Kniefall vor einem Lebenswerk

Christa Ludwig

CRESCENDO TV traf die Grande Dame kürzlich zum exklusiven Interview: Die 90-jährige Sängerin erzählt in Ihrer unnachahmlichen Art erfrischend direkt und unterhaltsam aus dem Olymp des klassischen Gesangs.

Preis­trä­ge­rin der Kate­go­rie: Wür­di­gung des Lebens­wer­kes

Chris­ta Lud­wig kann mit quietsch­fi­de­len 90 nicht nur auf ein viel bewun­der­tes Lebens­werk zurück­bli­cken, sie erlebt auch noch die Ehrun­gen dafür. Das gibt einem Preis fürs Lebens­werk eine noch viel leben­di­ge­re, ja fröh­li­che­re Note. Schwie­rig ist es frei­lich, aus Chris­ta Lud­wigs Dis­ko­gra­fie die „Grea­test Hits“ her­aus­zu­stel­len. Denn wie soll man sich ein­schrän­ken bei einer Sän­ge­rin, die anschei­nend nicht nur kei­ne schlech­ten Ein­spie­lun­gen abge­lie­fert hat, son­dern sogar aus­schließ­lich gute, ja meist sogar her­vor­ra­gen­de? Chris­ta Lud­wig lieh ihren fei­nen, unge­küns­tel­ten Ton rei­hen­wei­se Auf­nah­men, die zu Mei­len­stei­nen wur­den. Das ist auch zurück­zu­füh­ren auf die Tat­sa­che, dass ihr war­mer, geschmei­di­ger und gleich­mä­ßi­ger Mez­zo mit dem fei­nen Schmelz von den größ­ten Diri­gen­ten ihrer Zeit geschätzt und geliebt wur­de: Otto Klem­pe­rer, Karl Böhm, Leo­nard Bern­stein und Her­bert von Kara­jan. So ein unter­schied­li­ches Takt­stock-Qua­drum­vi­rat kann nicht falsch lie­gen.

Die Alleskönnerin: Lied

Chris­ta Lud­wig war, wenn man so will, eine ech­te Drei­spar­ten­sän­ge­rin: glei­cher­ma­ßen in Oper, Ora­to­ri­um und Lied zu Hau­se, was man in sol­cher Aus­ge­wo­gen­heit wohl von kaum einer Sän­ge­rin sagen kann. Lied war auf Ton­trä­ger frei­lich das am wenigs­ten von ihr bespiel­te Feld. Ihr Ruhm als Lied­sän­ge­rin – von live erleb­ten Lie­der­aben­den und der bis heu­te noch täti­gen Päd­ago­gin in Meis­ter­kur­sen abge­se­hen – beruht eigent­lich auf einer Ein­spie­lung: 15 Schu­bert-Lie­der, mit (größ­ten­teils) Geoff­rey Par­sons am Kla­vier, unter denen Gret­chen am Spinn­ra­de und Lita­nei auf das Fest Aller See­len als Ide­al einer gesang­lich noch jugend­li­chen, gleich­zei­tig aber rei­fen Lied­in­ter­pre­ta­ti­on gel­ten kön­nen. Etwas, was ihr knap­pe zehn Jah­re spä­ter mit Irwin Gage (1973/74) oder der Win­ter­rei­se mit James Levi­ne (1986) viel­leicht nicht mehr so gelang. Das ist wohl die Crux im Lied­ge­sang: Bevor­zugt man ver­ständ­nis­lo­se Schön­heit oder ver­ständ­nis­vol­le Uneben­mä­ßig­keit?

Ich hof­fe, dass du dir die Stim­me so lan­ge behältst, bis du weißt, um was es sich han­delt“

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Chris­ta Lud­wig sel­ber schwankt: „Ein Sän­ger muss den Text ja erst mal begrei­fen, die Musik begrei­fen, bis er es wie­der­ge­ben kann. Ein Lied muss reflek­tiert gesun­gen sein – dabei muss man sich total iden­ti­fi­zie­ren mit dem Text. Und dann muss der Text, das Wort, die Sil­be, auch noch so gesun­gen wer­den, dass sie auch aus­sagt, was sie aus­sa­gen soll. Das ist ein lan­ger Pro­zess, ein ewi­ges Ler­nen. Und wird man älter, ver­än­dert sich der eige­ne Blick auf Musik und für die Inter­pre­ta­ti­on. Mei­ne Mut­ter hat mir gesagt: ‚Ich hof­fe, dass du dir die Stim­me so lan­ge behältst, bis du weißt, um was es sich han­delt.‘ Das Bes­te wäre frei­lich wenn man den Inhalt ver­steht und man es noch gut sin­gen kann. Bei­des ist wich­tig. Obwohl ich sagen muss, dass mir der Fischer-Dies­kau, zum Bei­spiel, als er noch sehr jung war, wie ein Engel vom Him­mel erschien. Mit so einer Nai­vi­tät und schö­nen Stim­me – wun­der­bar. Dann kam die Zeit, als er sehr manie­riert war. Und dann die Zeit, als er schon krank war und sehr abge­nom­men hat­te. Die Stim­me war nicht mehr sei­ne jugend­fri­sche Stim­me. Aber der Aus­druck, der war ein­fach fabel­haft! Über­haupt nicht mehr manie­riert.“

Orchesterlieder

Im Schilfbe­reich zwi­schen Lied und Ora­to­ri­um sind die Orches­ter­lie­der zu Hau­se, in denen Lud­wig eben­falls bril­lier­te. Vier Lie­der von der Erde sind uns mit Chris­ta Lud­wig erhal­ten: ein­mal mit Leo­nard Bern­stein und René Kol­lo (1972). Aus dem dar­auf­fol­gen­den Jahr mit Kara­jan und wie­der René Kol­lo. Davor kam frei­lich schon eine der ganz gro­ßen, klas­si­schen Mah­ler-Auf­nah­men des letz­ten Jahr­hun­derts, unter Otto Klem­pe­rer mit Fritz Wun­der­lich (1964/66). Ver­mut­lich wer­den mehr Hörer mit die­sem letz­te­ren Lied von der Erde auf­ge­wach­sen sein als mit irgend­ei­ner ande­ren Ver­si­on. Erst seit Kur­zem, aus dem Archiv der Wie­ner Sym­pho­ni­ker auf­er­stan­den, kann man Chris­ta Lud­wig, Car­los Klei­ber und Wal­de­mar Kmentt (1967) bewun­dern. Über­haupt: Mah­ler liegt ihr. Des jun­gen wil­den Zubin Meh­tas Zwei­te Sym­pho­nie ist nicht zuletzt der Sän­ger wegen – einer rei­fen und doch engel­glei­chen Lud­wig und Ileana Cotru­bas – noch heu­te die Refe­renz. Was für ein Rös­chen rot! Das kris­tall­kla­re O Mensch in Bern­steins zwei­ter Auf­nah­me der Drit­ten hat immer noch sei­nen Gän­se­h­aut­fak­tor. Ihre Kin­der­to­ten­lie­der und Rück­ert­lie­der mit Kara­jan haben nichts von ihrer Herr­lich­keit ver­lo­ren. Ihre frü­he Auf­nah­me der Brahms’schen Alt-Rhaps­odie, Wag­ners Wesen­donck-Lie­der, Beet­ho­vens Abscheu­li­cher! und fünf Orches­ter­lie­der Mah­lers unter Klem­pe­rer sind seit über einem hal­ben Jahr­hun­dert Vor­zei­ge­auf­nah­men.

Schließ­lich war ihre ganz gro­ße Domä­ne aber die Oper“

Oratorium

Ob Haydns Schöp­fung, Beet­ho­vens Mis­sa Solem­nis (jeweils mit Kara­jan, Gun­du­la Jano­witz, Fritz Wun­der­lich und Wal­ter Ber­ry) oder Bach – Chris­ta Lud­wig ist immer mit von der Par­tie in Auf­nah­men, die Genera­tio­nen geprägt haben. Geschmä­cker ändern sich und frei­lich ist Karl Rich­ters Weih­nachts­ora­to­ri­um (wie­der sind Jano­witz und Wun­der­lich mit von der Par­tie) nicht auf neu­es­tem, his­to­risch infor­mier­tem For­schungs­stand. Gleich­wohl ist es bis heu­te der Weih­nachts­stan­dard für jeden, der mit die­ser hoch­mu­si­ka­li­schen Auf­nah­me in Kon­takt gekom­men ist. Selbst Klem­pe­rers Mat­thä­us-Pas­si­on trotzt auf­grund der Sän­ger­be­set­zung wei­ter­hin beharr­lich jedem Zeit­geist – ins­be­son­de­re in der anglo­ame­ri­ka­ni­schen Welt.

Oper

Schließ­lich war ihre ganz gro­ße Domä­ne aber die Oper. Und gleich 1956 kam mit dem von Wal­ter Leg­ge pro­du­zier­ten Rosen­ka­va­lier eine Auf­nah­me her­aus, auf der das Trio Schwarz­kopf/Lud­wi­g/­Stich-Rand­all Maß­stä­be setz­te. Von da an hagel­te es Spit­zen­auf­nah­men und „instant clas­sics“. Die Frau ohne Schat­ten (1964) – „Frau Lud­wig ist (…) gelöst und sinn­lich (…) hef­tig und inten­siv. Einen gan­zen Abend lang wur­de Wohl­klang und fas­zi­nie­ren­de Expan­si­on, Sicher­heit sowie eine Art lege­re Kon­zen­tra­ti­on gebo­ten, die (…) dem Hörer das Gefühl gibt, hier sei einer Sän­ge­rin das Schwie­ri­ge spie­lend leicht gewor­den.“ (Karl Löbl im Express, nach der Pre­mie­re an der Wie­ner Staats­oper).

Mit herz­er­fri­schen­dem Humor und per­fek­ter Aus­spra­che“

Blau­barts Burg unter Ist­ván Ker­tész, gesun­gen mit ihrem dama­li­gen Mann, Wal­ter Ber­ry (1965). David Hur­witz, der Chris­ta Lud­wig 2008 den Can­nes MIDEM Clas­si­cal Life­time Achie­ve­ment Award über­reich­te, erin­nert an ihre Leo­no­re in Klem­pe­rers Fide­lio und die manch­mal über­se­he­ne Auf­nah­me des Rosen­ka­va­liers unter Bern­stein, in der Lud­wig die Rol­le der Mar­schal­lin über­nimmt und wo sie „Schwarz­kopfs sorg­fäl­ti­ge Text­be­hand­lung mit einem gänz­lich natür­li­chen, unma­nie­rier­ten Vor­trag ver­eint“.

Beste Zweite Geige aller Zeiten

Viel­leicht ist das Maß für wahr­lich gro­ße Musi­ker nicht so sehr, wie sie im Ram­pen­licht schei­nen, son­dern wie sie gera­de auch in ver­meint­li­chen Neben­rol­len strah­len kön­nen und sich ganz der Musik und nicht nur ihrem Ego wid­men. Es kann kein Zufall sein, dass die gro­ße Chris­ta Lud­wig gera­de da ent­zückt und betört, wo sie qua­si nur die Bei­la­ge zu sein scheint: als Elvi­ra in Klem­pe­rers Don Gio­van­ni, als Kund­ry in Sol­tis Par­si­fal, als Szu­ki neben Mirel­la Fre­nis But­ter­fly unter Kara­jan, als Adal­gi­sa neben Maria Cal­las’ Nor­ma, gar als Zwei­te Dame in Klem­pe­rers Zau­ber­flö­te. Als Old Lady in Bern­steins Can­di­de, wo die damals immer­hin schon 61-Jäh­ri­ge mit herz­er­fri­schen­dem Humor und per­fek­ter Aus­spra­che in fünf, sechs Spra­chen singt. Und nicht zuletzt als Bran­gä­ne neben Bir­git ­Nils­sons Isol­de in Karl Böhms weg­wei­sen­dem, über­ra­gend gutem Tris­tan von 1966. Das sind unver­gleich­li­che und beglü­cken­de Momen­te, die uns heu­te noch Freu­de en mas­se schen­ken. Selbst der Ver­leih des OPUS KLASSIK Lebens­werk-Prei­ses kann hier unse­rer Dank­bar­keit nur bedingt Aus­druck ver­lei­hen.

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crescendo Redaktion
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