Ludwig van Beethoven konnte zu seinen Lebzeiten nur neun Sinfonien fertigstellen. Die von ihm geplante Zehnte Sinfonie erscheint, gespielt von Cameron Carpenter und dem Beethoven Orchester Bonn unter Dirk Kaftan, auf CD, komponiert mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI).

Ein interdisziplinär besetztes Team unter der Leitung von Matthias Röder befasste sich mit einer neuen Komposition von Beethovens Zehnter Sinfonie. Der Musikproduzent und Komponist Walter Werzowa gibt Einblicke in das Projekt.

CRESCENDO: Herr Werzowa, Sie haben als Komponist entscheidend an der Erstellung einer Zehnten Sinfonie im Geiste Beethovens mitgewirkt. Hat man da nicht große Skrupel?

Walter Werzowa: Absolut. Ich hatte am Anfang irrsinnige Angst. Gleichzeitig war es ein überwältigendes Geschenk, mich so intensiv mit Beethoven befassen zu dürfen. Fakt ist: Er wollte die Zehnte Sinfonie unbedingt haben, und es gab bereits die Themen. Das Tolle ist, dass wir mit der KI einen Weg gefunden haben, um eine plausible Variante zu zeigen, wie sie hätte klingen können.

Was kann die KI besser als ein Mensch?

Die KI ist der beste und neutralste Student, den es überhaupt gibt. Beethoven hat in Briefen und Notizen viel über seine Gedanken zur Zehnten Sinfonie geschrieben, aber es war nur sehr wenig Notenmaterial da, teilweise Themen aus nur 12 Noten. Wenn sich jetzt ein Mensch hingesetzt hätte, der daraus etwas komponiert, dann wäre das ein Werk dieses Komponisten geworden und nicht Beethovens Musik. Die KI hat den Vorteil, dass sie Beethovens Musik analysieren und weiterverarbeiten kann, ohne selbst irgendetwas hinzuzugeben.

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Trailer zur Aufführung einer neuen Fertigstellung von Beethovens Zehnter Sinfonie

Dennoch waren Menschen wesentlich bei der Erarbeitung der Zehnte Sinfonie beteiligt. Was war Ihre Rolle dabei?

Es war schnell klar, dass es nicht nur darum geht, Legosteine zusammen zu fügen, die ich von der KI bekomme. Das hätte auch nicht funktioniert. Denn wenn man ein Thema in die KI gibt, hat man zwar ein paar Stunden später 200 Variationen dazu. Aber diese Musik geht immer weiter nach vorne. Dabei ist es bei Beethoven ja gerade so fantastisch, wie ökonomisch er gearbeitet hat, wie toll er wiederholt hat ohne dass die Musik jemals langweilig ist. Wir haben intensive Studienarbeit geleistet und sehr strategisch Themen eingesetzt und wiederholt und mit rhythmischen oder melodischen Verschiebungen und Zitaten gearbeitet.

Welche Zitate sind das?

Beethoven wollte unbedingt das Gratulations-Menuett drin haben und auch Teile der Pathétique. So hat er ganz am Lebensende zurück geschaut in seine Jugend.

Dirk Kaftan am Pult des Beethoven Orchesters Bonn
Bringen die neue Fertigstellung von Beethovens Zehnter Sinfonie zur Aufführung: Dirk Kaftan und das Beethoven Orchester Bonn
(Foto: © Felix von Hagen)

Was hat Sie bei Ihrer Arbeit mit der KI am meisten fasziniert?

Mir hat das Projekt gezeigt, wie Kreativität funktioniert. Kunst und Kreativität kommen ja eigentlich aus einem Wort und das ist „choice“ – die Wahl. Beethoven selbst war wahnsinnig kreativ. Ich bin mir sicher, dass er, wenn er herumgegangen ist, hunderte von Möglichkeiten im Kopf hatte. Eine davon hat er gewählt und entschieden, das ist das, was ich will.

Ist das Ergebnis denn über die technische Faszination hinaus ein eigenständiges musikalisches Werk, das emotional berührt?

Absolut. Das Unglaubliche ist, dass ein Algorithmus, der nie betrunken war, der nie Liebeskummer hatte, der nie verzweifelt war, der nie Geldprobleme hatte und zornig war, so emotionale Musik erzeugen kann. Die Erklärung dafür ist: Wenn Beethoven Liebeskummer hatte und komponiert hat, ist dieses Gefühl ja in seinem Werk. Und wenn nun die KI das analysiert, ohne ein anderes Gefühl von einem Menschen dazuzutun, haben wir quasi Beethovens reine Emotionalität im Algorithmus. Ich habe immer wieder Erzeugnisse der KI bekommen, da hatte ich Tränen in den Augen.

Mit welchen Reaktionen rechnen Sie, wenn die Zehnte Sinfonie uraufgeführt wird?

Es wird natürlich viele Kritiker geben, die sagen werden, das darf nicht sein. Aber es werden sicher auch viele begeistert sein. Auf jeden Fall wird es einen intensiven Dialog geben, und jede Frage, die dadurch entsteht, kann uns dabei helfen, Beethoven besser zu verstehen.

Was würde Beethoven selbst dazu sagen?

Hätte Beethoven heute gelebt, hätte er sicher Spaß gehabt an der KI – er war ja immer ein Revoluzzer. Hätte er das Werk genauso geschrieben? Sicher nicht. Ist es eine mögliche Dimension in Beethovens Universum? Ich denke, ja.

„Beethoven X. The AI Project“, Cameron Carpenter, Beethoven Orchester Bonn, Dirk Kaftan (Warner)

Fotos: Gregor Hohenberg

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