Carl Orff strebte nach einem weitgefassten Musikverständnis, das die Bewegung und Körperlichkeit des Menschen ins Zentrum stellt und einen intuitiven Zugang zum Klang ermöglichen sollte. 

Carl Orff war mutiger Neuerer, engagierter Pädagoge und vielseitig interessiertes Multitalent in einem. Als Künstler strebte er nach einem weitgefassten Musikverständnis, das die Bewegung und Körperlichkeit des Menschen ins Zentrum stellt und einen intuitiven Zugang zum Klang ermöglichen sollte. 

Der Tänzer und Choreograph Helge Musial ist seit 2007 Leiter des Orff-Instituts für Elementare Musik- und Tanzpädagogik am Salzburger Mozarteum und beschäftigt sich intensiv mit dem Erbe von Carl Orff und dessen Ziel der „Regeneration der Musik von der Bewegung her“. Ein Gespräch über die Enge der Korsette, die inspirierende Kraft der künstlerischen Vielfalt und den Tanz des menschlichen Herzens.

Eine körperfeindliche Ära ging zu Ende

CRESCENDO: Die Bewegung spielt in Orffs Musikverständnis eine wichtige Rolle. Wie kam das?

Helge Musial: Man muss Orff im historischen Kontext und als Kind seiner Zeit verstehen. In seiner Jugend ging eine eher körperfeindliche Zeit zu Ende – denken Sie an die Kleidung der Wilhelminischen Ära, zum Beispiel die Korsette. Carl Orff kann als Teil einer Erneuerungsbewegung gesehen werden, die aus dieser Starrheit ausbrechen und sich den traditionellen Zwängen entziehen wollte. In diesem Sinne hat Orff mit der Musik auch die Bewegung als Mittel des künstlerischen und pädagogischen Schaffens erkannt.

Helge Musial
Helge Musial, © A. Becker

Wer war Teil dieser Erneuerungsbewegung? Mit wem kam Carl Orff hier zusammen?

Für Orff war die Begegnung mit der Gymnastik- und Tanzpädagogin Dorothee Günther, mit der er 1924 die Güntherschule gegründet hat, sehr bedeutend. Diese Schule war ein wichtiger Inspirationsort für Orff. Er hat mit Dorothee Günther dort viele kreative Menschen aus den Bereichen Tanz und Gymnastik um sich versammelt und mit ihnen das Zusammenspiel von Musik und Bewegung betrachtet. Das muss sehr beflügelnd gewesen sein. Ganz generell interessierte sich Orff für Dynamik, Rhythmus und Melodik, aber nicht nur von Musik, sondern zum Beispiel auch von Sprache. In der Güntherschule gab es Räume für Tanz und Bewegung, und die Studierenden der Güntherschule wechselten in den Lektionen vom Instrumentenspiel zum Tanz und umgekehrt.

Orffs Auftrag: Sei explorativ, sei offen!

Was ist für Sie an Orffs Ansatz bis heute aktuell?

Orffs Lehrauftrag ist für mich: Sei explorativ, sei offen! Orff selbst war ein aktiver Zeitgenosse, der zum Beispiel ein großes Interesse an ungewöhnlichen Musikinstrumenten hatte und auch an deren Bau. Mit seiner Arbeit war Orff Teil einer echten Reformbewegung und seiner Zeit in gewisser Weise weit voraus. Ohne den Begriff selbst anzuwenden, hat er Interdisziplinarität gelebt und die Vielfalt von Künstlerinnengemeinschaften erkannt: Die Musikerinnen waren Tänzerinnen und die Tänzerinnen waren Musiker*innen.

Tänzer des Orff-Institut an der Universität Mozarteum Salzburg
Tänzer des Orff-Institut an der Universität Mozarteum Salzburg, © Orff Institut

Wo endet – in Ihrer eigenen Wahrnehmung und nach Orffs Verständnis – die Bewegung, und wo beginnt der Tanz? Ist letztlich alles Tanz?

Musial: Ich persönlich finde es schwierig, den Begriff des Tanzes von dem der Bewegung abzugrenzen. Nehmen wir den menschlichen Herzschlag: Da ist ein Puls, da ist Bewegung – und in gewisser Weise kann das Tanz sein, der sich in Musik umsetzt und umgekehrt. Orff sah im Tanz eine alltagsfunktionsüberhöhende Kunstform, die sich durch die stilistische Kodifizierung von der Bewegung unterschied.

Sie haben sich intensiv mit Orffs Konzept der Bewegung auseinandergesetzt. Wie hat sich Orff wohl selbst bewegt?

Orff war selbst weder Choreograph noch Tänzer, aber wenn man sich Fotos von ihm anschaut, erkennt man einen sehr vitalen Mann. Ich vermute, dass Orff ein sehr körperlicher Mensch war.

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Weitere Informationen zu Helge Musial und der Elementaren Musik- und Tanzpädagogik des Orff-Instituts am Mozarteum Salzburg: www.uni-mozarteum.at

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Foto Titelbild: Michael Klimt