Erst kürz­lich hat­ten ich mit ihm zu tun: Drehs für eine Wag­ner-Doku, Bay­reuth im Win­ter – kein Pro­blem, Peter Emme­rich woll­te sich dar­um küm­mern. Nun ist der Pres­se­chef der Bay­reu­ther Fest­spie­le mit 61 Jah­ren gestor­ben. Ich kann das nicht fas­sen.

Peter Emme­rich war mehr als ein Pres­se­spre­cher. Er war: Inven­tar des Fest­spiel­hau­ses. Wolf­gang Wag­ner hat­te ihn – auf aben­teu­er­li­chen Wegen – 1989 von der Sem­per­oper in Dres­den, aus der DDR nach Fran­ken geholt. Als per­sön­li­chen künst­le­risch-wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­ter. 

Peter Emme­rich war kein Pres­se­spre­cher. Er war: ein Grals­hü­ter. Sein Büro – eine Biblio­thek, in der man vor Rauch kei­ne Bücher sah. Näch­te­lang saß er gemein­sam mit Wolf­gang Wag­ner, und spä­ter mit Katha­ri­na Wag­ner zusam­men und schmie­de­te Plä­ne. Peter Emme­rich war eines der Gehir­ne der Fest­spie­le. Ihr his­to­ri­sches Gewis­sen. Und ihr Mas­ter­mind für die Zukunft.

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Für vie­le von uns Jour­na­lis­ten war Peter Emme­rich zunächst ein­mal „Mr. No“. Pres­se­kar­ten? Inter­views? Brauch­te Bay­reuth lan­ge nicht. Nein. Dan­ke. Oft gab es nicht Mal eine Ant­wort.

Per­sön­lich lern­te ich Peter Emme­rich ken­nen, als ich bei der „Welt am Sonn­tag“ war, Wolf­gang hat­te die tra­di­tio­nel­len Inter­views mit dem „Spie­gel“ auf­ge­hört und mir zuge­sagt, sie in Zukunft mit uns zu füh­ren. Bis Peter Emme­rich anrief: Wolf­gang Wag­ner habe sich nun doch anders ent­schie­den. Es gibt gar kei­ne Inter­views.

Damals bin ich spon­tan nach Bay­reuth gefah­ren, habe auf einer Bank auf Wolf­gang gewar­tet – und der hat tat­säch­lich spon­tan zuge­sagt, nun doch ein Inter­view zu geben. „Wenn das ist, soll es so sein“, hat Peter Emme­rich gesagt. Und seit­her haben wir uns regel­mä­ßig getrof­fen. Ich durf­te erle­ben, dass das Knur­ri­ge nur eine Fas­sa­de von Peter Emme­rich war. In Wahr­heit war er ein Leben­mensch. Einer, der gern lach­te. Der gern rede­te. Zuhör­te. Stun­den­lang. Näch­te­lang.

Wag­ner für alle auf dem Fest­platz. Bay­reuth im Kino. Fest­spie­le im Fern­se­hen. Peter Emme­rich wog ab, war nie wirk­lich begeis­tert – mach­te aber mit. Unter der einen Bedin­gung: es muss­te seri­ös sein.

Und Peter Emme­rich ließ sich gern bit­ten, bevor er vor eine Kame­ra trat. Wir lieb­ten die­ses Spiel: „Emme­rich, ich brau­che Sie.“ – „Brau­chen Sie nicht, Brüg­ge­mann.“ – „Doch, Emme­rich.“ – „Na gut, Brüg­ge­mann.“ Und wenn er dann da stand, merk­te man, dass es ihm gefiel. Er war ein Pro­fi. Gab lau­ni­ge Inter­views. Erklär­te diplo­ma­tisch die Auf­re­ger der Fest­spie­le. Schlin­gen­siefs Zebras oder Niki­tins Nazi-Runen. Und er trat sogar im Tat­ort auf, der im Fest­spiel­haus gedreht wur­de.

Egal, was in Bay­reuth pas­sier­te: Peter Emme­rich war loy­al. Erst zu Wolf­gang Wag­ner. Dann zu Katha­ri­na Wag­ner. Jeder Angriff auf die Fest­spie­le waren für ihn auch ein Angriff auf sein Lebens­werk.

Und Bay­reuth dan­ke es ihm. Als 2010 her­aus­kam, dass er eini­ge Jah­re als IM bei der Sta­si regis­triert war, stell­te sich das Fest­spiel­haus ohne Wenn und Aber hin­ter ihn, ver­wies auf die his­to­ri­sche Situa­ti­on und: bewies dem Loya­len abso­lu­te Loya­li­tät.

Peter Emme­rich, so unnah­bar er hin­ter sei­nem Ziga­ret­ten­qualm war, hin­ter sei­nem oft süf­fi­san­ten Lächeln – er war ein Thea­ter­mann der alten Schu­le: einer, für den nicht die „Ver­kau­fe“ an ers­ter Stel­le stand, son­dern das Wis­sen, die Tra­di­ti­on, die Lei­den­schaft für das Thea­ter. Ihr dien­te er, als er Wolf­gang Wag­ner dien­te – und als er Katha­ri­na Wag­ner dien­te. 

Peter Emme­rich ist tot. Das ist nicht nur trau­rig. Das ist: eine grund­le­gen­de Ver­än­de­rung. Die Bay­reu­ther Fest­spie­le ver­lie­ren einen Den­ker, einen Wis­sen­den – und: einen Teil ihres Gedächt­nis­ses.

Mensch, Herr Emme­rich – wie gern hät­te ich noch eine Ziga­ret­te mit Ihnen geraucht, obwohl ich schon lan­ge nicht mehr rau­che.        

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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