Da kommt eine wirk­lich auf­re­gen­de, fri­sche, neue Stim­me auf uns zu. Sie weiß uns wun­der­vol­le Geschich­ten zu erzäh­len, völ­lig unge­trübt, klar und ver­ständ­lich, im Tim­bre aber ein emo­tio­na­les Spek­trum von betrübt, besorgt, häss­lich has­send bis ängs­ti­gend schrei­end, wie auch hei­ter, froh, lie­bend, leicht und über­mü­tig, ja ver­söh­nend und betö­rend. Der deutsch-rumä­ni­sche Bari­ton Kon­stan­tin Krim­mel (Foto oben: © Danie­la Res­ke) singt mit gro­ßer Hin­ga­be zum Detail, folgt den Nuan­cen zwi­schen Wort und Ton bis in die kleins­te Nische und ist dabei so reich an lei­den­schaft­li­cher Aus­drucks­kraft, dass der 26-Jäh­ri­ge 2019 zum Gewin­ner und Publi­kums­preis­trä­ger des Deut­schen Musik­wett­be­werbs avan­cier­te, dar­über hin­aus beim Inter­na­tio­na­len Gesangs­wett­be­werb „Das Lied“ den zwei­ten Preis bekam und wie­der Publi­kums­preis­trä­ger wur­de.
Das jetzt erschie­ne­ne Debüt­al­bum „Saga“ eröff­net mit Tom der Rei­mer von Carl Loewe. Als hät­te er alle Zeit der Welt, singt Krim­mel wun­der­voll unan­ge­strengt und schwebt hei­ter durch die Zei­len, in der Stimm­füh­rung auch bei lei­sen Tönen stets kraft­voll und erd­ver­bun­den. Sil­be für Sil­be, Wort für Wort zieht er die Zuhö­rer in sei­nen Bann. Was war die Inten­ti­on?

Konstantin Krimmel: „Unser Anliegen war es, eine Bandbreite
an Farben in den verschiedenen Vertonungen und
Erzählungen zu zeigen.“ (Foto: © Daniela Reske)

Unser Anlie­gen war es, unter­schied­li­che Kom­po­nis­ten zu mischen, eine Band­brei­te an Far­ben in den ver­schie­de­nen Ver­to­nun­gen und Erzäh­lun­gen zu zei­gen, durch die ein roter Faden fließt. Wir haben viel gesam­melt und geschaut, was könn­te dazu pas­sen.“ Bal­la­den sind es, die hier den roten Faden spin­nen. Das wird im Book­let sehr schön beschrie­ben, wor­in auch die renom­mier­te Lie­dex­per­tin Susan You­ens ihr Wis­sen ein­ge­bracht hat.
„Wir woll­ten die gan­ze Geschich­te – die Saga – mit etwas Schö­nem begin­nen, uns mit Tom der Rei­mer lang­sam vor­ar­bei­ten, um uns dann immer tie­fer nach unten zu gra­ben.“ Ein tref­fen­des Bild, galt doch das Berg­werk, das Gra­ben in die Welt unter Tage zur Zeit der Roman­tik als Vor­stoß ins Unbe­wuss­te. Der Span­nungs­bo­gen ist gelun­gen. So hei­ter beschwingt der Rei­gen beginnt, er mün­det mit Odins Mee­res­ritt in Tod und Ver­der­ben.

Krimmel ist jedem Charakter innig verwoben,
gibt jeder Figur ihren eigenen Ton.

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Krim­mel offen­bart eine gro­ße Viel­falt. In Schu­manns Bel­sa­zar wer­den exal­tier­ter Grö­ßen­wahn und des­sen fata­le Fol­gen zum Grei­fen nah. „Wenn sich hier Bel­sa­zar völ­lig irre wie auch selbst­be­wusst gegen Gott stellt, dann darf das auch dem­entspre­chend kräf­tig klin­gen, da muss man ein­fach zupa­cken und sich nicht hin­ter gro­ßer Lied­tech­nik ver­ste­cken. Für mich heißt das, ein­fach ein biss­chen wei­ter­ge­hen, wenn es häss­lich ist, dann darf man auch häss­lich wer­den und häss­lich sin­gen. Das hilft der Geschich­te, gibt ihr eine gute Basis.“ Genau das ist in Schu­berts Zwerg zu hören, wenn Krim­mel ganz in des­sen Haut geschlüpft selbst zum ver­sto­ße­nen Wesen wird, weil sei­ne Gelieb­te, die Köni­gin, ihn ver­las­sen hat. In Jen­sens Wald­ge­spräch wächst und wächst sei­ne Stim­me und kul­mi­niert im Schrei. In Loewes Erl­kö­nig ist er auf allen vier Ebe­nen prä­sent. Man spürt die inten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit der Rol­le des Beob­ach­ters, den angst­vol­len Hil­fe­ru­fen des Kin­des, den nichts ahnen­den Beru­hi­gun­gen des Vaters bis hin zum trü­ge­risch ver­klär­ten wie ver­füh­re­ri­schen Ton des Erl­kö­nigs. Krim­mel ist jedem Cha­rak­ter innig ver­wo­ben, gibt jeder Figur ihren eige­nen Ton. Dabei klingt sei­ne Stim­me unglaub­lich gereift, was erstaunt, wenn man weiß, wie jung er noch ist.
Zie­hen ihn sei­ne schau­spie­le­ri­schen Fähig­kei­ten letzt­end­lich zur Oper? „Für mich haben alle drei Spar­ten, Lied, Kon­zert und Oper, einen sehr hohen Stel­len­wert. Den­noch bedeu­tet mir per­sön­lich das Lied am meis­ten, denn Bel­sa­zar und Erl­kö­nig sind eigent­lich klei­ne Opern für sich, eine Oper erzählt in fünf bis sechs Minu­ten, da ist alles drin, was eine Oper hat. Da ist die Lie­be, das Leid, der Tod, alle Facet­ten einer Oper fin­den sich hier in fan­tas­ti­sche Musik gepackt. Mei­ne Pia­nis­tin und ich, wir kön­nen hier gestal­ten und so erzäh­len, wie wir uns das vor­stel­len. Genau das fin­de ich eine fan­tas­ti­sche Sache.“

Der Bariton Konstantin Krimmel und seine kongeniale
Partnerin Doriana Tchakarova am Klavier
(Foto: © Daniela Reske)

Die kon­ge­nia­le Part­ne­rin an sei­ner Sei­te ist Doria­na Tcha­ka­ro­va – sie haben sich gesucht und gefun­den, in Aus­druck, Detail­stär­ke und Raf­fi­nes­se. Wie pass­ge­nau ihrer bei­der Kunst inein­an­der­greift, das macht ihr Spiel der­zeit zu den auf­re­gends­ten und span­nends­ten Events der Lied­kunst. Das heißt nichts ande­res, als sich ein­fach hin­zu­ge­ben und zuzu­hö­ren.

Robert Schu­mann, Carl Loewe, Adolf Jen­sen,
Franz Schu­bert: „Saga“, Kon­stan­tin Krim­mel, Doria­na
cha­ka­ro­va (Alpha)
www.amazon.de

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen und Auf­trit­te: www.konstantinkrimmel.de

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Was hat John Wayne mit den Muppets und Groucho Marx gemeinsam? Für crescendo begibt sich Stefan Sell immer wieder auf die Suche nach verblüffenden Zusammenhängen. Überraschende Verbindungen bringt Sell auch als Konzertgitarrist auf die Bühne. In Programmen wie Don Quijote trifft Hamlet vereint er virtuoses Saitenspiel mit humorvollen Anekdoten und entstaubt die Weltliteratur. Seine langjährige Arbeit als Herausgeber und Autor beim Schott-Verlag wurde mit dem Deutschen Musikeditionspreis „Best Edition“ ausgezeichnet.

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