Die Bregenzer Festspiele eröffneten mit Arrigo Boitos selten gespielter Oper Nero.

Wahn, religiöser Hass, Liebesobsession, Machtmissbrauch, Schuld, Verblendung, Perversion, Manipulation, Geilheit, Selbstüberhebung und Blutrausch – Arrigo Boitos Oper Nero böte spielend Stoff für zehn weitere Opern: Da ist der Titelheld, zerfressen vom Schuldgefühl des Muttermords und trotzdem oder gerade deshalb völlig sinnlos machtausübend. Dann Simon Mago, der Blender, Ketzer und Christenvernichter oder Asteria, das gehetzte Schlangenweib, das am Ende Rom in Brand stecken wird, nachdem ein Wagenrennen im Circus Maximus zum Massaker eskaliert. 

ASTERIA: »Das Grauen zieht mich an wie eine Geliebte.«

56 Jahre lang hat sich Arrigo Boito an dieser Oper verausgabt – und sie am Ende doch nicht fertiggestellt. Im Bregenzer Festspielhaus erklang das sehr selten gespielte Werk nun zur Eröffnung der Jubiläums-Festspielsaison 2021. Zu Recht! Denn Boito – heute weniger als Komponist denn als Librettist Giuseppe Verdis (Otello und Falstaff) bekannt – greift nicht nur tief in die Emotions- sondern auch in die Klang-Schatzkiste. Dirk Kaftan öffnet diese mit den Wiener Symphonikern. Die Musik ist plakativ, aber nie platt, voller Effekte aber nicht affektiert – eine große Oper des 19. Jahrhunderts, die – besonders wenn sie musikalisch das Böse zeichnet – ins 20. Jahrhundert drängt!

Simon Mago: »Betet, ihr Narren! Der Priester lacht hinter dem Altar.« 

Das Ensemble ist durchweg solide bis stark. Heraus sticht Lucia Gallo als dämonischer Simon Mago mit voluminösem Bariton, Rafael Rojas als zwischen Wahnsinn, Schwäche und Eskalation pendelnder Kaiser und der klangmächtige Prager Philharmonische Chor in den vielen opulenten Massenszenen. 

Bregenzer Festspiele
Szenenfoto mit Rafael Rojas in der Titelrolle
(Foto: © Karl Forster / Bregenzer Festspiele)

Nero: »Keiner vor mir hat es verstanden zu regieren.«

Regisseur Olivier Tambosi und Bühnenbildner Frank Philipp Schlössmann versetzen die Handlung in einen kargen Bühnenraum mit stechenden Lichtsäulen und einer die Gehetztheit der Titelfigur unterstreichenden Drehbühne. Wie im Wahn vervielfachen sich die Figuren immer wieder oder verschmelzen scheinbar in eine, wobei die Grenzen zwischen Mann und Frau verschwimmen – ob sich der vom Muttermord blutverschmierte Nero verzwölffacht, die fast omnipräsente Leiche der Agrippina in ganzer Chorstärke Kinder gebiert oder sich der jesusgleiche Prediger Fanuèl in seinem Widersacher Simon Mago dupliziert. Das wirkt so hochgradig psychologisch – zuweilen psychopathisch –, dass man sich fragt, ob es sich überhaupt um unterschiedliche Figuren handelt – oder letztlich um abgründige Aspekte einer einzigen Person, um Splitter des Grauens!

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Als Fünfjährige schockverliebte sie sich in den Klang einer Mozart-Kassette. Seit dem brennt Maria Goeth für den Opern- und Konzertbetrieb und schlüpfte dort schon in fast jede erdenkliche Rolle: Sie wirkte als Dramaturgin, Kuratorin und Konzertdesignerin, aber auch als Regisseurin, Sprecherin und Musikmanagerin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.