Sophie Karthäuser
Foto: Molina Visuals

Der eine probt gerade als Scarpia an der Met, wie er sich von Tosca Anna Netrebko am eindrucksvollsten erstechen lassen kann, die andere steht vor einer konzertanten Händel Aufführung in Wien. Im Studio nahmen Bassbariton Michael Volle und Sopranistin Sophie Karthäuser jüngst Musik von Bach auf.

crescendo: Herr Volle, Sie stehen meist als Hans Sachs, Wotan oder Amfortas, als Falstaff oder Scarpia auf der Bühne. Liegt Bach da nicht in weiter Ferne?

Michael Volle
Foto: Cars­ten San­der

Micha­el Vol­le: Ich bin als würt­tem­ber­gi­scher Pfar­rers­sohn mit Bach auf­ge­wach­sen, ich brau­che ihn ein­fach. Sän­ge­risch hängt es davon ab, wie wach man im Kopf und wie gesund man in der Keh­le ist. Es soll nicht arro­gant klin­gen, aber ich genie­ße es, tech­nisch blitz­schnell umschal­ten zu kön­nen: Ich gehe gleich zu einer Tos­ca-Pro­be, könn­te aber genau­so Ich habe genug oder Win­ter­rei­se sin­gen. Es ist wohl eine Fra­ge der Erfah­rung. Mit dem Ein­at­men muss man schon wis­sen, wo man ist, in der Met vor 4.000 Leu­ten oder in inti­mem Rah­men mit der Aka­de­mie für Alte Musik Ber­lin für Bach.

Frau Karthäuser, bei Ihnen bildet Mozart das Zentrum des Repertoires, aber Barock war zugleich immer präsent.

Sophie Kart­häu­ser: Ich habe mit Barock­mu­sik begon­nen, der Stil hat zu mei­ner Stim­me gepasst und tut es hof­fent­lich immer noch. Mit wach­sen­der Rei­fe kann ein Sopran wie mei­ner aber auch in roman­ti­sches Reper­toire vor­sto­ßen. Im Kopf und im Her­zen muss man jung blei­ben in unse­rer Pro­fes­si­on – eine gesun­de Stim­me vor­aus­ge­setzt. Mir erscheint das Sin­gen immer mehr wie ein Sport: Trai­ning ist wich­tig, um die Elas­ti­zi­tät zu erhal­ten und ver­schie­de­nen Sti­len gerecht wer­den zu kön­nen.

Im Kopf und im Her­zen muss man jung blei­ben in unse­rer Pro­fes­si­on – eine gesun­de Stim­me vor­aus­ge­setzt“

Wie empfinden Sie Bachs Schreibweise im Vergleich zu Mozarts?

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Kart­häu­ser: Für mich ist Bach der schwie­rigs­te Kom­po­nist, er hat Stim­men wirk­lich wie Instru­men­te behan­delt. Das macht natür­lich sei­ne Genia­li­tät aus, gera­de die enor­me Zahl und das Niveau der Kan­ta­ten sind unglaub­lich. Als Sän­ge­rin ist es jedoch nicht ein­fach, denn meis­tens gibt es kei­ne Zeit zum Atmen! Mozart ist für mich die ers­te Anlauf­stel­le, zum Bei­spiel nach einem Urlaub: Bei ihm füh­le ich mich zu Hau­se. Sei­ne Musik ist wie Honig, der einem in die Keh­le strömt. Und: Bei Mozart ist man nackt, man kann nicht schum­meln.

Vol­le: Bach schreibt vir­tu­os, man muss die Stim­me zurück­neh­men kön­nen, leich­ter sin­gen, Kolo­ra­tu­ren for­men. Ich bin über­zeugt, dass mein Sin­gen im soge­nann­ten gro­ßen Fach gewon­nen hat durch die Beschäf­ti­gung mit Bach und Mozart – den ich lei­der nur noch sel­ten ange­bo­ten bekom­me, weil vie­le Leu­te den­ken, man kön­ne kei­nen Mozart mehr sin­gen, wenn man bei Puc­ci­ni, Ver­di, Wag­ner und Strauss ange­langt ist. So ein Blöd­sinn! Bei mei­nem Fal­staff-Debüt und jetzt auch bei Scar­pia habe ich gemerkt, wie einen die fili­gra­ne­re, fei­ne­re Behand­lung der Stim­me bei Bach auch in sol­chen Par­ti­en unter­stützt. Nicht jeder kann alles sin­gen, aber ich glau­be, jeder soll­te Lied machen und jeder soll­te Bach und Mozart sin­gen. Das muss nicht unbe­dingt mit alten Instru­men­ten sein, aber wenn jemand nur und dau­ernd gegen gro­ße Orches­ter­mas­sen ansin­gen muss, dann besteht die Gefahr, dass die Stim­me an Fle­xi­bi­li­tät ver­liert oder ech­ten Scha­den nimmt. Das ist oft genug der Fall.

Bei Ihnen steht die Gräfin in Mozarts Le nozze di Figaro an, Frau Karthäuser. Haben Sie langsam genug von der Rolle der Susanna?

Sophie Karthäuser
Foto: Moli­na Visu­als

Kart­häu­ser: Nein, von ihr könn­te ich nie­mals genug bekom­men, ich wer­de nur alt! Vor ein paar Jah­ren habe ich noch abge­lehnt – aber nun konn­te ich René Jacobs kei­nen Korb geben, er ist für mich der größ­te Diri­gent für die­se Musik. Mit ihm fin­det man immer etwas Neu­es. Er weiß so viel, his­to­ri­sche Fak­ten genau­so wie Anek­do­ten. Es ist, als wür­de er die Par­ti­tur neu erfin­den. Unse­re Auf­ga­be ist es ja, immer wei­ter­zu­ler­nen. Ich habe die Schu­le geliebt und war trau­rig, als sie vor­bei war! Und so freue ich mich dar­über, mit Diri­gen­ten und Part­nern neue Din­ge aus­zu­pro­bie­ren. Dazu zäh­len bei mir aktu­ell Strauss-Lie­der, aber auch Bach mit der wun­der­ba­ren Aka­de­mie für Alte Musik Ber­lin! Das sind tol­le Kol­le­gen, die genau wis­sen, wie man phra­siert und so wei­ter. Und wir haben wirk­lich hart gear­bei­tet.

Wenn ich Bach sin­ge, mer­ke ich, dass es mehr gibt als das, was wir mit Augen sehen und mit Hän­den grei­fen kön­nen“

Vol­le: Ich will es nicht über­hö­hen, aber das Zusam­men­kom­men der Aka­mus mit mir grenzt ans Schick­sals­haf­te, an eine Fügung! Vor ein paar Jah­ren habe ich die drei Solo­kan­ta­ten mit ande­ren Kol­le­gen gemacht, woll­te aber an die­sen Wer­ken wei­ter­ar­bei­ten. Ich rief frech bei der Aka­mus an – und hör­te, dass die gera­de über mich gespro­chen hat­ten! Ich bin über­glück­lich, dass wir nun die­ses Album mit den Dia­log­kan­ta­ten machen konn­ten, denn Bach ist das A und O für mich.

Spielt im Verhältnis des Pfarrerssohns zu Bach die Religion noch eine Rolle?

Vol­le: Der Kir­che ste­he ich fern und bin auch dem her­kömm­li­chen Glau­ben nicht mehr eng ver­bun­den. Aber ich wür­de mich sel­ber als sehr spi­ri­tu­ell bezeich­nen. Musi­ka­lisch gehö­ren dazu Mozart, Schu­bert und Bach! Wenn ich Bach sin­ge, mer­ke ich, dass es mehr gibt als das, was wir mit Augen sehen und mit Hän­den grei­fen kön­nen. In die­ser Musik steckt eine Kraft, die unbe­schreib­lich ist. Bei Bach geht der Him­mel auf.

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Walter Weidringer
Walter Weidringer lebt und arbeitet als Musikwissenschaftler, Journalist und Kritiker in Wien. Seit seiner Mittelschulzeit schreibt und spricht er über Musik und ihre Interpretation: in Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Programmheften, bei Vorträgen und im Radio. Fit hält er sich damit, beim Eintragen in die Datenbank seiner CD-Sammlung nie mehr als drei Laufmeter im Rückstand zu sein.

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