Die Musik von Carl Orff fordert regelrecht dazu heraus, sie an bedeutenden Passagen in Film und Fernsehen einzusetzen – ob freche gelbe Comic-Helden, bitterböser Roadmovie, Mittelalter-Blockbuster oder inklusives Tanzprojekt.

Ob freche gelbe Comic-Helden, bitterböser Roadmovie, Mittelalter-Blockbuster oder herausragendes inklusives Tanzprojekt. Carl Orffs Musik scheint regelrecht herauszufordern, sie an besonders bedeutenden Passagen in Film und Fernsehen einzusetzen.

Plakat des Films Odyssee im Weltraum

2001: Odyssee im Weltraum

Schade, das wär’s gewesen! Carl Orff, dessen Musik inflationäre Verwendung in Werbespots, TV-Serien, Openern für Sport- und Musikveranstaltungen wie auch als Filmmusik fand, hätte beinah selbst Filmmusik geschrieben. Stanley Kubrick hatte angefragt, ob Orff bereit sei, die Musik zu „2001: Odyssee im Weltraum“ zu schreiben. Doch Orff lehnte ab. Fühlte er sich schon zu alt? Oder war es seine Altersweisheit, die ihn vor dem bewahrte, was Alex North widerfuhr? Er war es nämlich, der dann den Auftrag von Kubrick erhielt. North machte sich gleich an die Arbeit und lieferte als erfahrener Hollywood-Komponist den passenden Soundtrack. Der Schock muss groß gewesen sein, als North bei der Premiere nichts von dem, was er komponiert hatte, wiederfand, sondern stattdessen Richard Strauss, Johann Strauß und György Ligeti zu hören bekam. Der Regisseur hatte in seiner Plattensammlung Passenderes gefunden. Ligeti wiederum fand „hervorragend”, was seine Musik im Film bewirkte. Gefragt hatte Kubrick ihn allerdings nicht. Erst nach Regressforderungen erhielt Ligeti 3.000 von 190 Millionen eingespielten Dollar.

Plakat des Films "Badlands"

Badlands

Eigentlich hat George Tipton die Filmmusik zu diesem Film geschrieben, aber wie so oft: Der Knaller, der magische Moment, das Thema schlechthin kam aus bewährter Feder. Carl Orff hatte einen „Gassenhauer” des Renaissance-Lautenspielers Hans Neusiedler von der darmbesaiteten Laute auf die hölzernen Klangstäbe eines Xylophons übertragen. Dieses Stück firmiert bei Orff unter dem Titel Musica Poetica und findet sich in seinem Schulwerk, das er gemeinsam mit Gunhild Keetman schuf. Kontrastreicher hätte diese sonnig heitere, fröhlich beschwingte, perlend sprudelnde Musik in einem Film nicht eingesetzt werden können. Nach einer wahren Begebenheit erzählt der Film die Geschichte von Kit und Holly: Er ein 25-jähriger Müllmann, sie noch ein Teenie. Die beiden begegnen sich rein zufällig vor ihrem Haus und verlieben sich. Hollys Vater ist gegen diese Beziehung, weshalb Kit ihn kurzerhand umbringt, das Haus zur Musik von Orffs Passion (Musica Poetica II) niederbrennt, die beiden mit dem Auto flüchten und von da an mordend durch die nordamerikanischen Lande vagabundieren – ein Roadmovie befremdender Art. Bilder absoluter Schönheit kontrastieren mit grausamer Willkür, aus Unschuld wird Schuld und die Musik Orffs scheint parteilos über allem zu schweben.

Plakat des Films "Excalibur"

Excalibur

Die Ritter der Tafelrunde auf der Suche dem heiligen Gral. Das magisch Mythische hat Orff immer wieder gesucht und im Rad der Fortuna als ewigem Kreislauf gefunden. So erreicht seine Musik ihre Resonanz oft da, wo Mythen zum Leben erweckt werden. Der Film Excalibur ist wohl einer der ersten, der den rhythmischen Chorgesang der Anrufung der Schicksalsgöttin zentral einsetzt. Viele folgten in Film, Performance, Videospielen oder mit suggestiven Werbeclips. Immer geht es um die Sinnesreizung des Archaischen. Auf dem Höhepunkt der alles entscheidenden Schlacht wird in dem Leinwandepos Excalibur aus dem Jahre 1981 der Ruf nach Fortuna wach. Orffs Carmina Burana geben den dramatischen Soundtrack. Meint Filmkritiker Georg Seeßlen über die Musik im Film: „Viel Wagner und ein wenig Orff“, muss man entgegnen, Orff ist hier an prominenter Stelle zu hören, ja, filmprägend! Wenn Artus mit seinen Mannen gegen Mordred ins Feld zieht, ist Orff zur Stelle! Orffs Beschäftigung mit Repetitionen scheint ihre Resonanz auch in der häufig wiederholten Verwendung seiner Musik gefunden zu haben.

Plakat der Serie "Die Simpsons"

Orff bei den Simpsons

Bei den „Simpsons“ finden alle ein zu Hause. Voller Zitate und Anspielungen verstecken sich in jeder Episode Details des gesellschaftlichen wie kulturellen Lebens. Auch Orff hat einen Platz bei den „Simpsons“, in Folge 13 von Staffel 20, mit dem Titel „Gone Maggie Gone“. Maggie findet sich plötzlich in einem Kloster wieder, was ihr Vater Homer leichtfertig veranlasst hat. Als Maggies jüngere Schwester Lisa sie dort wieder herausholen will, hören wir das „O Fortuna” des Non-nenchors. Im weiteren Verlauf stößt Lisa auf ein mysteriöses Juwel, weshalb die Folge im Deutschen „Auf der Jagd nach dem Juwel von Springfield” heißt und ein Fingerzeig in Richtung Vermächtnis der Tempelritter und Da Vinci Code ist. Eine der Nonnen ist Sister Marylin, ihr parodistischer „Sister Act“ ist eine Spitze auf Marylin Monroes berühmte Kleidbelüftung über dem U‑Bahn-Schacht. In der darauffolgenden Staffel taucht Orff in Folge zwei auf. Dort gibt es einen Werbeclip für das Buch The Answer, eine Persiflage auf den Esoterikbestseller The Secret, der sowohl als Buch als auch als Film seinerzeit ein Hype war. Nun, was singt der Nonnenchor hier: „O Fortuna!” – und, weil’s so schön war: im Abspann gleich noch mal.

Plakat des Films "Carmina - Es lebe der Unterschied"

Carmina – Es lebe der Unterschied

… und ohne den Unterschied wäre das Leben langweilig!”, sagt Wolfgang Stange, einer der drei Choreografen, der an diesem Projekt mitgewirkt hat. Stange leitet die AMICI Dance Company. 1980 in London gegründet, hat er mit ihr viele inklusive Tanzprojekte initiiert. Royston Maldoom ist vielen als Choreograf aus dem Projekt Rhythm is it! bekannt, doch sein Wirken ist weit umfangreicher, die Carmina hat er zuvor mit äthiopischen Straßenkindern eingeübt und ihnen mit der Aufführung den verlorenen Stolz wiedergegeben. Auch der Choreograf Volker Eisenach fokussiert seine Aufmerksamkeit darauf, den Tanz denen nahezubringen, denen der Zugang dazu meist verwehrt bleibt. Einst Schüler von Royston Maldoom, wirkte auch er schon bei Rhythm is it! mit und ist heute künstlerischer Leiter und Mitbegründer der Faster-Than-Light-Dance-Company Berlin. Orffs Einheit aus Musik, Bewegung, Sprache und Tanz wird hier zur inklusiven Offenbarung. In diesem Film wird Orffs Musik nicht verwendet, um einen Effekt zu erzielen, in diesem Film ist sie gelebte Inklusion. Der Film von Sebastian Heinzel zeigt „ein einzigartiges internationales Tanzprojekt.“ Über 300 behinderte und nicht-behinderte Akteure, Real- und Förderschüler, professionelle Tänzer und Laien erwecken die Carmina Burana zu einer Vision gelebter Möglichkeiten, zu einem Tanzwunder der Vielfarbigkeit.

Plakat des Films "The Doors"

The Doors

Die Präsenz dieser Band ist bis heute unantastbar. Ihr legendärer Sänger Jim Morrison starb 1971 in Paris in einer Badewanne. Sein Grab auf dem Friedhof Père Lachaise ist zur ewigen Pilgerstätte geworden. Was das mit Carl Orff zu tun hat? Zunächst nichts. Doch! Im Film The Doors von Oliver Stone erklingen – einmal mehr! – die Carmina Burana. So weit, so gut. Wäre da nicht die Bearbeitung der Carmina Burana des inzwischen ebenfalls verstorbenen Keyboarders Ray Manzarek. Er war das musikalische Gehirn der Doors. Ein Jahr nach Orffs Tod, 1983, veröffentlichte er seine Carmina Burana, eine Art Recomposing in Zusammenarbeit mit Philip Glass, dessen Minimal Music das zyklisch-repetitive Moment in Orffs Musik fortsetzt. Manzarek und Glass verbannten das Orchester aus ihrer Bearbeitung und setzten den Synthesizer in den Mittelpunkt. Es lohnt sich, diesen Pfaden zu folgen, The Doors ebenso zu hören wie Orff und sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen, um die Einheit in der Vielfalt wie die Vielfalt in der Einheit, die für Orff sehr bedeutend war, für sich zu entdecken. Philip Glass hat sich damals gefragt, „was Orff getan hätte, wenn er dabei gewesen wäre und Synthesizer zur Verfügung gehabt hätte?“

Plakat des Films "Kapitalismus - eine Liebesgeschichte"

Kapitalismus – eine Liebesgeschichte

Der alles fressende Kapitalismus, euphemistisch „Neoliberalismus“ genannt, hat den Filmemacher Michael Moore Ende der Nullerjahre während der amerikanischen Finanzkrise dazu inspiriert, den provokanten Film „Kapitalismus – eine Liebesgeschichte“ zu drehen. Dem Thema entsprechend vermittelt Moore seine Botschaft völlig suggestiv, plakativ und manipulativ. So setzte er auch seine Musik ein. Orffs Schicksalrad aus den Carmina Burana dreht sich hier, um die Zuschauer im Zusammenhang mit den bewegten wie bewegenden Bildern aufzuwühlen, die Musik stellvertretend für Furcht und Schrecken zu nutzen. Zu Ausschnitten aus Filmmaterialien der „Encyclopedia Britannica“ dräut das „O Fortuna“. Es sind Bilder, die die Situation mit dem Niedergang des alten Rom vergleichen, das Volk wird mit Brot und Spielen dumm und dumpf gehalten, damit der Kapitalismus auf der Basis von Kriegen und Katastrophen unbehelligt wachsen und gedeihen kann – ein Mechanismus, den die kanadische Journalistin Naomi Klein „die Schock-Strategie“ nannte.

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