Architektonische Spiritualität

Dina Ugorskaja

Bachs Wohltemperiertes Klavier zählt bis heute zu den größten Herausforderungen für jeden ernsthaften Pianisten.

Trotz eini­ger her­aus­ra­gen­der Refe­ren­zen gibt es da kein fes­tes Rezept. Jeder muss in die­sem „Alten Tes­ta­ment“ sei­nen eige­nen Weg fin­den, um dann zu erken­nen, dass hier die strengs­ten Regeln zu größ­ter Frei­heit füh­ren kön­nen. Die in Lenin­grad gebo­re­ne Pia­nis­tin Dina Ugor­ska­ja, die heu­te in Mün­chen lebt, hat sich ein Jahr lang inten­siv mit die­ser „Enzy­klo­pä­die des Bach­schen Uni­ver­sums“ beschäf­tigt, bevor sie ins Stu­dio ging, um dann gleich bei­de Bän­de, also alle 96 Prä­lu­di­en und Fugen, zu einer groß­ar­ti­gen archi­tek­to­ni­schen und spi­ri­tu­el­len Ein­heit zu for­men.

Die Toch­ter eines berühm­ten Pia­nis­ten ist eine sen­si­ble Künst­le­rin, die größ­te Klar­heit und Prä­zi­si­on mit einer ganz beson­de­ren Art von spi­ri­tu­el­ler Intui­ti­on ver­bin­det und so jedem ein­zel­nen Stück einen fast magi­schen Cha­rak­ter ver­leiht. Sie bewegt sich dabei in einer sehr geheim­nis­vol­len Welt zwi­schen der sich deut­lich äußern­den Wirk­lich­keit und einer ent­rück­ten Sphä­re meta­phy­si­scher Frei­heit und kommt so bei vie­len Stü­cken zu völ­lig neu­en, oft über­ra­schen­den, aber stets in sich stim­mi­gen Lösun­gen: Es sind ganz zärt­li­che und dann wie­der auch ener­gi­sche Bele­bungs­pro­zes­se, die sie da in Gang setzt und die so die ver­bor­ge­nen See­len­schät­ze hin­ter aller kon­struk­ti­ven Logik frei­le­gen. Dabei fühlt man sich nicht unbe­dingt als Adres­sat, son­dern als stil­ler Zuhö­rer die­ser inti­men Dia­lo­ge zwi­schen Bach, Gott und dem Uni­ver­sum, denn Dina Ugor­ska­ja bleibt in einer noblen Distanz, die die inne­re Fra­gi­li­tät ihres Dis­kur­ses schützt. Ein beein­dru­cken­der Appell an die Frei­heit des Geis­tes.

ANZEIGE



Vorheriger ArtikelPinot aus dem Supermarkt
Nächster ArtikelDie Mozart-Arznei
Attila Csampai
Attila Csampai ist Chefrezensent bei crescendo. Als gebürtiger Budapester lebt er seit 1957 in München, und studierte hier Musikwissenschaft. Seit 1974 schreibt er Schallplattenkritiken in allen wichtigen Fachzeitschriften. Seine Essays, seine Werkkommentare und vor allem sein zahlreichen Musikbücher sind legendär. 32 Jahre lang war er Musikredakteur und Live-Moderator beim Bayerischen Rundfunk. Seine CD-Sammlung umfasst mehr als 30.000 Alben.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here