Bayreuther Festspiele Abschied vom „Ring“-Gerangel

Castorfs Götterdämmerung in Bayreuth

Am Ende sind es dezente, fast schon melodiöse „Buh!“s, die sich in die Applausgischt mischen. Seit 2013, Wagners 200. Geburtstag, hatte Frank Castorfs „Ring des Nibelungen“-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen alljährlich die Wagner-Gemüter in Pauschalwallung versetzt. Im überemotionalisierten Premierenrummel hatte sich Castorf seinerzeit gelassen,  provokant und regelrecht genussvoll minutenlangen Unmuts-Kanonaden ausgesetzt. Nun ging seine Inzwischen-fast-schon-Kult-Produktion in die letzte Runde (einzig seine „Walküre“ ist im kommenden Jahr noch einmal zu sehen). Eine Betrachtung zum Abschied.

Um Cas­torfs Bil­der­wel­ten zu ver­ste­hen, soll­te man sich zunächst bewusst machen, dass man sie in letz­ter Kon­se­quenz gar nicht ver­ste­hen kann. Der schei­den­de Inten­dant der Ber­li­ner Volks­büh­ne arbei­tet mit frei­er Asso­zia­ti­on, mit Ver­frem­dung, mit Slap­stick, mit expe­ri­men­tel­len Ver­satz­stü­cken einer­seits und mit ultrarea­lis­ti­scher Figür­lich­keit ande­rer­seits – was die Inter­pre­ta­ti­ons­ma­schi­ne­rie des regie­thea­ter­ge­schul­ten Betrach­ter­hirns gele­gent­lich bra­chi­al im Leer­lauf rotie­ren lässt. Zu ver­su­chen, das zugrun­de­lie­gen­de Werk mit Cas­torfs Büh­nen­ge­sche­hen in Ein­klang zu brin­gen, ähnelt zuwei­len dem Bemü­hen, Öl mit Was­ser zu mischen. Doch damit stellt Cas­torf den auto­ma­ti­sier­ten und fast bis zur Ver­zweif­lung betrie­be­nen Dechif­frie­rungs­pro­zess des Insze­nie­rungs­nor­mal­kon­su­men­ten an sich in Fra­ge.

Götter-Gangster-Gang

Das Rhein­gold“ kommt dabei ver­gleichs­wei­se harm­los daher. Es wird im ange­schmud­del­ten Ver­bre­cher- und Pro­le­ten­mi­lieu rund um das „Gol­den Motel“ an der Rou­te 66 in einem Ame­ri­ka der 60er Jah­re ver­or­tet. Das Set­ting ist ohne Wei­te­res mit Hab­gier, Untreue, Kom­pro­miss­lo­sig­keit und Inzest der Göt­ter- und Hel­den­welt des „Rings“ kom­pa­ti­bel. Ob nun ein von den Rhein­töch­ter-Nut­ten ver­spot­te­ter Albe­rich das Gold aus dem Motel­pool stiehlt, Papa­raz­zi Loge mit sei­nem Zip­po vor der motel­ei­ge­nen Tank­stel­le zün­delt, die bei­den Rie­sen in blau­en Latz­ho­sen schei­ben­zer­trüm­mernd ihren Lohn ein­for­dern oder Erda als pelz­be­män­tel­te Puff­mut­ter ihre Beden­ken kund­tut.

Viel pas­siert hier gleich­zei­tig in den – übri­gens in allen vier „Ring“-Teilen – monu­men­ta­len Dreh­büh­nen­auf­bau­ten von Pro­duk­ti­ons­de­si­gner Alex­an­der Denić, die durch ihre Mehr­stö­ckig­keit die Büh­nen­hö­he opti­mal aus­nut­zen und figür­lich ori­en­tier­te Betrach­ter in rei­ne Ver­zü­ckung ver­set­zen. Immer dabei (auch im Rest der Tetra­lo­gie): Sich oft­mals fle­xi­bel aus­fah­ren­de Pro­jek­ti­ons­flä­chen für Video­in­stal­la­tio­nen. Ger­ne stellt Cas­torf hier live von einem Kame­ra­mann abge­film­tes Büh­nen­ge­sche­hen her­aus, was sonst nur schwer oder gar nicht sicht­bar wäre. Die­ser Effekt läuft sich auf­grund sei­ner Vari­anz und Mischung mit vor­pro­du­zier­ten Sequen­zen auch im Rest der Tetra­lo­gie nicht tot.

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Außer­dem immer dabei auch Kult-Sta­tist Patric Sei­bert, eigent­lich Regie­as­sis­tent der Pro­duk­ti­on, der im Lau­fe der Tei­le unter ande­rem als Tank­wart, abs­tra­hier­ter lese­süch­ti­ger Bär, als Kell­ner und schluss­end­lich als ermor­de­ter Döner­mann zu sehen sein wird. Cas­torf, der der Indi­vi­dua­li­tät sei­ner Dar­stel­ler viel Bedeu­tung bei­misst, eröff­net allein schon die­ser Figur einen eige­nen Kos­mos.

Eben­falls immer dabei: mal vage, mal deut­li­che Bezü­ge zum The­ma „Öl“. Für Cas­torf sym­bo­li­siert Öl inter­na­tio­na­le Macht­in­ter­es­sen, aber eine simp­le Dar­stel­lung etwa des Rhein­golds als Öl hät­te nicht mit sei­nen Ver­frem­dungs­stra­te­gi­en har­mo­niert: So zieht sich das schwar­ze Gold denn wie ein Leit­mo­tiv durchs Werk, mal nur sub­til in Gesich­ter geschmiert oder am Boden aus­ge­lau­fen, mal in Fäs­sern getürmt oder gar als domi­nan­ter, bestän­dig auf- und abni­cken­der För­der­turm.

Lei­der schwä­chelt an die­sem „Vor­abend“ die musi­ka­li­sche Sei­te. Marek Janow­skis Diri­gat wirkt unin­spi­riert und weich­ge­spült. Die Haupt­par­ti­en blei­ben durch­weg farb­los: Albert Doh­men als Albe­rich und Rober­to Sac­cà als Loge feh­len Biss, Stimm­ge­walt und cha­rak­te­ris­ti­sche Far­be; und Iain Pater­son kas­siert für sei­nen zag­haf­ten Wotan sogar eini­ge „Buh“s. Immer­hin über­zeu­gen in den Neben­rol­len vor allem Karl-Heinz Leh­ner als pro­fun­der Fasold und Nadi­ne Weiss­mann als facet­ten­rei­che Erda.

Ur-Emotionen zum Gähnen

In „Die Wal­kü­re“ wird dem Betrach­ter schon etli­ches mehr an geis­ti­ger Akro­ba­tik abver­langt, um die Ver­pflan­zung der Geschich­te in eine düs­te­re Ölför­der­an­la­ge irgend­wo in Aser­bai­dschan nach­zu­voll­zie­hen (oder soll­te man sich vom Nach­voll­zie­hen­wol­len bei Cas­torf end­gül­tig frei­ma­chen?). Abge­se­hen von den bereits erwähn­ten Video­in­stal­la­tio­nen und dem übli­chen Auf- und Abge­ren­ne in den Denić’schen Büh­nen­auf­bau­ten bleibt die­ser „Ring“-Teil bei Cas­torf ver­gleichs­wei­se sta­tisch, um nicht zu sagen beson­ders im zwei­ten Akt schlicht und ergrei­fend lang­wei­lig, denn hier ver­wei­gert Cas­torf sei­nen Figu­ren beson­ders deut­lich Cha­rak­ter­zeich­nung, psy­cho­lo­gi­sche Ent­wick­lung, Kom­mu­ni­ka­ti­on und vor allem Emo­ti­on. Und das gera­de an Stel­len, an denen letz­te­re beson­ders bra­chi­al her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den könn­ten: in der abgrün­di­gen Ero­tik des inzes­tuö­sen Ehe­bruchs der Zwil­lings­ge­schwis­ter Sieg­lin­ge und Sieg­mund, und in Reak­ti­on dar­auf im Göt­ter­kon­flikt zwi­schen Lie­be, Ehre, Feig­heit und Schuld. Cas­torfs Figu­ren blei­ben iso­liert, entwickeln/reiben sich nicht anein­an­der. Ver­blüf­fend, dass sich gera­de die­ser Teil bei den Bay­reu­ther Besu­chern grö­ße­rer Beliebt­heit erfreut – viel­leicht, weil in dem bra­ven Set­ting auch nichts wirk­lich strit­tig sein kann. Immer­hin trös­tet die Sän­ger­be­set­zung über eini­ges Unge­mach hin­weg, so mit Chris­to­pher Ven­tris und Camil­la Nylund als stimm­star­kem und stimm­schö­nen Geschwis­ter­paar Sieg­mund und Sieg­lin­de und John Lundgren als kraft­vol­lem Wotan, des­sen Text­ver­ständ­lich­keit lei­der man­gel­haft ist.

Bei Castorf hat eigentlich jede Frauenfigur etwas Nuttiges

In den letz­ten bei­den Tei­len lässt Cas­torf es im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes kra­chen (ob man das Schwert Notung bei der Tötung von Faf­ner nun wirk­lich durch eine don­nern­de Kalasch­ni­kow erset­zen muss, dar­über lässt sich frei­lich strei­ten). Viel Anspie­lungs­rei­ches – immer wie­der wer­den auch Spiel­fil­me zitiert – Komi­sches, Ver­wir­ren­des, Effekt­vol­les trifft hier auf­ein­an­der. In „Sieg­fried“ wird sze­nisch ein Ost-West- bzw. ein Kom­mu­nis­mus-Kapi­ta­lis­mus-Kon­flikt auf­ge­macht. Auf der einen Sei­te der nun schon bes­tens ver­trau­ten Dreh­büh­ne fin­det sich eine „Kom­mu­nis­mus-Schlucht“ mit den Kon­ter­feis von Sta­lin, Lenin, Mao und Marx als Mount Rushmo­re. Auf der ande­ren Sei­te prangt die Kon­sum­welt von Ber­lin Alex­an­der­platz. Durch die­se Wel­ten tau­meln die Hel­den, wobei immer wie­der star­ke, wit­zi­ge, zuwei­len auch berüh­ren­de Bil­der ent­ste­hen: Etwa wie sich Erda die rich­ti­ge Perü­cke für die Begeg­nung mit ihrem Ex Wotan, mit dem sie immer­hin acht Kin­der hat, aus­sucht – bei Cas­torf hat eigent­lich jede Frau­en­fi­gur etwas Nut­ti­ges –, um sich beim spä­te­ren gemein­sa­men Spa­ghet­ties­sen von ihm demü­ti­gen zu las­sen; wie der Wald­vo­gel durch ein opu­len­tes Kar­ne­val-in-Rio- Glit­zer­kos­tüm auf­ge­wer­tet wird und urko­misch-tra­gisch – und in der Anla­ge sehr musi­ka­lisch, wenn Ana Dur­lov­ski ein weni­ger schril­le Stim­me hät­te – Sieg­fried zu ver­füh­ren ver­sucht; wie Sieg­fried Müll über den toten, unge­lieb­ten Zieh­va­ter Mime aus­schüt­tet oder wie Sieg­fried und Brünn­hil­de sich am Ende fin­den, in nai­ver Unkennt­nis des ande­ren Geschlechts aber noch pani­sche Angst vor­ein­an­der haben, wäh­rend – übri­gens seit 2013 jedes Jahr mehr – Kro­ko­di­le um sie her­um­schlen­dern, die sie ganz neben­bei mit Essens­res­ten füt­tern. Das inter­pre­ta­ti­ons­wil­li­ge Hirn sagt: Vor­ein­an­der haben die bei­den Panik, die eigent­lich angst­er­re­gen­den Krea­tu­ren (Kin­der Faf­ners?) neh­men sie hin­ge­gen nicht ein­mal rich­tig wahr. Nur als ein Kro­ko­dil den Wald­vo­gel fres­sen will und Sieg­fried ihn ret­tet, han­delt er sich dadurch einen „Ehe­krach“ mit sei­ner liebs­ten Brünn­hil­de ein. Aber viel­leicht mag das Gan­ze in sei­nem Slap­stick-Cha­rak­ter auch ein­fach nur für sich ste­hen.

Ab „Sieg­fried“ lebt Diri­gent Marek Janow­ski lang­sam auf – den­noch bleibt die Orches­ter­leis­tung kein Ver­gleich etwa zu der unter Chris­ti­an Thie­le­mann, der in die­sem Jahr bei „Tris­tan und Isol­de“ wie­der ein­mal beweist, wie ent­flammt, packend und mes­ser­scharf Wag­ner klin­gen kann. Sän­ge­risch ist vor allem Andre­as Con­rad als ver­bit­ter­ter, hin­ter­lis­ti­ger Mime her­vor­zu­he­ben sowie Cathe­ri­ne Fos­ter, die bereits seit 2013 in drei von vier „Ring“-Teilen eine über­zeu­gen­de Brünn­hil­de gibt. Ste­fan Vin­kes for­cier­ter, etwas unkul­ti­vier­ter Tenor scheint am Anfang noch zur Rol­le des Sieg­fried zu pas­sen, in der „Göt­ter­däm­me­rung“ ist er grenz­wer­tig.

Showdown an der Dönerbude

Sze­nisch knüpft Cas­torf in der „Göt­ter­däm­me­rung“ an „Sieg­fried“ an, wo er sonst ja zu star­ke Bezü­ge zwi­schen den Tei­len strikt mei­det. Aber auch den letz­ten Teil des 16-Stun­den-Opern-Monu­men­tal­werks lässt er in Ber­lin spie­len: Die Gibichun­gen­hal­le ist eine Döner­bu­de direkt an der Ber­li­ner Mau­er, ande­re Sze­nen spie­len in einem schumm­ri­gen Miets­haus-Innen­hof mit über­di­men­sio­nier­ter Leucht­re­kla­me „Plas­te und Elas­te aus Schko­pau“. Die Nor­nen sind – nut­ti­ge! – Gla­mour-Girls, die dubio­se Voo­doo-Ritua­le mit einem toten Huhn durch­füh­ren. Stark und ver­stö­rend ist die Hoch­zeits­sze­ne Gutru­ne und Sieg­fried: Im über­trie­be­nen Tru­bel der mit Besat­zungs­macht­fähn­chen wedeln­den Gesell­schaft – aus­ge­zeich­net der Bay­reu­ther Fest­spiel­chor! – geht Brünn­hil­des Kla­ge über Sieg­frieds Betrug nahe­zu unter, es wir geschlemmt, geknutscht, ver­ge­wal­tigt und schließ­lich sogar gemor­det. Gutru­ne wird über­zeu­gend als schwa­ches, lie­bes Mäd­chen gezeich­net – Brünn­hil­de nicht eben­bür­tig, die aber ihrer­seits gede­mü­tigt wird. Am Ende ent­puppt sich der ver­meint­li­che, in Chris­to-Manier ver­hüll­te Reichs­tag dann als Gebäu­de des „New York Stock Exchan­ge“. Der Kapi­ta­lis­mus hat – mit einer Fas­sa­de, die durch­aus ein Wal­hall sein könn­te – die Ober­hand gewon­nen.

Musi­ka­lisch sta­chen im letz­ten Teil beson­ders Ste­phen Mil­ling als fan­tas­tisch sono­rer Hagen, Mar­kus Eiche als zor­ni­ger Gun­ther und in den Neben­rol­len Wieb­ke Lehm­kul als ers­te Nor­ne her­aus.

Fazit: Nicht alles von Cas­torf macht Spaß. Vie­le sei­ner Ide­en sind sprö­de, plump, inkon­se­quent, schwer nach­zu­voll­zie­hen, sehr ver­satz­stück­haft. Doch sei­ne Art zu den­ken und zu arbei­ten ist nach­wie­vor außer­ge­wöhn­lich, auf ihre sehr spe­zi­el­le Art krea­tiv. Wir wer­den sei­nen „Ring“ fast schon ein wenig ver­mis­sen.

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Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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