANOOK

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen: www.pyanook.com

 

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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