Beet­ho­ven lässt sich für jede belie­bi­ge poli­ti­sche Agen­da bes­tens aus­schlach­ten. Geht es um den Akt, der einer­seits emo­tio­nal sein soll, zugleich aber auch tra­gend im Hin­blick auf das deut­sche Wesen, dann ist er abon­niert. War­um? Weil sei­ne Musik unser Dasein im Inners­ten anrührt. Miss­brauch nicht aus­ge­schlos­sen.

Beethoven ist eine Marke

Beet­ho­ven. War­um eigent­lich immer Beet­ho­ven? Sei­ne Musik ist offen­sicht­lich ers­te Wahl, wenn es etwas Beson­de­res zu fei­ern gibt. Ganz gleich, ob staat­li­che Fei­er oder Olym­pi­sche Spie­le: An den Klän­gen des Klas­si­kers kommt kei­ner vor­bei. Doch das liegt nicht nur an sei­ner Musik allein. Beet­ho­ven ist eine Mar­ke. Sie wirkt, auch ohne einen ein­zi­gen Ton. Der Name steht für Qua­li­tät, zeit­lo­se Kunst und jene gewis­se Pri­se heroi­schen Kamp­fes für das Wah­re, Gute und Schö­ne. Schon die Titel und Bei­na­men sei­ner Wer­ke befeu­ern dies: Den hel­den­haf­ten Zusatz „eroi­ca“ setz­te Beet­ho­ven selbst über sei­ne Drit­te Sin­fo­nie, sei­ne Fünf­te ist als Schick­salssin­fo­nie bekannt.

Beethoven – der einsame Held

Die Musik zu Goe­thes Egmont illus­triert den Kampf gegen die Unter­drü­ckung, und im Fide­lio tri­um­phie­ren Lie­be und Gerech­tig­keit. Und als wäre das nicht schon genug Sym­bo­lik, schei­nen in der Rezep­ti­on von Beet­ho­ven Leben und Werk zu ver­schmel­zen: Er wirkt selbst wie ein ein­sa­mer Held, der gegen sei­ne Ertau­bung ankom­po­nier­te. Die­sen „Kampf um das künst­le­ri­sche Schaf­fen“ hat der Musik­wis­sen­schaft­ler David B. Den­nis als das zen­tra­le Ele­ment iden­ti­fi­ziert, das sich für jede belie­bi­ge poli­ti­sche Agen­da bes­tens aus­schlach­ten ließ.

Diener vieler Herrn

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So wur­de Beet­ho­ven, wohl oder übel, zum Die­ner vie­ler Her­ren, etwa für die Fei­ern der Wei­ma­rer Repu­blik. Die Demo­kra­ten woll­ten dem säbel­klir­ren­den Zere­mo­ni­ell der Mon­ar­chie ande­re Töne ent­ge­gen­set­zen: statt Kai­ser­pa­ra­den nun bür­ger­li­che Fest­lich­keit. Beet­ho­ven schien dafür ide­al.

Geradezu Vergewaltigung

Schon den ers­ten Fest­akt zum Ver­fas­sungs­tag am 11. August 1921 krön­te der Schluss­satz aus der Fünf­ten Sin­fo­nie. Und wer der Repu­blik gegen­über posi­tiv ein­ge­stellt war, klatsch­te begeis­tert. All­ge­mei­ne Akzep­tanz fand die­se Gestal­tung aber nicht. Die natio­na­lis­ti­schen Kräf­te schäum­ten. Die Kreuz-Zei­tung bezich­tig­te die bür­ger­li­che Regie­rung unter Kanz­ler Wirth, Beet­ho­ven für „sozia­lis­ti­sche Par­tei­z­we­cke zu miß­brau­chen“. Das sei, so der Kom­men­ta­tor wei­ter, „gera­de­zu Ver­ge­wal­ti­gung“.

Die Republik feiert mit Beethoven

Die Mar­ke Beet­ho­ven war zwar über alle Zwei­fel erha­ben. Aber jedes poli­ti­sche Lager sah sich selbst als recht­mä­ßi­gen Hüter. Die Repu­blik fei­er­te jeden­falls wei­ter mit Beet­ho­ven. Die Corio­lan-Ouver­tü­re erklang 1922 im Reichs­tag bei der Trau­er­fei­er für Walt­her Rathen­au. 1929, zum Jubi­lä­ums­tag der Repu­blik, brach­ten alle drei Opern­häu­ser Ber­lins abends ein Beet­ho­ven-Pro­gramm.

Beethoven zu den Olympischen Spielen 1936

Weni­ge Jah­re spä­ter wur­de Beet­ho­ven olym­pisch. Trei­ben­de Kraft war Pierre de Cou­ber­tin, Grün­der der moder­nen olym­pi­schen Bewe­gung. Ihm schien die Ode an die Freu­de wie geschaf­fen, um „die Macht jugend­li­chen Stre­bens“ aus­zu­drü­cken.  Das Fina­le der Neun­ten  Sin­fo­nie krön­te auf sei­nen Wunsch die Eröff­nung der Spie­le von Ber­lin 1936. Am Abend des ers­ten Wett­kampf­ta­ges ent­fal­te­te sich im Sta­di­on ein gigan­ti­sches Fest­spiel, durch­webt mit olym­pi­schen Ide­en und der bru­ta­len Ideo­lo­gie des NS-Staa­tes: Ein cho­reo­gra­fier­ter Schau­kampf fei­er­te den Opfer­tod für das Vater­land als höchs­tes Ide­al. Im Anschluss erklang Beet­ho­vens Werk – und die Zei­le „Freu­dig, wie ein Held zum Sie­gen, lauf­et Brü­der eure Bahn“ erhielt unge­ahn­tes Gewicht.

Und in Nagano 1998 mit Seiji Ozawa

Die Ode an die Freu­de erklang noch mehr­mals bei Olym­pi­schen Spie­len, wenn auch dann stets als Zei­chen der Völ­ker­ver­bin­dung. Beson­ders extra­va­gant in Sze­ne gesetzt wur­de dies zur Schluss­fei­er der Win­ter­spie­le 1998 in Naga­no. Im Kon­zert­saal der Stadt diri­gier­te Sei­ji Oza­wa Chor und Orches­ter, wäh­rend im Sta­di­on ein zwei­ter Chor aus vol­ler Keh­le mit ein­stimm­te. Per Satel­lit wur­den auch noch Chö­re aus Syd­ney, Ber­lin, New York, Peking und Kap­stadt live dazu­ge­schal­tet. So ver­ei­nig­ten sich vir­tu­ell Stim­men aller Kon­ti­nen­te im gemein­sa­men Gesang.

BRD und DDR als Hüter von Beethovens Musik

Doch zurück zur staat­li­chen Aneig­nung der Wer­ke. BRD und DDR sahen sich jeweils als recht­mä­ßi­ge Hüter von Beet­ho­vens Musik. 1946 eröff­ne­te die Ouver­tü­re zur Frei­heits­oper Fide­lio in Ost-Ber­lin den Par­tei­tag zur erzwun­ge­nen Ver­ei­ni­gung von SPD und KPD. Drei Jah­re spä­ter spiel­te man in Bonn vor der ers­ten Sit­zung des Bun­des­ta­ges die Ouver­tü­re Die Wei­he des Hau­ses. Das Non­plus­ul­tra für höchs­te Anläs­se bleibt aber die Neun­te Sin­fo­nie.

Freiheit, schöner Götterfunken

Als 1989 die Ber­li­ner Mau­er irrele­vant gewor­den war, orga­ni­sier­ten Jus­tus Frantz und Leo­nard Bern­stein zu Weih­nach­ten zwei Kon­zer­te mit der Neun­ten – eines in der Phil­har­mo­nie im West­teil der Stadt, das ande­re im Osten, im Schau­spiel­haus am Gen­dar­men­markt. Unter dem Ein­druck der Ereig­nis­se änder­te Bern­stein die bekann­tes­te Text­stel­le ab in „Frei­heit, schö­ner Göt­ter­fun­ken“. Im Pro­gramm­heft schrieb er selbst­si­cher, Beet­ho­ven hät­te dem gewiss sei­nen Segen gege­ben. Knapp ein Jahr spä­ter erklang die Neun­te wie­der im Schau­spiel­haus, dies­mal mit Ori­gi­nal­text.

Abschied der DDR mit Beethoven 

Mit einer Fest­auf­füh­rung die­ses Wer­kes ver­ab­schie­de­te sich die DDR am Abend des 2. Okto­ber 1990 aus der Welt­ge­schich­te. Auch die Fei­ern der Ber­li­ner Repu­blik blei­ben Beet­ho­ven treu. Bei den Fest­ak­ten zum Tag der Deut­schen Ein­heit ist er bis heu­te der meist­ge­spiel­te Kom­po­nist. Häu­fig erklin­gen die Ouver­tü­ren zu Egmont, Fide­lio oder die Leo­no­re III. Greift man nicht gleich auf die Neun­te zurück, steht nicht sel­ten die Chor­fan­ta­sie auf dem Pro­gramm, die ihr in vie­lem ähnelt.

Der Große Zapfenstreich – nie ohne Beethoven

Eine Beson­der­heit des deut­schen Zere­mo­ni­ells: der Gro­ße Zap­fen­streich der Bun­des­wehr. Er wird zu her­aus­ra­gen­den Ereig­nis­sen auf­ge­führt und beginnt immer dem soge­nann­ten York’schen Marsch von Beet­ho­ven. Der Titel ist Resul­tat einer Raub­ko­pie. 1809 schrieb Beet­ho­ven in Wien sei­nen Marsch für die Böh­mi­sche Land­wehr. Ohne sein Wis­sen gelang­te das Werk bis nach Ber­lin. Dort erschien es gut zehn Jah­re spä­ter als Teil der Preu­ßi­schen Armee­marsch­samm­lung unter dem Titel: Yorck’schen Korps, 1813. So ehr­te man einen Trup­pen­teil unter Füh­rung von Graf Yorck von War­ten­burg, der sich im Kampf gegen die Napo­leo­ni­schen Hee­re aus­ge­zeich­net hat­te.

Prächtig Staat machen 

Beet­ho­ven selbst hat von die­ser Kar­rie­re sei­nes Mar­sches wohl nie erfah­ren. Aber bis heu­te mar­schiert die deut­sche Bun­des­wehr mit die­sem Stück zu ihrem höchs­ten Zere­mo­ni­ell ein. Auch 250 Jah­re nach Beet­ho­vens Geburts­tag lässt sich mit ihm und sei­ner Musik präch­tig Staat machen.

Beethoven lässt sich für jede beliebige politische Agenda bestens ausschlachten. 

Beethoven für Außerirdische ins All 

Und mehr bezie­hungs­wei­se län­ger noch: So ging Beet­ho­ven auch mit den bei­den 1977 gestar­te­ten inter­stel­la­ren Raum­son­den Voy­a­ger 1 und 2 auf Daten­plat­ten ins All. Sinn und Zweck der Mis­si­on: Außer­ir­di­sche, mög­li­cher­wei­se intel­li­gen­te Lebens­for­men über unser Mensch­sein zu infor­mie­ren. Mit einer Lebens­dau­er von 500 Mil­lio­nen Jah­ren lässt die „Voy­a­ger Gol­den Record“ den 250. Geburts­tag des Tita­nen inso­fern ziem­lich blass aus­se­hen. Denn natür­lich ist neben Bach, Mozart, Stra­win­sky und Hol­bor­ne im sin­fo­ni­schen Bereich auch er dabei auf der Rei­se ins Uni­ver­sum: mit der Cavati­na, dem fünf­ten Satz aus dem Streich­quar­tett Nr. 13, op. 130, und dem ers­ten Satz sei­ner Fünf­ten. Zwar ist Bach gleich drei­mal auf der Plat­te zu fin­den, doch schlägt Beet­ho­ven ihn mit einer Län­ge von 13,57 Minu­ten um 2,14 Minu­ten.

74 Minuten und 33 Sekunden und 12 Zentimetern Durchmesser

Und wo wir schon beim Maß aller Din­ge sind: Es war und ist Beet­ho­vens Neun­te, die Grö­ße und Lauf­zeit einer CD fest­le­gen. Der Vize­prä­si­dent von Sony – die Audio-CD war eine Ent­wick­lung der Tech­nik­rie­sen Sony und Phil­ips –, offen­sicht­lich ein Lieb­ha­ber von Beet­ho­vens Neun­ter Sin­fo­nie, erwähl­te sie als maß­geb­lich für die Stan­dar­di­sie­rung. Zunächst fiel die Wahl auf die 66-minü­ti­ge Ein­spie­lung Her­bert von Kara­jans, letzt­lich aber soll­te auch die etwas lang­sa­me­re Inter­pre­ta­ti­on von Wil­helm Furt­wäng­ler dar­auf pas­sen, die damit zur Refe­renz­auf­nah­me wur­de. Nicht mehr und nicht weni­ger ist der Grund, wes­halb die Lauf­zeit einer CD 74 Minu­ten und 33 Sekun­den beträgt und einen Durch­mes­ser von 12 Zen­ti­me­tern hat. Ja, genau, auch das ist „Klas­sik in Zah­len“.

Mehr zur Musik auf den Daten­plat­ten von Voy­a­ger: 
www.voyager,jpl

Mehr zur Musik Beet­ho­vens: crescendo.de

 

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