Johannes Kreidlers erste Oper in HalleBravi und Buhs unerwünscht!

Mein Staat als Freund und Geliebte in Halle
(c) Falk Wenzel

Zur Urauf­füh­rung von Johan­nes Kreid­lers Oper „Mein Staat als Freund und Gelieb­te“ an der Oper Hal­le.

Schwei­gen nach Ansa­ge! Das gibt es sel­ten: Applaus, Ableh­nung, Jubel, Skan­dal fal­len aus und erüb­ri­gen sich, denn der Kon­zept­kom­po­nist Johan­nes Kreid­ler brand­markt am Ende sei­ner ers­ten Oper „Buh“ und „Bra­vo“ als Anma­ßun­gen, die dem jah­re­lan­gen Rin­gen um ein Kunst­werk nicht gerecht wer­den.

Für die neue „Hal­le­sche Schu­le“ ist die Urauf­füh­rung der Auf­trags­kom­po­si­ti­on die­ser Spiel­zeit trotz­dem ein Para­de­bei­spiel. Doch nur unter Vor­be­halt stimmt man zu, wenn Johan­nes Kreid­ler (Jahr­gang 1980) „Mein Staat als Freund und Gelieb­te“ eine Oper nennt. Viel pas­sen­der wäre „Zukunfts­pos­se mit ver­gan­ge­ner Musik und gegen­wär­ti­gen Grup­pie­run­gen“ wie für Nes­troys „Tannhäuser“-Parodie. Nach der sze­ni­schen Kom­po­si­ti­on „Staats­thea­ter“ von Mau­ricio Kagel, der vor 50 Jah­ren mit ähn­li­chen Mit­teln den Büh­nen­be­trieb und des­sen Inhal­te demon­tier­te, reagier­te das Publi­kum noch mit einer lust­be­ton­ten Saal­schlacht. Anna Schür­mer beschreibt das in ihrer brand­neu­en Dis­ser­ta­ti­on über „Skan­dal und Neue Musik“ Sie hät­te mit deren Abschluss war­ten sol­len bis zu die­sem 27. April 2018 im Opern­haus Hal­le, an dem ein neu­es Kapi­tel in der Geschich­te der Zuschau­er­re­ak­tio­nen beginnt: „Der stil­le Gehor­sam“.

Kreid­lers Oper gleicht einem raf­fi­niert arran­gier­ten Pot­pour­ri aus gän­gi­gem Reper­toire-Salat.

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In sei­ner hand­lungs­lo­sen, von ihm selbst akti­ons­reich in Sze­ne gesetz­ten Oper reflek­tiert Johan­nes Kreid­ler das Ver­hält­nis des Ein­zel­nen zum Staat und das Voka­bu­lar, das den dar­aus ent­ste­hen­den ambi­va­len­ten Gefüh­len Aus­druck gibt. Der Chor und der Extrachor des Thea­ters Hal­le wer­den mit gleich drei Lei­tern (Rus­tam Same­dov, Lui­gi di Bel­la, Peter Sched­ding) zu Syn­chron­spre­chern für das üppig flim­mern­de Hol­ly­woo­der Aller­lei. Assis­tiert vom lus­tig hüp­fen­den Bal­lett Ros­sa sind sie ein funk­tio­nie­ren­des Kol­lek­tiv und bean­spru­chen dabei indi­vi­du­el­le Auto­no­mie. In die­sem Wider­streit rei­ben sie sich auf und plat­zen aus allen Näh­ten. Also viel Phi­lo­so­phie, noch mehr Sozio­lo­gie und über allem „Spiel mir das Lied von der Ato­mi­sie­rung“! Der Chor skan­diert und singt in gedie­ge­ner Kon­zert­klei­dung aus Chris­toph Ernsts wei­ßer Raum­scha­le, deren Mit­te ein gro­ßes Screen und ein etwas klei­ne­rer Moni­tor bil­den. Iwo Kur­ze (Kame­ra) mit sei­nen Video-Hel­fern Kai Hengst und Jona­than Wol­gast hat im Ran­king des Lei­tungs­teams weit­aus grö­ße­res Gewicht als die musi­ka­li­sche Lei­tung (Chris­to­pher Spren­ger).

Erst amü­siert die­se hem­mungs­lo­se Plün­de­rung des intel­lek­tu­el­len Basis­la­gers, spä­ter siecht sie über­füt­ternd dahin

Kreid­lers Oper gleicht, auch dar­in Nes­troy ähn­lich, einem raf­fi­niert arran­gier­ten Pot­pour­ri aus gän­gi­gem Reper­toire-Salat. Zum Peter­si­li­en­st­räuß­chen wird „Tos­ca“ als Ton­kon­ser­ve von Rome­lia Lich­ten­stein, nur Hän­del fehlt. Hel­den­te­nor Chris­ti­an Voigt tritt zwar live auf, muss aber für sei­ne kur­zen „Tristan“-Beigaben gar nicht rich­tig sin­gen kön­nen. Am Ende mün­det Kreid­lers Oper in eine Hul­di­gungs­li­ta­nei an die Chö­re im Büh­nen­weih­fest­spiel „Par­si­fal“. Der die Musik­num­mern ver­bin­den­de Con­fé­ren­cier zwingt mit Begeis­te­rung das Publi­kum und den Chor zum sym­bo­li­schen Knie­fall vor Wag­ner. Dem Per­for­mer und Pia­nis­ten ste­f­an­paul per­len Satz­tür­me von Peter Bich­sel bis Peter Hand­ke von den Lip­pen und die Tas­ten­ka­prio­len aus den vir­tuo­sen Fin­gern. Erst amü­siert die­se hem­mungs­lo­se Plün­de­rung des intel­lek­tu­el­len Basis­la­gers, spä­ter siecht sie über­füt­ternd dahin. Dabei wäre ste­f­an­paul als TV-Mode­ra­tor genau der Rich­ti­ge für die Ret­tung des momen­tan in Kon­flik­ten an meh­re­ren Bau­stel­len kri­seln­den Klas­sik­mark­tes. Der gesam­te Rie­sen­ap­pa­rat der Oper Hal­le macht sich also frei­wil­lig zum Talent­schup­pen.

Wie­der ein­mal ist span­nend, was real pro­vo­ziert: Das ers­te Paar ergreift die Flucht, als ste­f­an­paul Brechts Mackie-Mes­ser-Ver­se erst auf die Melo­die der deut­schen Natio­nal­hym­ne singt und dann „Einig­keit und Recht und Frei­heit“ auf Noten Weills. Nach der Halb­zeit gibt es bei den Spiel­re­geln kei­ne Abwechs­lung mehr. Trotz­dem gebührt Johan­nes Kreid­lers „Mein Staat als Freund und Gelieb­te“ ein Ehren­platz in der Ruh­mes­hal­le intel­li­gen­ter Musik­thea­ter-Col­la­gen. Unglaub­lich: Am Ende erhe­ben sich die Pre­mie­ren­gäs­te laut­los wie Mus­ter­schü­ler und ver­zich­ten ein­hel­lig auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung. Hun­dert­pro­zen­ti­ger Erfolg also für Kreid­lers Kri­tik an hör­ba­ren Zuschau­er­re­ak­tio­nen. War das wirk­lich so gewollt?

Wie­der am So 06.05. /16:00  – Sa 12.05./19:30 – Sa 26.05./19:30 – Mi 30.05./19:30 – Sa 16.06./19:30 – Fr 22.06./19:30 – Oper Hal­le, www.oper-halle.de – Tel.: 0345/5110777

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Roland H. Dippel brennt für Kontraste im groß(artig)en wie im klein(formatig)en Musik-, Tanz- und Konzert-Theater. Auf Entdeckungsreisen zu idyllischen Nischen und verwegenen Momenten folgt er freudig apollinischen Verheißungen und dionysischen Lockrufen. Boulevard, Belcanto, Brauchtum, ästhetische Exzesse in Literatur und Kunst sind Ziele seiner realen und fiktiven Abenteuer-Streifzüge. Er schätzt greifbare Bücher mehr als E-Books.

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