„Sein Anschlag hat Zartheit und auch das dämonische Element“, zeigte sich Martha Argerich ungewöhnlich beeindruckt. Jetzt hat der erst 27-jährige Daniil Trifonov in Salzburg ­Rachmaninow eingespielt. Der Komponist ist die Brücke zu seiner russischen Heimat.

CRESCENDO: Gerade haben Sie in Mozarts Geburtshaus ein Werk aus Ihrer neuen Rachmaninow-CD gespielt. Es wimmelt vor Touristen. Wie inspirierend ist dieser Ort für Sie als Musiker und Komponist?

Daniil Trifonov: Der Ort ist ok. Ich bin hier zum ersten Mal.

Ihre erste Klavierkomposition – da waren Sie noch ein Kind – widmeten Sie Mozart.

Zu Mozart bekommt man als Kind sehr leicht Zugang. Erst, wenn man älter ist, merkt man, wie kompliziert seine Musik ist.

Auch Rachmaninow widmeten Sie ein Klavierstück. Und damit von der Getreidegasse in Salzburg nach New York in die 505 West End Avenue …

… dorthin, wo Rachmaninow lebte. Natürlich war ich da. Leider gibt es dort kein Museum. Nur eine Plakette weist darauf hin, dass er dort gelebt hat.

„Für jeden angehenden Komponisten ist seine Harmonielehre eine Art Bibel“

Er wurde auch in New York auf dem Kensico-Friedhof begraben.

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Ja, das ist nicht weit entfernt. Will man aber etwas über Rachmaninow erfahren, muss man in die Schweiz, an den Vierwaldstättersee. Dort hatte er ein Haus gebaut, die Villa Senar, Sitz der Serge Rachmaninoff Foundation. Auch sein original Steinway-Flügel steht da. Um als Interpret einem Komponisten näherzukommen, ist es gar nicht notwendig, seine Alltagsgegenstände zu erleben. Viel wichtiger ist, ihn zu hören.

In der Sowjetunion hat man Rachmaninow als Abtrünnigen und Dissidenten beschimpft. Heute wünscht man sich, dass sein Erbe wieder zurück nach Russland kommt.

Ja, ich habe davon gehört.

1917 hatte Rachmaninow im Zuge der bolschewistischen Revolution seine Heimat verlassen. 500 Rubel hatte er dabei und die Partitur von Rimski-Korsakows Le Coq d’Or.

Das wusste ich nicht, aber es passt. Rimski-Korsakow konnte fantastisch instrumentieren und orchestrieren. Für jeden angehenden Komponisten ist seine Harmonielehre eine Art Bibel. Nicht nur in Russland.

„Rachmaninows Musik bildet für mich die Brücke zu meiner Heimat Russland“

Sie mussten Russland zwar nicht verlassen, aber dennoch: Was hätten Sie mitgenommen?

Rachmaninows Musik bildet für mich die Brücke zu meiner Heimat Russland. Wirkliche Liebe aber habe ich für Skrjabin, seit ich mit elf Jahren sein Poème de l’Exstase hörte. Diese Partitur hätte ich mitgenommen. Und da wir vorhin von Komponistenmuseen sprachen: In Moskau kann man das Haus besichtigen, in dem Skrjabin lebte. Es wurde überhaupt nichts verändert. Sein Klavier steht dort, man kann sich genau vorstellen, wie er damals gelebt hat. Eine ganz besondere Atmosphäre.

Skrjabin und Rachmaninow waren etwa gleich alt. Sie kannten sich vom Konservatorium und hatten so ihre Rivalitäten …

Die beiden hatten ganz unterschiedliche musikalische Visionen. Skrjabin propagierte neue Wege der Tonalität, Rachmaninow nannte man den letzten Romantiker. Als aber Skrjabin 1915 starb, war Rachmaninow so erschüttert, dass er eine Tournee lang nur noch seine Werke spielte.

Nachdem Rachmaninow seine Heimat verlassen hatte, wurde er zu einem der begehrtesten Klaviervirtuosen seiner Zeit. Dennoch war er voller Selbstzweifel.

Nach einer vernichtenden Kritik seiner 1. Sinfonie 1897 stürzte er in eine tiefe Schaffenskrise. Erst 1900 vollendete er sein 2. Klavierkonzert. Vielleicht waren diese Schwierigkeiten wichtig für den kreativen Prozess. Jeder Mensch empfindet das anders.

„Skrjabin propagierte neue Wege der Tonalität, Rachmaninow nannte man den letzten Romantiker“

„Die großen russischen Künstler waren in der Finsternis versunken“, schreibt der Dichter Alexander Blok, „aber sie fanden Kraft in dieser Dunkelheit, denn sie glaubten an das Licht.“

Das Zitat stammt aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Die russische Literatur war sehr düster, die Einstellung zum Leben fatalistisch. Heute passt das nicht mehr, jedenfalls nicht auf mich.

Ich möchte Sie jetzt nicht auf die rote Couch legen …

(Lächelt)

Rachmaninow jedenfalls ließ sich von Dr. Dahl behandeln, der ihn unter Hypnose setzte.

Damals waren solche Methoden ganz neu. Es schien ja zu helfen. Das 2. Klavierkonzert wurde fertig und weitere Werke folgten.

Wie finden Sie Ihre Balance?

In der taoistischen Meditation finde ich die Balance. Das kann man natürlich nicht mit der Hypnose vergleichen.

„In der taoistischen Meditation finde ich die Balance“

Bei der Hypnose überlässt man dem Arzt die Kontrolle. Das würde zu Ihnen auch nicht passen.

Kontrolle ist wichtig. Und Selbstbeobachtung – damit meine ich Selbstkritik. Beides gibt mir Sicherheit, ich kann so Fehler vermeiden. Man muss die eigenen Schwächen kennen. Ich denke mir immer wieder etwas Neues aus, um meine Hand beweglicher, flexibler zu machen. Ich hänge Billardkugeln in einer Tüte ans Handgelenk, um die Kraft der Hände zu trainieren, gehe ins Schwimmbad, um unter Wasser Übungen zu machen. Auch der Rücken kann zum Problem werden. Wenn man lange am Flügel sitzt, schleichen sich Fehlhaltungen ein, und dann kann die Energie nicht aus dem Rücken strömen. Ich glaube allerdings, dass Rachmaninow in seiner Verzweiflung sich selbst nicht mehr helfen konnte.

Über 20 Jahre blieb er in Behandlung bei Dr. Dahl. Dennoch war er nach eigenem Bekenntnis sehr nervös bei Schallplattenaufnahmen.

Dabei hat er die meisten seiner Werke aufgenommen! Wie und in welchem Zustand, das habe ich mich nie gefragt. Ich bin nur sehr glücklich, dass er es getan hat. Er war ein großer Pianist. Auch, wenn er vielleicht nicht zufrieden war, den Aufnahmen merkt man die Unsicherheit nicht an. Sein ­2. Klavierkonzert hat er zweimal eingespielt: 1924 und 1929 – in Tempo und Dynamik liegen Welten dazwischen.

Was ist Ihnen lieber: Studio oder Bühne?

Ich habe mit beidem kein Problem. Auch nicht, wenn live aufgenommen wird, wie jetzt bei unserer Rachmaninow-Produktion aller Klavierkonzerte mit dem Philadelphia Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin. Nur Nr. 1 haben wir im Studio aufgenommen. Ich war fasziniert davon, wie gut das Orchester Rachmaninows Idiom noch im Ohr hatte. 1913 hatte er ja mit dem Philadelphia Orchestra unter Leopold Stokowski sein 3. Klavierkonzert eingespielt. Auch sein 4. Klavierkonzert hat er in Philadelphia uraufgeführt.

„Als Musiker kommt man nie an. Jedes Klavierkonzert hat seinen Stil“

„Destination Rachmaninow – Departure“ nennen Sie die erste CD mit den Konzerten Nr. 2 und 4, „Destination Rachmaninow – Arrival“ die zweite CD mit den Konzerten Nr. 1 und 3. Werden Sie dann angekommen sein?

Als Musiker kommt man nie an. Jedes Klavierkonzert hat seinen Stil. Mein Favorit ist Nr. 4. Weil Liszt es gespielt hat und wegen der experimentellen Harmonie, den kantigen Melodien, jazzigen Akkorden und mechanischen Momenten, die seinerzeit absolut modern waren.

Wenn Sie das Leben der Klaviervirtuosen des 19. und 20. Jahrhunderts mit Ihrem vergleichen müssten …

Abgesehen von den sozialen und politischen Umständen: Es war so spannend zu Beginn des 20. Jahrhunderts! Damals ist so viel passiert, jeder war neugierig auf das, was kommt, auf das, was Picasso gerade malt oder Strawinsky, Richard Strauss oder Schönberg komponiert. Es war die Zeit der großen Uraufführungen. Nicht nur in Europa, auch in Russland mit Alexander Skrjabin und seinen faszinierenden fantastischen Experimenten. Da wäre ich gerne dabei gewesen!

Rachmaninow hingegen warf man „Melancholie der Untätigkeit“ vor und „Resignation“. Für viele war er nur der „Hollywood-Komponist“.

Das hängt sehr davon ab, wie man ihn interpretiert, vor allem sein 2. Klavierkonzert! Auch aus Für Elise von Beethoven könnte man Kitsch machen. Sie nannten ihn so, weil viele romantische Filme, etwa Das verflixte siebte Jahr von Billy Wilder mit seinem
2. Klavierkonzert unterlegt wurden. Er erreichte eben mit seiner Musik das Herz der Menschen. Aber was ist so schlimm daran?

Teresa Pieschacón Raphael
„Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. G'fallen sollen meine Sachen!“ (J. N. Nestroy) findet Teresa Pieschacón Raphael. Sie hält es mit J. Pulitzers Devise: „Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ In Bogotá wuchs sie auf, in Tübingen und Wien studierte die Enkelin des Komponisten Günter Raphael (1903–1960) Musikwissenschaft und Philosophie und verfiel dem Journalismus. Sie lebt heute als freie Musik- und Kulturpublizistin in München. Ihre Reportagen, Interviews und Konzertprogrammhefte erscheinen in unterschiedlichsten Medien: vom ARTE Magazin bis zur Vogue, von Brigitte bis zur Wirtschaftswoche, vom Dortmunder Konzerthaus bis zu den Salzburger Festspielen… und seit über zehn Jahren bei crescendo.

1 Kommentar

  1. ZITAT: “Jedes Klavierkonzert hat seinen Stil. Mein Favorit ist Nr. 4. Weil Liszt es gespielt hat …” – Eine Frage: Wie kann Liszt, der 1886 starb, das 4. Klavierkonzert von Rachmaninow (1926) gespielt haben?

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