Der Chor ORA hat mit dem Album „Many are the Wonders“ den Opus Klassik als Ensemble des Jahres gewonnen. Ein Gespräch mit der Gründerin Suzi Digby, die dafür brennt, mit Gesang Brücken zu bauen – um damit das Leben der Menschen zu verbessern.

CRESCENDO: Zuallererst natürlich: Herzlichen Glückwunsch zum Preis, Frau Digby!

Suzi Dig­by: Vie­len Dank! Die­se Wert­schät­zung für unse­re Arbeit ist groß­ar­tig. Und unter uns: Ich fühl­te mich wie Ange­li­na Jolie, als ich über den roten Tep­pich gelau­fen bin.

Worin sehen Sie den Grund, dass Sie den Preis gerade für das Album „Many are the Wonders“ gewonnen haben?

Viel­leicht weil es unser Kon­zept sehr gut zeigt. Wir befin­den uns ja im Moment in einem gol­de­nen Zeit­al­ter der Chor­mu­sik. Das letz­te liegt bereits 500 Jah­re zurück: die Renais­sance, mit ihrer ganz spe­zi­el­len Musik. Das war für mich der Grund, Kom­po­nis­ten zu beauf­tra­gen, über die­se Musik nach­zu­den­ken. Und auf die­sem Album reflek­tie­ren Kom­po­nis­ten über die Musik von Tho­mas Tal­lis, die zur Zeit der eng­li­schen Refor­ma­ti­on ent­stan­den ist. Die Ergeb­nis­se sind sehr unter­schied­lich. Jedes Stück spricht sei­ne eige­ne Spra­che – ein fas­zi­nie­ren­der und span­nen­der Spa­zier­gang durch die Musik: Was machen die Kom­po­nis­ten mit dem Stück, wel­chen Aspekt wäh­len sie, um einen neu­en Blick dar­auf zu wer­fen? Vie­le kön­nen dem Genie des Ori­gi­nals stand­hal­ten.

Was ist das Geheimnis des Chors?

Zum einen natür­lich die Qua­li­tät der 18 Sän­ger. Zum ande­ren das künst­le­ri­sche Kon­zept: Kom­po­nis­ten in einer sol­chen Hoch­pha­se der Chor­mu­sik zu beauf­tra­gen, die­sen Moment jetzt nicht zu ver­pas­sen. Ich habe wirk­lich viel Erfah­rung mit Chö­ren über­all auf der Welt gemacht, aber ietzt gera­de pas­siert etwas sehr Auf­re­gen­des in der Chor­mu­sik. Die Kom­po­nis­ten trau­en sich end­lich wie­der, schö­ne tona­le Musik zu schrei­ben. Das war jahr­zehn­te­lang über­haupt kei­ne Opti­on.

Jedes Stück spricht sei­ne eige­ne Spra­che – ein fas­zi­nie­ren­der und span­nen­der Spa­zier­gang durch die Musik“

Warum plötzlich diese positive Entwicklung?

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Ich glau­be, das ist wie in der visu­el­len Kunst. Der Dada­is­mus hat­te die Auf­ga­be, die for­ma­le Kunst, nein, eigent­lich alles zu zer­stö­ren, was bis dahin gegol­ten hat­te, um etwas Neu­es, näm­lich die ­­abs­trak­te Kunst zu schaf­fen, wäh­rend die figu­ra­ti­ve nicht mehr akzep­ta­bel war. In der Musik bedeu­te­te das, dass tona­le Musik nicht mehr statt­fand. Sie wur­de ersetzt durch neue Struk­tu­ren: seri­el­le Musik, Zwölf­ton­mu­sik oder etwas in der Art. Ich fin­de expe­ri­men­tel­le Musik aus­ge­spro­chen auf­re­gend. Aber jetzt gibt es eine neue Genera­ti­on von Kom­po­nis­ten mit sehr indi­vi­du­el­ler und ori­gi­nel­ler Tona­li­tät. Und mit ihnen kommt das Publi­kum zurück – es woll­te wie­der neue Musik hören.

Ihre Chance also …

Ja! Nun lie­gen 500 Jah­re zwi­schen die­sen bei­den gol­de­nen Zei­ten. Und über die woll­te ich mit krea­ti­ven Men­schen eine Brü­cke schla­gen. So ent­stand die Idee, inner­halb von 10 Jah­ren 100 Kom­po­nis­ten auf der gan­zen Welt zu beauf­tra­gen.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Komponisten aus?

Ich habe eine lan­ge Lis­te von Künst­lern, die ich span­nend fin­de, die ich bewun­de­re und mit denen ich ger­ne arbei­ten wür­de. Wolf­gang Rihm zum Bei­spiel. Er kennt uns nicht, aber …

Suzi Dig­by ©ORA­Sin­gers

Bis jetzt …

(Lacht) Ja, viel­leicht. Nun, man­che von die­sen Kom­po­nis­ten haben viel­leicht noch nie Chor­mu­sik geschrie­ben, ande­re wie­der­um sehr viel … Zudem mische ich gern die Gen­res – Jazz, auch elek­tro­ni­sche Musik. Es sind also sehr unter­schied­li­che Kom­po­nis­ten, die mich inter­es­sie­ren.

Sie agieren insgesamt sehr interdisziplinär und arbeiten auch mit Designern. Was ist die Idee dahinter?

Es sah ja lan­ge so aus, als wür­de das jun­ge Publi­kum die klas­si­sche
Musik kom­plett ver­las­sen. Das Ange­bot ist zu groß. Die Jugend­li­chen müs­sen selbst Erfah­run­gen sam­meln, die Musik am eige­nen Leib spü­ren – als ganz­heit­li­ches Erleb­nis. Dafür habe ich die „Local Futures“ gegrün­det, eine Wohl­tä­tig­keits­or­ga­ni­sa­ti­on für jun­ge Men­schen. Dort pro­bie­ren wir so viel aus – das ist fast schon wie Thea­ter. Denn natür­lich ist auch das Visu­el­le wich­tig. Es soll und kann die Musik noch inten­si­ver machen. Das Publi­kum soll auf eine Wei­se ergrif­fen sein, die der Musik nichts weg­nimmt: das Licht, die Insze­nie­rung, die Posi­ti­on der Sän­ger …

Wo finden Sie Ihre Sänger?

Ich habe einen soge­nann­ten Fixer – der wich­tigs­te Mann in mei­nem Leben (lacht). Und glück­li­cher­wei­se sind wir in Lon­don in der Situa­ti­on, dass es einen Pool von wirk­lich tol­len Sän­gern gibt. Sie müs­sen extrem gut vom Blatt sin­gen kön­nen, weil sie sehr teu­er sind und wir ent­spre­chend wenig Pro­ben­zeit haben. Dar­über hin­aus müs­sen sie sti­lis­tisch viel­sei­tig sein und fähig, in einem krea­ti­ven Ensem­ble zusam­men­zu­ar­bei­ten, sowohl von ihrer Per­sön­lich­keit als auch von der Stim­me her.

Jun­ge Men­schen kom­men, wenn sie spü­ren, dass sie kom­po­nie­ren ­
wol­len und etwas zu sagen haben“

Sie haben einen Komponisten-Wettbewerb ins Leben gerufen.

Ja, ich möch­te die nächs­te Genera­ti­on jun­ger Kom­po­nis­ten för­dern und ermu­ti­gen. Es geht dar­um, Talen­te zu fin­den. Dafür schi­cken wir ORA-Kom­po­nis­ten in die Schu­len: Sie arbei­ten lan­ge mit den Schü­lern und unter­stüt­zen sie. Sie geben den Anstoß, die Idee und ent­wi­ckeln mit dem jun­gen Kom­po­nis­ten ein Ergeb­nis, das auf­ge­führt wer­den kann. Die Auf­füh­rung der Gewin­ner gestal­tet ORA. Die wenigs­ten Schu­len kön­nen sol­che Unter­stüt­zung leis­ten.

Sie entdecken also Talente, die noch nicht einmal ansatzweise wissen, dass sie Talente sind …

Ja, aber eigent­lich geschieht die Selek­ti­on von selbst. Jun­ge Men­schen kom­men, wenn sie spü­ren, dass sie kom­po­nie­ren ­
wol­len und etwas zu sagen haben. Und erst dann kom­men
unse­re Kom­po­nis­ten als Vor­bil­der ins Spiel.

Ihnen war immer wichtig, mit der Musik Brücken zu schlagen.

Ja, ich bin eine gro­ße Brü­cken­baue­rin. Ich hab das schon immer getan, mein Leben lang. Ethi­sche, reli­giö­se, sozia­le Gren­zen kön­nen so ein­fach über­wun­den wer­den. In der Grup­pe zu sin­gen dürf­te der ein­zi­ge Weg sein, ver­schie­de­ne Kul­tu­ren, Vor­stel­lun­gen und Wer­te zu ver­bin­den. Dar­an hab ich instink­tiv immer geglaubt. Ich bin ein glo­ba­ler Mensch: gebo­ren in Japan, gelebt in Asi­en und stu­diert – irgend­wie über­all auf der Welt. Und immer habe ich sehr kon­stant dar­an gear­bei­tet, Gemein­schaf­ten und Grup­pen durch das Sin­gen zuein­an­der­zu­füh­ren und zusam­men­zu­brin­gen. Das ist auch der Grund, war­um ich so viel beauf­tra­ge. Weil ich zu mei­nem Kom­po­nis­ten sagen kann: Ich möch­te, dass du den ara­bi­schen Text mit dem eng­li­schen Lied für die­se Grup­pe kom­bi­nierst. Denn allein im Kin­der­chor haben wir fünf oder sechs ver­schie­de­ne Reli­gio­nen und Gemein­schaf­ten.

Alt und Jung, Men­schen, die noch nie im Kon­zert waren – ich möch­te sie alle anste­cken mit der Begeis­te­rung für die­se Musik“

Sie glauben, Singen ist hinsichtlich der Grenzen effektiver als das Spielen von Musik, wie zum Beispiel bei Barenboims West-Eastern Divan Orchestra?

Der gro­ße Unter­schied: Es gibt einen Text, also eine Idee, ein Gefühl, das geteilt wer­den kann. Außer­dem: Jeder kann sin­gen. Wenn man also das rich­ti­ge Reper­toire wählt, kann man vie­le, vie­le Men­schen sehr, sehr unter­schied­li­cher Her­kunft zusam­men­brin­gen. Kei­ner muss ein Instru­ment kön­nen. Das ist die Idee hin­ter dem Lon­don Youth Choir, der irgend­wie auch die­se Stadt reprä­sen­tiert – die kul­tu­rell viel­fäl­tigs­te Stadt der Welt. Hier singt eben nicht nur die wei­ße Mit­tel­klas­se. Und so brin­gen wir vie­le Gemein­schaf­ten zusam­men und schaf­fen es mit unse­rem Reper­toire, dass sie über die­se Viel­falt nach­den­ken.

Von wie vielen Sängern sprechen Sie?

350 bis 400. Und sie kom­men alle, aus 32 Stadt­tei­len Lon­dons. Allein die Fahrt zum Chor kos­tet unter Umstän­den viel Zeit. Aber sie sind alle da. Und die Men­schen erken­nen, dass das eine Rie­sen­chan­ce ist: Men­schen zusam­men­zu­brin­gen, die man sonst nicht zusam­men­brin­gen kann.

Was inspiriert Sie?

Ich sin­ge, seit ich drei Jah­re alt bin. Ich habe auch mal Kla­vier gespielt, auch das wäre ein Weg gewe­sen. Ich war aber so ein­ge­bun­den in mei­ne Arbeit mit Kin­dern und in die Arbeit mit Men­schen, dass ich mich sehr schnell dafür ent­schie­den habe. Ich woll­te nicht allein in mei­nen vier Wän­den arbei­ten. Und ich fühl­te mich immer hin­ge­zo­gen zu Rand­grup­pen und Kin­dern, die gemobbt wur­den. Ich habe das immer sofort gespürt und woll­te, dass sich die­se Men­schen woh­ler füh­len, auch mit sich selbst. Und genau daher kommt die­ser Antrieb: Ich will mit Kin­dern arbei­ten, die Pro­ble­me haben. Ich möch­te ihnen den Weg zei­gen, ein bes­se­res Leben zu füh­ren. Ich kann ihnen Selbst­be­wusst­sein geben.

Was ist Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

Ich wür­de mir wün­schen, dass ORA ein All­tags­be­griff wird, bekannt auch außer­halb der ein­ge­schwo­re­nen Chor­ge­mein­de. Alt und Jung, Men­schen, die noch nie im Kon­zert waren – ich möch­te sie alle anste­cken mit der Begeis­te­rung für die­se Musik. Neue Zuhö­rer zu rekru­tie­ren, das ist ein gro­ßer Wunsch von mir. Und das Leben der Men­schen nicht nur zu berüh­ren, son­dern zu ändern.

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Barbara Schulz
Die Zutaten für ein gutes Leben sind für unsere Autorin Barbara Schulz: gute Menschen, gute Musik, gute Bücher, gutes Essen. Und weil sie gern alles auf einmal hat, trifft sie am liebsten interessante Musiker oder Literaten zum Essen und schreibt über sie. Weil sie so mit Musikhören oder Lesen auch noch Geld verdienen kann. Die Literaturwissenschaftlerin, die selbst gern Musikerin geworden wäre, bekommt auf diese Weise alles unter einen Hut. Gut!

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