Barbara Hannigan stellt Bergs Lulu in ein Spiegelkabinett mit George Gershwin und Luciano Berio.

Preis­trä­ge­rin der Kate­go­rie: Solis­ti­sche Einspielung/Gesang | Oratorien/Konzert/Lied

Bar­ba­ra Han­nig­an ist selbst so etwas wie ein „Cra­zy Girl Cra­zy“ – eine fast anar­chi­sche Sän­ge­rin, die ihre Cha­rak­te­re durch ihre Stim­me bis auf die Kno­chen ent­klei­det. Für ihr gleich­na­mi­ges Album hat Han­nig­an, die als exzes­si­ve Lulu über­all auf der Welt Erfol­ge fei­ert, ein „Spie­gel­ka­bi­nett“ des Wei­bes in der Musik an sich vor­ge­legt: Visio­nen von Frau­en­cha­rak­te­ren am Abgrund der Exis­tenz, im andau­ern­den Aus­nah­me­zu­stand und in größt­mög­li­cher Eska­la­ti­on. Im Zen­trum ste­hen dabei drei Wer­ke: Tei­le aus Lucia­no Berios Sequen­za III, natür­lich Alban Bergs Lulu-Sui­te und Geor­ge Gershwins Girl Cra­zy-Sui­te.

Auf den ers­ten Blick scheint es nicht leicht, die­se Wer­ke in einen Bogen zu brin­gen. Auf den zwei­ten durch­aus: Gemein­sam mit ihren Freun­den aus dem Lud­wig Orches­ter, das Han­nig­an diri­giert, wäh­rend sie singt, ent­steht ein Kalei­do­skop des Exis­ten­zi­el­len. Und musik­his­to­ri­sche Zusam­men­hän­ge sind durch­aus erkenn­bar: So haben Gershwin und Berg ein­an­der nicht nur geschätzt, son­dern auch gemein­sam Ten­nis gespielt, und Berios Stim­me in Sequen­za III erscheint plötz­lich als Wider­hall Lulus in unse­rer Zeit.

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Han­nig­an selbst beschreibt die Lulu als „ulti­ma­ti­ven Frei­geist“, als „Frau, deren Prä­senz über­wäl­ti­gend ist, die uns zu Stär­ke und Wage­mut inspi­riert und gera­de in ihrem Schmerz zu strah­len scheint.“ Das eigent­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel ihrer Lulu ist für Han­nig­an weni­ger der Kör­per als viel­mehr ihre Stim­me: Sie schreit, sie reibt die Kon­so­nan­ten, sie zischt – und atmet dann wie­der unend­li­che Legato­bö­gen. Vokal­akro­ba­tik und Gesang als See­len­spie­gel.

Am Ende dreht sich in die­ser Auf­nah­me alles um die­se Lulu-Sui­te, zu der die ande­ren Wer­ke wie Kom­men­ta­re erschei­nen, als Spie­gel­bil­der eines der facet­ten­reichs­ten Opern­cha­rak­te­re. Gemein­sam mit ihrem Co-Arran­geur Bill Elliott hat sie unter ande­rem Geor­ge und Ira Gershwins Song But Not for Me zu einem fast wag­ner­haf­ten Klang­rausch umge­schrie­ben. Im Gegen­über zur Lulu-Sui­te ent­steht so ein wahn­sin­nig erschei­nen­der See­len­wan­del, eine urei­ge­ne Stim­mung wie in einer Nacht­bar, in der das bene­bel­te Extrakt des Men­schen irgend­wann allein an einer Bar sitzt und die Gespens­ter des Geis­tes Revue pas­sie­ren lässt.
Es ist die Ambi­ti­on, die die­ses Album (und eigent­lich jede Arbeit und Inter­pre­ta­ti­on von Han­nig­an) aus­macht. Der Mut, Musik voll­kom­men neu zu den­ken und an jenen Rand zu trei­ben, an dem das alte Ide­al der Schön­heit einem neu­en weicht: der Schön­heit des Exis­ten­zi­el­len, des „So-und-nicht-anders“, eines „Mit-Haut-und-Haa­ren-Gefühls“.

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crescendo Redaktion
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