Ray Chen
Foto: Tom Doms

Der 29-jährige Geiger Ray Chen fesselt nicht nur mit musikalischer Perfektion, sondern erreicht mit einem bunten Mix aus Mode, Musik und Popkultur über die sozialen Medien ein großes und vor allem junges Publikum.

crescendo: Sie haben eine Karriere im Zeitraffer hingelegt: Mit acht Jahren das erste Konzert, mit neun Jahren ein Auftritt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Nagano, mittlerweile haben Sie etliche Wettbewerbe gewonnen und veröffentlichen gerade Ihr neues Album. Wie haben Sie Ihre musikalische Stimme gefunden?

Ray Chen: Das war und ist ein Prozess. Im Laufe seines Lebens durchlebt man verschiedene Kapitel, und immer wieder ändert sich der Blick auf die Musik. Ich bin
ja in Australien aufgewachsen. Mittlerweile ist Berlin meine europäische Heimat, und gerade das Kennenlernen der deutschen Sprache war sehr wichtig für mich. Da ist diese besondere Dynamik und Betonung von einem Wort wie „Ach-tung“. Das zu hören, war tatsächlich Teil meines Interpretationsprozesses und hat mir sehr dabei geholfen, die Klangwelt zu verstehen, die die Komponisten bewegt hat. Letzten Endes ist Musik für mich aber eine universelle Sprache. Vielleicht bin ich ein Idealist, aber ich versuche, in meinem eigenen Spiel das Beste aus jeder Schule herauszugreifen.

Wo fühlen Sie sich auf der musikalischen Landkarte am wohlsten?

Das ist schwer zu sagen. Es gibt so viel wunderbare Musik von so unterschiedlichen Menschen. Doch ich glaube, dass sich meine Persönlichkeit am intensivsten im romantischen Repertoire widerspiegelt. Ich bin jemand, der mit dem Herzen entscheidet und lebt. Mein Vater hat mir immer gesagt: Es geht nicht darum, Recht zu haben. Es geht nicht um Logik. Es geht um das Gefühl. Und was für Beziehungen gilt, gilt bei mir auch für die Musik.

„Vielleicht bin ich ein Idealist, aber ich versuche, in meinem eigenen Spiel das Beste aus jeder Schule herauszugreifen“

Auf Ihrem neuen Album beschwören Sie die Goldenen 20er-Jahre und spielen neben dem Violinkonzert von Bruch Stücke wie Summertime von Gershwin oder Schön Rosmarin von Kreisler. Wie kam es dazu?

Das Goldene Zeitalter hat mich schon immer fasziniert. David Oistrach, Fritz Kreisler, Jascha Heifetz … all die großen Geiger lebten damals. Das war eine Zeit voller Kreativität und Atmosphäre! Ich liebe den nostalgischen Charme einer Vinyl-Schallplatte und das leichte Kratzen der Nadel, bevor der erste Ton erklingt. Es hat großen Spaß gemacht, mich für das Album ganz in diese Klangwelt hineinzubegeben.

Sie bespielen einen eigenen Youtube-Kanal, haben über 137.000 Follower auf Facebook und 65.000 auf Instagram. Kaum ein klassischer Musiker nutzt die sozialen Medien so intensiv wie Sie. Wird Ihnen das nicht manchmal zu viel?

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Das Gute an den sozialen Medien ist ja, dass man selbst entscheiden kann, wie oft man etwas postet. Fakt ist: Die Welt verändert sich, und die sozialen Medien sind ein Werkzeug, das wir nicht einfach so ignorieren können. Wir können natürlich darüber philosophieren, ob das gut ist oder nicht. Aber wenn man die sozialen Medien außen vor lässt, dann verliert man eine ganze Generation! Für mich sind die sozialen Medien eine großartige Möglichkeit, um gerade jüngere Leute zu erreichen. Dazu muss man erst einmal ihre Aufmerksamkeit gewinnen. Ich spreche auf meinem Facebook-Profil über Musik, stelle philosophische Fragen, trete als Lehrer auf oder mache einfach nur Comedy …

„Ich spreche auf meinem Facebook-Profil über Musik, stelle philosophische Fragen, trete als Lehrer auf oder mache einfach nur Comedy“

Dann stecken Sie zum Beispiel eine Geige in die Waschmaschine und holen ein geschrumpftes Exemplar wieder heraus. Haben Sie da manchmal Sorge, nicht mehr als seriös wahrgenommen zu werden?

Wir klassischen Musiker sind die ganze Zeit über damit beschäftigt, möglichst seriös zu wirken. Auf der Bühne will ich das natürlich auch, und ich würde zum Beispiel nie einen Witz über Bruchs Violinkonzert machen. Aber ich glaube, dass mich die Menschen, die mich als Musiker lieben, auch als Person kennenlernen wollen. Und dazu gehört eben auch mein Humor.

Wie wichtig ist das Publikum für Sie?

Das Publikum begleitet mich Tag für Tag auf meinem Weg und ist sehr wichtig für mich. Viele Künstler wollen keine Schwäche zeigen. Ich sehe das anders. Ich wende mich an mein Publikum und sage: Was ihr da hört, ist die beste Version von mir – heute – und ihr könnt mich begleiten, wenn ich mich weiterentwickele. Im Laufe dieses Prozesses wachsen das Publikum und ich immer enger zusammen. Das Schlimmste wäre es für mich, stehen zu bleiben. Sei du selbst, entwickle dich weiter und kopiere dich nicht – das ist mein Motto. Natürlich könnte ich auch einfach nur meinen Job machen, auf die Bühne gehen, spielen und wieder gehen. Aber das ist mir zu wenig.

Welches Ziel verfolgen Sie stattdessen?

Das hat sich geändert. Am Anfang meiner Karriere habe ich hauptsächlich gespielt und geübt. Mittlerweile denke ich immer mehr über meine Rolle nach. Warum bin ich hier? Welchen Sinn hat das, was ich tue? Das beschäftigt mich sehr. Ich will mit der Musik etwas Größeres erreichen und für die Menschen, die mir zuhören, zum Freund werden, der versteht, wie sie sich fühlen. Ich will nicht als Genie angebetet, sondern als normaler Mensch wahrgenommen werden, der gerne lacht, dem das Üben auch mal keinen Spaß macht und der intensiv an sich arbeitet. Im besten Fall kann ich dadurch ein Vorbild sein.

The Golden Age


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Dorothea Walchshäusl
Dorothea Walchshäusl ist Musikjournalistin und promovierte Politologin. Sie lebt und arbeitet in Passau. Den Mensch im Blick, die Musik im Ohr und das Gefühl in den Fingerspitzen, fasziniert die freie Autorin all das, was die Menschen im Kleinen wie im Großen bewegt und berührt. Für crescendo schreibt sie seit 2014 und erforscht in ihren Porträts und Reportagen mit Leidenschaft, warum sich Menschen mit Haut und Haar der Musik verschreiben.

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