Chopin-Erbe

Tatiana Chernichka

Die in Mün­chen leben­de rus­si­sche Pia­nis­tin Tatia­na Cher­nich­ka hat eine beson­de­re Bezie­hung zu den Etü­den von Cho­pin: Ihre Mut­ter, eben­falls eine Pia­nis­tin, die kurz nach ihrer Geburt starb, führ­te bei­de Etü­d­en­zy­klen zum ers­ten Mal über­haupt zusam­men­hän­gend auf – und zwar in ihrer Hei­mat­stadt Novo­si­birsk. 2014 spiel­te Cher­nich­ka dann an glei­cher Stel­le bei­de Zyklen zu ihrem Andenken und pro­du­zier­te 2016 in Brüs­sel eine Stu­dio­ver­si­on, die jetzt auf CD erschie­nen ist. Es ist eine gan­ze beson­de­re, aus dem Oze­an des nur Demons­tra­ti­ven her­aus­ra­gen­de Inter­pre­ta­ti­on des Dop­pel­zy­klus, die fast jedem ein­zel­nen Stück exis­ten­zi­el­le Bedeu­tung abtrotzt. In bei­den Zyklen bevor­zugt Cher­nich­ka drän­gen­de, flüs­si­ge Tem­pi, und doch gelingt es ihr, durch hoch­dif­fe­ren­zier­te Pedal-Sen­si­bi­li­tät alles Effekt­vol­le, alle tech­ni­sche Bra­vour von ihrer warm tim­brier­ten, lyrisch-sang­li­chen Deu­tung abfal­len zu las­sen: Sie erzählt uns da eine zusam­men­hän­gen­de Geschich­te in 24 tief emp­fun­de­nen, inner­lich glü­hen­den Cha­rak­ter­bil­dern, wobei sie die mas­si­ven tech­ni­schen Her­aus­for­de­run­gen mühe­los ein­bin­det in einen Rei­gen flüch­ti­ger Momen­te des Schö­nen, der Trau­er, der Lei­den­schaft und der Ver­zweif­lung: So schließt sich der Kreis in der pathe­tisch auf­flam­men­den letz­ten c-Moll-Etü­de (op. 25, 12) als tra­gi­sche Ant­wort auf den ener­gi­schen Lebens­wil­len der aller­ers­ten C-Dur-Etü­de (op. 10, 1). In Cher­nich­kas schlüs­si­ger Deu­tung wirkt die­ses bit­te­re Ende erschüt­ternd und tröst­lich zugleich.

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Attila Csampai
Attila Csampai ist Chefrezensent bei crescendo. Als gebürtiger Budapester lebt er seit 1957 in München, und studierte hier Musikwissenschaft. Seit 1974 schreibt er Schallplattenkritiken in allen wichtigen Fachzeitschriften. Seine Essays, seine Werkkommentare und vor allem sein zahlreichen Musikbücher sind legendär. 32 Jahre lang war er Musikredakteur und Live-Moderator beim Bayerischen Rundfunk. Seine CD-Sammlung umfasst mehr als 30.000 Alben.

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