Als Leo Nuc­ci im März sein 40-jäh­ri­ges Debüt an der Wie­ner Staats­oper mit einem glän­zen­den Ari­en­abend fei­er­te, erhielt er als Geschenk das Pla­kat mit sei­nem Debüt als Figa­ro im Bar­bier von Sevil­la aus dem Jahr 1979. Nuc­ci sprang damals für ein erkrank­tes Ensem­ble­mit­glied ein, und neben sei­nem Namen stand „als Gast“. Alle ande­ren Rol­len wur­den selbst­ver­ständ­lich von Mit­glie­dern des Haus-Ensem­bles besetzt. Das war in allen gro­ßen Opern­häu­sern der Bun­des­re­pu­blik von Mün­chen bis Ham­burg so. Doch bereits als ich 1991 die Direk­ti­on der Wie­ner Staats­oper über­nahm, gab es die Spe­zi­fi­zie­rung „a. G.“ nicht mehr. Heu­te kennt man die­sen Zusatz gar nicht. Viel­mehr ver­su­chen sogar klei­ne und mitt­le­re Stadt­thea­ter, Haupt­par­ti­en mit Gäs­ten zu beset­zen. Für einen ange­hen­den Opern­sän­ger wird es damit unmög­lich, sich lang­sam und ent­spre­chend sei­ner voka­len Ent­wick­lung ein Reper­toire auf­zu­bau­en.

Als Ersatz dafür füh­ren nahe­zu alle gro­ßen Opern­häu­ser soge­nann­te Opern­stu­di­os. Die­se funk­tio­nie­ren neben dem Nor­mal­be­trieb des Opern­hau­ses, und die Mit­glie­der des Stu­di­os wer­den für klei­ne­re Par­ti­en dort auch ein­ge­setzt. Die Aus­bil­dung im Opern­stu­dio ist auf zwei Jah­re beschränkt. So über­neh­men die Opern­stu­di­os die End­aus­bil­dung, die in den Musik­hoch­schu­len statt­fin­den soll­te, und stel­len eine Zwi­schen­stu­fe zum Beruf dar. Sie sind aber eine Not­lö­sung und ein Ersatz für die ers­ten Enga­ge­ments, bei denen Anfän­ger mit wich­ti­gen und ihrer Ent­wick­lung ent­spre­chen­den Par­ti­en betraut wer­den. Es ist gut, dass es sie gibt, denn es ist fast der ein­zi­ge Ort, an dem ange­hen­de Sän­ger noch wach­sen kön­nen, wenn auch äußerst beschei­den bezahlt.

Wenn die Stadt­thea­ter kei­ne voll­stän­di­gen Ensem­bles mehr beschäf­ti­gen und ihre Exis­tenz wei­ter­hin gefähr­det ist, dann gerät die gesam­te Gat­tung Oper in Gefahr und nicht nur in unse­ren Brei­ten­gra­den. Als Gast­sän­ger kann man sich nicht aus­su­chen, wel­che Par­tie man singt. Man muss sich nach dem Markt rich­ten und den Ange­bo­ten der Agen­ten. Ein Opern­haus enga­giert, was es braucht, und die wenigs­ten jun­gen Sän­ger sagen Nein zu einer Par­tie, die sie nicht oder noch nicht sin­gen soll­ten. Ein von einem kun­di­gen Lei­ter geführ­tes Opern­haus – das gibt es noch, wenn auch sel­ten – wird ein Ensem­ble­mit­glied nach dem Reper­toire­vor­ha­ben enga­gie­ren oder den Spiel­plan danach aus­rich­ten, wel­che Sän­ger zur Ver­fü­gung ste­hen. Der Markt dage­gen reagiert wie die Opern­sze­ne, und die Sän­ger sind eine sekun­dä­re Not­wen­dig­keit. Sie müs­sen sich ein­ord­nen um zu über­le­ben.

ANZEIGE



kul­TOUR mit Holen­der“ auf Ser­vusTV Deutsch­land
18. und 21. Juli 2019: „Sofia – Kul­tur­per­le Bul­ga­ri­ens“

www.servus.com

 

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here