Christa LudwigQuietschfidele Neunzig

Christa Ludwig
Foto: Roman Litschke / Amalthea Verlag

Christa Ludwig über das große Unglück eines reifenden Sängers, Stricken gegen Nervosität und den Luxus, den Tag im Morgenmantel zu verbringen.

Crescendo: Liebe Frau Ludwig, die ganze Aufmerksamkeit, die Ihnen zum 90. Geburtstag widerfährt – ist das angenehm oder geht Ihnen das auf die Nerven?

Chris­ta Lud­wig: Ich sag Ihnen was: Die Tata­sa­che, dass man sich an mich erin­nert, obwohl ich jetzt 90 bin, auch dass ich noch nicht gestor­ben oder in der Ver­sen­kung ver­schwun­den bin, das fin­de ich schön! Aber jeden Tag Inter­views sind eigent­lich läs­tig. Ich muss mich anzie­hen, mir die Haa­re machen, mich schön zurecht­ma­chen – das ist läs­tig, aber schön. Also: Ich freue mich, dass Sie da sind.
Hin und wie­der aller­dings schlun­ze ich rich­tig her­um. Dann zie­he ich mich nicht an, son­dern blei­be im Mor­gen­rock. Das macht mir unge­heu­re Freu­de. Frü­her, als ich im Beruf war, konn­te ich das nicht. Aber jetzt habe ich das Recht, faul zu sein, und kann den gan­zen Tag im Mor­gen­rock her­um­lau­fen, wenn ich weiß, dass kei­ner kommt. Das ist etwas Wun­der­ba­res.

Sie standen 50 Jahre auf der Bühne, was sicher nicht immer ganz einfach war …

Kar­rie­re ist nicht nur „nicht ganz ein­fach“, sie ist über­haupt nicht ein­fach. Man gibt so vie­les auf. Man geht mit Scheu­klap­pen durch die Welt, darf sich nicht erkäl­ten, nicht mal den Ansatz eines Schnup­fens bekom­men! Es fängt im Kopf an. Man hat per­ma­nen­te Angst. Schließ­lich heißt es bei den Frei­be­ruf­lern nicht von unge­fähr: „Koa Musi, koa Göd.“ Da ist die­se ewi­ge Angst, immer top­fit sein zu müs­sen. Wie weiß ich, ob ich am 5. April in drei Jah­ren bei Stim­me bin? Aber ich unter­schrei­be einen Ver­trag und ich muss an die­sem Tag gut bei Stim­me sein.

Jetzt habe ich das Recht, Faul zu sein!“

Genießen Sie, das jetzt alles hinter sich zu haben?

Ja. Ich traue­re mei­nem Beruf über­haupt nicht nach. Ich fin­de das herr­lich! Nach­dem ich das letz­te Mal an der Wie­ner Oper gesun­gen habe, am 14. Dezem­ber 1994 (Klytäm­nes­t­ra in Richard Strauss’ Elek­tra – Anm. d. Redak­ti­on), bin ich am nächs­ten Tag – es war eis­kalt und hat­te geschneit – hier in Wien mit offe­nem Kra­gen durch die Kärnt­ner­stra­ße gelau­fen und woll­te mich ein­mal in aller Ruhe ver­küh­len. Aber es ist mir bis heu­te nicht gelun­gen, einen Schnup­fen zu bekom­men.

In diesen 50 Jahren hat sich im Gesang viel getan, was Stil und Ästhetik betrifft. Hat sich Ihre Meinung davon, was Sie gerne hören und für schön empfinden, in der Zeit geändert?

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Nein, ich glau­be nicht. Eine schö­ne Stim­me ist immer eine schö­ne Stim­me. Nur sehe ich bei den jun­gen Sän­gern, die ich manch­mal unter­rich­te, dass sie alle gleich­för­mig sin­gen. Ich könn­te die vie­len Sopra­ne oder Mez­zo­so­pra­ne – meis­tens habe ich Frau­en im Unter­richt, die Män­ner gehen zu den Män­nern und die Frau­en zu den Frau­en, das hat sich lei­der so ein­ge­bür­gert! – nicht unter­schei­den. Frü­her konn­te ich zwi­schen den Stim­men unter­schei­den. Die mach­ten drei Töne, und ich wuss­te, wer es ist. Heu­te ist das nicht mehr so, und ich weiß nicht genau, was da los ist. Sie sin­gen heu­te tech­nisch meist sehr gut, zumin­dest feh­ler­los – und ihnen wird dau­ernd gesagt: „Du darfst dies nicht machen, du darfst jenes nicht machen.“ Man hat damals die Stim­men auch an ihren Feh­lern erkannt und fand sie trotz­dem toll. Heu­te müs­sen alle gleich­mä­ßig gut sin­gen, was zuwei­len auf Kos­ten des Cha­rak­ters geht.

Heu­te müs­sen alle gleich­mä­ßig gut sin­gen, was zuwei­len auf Kos­ten des Cha­rak­ters geht“

Ist nicht auch eine Natürlichkeit hinzugekommen? Wenn man sich heute zum Beispiel eine Erika Köth anhört, klingt das anders, als was man heutzutage gewohnt ist.

Eri­ka Köth habe ich nicht mehr im Ohr, aber ich erin­ne­re mich an eine Begeg­nung. Ich war 18 Jah­re alt, sie ein biss­chen älter als ich (Jahr­gang 1925 – Anm. d. Redak­ti­on). Wir waren zusam­men zu einem Wett­be­werb beim Rund­funk in Frank­furt gekom­men. Um neun Uhr mor­gens wur­den alle bestellt. Das war eine Zeit, in der ich unent­wegt gestrickt habe, weil ich beim Stri­cken mei­ne Ner­vo­si­tät durch die Fin­ger weg­be­kom­men habe. Und Eri­ka Köth sag­te: „Chris­ta, du machst mich ganz ner­vös mit der ewi­gen Stri­cke­rei.“ Ich habe aller­dings immer schön wei­ter­ge­strickt und kam erst abends um sechs Uhr mit dem Sin­gen dran. Also habe ich wirk­lich lan­ge gestrickt. Und wir gewan­nen bei­de einen Preis!

… und Sie hatten einen Pullover.

Ha! Ja, fast.

Wenn Sie an Sänger denken, denken Sie sofort an Opernsänger?

Ja, denn es gibt kei­ne Lie­der­sän­ger mehr. Es gibt vie­le Sän­ger, die Lie­der sin­gen, aber das müs­sen noch lan­ge kei­ne Lie­der­sän­ger sein. Das ist ein Unter­schied. Zuge­ge­be­ner­ma­ßen gehe ich kaum noch in Lie­der­aben­de. Aber wenn ich sehe, wie Opern­sän­ger Lie­der­aben­de geben, den­ke ich, dass etwas ver­kehrt ist.

Da liegt das Problem oft schon an der Umgebung. Wenn ich in einem großen Opernhaus einen Liederabend gebe, ist das zum Scheitern verurteilt, oder?

Ich habe in der Metro­po­li­tan Ope­ra vor fast 4.000 Men­schen die Win­ter­rei­se gesun­gen, immer­hin. Und die fan­den es schön.

Die Stil­le ist etwas Wun­der­ba­res. Ich höre die Stil­le!“

Aber leidet nicht die Intimität eines Liederabends in einem fußballstadiongroßen Opernhaus wie der Met?

Die Inti­mi­tät eines klei­nen Saa­les macht Angst. Es ist viel schwie­ri­ger, vor 20 oder 10 Leu­ten zu sin­gen als vor 4.000. 4.000 sind eine unbe­kann­te abs­trak­te Mas­se. Aber Ein­zel­ne, die man viel­leicht sogar kennt, und die ganz nahe vor einem sit­zen – da bekommt man fürch­ter­li­che Angst. Gott sei Dank haben die­se Opern­häu­ser eine gute Akus­tik, da kann man so lei­se sin­gen wie mög­lich. Ich erin­ne­re mich an einen Lie­der­abend in der Avery Fisher Hall (inzwi­schen David Gef­fen Hall – Anm. d. Redak­ti­on). Mei­ne lie­be Kol­le­gin Gun­du­la Jano­witz war dort in einem vor­an­ge­gan­ge­nen Lie­der­abend – ich glau­be von Bir­git Nil­son – gewe­sen und sag­te mir: „Chris­ta, wenn du den Lie­der­abend dort singst, darfst du nicht mei­nen, dass du dort lau­ter sin­gen musst. Das kleins­te Pia­no ist bis ganz hin­ten hör­bar.“ Tat­säch­lich konn­te ich in der Metro­po­li­tan pia­nis­si­mo sin­gen, und es war zu hören.

Sie haben erwähnt, dass Sie nur noch wenig Musik hören, im Konzert und aus der Konserve. Warum?

Wis­sen Sie, seit mei­ner Kind­heit höre ich nur Musik. Von mor­gens bis abends nur Musik. Und wenn Sie dann mal nichts zu sin­gen haben, müs­sen Sie etwas ler­nen oder sich ein­sin­gen. Da habe ich ein­mal genug gehabt von Musik. Und jetzt lie­be ich die Stil­le. Ich lie­be es, einem Vogel zuzu­hö­ren, wenn er „tir­ri­li“ macht. Oder wenn er gar nichts macht. Die Stil­le ist etwas Wun­der­ba­res. Ich höre die Stil­le!
Ken­nen Sie die­se wun­der­ba­re klei­ne Geschich­te von Hein­rich Böll, „Dok­tor Mur­kes gesam­mel­tes Schwei­gen“? Der hat sich aus den Bän­dern im Radio die gan­zen Pau­sen her­aus­ge­schnit­ten und sie zu Hau­se lau­fen las­sen. Wun­der­bar! Sehen Sie, so geht’s mir auch: Ich las­se nur noch die Pau­sen lau­fen. Aber ich höre schon hin und wie­der Musik. Neu­lich war ich in Bruck­ners Neun­ter mit den Phil­har­mo­ni­kern hier in Wien. Es war eine Stern­stun­de, und ich war von Musik erfüllt. Da habe ich dann aber für eine Woche genug Musik in mir.
Man muss sie auch ver­ar­bei­ten. Ein Sän­ger zum Bei­spiel muss einen Text und die Musik ja erst mal begrei­fen, bis er sie wirk­lich wie­der­ge­ben kann. Das ist ein lan­ger Pro­zess und ein ewi­ges Ler­nen. Und wenn man älter wird, ändert sich der Blick auf Text, Musik und Inter­pre­ta­ti­on. Das ist wun­der­schön. Da kommt es dann dar­auf an, wie reif man ist. Für die meis­ten kommt die Rei­fe viel spä­ter als die Stim­me, und das ist das Unglück eines Sän­gers: Der Tonus der Stimm­bän­der ist nicht mehr da, aber man weiß genau, wie man’s tut. Das ist wie bei einem Eunu­chen: Man weiß, wie man es macht, aber man kann es nicht mehr. Das ist unser gro­ßes Unglück!

Das Video zum Inter­view: www.youtube.de/crescendomagazin

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Jens Laurson
Jens F. Laurson fand mit Bach, Haydn und Rheinberger-Messen (als Domspatz) zur klassischen Musik losgelassen und ist bekennender musikalischer „Allesfresser“. Eigentlich studierter Politologe, kam er über Tim Page und die Washington Post zum Musikjournalismus. Er kann „Gennadi Roschdestwenski” buchstabieren, ohne nachschlagen zu müssen.

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