KlassikWoche 26/2020

Bratwurst statt Bayreuth!

von Axel Brüggemann

22. Juni 2020

Willkommen in der neuen KlassikWoche, dieses Mal mit einem emotionalen Aufruf weltberühmter Sängerinnen und Sänger, mit allerhand Klassik-Aussteigern und mit einem ernüchternden Blick auf die Bayreuther Festspiele.

Willkommen in der neuen KlassikWoche,

dieses Mal mit einem emo­tio­nalen Aufruf welt­be­rühmter Sän­ge­rinnen und Sänger, mit aller­hand Klassik-Aus­stei­gern und mit einem ernüch­ternden Blick auf die .

#BRINGBACKTHECULTURE

Das Sänger-Ehe­paar Gabriela Scherer und hat die Nase voll! Als die beiden gehört haben, wie viele ihrer Kol­legen durch die Corona-Krise in mas­sive Schief­lage geraten sind, haben sie – nach einer spon­tanen Idee im Bade­zimmer – gehan­delt. Sie haben ihre Kol­legen auf­ge­rufen, unter dem Hashtag #BING­BACKT­HE­CUL­TURE von ihrer Situa­tion zu berichten. Am Wochen­ende haben sie eine Zusam­men­fas­sung der State­ments ver­öf­fent­licht: Bar­bara Frittoli, , Michael Volle, , Mas­simo Gior­dano, und viele andere erklären, warum sie sich von der Politik im Stich gelassen fühlen. Ein Aufruf, der klar macht: Vieles muss sich in Zukunft ändern. Man kann nur hoffen, dass Monika Grüt­ters diese pri­vate Not­ak­tion nicht auch wieder für ihre Ego-PR kapert, son­dern end­lich zu ver­stehen beginnt: Solo-Selbst­stän­dige stehen noch immer im Regen! Auch dass der Betrieb langsam wieder anläuft, bedeutet nicht, dass es für alle bergauf geht: Wäh­rend von über bis – und eigent­lich bei jeder Gebraucht­wa­gen­haus-Eröff­nung, die filmt, auf­treten kann, sitzen viele sehr gute Sänger ohne ihre Pro­mi­nenz noch immer zu Hause. In Wahr­heit pro­fi­tieren der­zeit nur sehr wenige Künstler und sehr wenige Zuschauer von den „leichten Öff­nungen“. Es ist an der Zeit, sich grund­le­gende Gedanken über die Finan­zie­rung der Kultur, über Ver­träge mit frei­schaf­fenden Künst­lern und die Arbeits­be­din­gungen an den Thea­tern zu machen. Thomas Stein­feld hat in der Süd­deut­schen Zei­tung schon mal einen Anfang der Debatte gelegt. Die Sunday Times in hat leider eine sehr ernüch­ternde Umfrage ver­öf­fent­licht: Welche Berufe sind rele­vant, welche nicht? Hier das Ergebnis – bleibt stark! 

BRATWURST STATT BAYREUTH

Was für ein Chaos! An dieser Stelle haben wir letzte Woche gemeldet, dass die Bay­reu­ther Fest­spiele even­tuell ein Gala-Kon­zert zur tra­di­tio­nellen Eröff­nung am 25. Juli planen – mit als Diri­genten. Auf Nach­frage ver­schie­dener Zei­tungen bestä­tigte Bay­reuth den Plan auch, ver­wies aber auf eine Kon­fe­renz, bei der eine end­gül­tige Ent­schei­dung gefällt werden sollte. Die gibt es jetzt: Bay­reuth plant kein Kon­zert am 25.! Warum – das ist unklar: Sicher­heits­be­denken? Keine Gagen? Oder ein­fach Faul­heit? Wäh­rend die ein aus­ge­klü­geltes Not­pro­gramm auf­ge­stellt haben, scheint Bay­reuth haupt­säch­lich mit sich selber beschäf­tigt zu sein. 

Noch-Geschäfts­führer Holger von Berg hat dabei offen­sicht­lich im Sinn, kurz vor seinem Abgang (Es herrschten Span­nungen zwi­schen ihm und Katha­rina Wagner.) lang­fristig ein­ge­schla­gene Eck­pfeiler zu demon­tieren. Nutzt er das Macht­va­kuum der Fest­spiele, um die von Wagner auf­ge­baute Bür­ger­nähe, den mul­ti­me­dialen Auf­tritt der Fest­spiele und die BF-Medien als aus­ge­klü­gelte und visio­näre Rechte-Ver­wal­terin zu ignorieren? 

Immerhin haben sich die Fest­spiele bei der Beset­zung der Ver­wal­tungs­rats-Spitze mit Bay­erns ehe­ma­ligem Finanz­mi­nister Georg Frei­herr von Wal­den­fels auf Kon­ti­nuität ver­stän­digt. Höchste Zeit für eine bal­dige Gene­sung und Rück­kehr von Katha­rina Wagner. Erst in diesen Zeiten wird klar, wie mutig einige ihrer Ent­schei­dungen waren, nicht alles „so wie immer“ zu machen und die Fest­spiele nicht nur pro­gram­ma­tisch, son­dern auch medial und stra­te­gisch modern zu posi­tio­nieren. Ach so, der desi­gnierte „Ring“-Regisseur Valentin Schwarz, dessen Tetra­logie auf 2022 ver­schoben wurde, wird kom­mendes Jahr ein „Ring“-Projekt in Stutt­gart machen. Auch ein merk­wür­diger Sei­ten­schritt. Wäh­rend das Fest­spiel­haus am 25. nun geschlossen bleibt und die Stadt Bay­reuth ein eher maues Kul­tur­pro­gramm ange­kün­digt hat, lassen die Schlachter sich das Feiern nicht ver­bieten: am 25. Juli wird in ganz Franken der Tag der frän­ki­schen Brat­wurst gefeiert! 

EINFACH MAL WAS ANDERES MACHEN

Wir leben in Zeiten andau­ernder Ver­än­de­rungen – und Corona scheint diesen Effekt zu ver­schärfen. Auch pro­fes­sio­nelle Künstler machen sich der­zeit grund­le­gend Gedanken über ihre Zukunft. Der Diri­gent hat der Finan­cial Times erklärt, dass er sein Sab­ba­tical, das er genutzt hat, um als Pilot zu arbeiten, viel­leicht ver­län­gern wird: „Nach 25 Jahren des Diri­gie­rens musste ich mal eine Pause machen: lesen, denken – und per­spek­ti­visch wollte ich immer beides machen: Musik und die Flie­gerei. Und die Air France gibt mir die Chance – es gibt da eine Tra­di­tion von Piloten, die an Kunst und Sport inter­es­siert sind.“ Berüh­rend auch das Gespräch, das die Sopra­nistin Laura Aikin mit Hannah Schmidt von Van geführt hat. Die Sän­gerin hat in der Corona-Krise bei Rewe Regale ein­ge­räumt und dabei Erfah­rungen gesam­melt, die tief sitzen: „Es herrschte Chaos. Die Firma, über die ich dort ein­ge­setzt war – CMB GmbH –, sagte uns, wir sollten vor allem schnell, schnell, schnell arbeiten. Auf der anderen Seite wollte Rewe natür­lich, dass alles super ordent­lich ein­ge­räumt ist. Und dazwi­schen die vielen Leute, die ein­kaufen wollten und manchmal auch Bera­tung brauchten. (…) Das war wie mein täg­li­ches Fit­ness­studio, ich habe sogar tat­säch­lich abge­nommen. Aber irgend­wann kamen auch die Schmerzen. Ich habe schon sehr früh, bevor es ver­pflich­tend wurde, eine Maske getragen, was alles erschwert hat: Wenn ich viel laufen, heben, tragen musste, wurde mir schwin­delig und der Blut­druck ging sehr hoch. Irgend­wann haben dann auch meine Knie ange­fangen zu leiden. Des­halb höre ich jetzt, nach drei­ein­halb Monaten, dort auf – aus gesund­heit­li­chen Gründen.“ 

DER ANFANG VOM ENDE: NDR CHOR

Spä­tes­tens, wenn es darum geht, die Corona-Mil­li­arden wieder ein­zu­sparen, wird der Rot­stift die Kultur wohl in beson­derem Maße treffen. Welche Bedeu­tung die Musik bei Politik und in der Öffent­lich­keit hat, stellen wir in diesen Tagen bedrü­ckend fest. Schon jetzt geht es – still und leise – großen Eta­blis­se­ments an den Kragen: Dem droht die „kalte Abwick­lung“. Der Plan sieht vor, die Ensem­ble­mit­glieder aus ihren Fest­an­stel­lungen zu werfen. Das berichtet die Seite Orches­ter­land. Der Geschäfts­führer der Deut­schen Orches­ter­ver­ei­ni­gung Gerald Mer­tens fragt in dieser Situa­tion voll­kommen zu Recht nach dem Sinn einer Gebüh­ren­er­hö­hung des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks: „Natür­lich wissen wir um den Finanz­druck, den die zu geringe Gebüh­ren­an­pas­sung auch beim erzeugt. Der Sender hat aber einen Kul­tur­auf­trag, den auch der Chor seit Jahr­zehnten vor­bild­lich erfüllt. Statt erneut als erstes bei den Künst­lern zu kürzen, sollte der NDR viel­mehr seine Pro­duk­ti­ons­struk­turen anpassen.“ Fakt ist, Corona zeigt uns der­zeit die Schwach­stellen unserer Gesell­schaft: Paket­zen­tren, Senio­ren­heime, Schlacht­be­triebe – und eben: die Kultur, die struk­tu­rell nicht durch Corona, son­dern schon vorher poli­tisch demon­tiert wurde. Jetzt droht die große Abrissbirne. 

Personalien der Woche

Diri­gent hat die im Musik­verein diri­giert und fühlte sich bemü­ßigt, sich an das Publikum zu wenden. Der Stan­dard berichtet über seine „Beleh­rungen“: „Seine Mah­nung an die Politik, in Zeiten der wirt­schaft­li­chen Krise nicht auf die Kultur zu ver­gessen, ern­tete ebenso Applaus wie die Fest­stel­lung, ein Orchester sei die Urform der Demo­kratie. Die Emp­feh­lung, man solle nicht zu viel Mund-Nasen-Schutz tragen, um genü­gend Sauer­stoff zu bekommen, unter­mau­erte er, indem er selbst als Ein­ziger im Saal darauf ver­zich­tete.“ Tja. 

Banner Klassikradio

+++Immer wieder hat Welt-Jour­na­list Manuel Brug uns mit seinem Blog „Brugs Klas­siker“ pro­vo­ziert, her­aus­ge­for­dert, erfreut – nun ist er abge­schaltet. „Die Web­seite ist nicht mehr ver­fügbar“ heißt es. Ich habe Manuel bereits letzte Woche gefragt – „ein tech­ni­sches Pro­blem“, hat er geant­wortet. Das besteht nun aller­dings seit zwei Wochen. Hey, „Welt„, was ist los bei Euch? +++ Es ist schon erschre­ckend: Obwohl es einen Haft­be­fehl gibt und die Schuld sexu­eller Über­griffe erwiesen ist, ist der Ex-Chef der Musik­hoch­schule , Sieg­fried Mauser, noch immer nicht im Knast: ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Behörden in Öster­reich und .

AUF DIE OHREN

Die Ein­ord­nung der Situa­tion bei den Salz­burger Oster­fest­spielen durch Sarah Wedl-Wilson sorgte letzte Woche für große Ner­vo­sität. Hier noch einmal das aus­führ­liche Gespräch mit der Lei­terin der Hoch­schule für Musik , in dem es auch um ihre Kind­heit in , um die musi­ka­li­sche Aus­bil­dung in Deutsch­land und – natür­lich – um Per­spek­tiven der Gegen­wart geht. Übri­gens, in der glei­chen Serie können Sie auch ein aus­führ­li­ches Gespräch mit Michael Volle hören.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr 

[email protected]​crescendo.​de