Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

die Fest­spie­le ste­hen vor der Tür: erst Bay­reuth, dann Salz­burg – und es wird tur­bu­lent. In Aix-en-Pro­vence ist das meis­te bereits über die Büh­ne gegan­gen. Lesen Sie, was sonst noch los war in der Welt der Klas­sik.

WAS IST

Sie wird garan­tiert nicht absa­gen: Auch die Maus soll über den roten Tep­pich in Bay­reuth gehen.

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FESTSPIELE VOR DEM START

Wäh­rend Mar­kus Hin­ter­häu­ser in der FAZ noch gemüt­lich mit Jür­gen Kes­ting über die Ver­füh­rung des Publi­kums plau­dert (Text hin­ter Bezahl­schran­ke), muss Katha­ri­na Wag­ner in Bay­reuth schon hart arbei­ten: Zunächst sag­te Kras­si­mi­ra Sto­ja­no­wa die Rol­le der Elsa ab und muss­te durch Camil­la Nylund ersetzt wer­den, und dann stürz­te auch noch die Venus der neu­en Tann­häu­ser-Pro­duk­ti­on Eka­te­ri­na Guba­no­va in einer Pro­be und wird zur Fest­spiel­eröff­nung von Ele­na Zhi­d­ko­va ersetzt. Tann­häu­ser-Regis­seur Tobi­as Krat­zer hat Joa­chim Lan­ge in der NMZ schon ein biss­chen über sein Regie-Kon­zept ver­ra­ten: „Ohne, dass ich jetzt etwas ver­ra­te: aber die Räu­me wer­den viel­fäl­ti­ger sein. Ich ver­su­che das Publi­kum mehr auf eine Rei­se mit­zu­neh­men. Auch aus musi­ka­li­schen Grün­den, denn bei kei­nem ande­ren Stück Wag­ners klaf­fen die musi­ka­li­schen Wel­ten so aus­ein­an­der wie in den drei Akten Tann­häu­ser.“  Rede­be­darf besteht aber durch­aus auch in Salz­burg: Lan­des­haupt­mann Wil­fried Has­lau­er erzählt den Salz­bur­ger Nach­rich­ten, dass Sanie­rungs­in­ves­ti­tio­nen über 100 Mil­lio­nen Euro anste­hen – der­zeit wird geschaut, woher das Geld kom­men soll.

KLASSIK IM ZDF

Das Advents-Kon­zert der Säch­si­schen Staats­ka­pel­le aus der Frau­en­kir­che wird auch die­ses Jahr wie­der im ZDF über­tra­gen – am Pult steht Alon­dra de la Par­ra, die im Fern­se­hen neu­er­dings unheim­lich gehypt wird. Ob das ZDF auch zum Jah­res­wech­sel wie­der in Dres­den zu Gast ist, scheint dage­gen unsi­cher – aus den Rei­hen der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker hört man mun­keln, dass ein erneu­ter Wech­sel, zurück von der ARD ins ZDF, durch­aus denk­bar sei. Wir wer­den sehen, wer 2020 in unse­ren Wohn­zim­mern ein­läu­ten wird: Chris­ti­an Thie­le­mann oder Kirill Petren­ko. Und dann ist da bald der Opus Klas­sik, über den wir an die­ser Stel­le bereits berich­tet haben. Im Bad Blog of Musick macht sich Mar­tin Huf­ner lus­tig über die Preis­trä­ger-Kan­di­da­ten in der neu­en Kate­go­rie: Gegen­warts­kom­po­nist, die er in „Gebim­mel“ (Feder­i­co Alba­ne­se), „Ver­gan­ge­ne Musik“ (Phil­ip Glass), „Gebim­mel, Eso, Film“ (Max Rich­ter) oder „Arri­vier­te Neue Musik“ (Jörg Wid­mann) unter­teilt.     

TRANSGENDER-SÄNGER

Ein span­nen­der Text in der New York Times: Er ver­folgt die Kar­rie­re und den Kampf von Men­schen, die im Lau­fe ihrer Kar­rie­re ihr Geschlecht gewech­selt haben. Einer der Prot­ago­nis­ten ist „Mr. Mada­ga­me“, der als Mez­zo aus­ge­bil­det wur­de, dann Tes­to­ste­ron nahm und heu­te als einer der weni­gen Trans­gen­der-Sän­ger auf­tritt. Neben Mr. Mada­ga­me wird auch Lucia Lucas por­trä­tiert, die die­se Spiel­zeit in Tul­sa in Okla­ho­ma den Don Gio­van­ni ver­kör­pert. Ein span­nen­des Fea­ture über Stim­men, Geschlech­ter und eine neue Offen­heit in der Oper.

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25 Jah­re Ver­bier

25 Jahre Verbier Festival – das einzigartige Festkonzert jetzt auf DVD und Bluray!

Ein denk­wür­di­ger Abend mit über­ra­schen­dem Pro­gramm und fes­seln­den Auf­trit­ten von ins­ge­samt 36 Welt­stars der klas­si­schen Musik kann man nun in bes­ter Bild- und Ton­qua­li­tät zu Hau­se genie­ßen.

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WAS WAR

Musi­zie­ren mit Freun­den: Mar­tha Arge­rich begeis­tert Ham­burg statt Luga­no.

ARGERICH IN HAMBURG

Es war ein Scoup, als Dani­el Küh­nel vor zwei Jah­ren das Pro­get­to Mar­tha Arge­rich ret­te­te und die Pia­nis­tin von Luga­no nach Ham­burg hol­te – zu sei­nen Sym­pho­ni­kern. End­lich mal wie­der Super­la­ti­ve jen­seits einer Kon­zert­haus-Archi­tek­tur! Chris­ti­an Wild­ha­gen hat die Auf­trit­te der Arge­rich, die noch immer von gro­ßem Lam­pen­fie­ber geplagt wird und am liebs­ten mit ihren Freun­den auf­tritt, für die NZZ besucht und gerät ins Schwär­men: „Die fami­liä­re Atmo­sphä­re kommt nicht von unge­fähr, denn vie­le Freun­de von frü­her sind wie­der mit von der Par­tie“, bei­spiels­wei­se der Cel­list Mischa Mais­ky, der wun­der­ba­re Pia­nist Nicho­las Ange­lich, der mit dem Gei­ger Ren­aud Capuçon eine beson­ders fein­füh­li­ge Wie­der­ga­be der Regen­lied-Sona­te von Brahms bei­steue­re, oder die Vir­tuo­sa Kha­tia Bunia­tish­vi­li, mit der Arge­rich vier­hän­dig spie­le. In Luga­no wird man sich ob die­ses Erfol­ges wahr­schein­lich in den Aller­wer­tes­ten bei­ßen.

AFD UND KEIN ENDE

Aus­län­der an Baden-Würt­tem­ber­gi­schen Thea­tern sol­len gemel­det wer­den (wir haben berich­tet), und die radi­ka­len For­de­run­gen an die Kul­tur durch die AfD in Sach­sen-Anhalt gehen eben­falls wei­ter. Der BR hat die aktu­el­len Stim­mun­gen nun zusam­men­ge­fasst und Poli­ti­ker eben­so zu Wort kom­men las­sen wie Kul­tur­schaf­fen­de. Bedrü­ckend sind die Wor­te von Hans-Tho­mas Till­schnei­der, dem kul­tur­po­li­ti­schen Spre­cher der AfD-Frak­ti­on im Land­tag Sach­sen-Anhalt: Er wet­ter­te öffent­lich gegen den Inten­dan­ten der Oper in Hal­le Flo­ri­an Lutz. „Ich schla­ge vor: Flo­ri­an Lutz wird ent­las­sen. Als Nach­fol­ge wird ein Cha­rak­ter­kopf vom For­mat eines Atti­la Vid­nyán­sky gesucht. Dann muss die gan­ze Will­kom­mens­pro­pa­gan­da aus dem Spiel­plan…“. Lesens­wert der Bericht, in dem die Ver­bin­dung der deut­schen AfD zu Vik­tor Orbáns Kul­tur­po­li­tik in Ungarn gezo­gen wird. Umso schö­ner die Nach­richt, dass Sach­sens Regie­rung die För­de­rung beim Instru­men­ten­kauf für Lai­en­en­sem­bles wei­ter­hin auf­recht erhal­ten will.

PERSONALIEN DER WOCHE

Nike Wag­ner hat­te erklärt, das Beet­ho­ven­fest zu ver­las­sen, weil das Bon­ner Publi­kum zu kon­ser­va­tiv sei. Nun ant­wor­tet Bern­hard Hart­mann vom Bon­ner Gene­ral­an­zei­ger ihr, dass sie längst nicht so pro­gres­siv war, wie sie meint: „Viel­leicht wer­den im nächs­ten Jahr, wenn alle Kom­po­si­tio­nen zu Beet­ho­vens 250. Geburts­tag noch ein­mal beim Beet­ho­ven­fest erklin­gen, eini­ge kri­ti­sche Geis­ter fra­gen: Wann wird das Fes­ti­val end­lich im 21. Jahr­hun­dert ankom­men? Und dabei dann weni­ger das Publi­kum als die Inten­danz im Blick haben.“ +++  Der Diri­gent und Orga­nist Timo Hand­schuh wird nicht nur das Süd­west­deut­sche Kam­mer­or­ches­ter Pforz­heim, son­dern nach 2021 auch das Thea­ter Ulm als GMD ver­las­sen. +++ Nach­dem wir in die­sem News­let­ter bereits vor eini­gen Wochen auf das Pro­jekt von Hil­ary Hahn auf­merk­sam gemacht haben, in dem sie jeden Tag eine Minu­te ihrer Gei­gen­übun­gen zeigt, fei­ert nun auch der Spie­gel ihr Soci­al-Media-Unter­fan­gen. +++ In einem exklu­si­ven Inter­view mit Clas­si­cFM zum neu­en Lucia­no-Pava­rot­ti-Film von Ron Howard erzählt sei­ne Frau, Nico­let­ta Man­to­va­ni, über die Geheim­nis­se des Tenors: sei­ne Men­schen­lie­be, sei­ne Lie­be zur Male­rei und die Hin­ga­be sei­nes Lebens für die Kunst.  

AUF UNSEREN BÜHNEN

In der Wie­ner Zei­tung fei­ert Rai­ner Elst­ner die neue Zau­ber­flö­te in St. Mar­ga­re­then: Caro­lin Pien­kos und ihr Ehe­mann, der Schau­spie­ler Cor­ne­li­us Obonya, zei­gen einen Kampf der Geschlech­ter und ein „Com­ing of Age-Dra­ma“. In der Kri­tik: Der Schau­spie­ler Max Simo­ni­schek als eher spre­chen­der denn sin­gen­der Papa­ge­no. +++ Schier abge­fei­ert hat Micha­el Bas­ti­an Weiß Mozarts Ent­füh­rung in der Pasin­ger Fabrik: Beson­ders Regis­seur Ste­fan Kast­ner habe sich mit sei­ner Geschich­te um Bassa Selim, der bei ihm Erwin heißt und aus Weil­heim stammt, für Höhe­res qua­li­fi­ziert. +++ Zwei Mil­lio­nen Euro erhält die Dort­mun­der Aka­de­mie für Thea­ter und Digi­ta­li­tät von der EU für die Ent­wick­lun­gen digi­ta­ler Kul­tur-Mög­lich­kei­ten – davon pro­fi­tie­ren unter ande­rem auch das Lin­zer Lan­des­thea­ter und acht wei­te­re Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen. +++ Anja-Rosa Thöm­ming berich­tet in der FAZ über die Pre­mie­ren in Aix-en-Pro­vence: „The Slee­ping Thousand greift den Nah­ost-Kon­flikt zwi­schen Rea­li­tät und Fan­ta­sy auf – Tos­ca hin­ge­gen kämpft mit einem dekon­struk­ti­vis­ti­schen Regie­kon­zept.

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WAS LOHNT

Die Salz­bur­ger Fest­spie­le und Fest­spie­le in ganz Euro­pa – wir sagen, wo sie im Wohn­zim­mer zu emp­fan­gen sind.

So viel wir an die­ser Stel­le über das aus­ge­dünn­te Musik-Ange­bot im Fern­se­hen geklagt haben – im Som­mer sind zum Glück alle wie­der an Bord! Fest­spie­le im Wohn­zim­mer, das macht vor allen Din­gen 3sat mög­lich. Der gesam­te Fern­seh­plan hier, unter ande­rem wer­den am 17.7. die Eröff­nung der Bre­gen­zer Fest­spie­le, die Eröff­nung der Salz­bur­ger Fest­spie­le (27.7.), Simon Bocca­ne­gra aus Salz­burg (31.8.) und die Som­mer­nachts­ga­la aus Gra­fen­egg (17.8.) gezeigt, aus Bay­reuth wird der Tann­häu­ser am 27.7. zeit­ver­setzt gezeigt – am Pre­mie­ren­tag, dem 25.7., ist die Auf­füh­rung bereits in den Kinos zu sehen, und ich freue mich, Sie auch die­ses Jahr wie­der hin­ter die Kulis­sen zu füh­ren zu dür­fen. Etwas blas­ser ist arte auf­ge­stellt, das bereits aus Aix-en-Pro­vence gesen­det hat (gera­de hat der Sen­der wohl auch „Stars von Mor­gen“ mit Rolan­do Vil­la­zón auf Eis gelegt). Unver­gleich­lich dage­gen das Pro­gramm des ORF, der lei­der in Deutsch­land schwer zu emp­fan­gen ist: 500 Stun­den Fest­spiel-Musik unter dem Titel Kul­tur­som­mer. Unter ande­rem ist hier auch der Orpheus aus Salz­burg zu sehen (17.8.). Und dann ist da noch das ambi­tio­nier­te Pro­gramm von Ser­vusTV: Hier läuft der Salz­bur­ger Ido­me­neo (15.8.) und regel­mä­ßig der Fest­spiel-Talk mit Ioan Holen­der, am 25.7. sind Mar­kus Hin­ter­häu­ser und Katha­ri­na Wag­ner zu Gast, und ich freue mich, am 22.8. hier gemein­sam mit Karl­heinz Roschitz den Fest­spiel­som­mer debat­tie­ren zu dür­fen.

Lesens­wert auch der Kom­men­tar im aktu­el­len CRESCENDO von Ioan Holen­der zur Lage unse­rer Stadt­thea­ter. „Ein von einem kun­di­gen Lei­ter geführ­tes Opern­haus – das gibt es noch, wenn auch sel­ten – wird ein Ensem­ble­mit­glied nach dem Reper­toire­vor­ha­ben enga­gie­ren oder den Spiel­plan danach aus­rich­ten, wel­che Sän­ger zur Ver­fü­gung ste­hen.“ Holen­der wird übri­gens bei der 100. Geburts­tags­fei­er für Wolf­gang Wag­ner am 24.7. in Bay­reuth die offi­zi­el­le Rede hal­ten.

In die­sem Sin­ne, genie­ßen Sie den Fest­spiel­som­mer und hal­ten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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