Beet­ho­vens Brief an die unsterb­li­che Gelieb­te gibt bis heu­te Rät­sel auf. „Ewig dein, ewig mein, ewig uns!“ – So lau­tet sein Ende. Der Anfang: „Mein Engel, mein alles, mein ich“. Dazwi­schen tie­fe Lie­be – und der Schmerz, die Ange­be­te­te nicht ganz besit­zen zu kön­nen. Wer aber war sie?

Beethovens Bruder Nikolaus Johann fand im nachlass Beethovens den Brief an die unsterbliche Geliebte

Fand im Nach­lass den Brief an die unsterb­li­che Gelieb­te: Beet­ho­vens Bru­der Niko­laus Johann auf einem Gemäl­de von Leo­pold Groß 

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Was wer­den die zwei Her­ren wohl erwar­tet haben, als sie am 26. März 1827 den Schreib­tisch des ver­stor­be­nen Lud­wig van Beet­ho­ven öff­ne­ten? Der Älte­re der bei­den, Lud­wigs Bru­der Johann, erhoff­te sich Geld und Akti­en. Der Zwei­te im Bun­de, Sekre­tär Anton Felix Schind­ler, ersehn­te eher Noten­blät­ter unvoll­ende­ter Wer­ke.

Leidenschaftliche Zeilen des Verstorbenen 

Doch was sie statt­des­sen fan­den, ließ ihren Atem sto­cken: ein Tes­ta­ment, in dem Beet­ho­ven sei­nen Besitz einer „Unsterb­li­chen Gelieb­ten“ ver­mach­te, sowie einen zehn­sei­ti­gen Brief an eben jene Dame. Nie zuvor hat­ten Schind­ler und Johann Beet­ho­ven so lei­den­schaft­li­che Zei­len des Ver­stor­be­nen gele­sen wie in die­sem Brief, der mit den Wor­ten „Mein Engel, mein alles, mein ich“ beginnt. Aber wer war mit der stür­mi­schen Anre­de gemeint? Hat­ten die bei­den, wie sie stets behaup­te­ten, wirk­lich nicht den blas­ses­ten Schim­mer? Oder wuss­ten sie doch mehr und taten nur alles, um die Wahr­heit zu ver­ber­gen?

Hoff­te auf Noten­blät­ter unvoll­ende­ter Wer­ke in Beet­ho­vens Nach­lass: der Sekre­tär Anton Felix Schind­ler

Denn es pass­te ein­fach nicht ins Bild vom tita­ni­schen, durch Ertau­bung von der Umwelt abge­schnit­te­nen Beet­ho­ven, dass der lebens­läng­lich Unver­hei­ra­te­te auch sinn­li­che Lie­be genoss. Wer die gan­ze Mensch­heit umarmt – „Seid umschlun­gen, Mil­lio­nen“ –, dem ist der Man­tel der Geschich­te näher als der Hemd­zip­fel einer Gelieb­ten. Die For­schung aber hat kei­nen Zwei­fel dar­an: Der gern als men­schen­scheu beschrie­be­ne Beet­ho­ven war oft lei­den­schaft­lich ver­liebt – aller­dings meis­tens nur für „höchs­tens sie­ben Mona­te“, wie er selbst zu Pro­to­koll gab.

Ein Meisterwerk der Verrätselung

Die Geschich­te des bekann­tes­ten Schrift­stücks aus Beet­ho­vens Nach­lass ent­hält alle Zuta­ten eines Kri­mis: Spu­ren­le­ger und Spu­ren­ver­wi­scher, Fäl­scher und unzu­ver­läs­si­ge Zeu­gen, plan­voll ins Spiel gebrach­te Ver­däch­ti­ge, Doku­men­te, die nur in zwei­fel­haf­ten Kopi­en kur­sie­ren, und Machen­schaf­ten von Fami­li­en, die belas­ten­des Mate­ri­al ver­schwin­den las­sen.

War­um aber lässt sich die Adres­sa­tin so schwer iden­ti­fi­zie­ren? Tat­säch­lich ist Beet­ho­ven mit sei­nem Brief ein Meis­ter­werk der Ver­rät­se­lung gelun­gen, das gan­ze For­scher­ge­nera­tio­nen beschäf­tig­te. Das Schrei­ben ent­hält kei­ne Frau­en­na­men. Nicht ein­mal die sonst so gern benutz­ten Kür­zel las­sen sich fin­den.

Beethoven im böhmischen Badeort TeplitzBeet­ho­ven im Bade­ort Teplitz auf einem Gemäl­de von Lud­wig Büch­ner nach einer Dar­stel­lung von Carl Röh­ling

Als wäre dem Autor aber selbst auf­ge­fal­len, dass sich spä­te­re Leser über zu dürf­ti­ge Infor­ma­tio­nen beschwe­ren könn­ten, schrieb er am Anfang eines jeden Abschnitts zumin­dest den Wochen­tag und das Datum ohne Jah­res­zahl. Dank sol­cher Hin­wei­se und der Was­ser­zei­chen wis­sen wir heu­te, dass Beet­ho­ven den Brief im Juli 1812 im böh­mi­schen Bade­ort Teplitz schrieb, wo er sich zur Kur auf­hielt.

Liebesnacht mit einer verheirateten Frau

Auf dem Weg dahin traf der Kom­po­nist in Prag unver­mu­tet eine ihm bekann­te ver­hei­ra­te­te Frau und ver­brach­te mit ihr eine Lie­bes­nacht. Zwei­fel­los ging er davon aus, die Gelieb­te spä­ter noch ein­mal zu tref­fen. Dass sich der Brief nach sei­nem Tod jedoch in sei­nem Nach­lass fand, könn­te ein Zei­chen dafür sein, dass das Schrei­ben zurück­ge­sandt wor­den war, weil die Adres­sa­tin ihren Auf­ent­halts­ort wie­der ver­las­sen hat­te.

Julie Guicciardi, eine der Kandidatinnen für die unsterbliche Geliebte

Julie Guic­ci­ar­di, Wid­mungs­trä­ge­rin der Mond­schein­so­na­te

Bis heu­te ist die Iden­ti­tät der „Unsterb­li­chen Gelieb­ten“ nicht geklärt. Unzäh­li­ge Namen wur­den genannt. Gleich der ers­te ist eine fal­sche Fähr­te: Julie Guic­ci­ar­di, Wid­mungs­trä­ge­rin der Mond­schein­so­na­te. 31 Jah­re alt war Beet­ho­ven, als er sich im Haus der mit ihm befreun­de­ten Bruns­viks in die 19-Jäh­ri­ge ver­lieb­te. Vor allem Franz Bruns­vik war es, der sei­ne Cou­si­ne Julie als Wid­mungs­trä­ge­rin des Brie­fes ins Spiel brach­te – in der Hoff­nung, Spe­ku­la­tio­nen, sei­ne eige­ne Schwes­ter Jose­phi­ne sei die „Unsterb­li­che Gelieb­te“, ver­stum­men zu las­sen.

Therese Malfatti, eine weitere Kandidatin für Beethovens unsterbliche Geliebte

Bei The­re­se Mal­fat­ti  war Beet­ho­ven nur als Musi­ker will­kom­men.

Lei­der ist sie nicht von mei­nem Stan­de“, schrieb Beet­ho­ven zwei Jah­re spä­ter einem Freund über Julie, als die­se 1803 einen Adli­gen hei­ra­te­te. Sechs Jah­re spä­ter muss­te Beet­ho­ven erneut Hei­rats­plä­ne auf­ge­ben: Sein Freund Ignaz von Glei­chen­stein hat­te den Kom­po­nis­ten mit der 18-jäh­ri­gen The­re­se Mal­fat­ti bekannt gemacht. Bei ihr war er häu­fig zu Gast, gab Kla­vier­un­ter­richt und beriet den Vater in musi­ka­li­schen Din­gen. Beet­ho­ven hoff­te auf eine Hei­rat. Doch The­re­ses Eltern lie­ßen ihm aus­rich­ten, dass er nur als Musi­ker will­kom­men sei.

 

Weder musikalisch noch biografisch zu erklärende Popularität

Das ein­zi­ge musi­ka­li­sche Geschenk an The­re­se ist ein anspruchs­lo­ses Stück­chen. Beet­ho­ven mach­te sich nicht ein­mal die Mühe, ihm einen rich­ti­gen Titel zu geben, son­dern nann­te es nur Für The­re­se. 1865 wur­de es ent­deckt und wegen des undeut­lich geschrie­be­nen Namens fälsch­lich als Für Eli­se gele­sen. Unter die­sem Titel hat es eine Popu­la­ri­tät erlangt, die sich weder musi­ka­lisch noch bio­gra­fisch erklä­ren lässt.

Eine kurze Affäre Beethovens Bettina Brentano

Beet­ho­vens Affä­re mit Bet­ti­na Bren­ta­no dau­er­te nur eini­ge Wochen.

Mit den Maß­stä­ben des 21. Jahr­hun­derts wür­de man Bet­ti­na Bren­ta­no als Grou­pie bezeich­nen. Denn sie war erfah­ren dar­in, die Nähe berühm­ter Män­ner aus­zu­kos­ten. Ihre Affä­re mit Beet­ho­ven dau­er­te 1810 nur eini­ge Wochen: In die­ser Zeit spa­zier­ten bei­de Hand in Hand durch Wien. Bet­ti­na beglei­te­te den 15 Jah­re Älte­ren zu Orches­ter­pro­ben. Ihre roman­ti­sie­ren­de Beschrei­bung hat viel zum Genie­kult um Beet­ho­ven bei­getra­gen. Kei­ner der bei­den dach­te an eine dau­er­haf­te Ver­bin­dung. Im Gegen­teil: Zeit­gleich dräng­te Bet­ti­na Achim von Armin auf Hei­rat. Denn mög­li­cher­wei­se gab es schon Gerüch­te über die Affä­re.

eine unwahrscheinliche Kandidatin für Beethovens unsterbliche Geliebte: die kränkliche Antonie von Brentano

Vie­le For­scher hal­ten sie für Beet­ho­vens unsterb­li­che Gelieb­te: Anto­nie von Bren­ta­no

Zu den Men­schen, die Bet­ti­na dem Musi­ker vor­stell­te, gehör­te auch ihre Schwä­ge­rin Anto­nie von Bren­ta­no. Die krän­keln­de jun­ge Frau nahm zur Auf­hei­te­rung Kla­vier­stun­den bei Beet­ho­ven. Da Anto­nie im Juli 1812 in Prag weil­te, hal­ten vie­le For­scher sie für die Unbe­kann­te.

Ungünstige Voraussetzungen für eine leidenschaftliche Liebesnacht

Dafür spricht, dass sie sich vom Kom­po­nis­ten ein Exem­plar des ihr gewid­me­ten Lie­des An die Gelieb­te erbat. Dage­gen spre­chen logi­sche Erwä­gun­gen: Anto­nie war nicht allein in Böh­men, son­dern hat­te Ehe­mann, Kind und Kin­der­mäd­chen dabei – eher ungüns­ti­ge Vor­aus­set­zun­gen für eine lei­den­schaft­li­che Lie­bes­nacht.

Sie war vermutlich Beethovens unsterbliche Geliebte: Josephine von Brunsvik

An Jose­phi­ne von Bruns­vik führt kein Weg vor­bei.

An einem Namen, der bereits auf­tauch­te, führt kein Weg vor­bei: Jose­phi­ne von Bruns­vik. Ver­liebt hat­te sich der 29-jäh­ri­ge Beet­ho­ven in die zehn Jah­re Jün­ge­re eben­falls im Kla­vier­un­ter­richt. Doch auch Jose­phi­ne muss­te stan­des­ge­mäß hei­ra­ten – einen Gale­ris­ten, der weni­ge Jah­re spä­ter starb. Unmit­tel­bar danach schrie­ben sich bei­de Brie­fe, deren Ton­fall jenem an die „Unsterb­li­che Gelieb­te“ ähnelt. Doch Jose­phi­ne scheu­te die Hei­rat und begann ein Ver­hält­nis mit dem Pri­vat­leh­rer ihres Soh­nes, von dem sie schwan­ger wur­de.

Ein Ehepaar wurden die beiden nie.

Die­se zwei­te Ehe geriet zur Kata­stro­phe. Und wahr­schein­lich such­te Jose­phi­ne im Juli 1812 in Prag juris­ti­schen Rat für eine Schei­dung, als sie dort zufäl­lig Beet­ho­ven traf. Just zu die­ser Zeit wur­de sie erneut schwan­ger. So war die reu­mü­ti­ge Rück­kehr zum Ehe­mann eher nüch­ter­ne Berech­nung: Das Kind, das sie aus­trug und ihrem Mann „unter­schob“, war ver­mut­lich Beet­ho­vens Kind. 

Hin­ter­ließ deut­li­che Spu­ren in Beet­ho­vens Wer­ken: der Brief an die unsterb­li­che Gelieb­te

Die Geschich­te nahm den­noch kein gutes Ende: Die Ehe zer­brach, und die Kin­der wur­den ihr weg­ge­nom­men. Nur durch die dis­kre­te Hil­fe des Kom­po­nis­ten hielt sie sich noch die weni­gen Jah­re, die ihr bis zu ihrem frü­hen Tod blie­ben, über Was­ser. Ein Ehe­paar wur­den die bei­den jedoch nie.

Wer auch immer also jene Frau war, für die Lud­wig van Beet­ho­ven im Juli 1812 den lei­den­schaft­lichs­ten Brief sei­nes Lebens mit „ewig dein, ewig mein, ewig uns!“ unter­schrieb: In sei­ner Bio­gra­fie und in sei­nen Wer­ken hat sie deut­li­che Spu­ren hin­ter­las­sen.

Hagen Kun­ze: „Beet­ho­ven und die Lie­be“ (Mini­bi­blio­thek, Buch­ver­lag für die Frau)
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