Vor zwei Jah­ren hat Sony auf fünf CDs (+ Inter­view + die fer­ti­ge Ein­spie­lung auf CD + LP) alle Auf­nah­me­sit­zun­gen für die 1955er-Ein­spie­lung Glenn Goulds der Gold­berg-Varia­tio­nen Bachs ver­öf­fent­licht: ein span­nen­des, erhel­len­des und vor­züg­lich durch üppi­ges Mate­ri­al in Bild, Ver­schrif­tung und Noten­form beglei­te­tes Pro­jekt. Nun gibt es Ähn­li­ches, etwas schlan­ker in der Aus­stat­tung, auf 11 CDs (+ vier CDs mit den bei­den Kon­zer­ten und andert­halb Stun­den Inter­view mit Abram Chasins), wie­der mit zahl­rei­chen Fotos für Vla­di­mir Horo­witz’ Come­back in den Kon­zert­saal nach 12 Jah­ren Absti­nenz.

Vladimir Horowitz fährt vor der New Yorker Carnegie Hall vor. 
(© Don Hunstein / Sony Music Entertainment)
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Der damals 61-Jäh­ri­ge hat es akri­bisch unter Live-Bedin­gun­gen vor­be­rei­tet und für die Kon­zer­te in der Car­ne­gie Hall vor Ort Pro­be­durch­läu­fe ohne Publi­kum absol­viert. Sie wur­den tech­nisch exzel­lent mit­ge­schnit­ten und klin­gen, bril­lant digi­tal restau­riert, teil­wei­se noch poe­ti­scher, inti­mer und bezau­bern­der als die ent­spre­chen­den Wer­ke im Live-Kon­zert vor gro­ßem Publi­kum. Das betrifft vor allem Mozarts A‑Dur-Sona­te KV 331, die bei der Pro­be am 5. April 1966 schlicht voll­endet klingt in jeder Hin­sicht, oder fei­ne Scar­lat­ti-Mira­kel. Mit Blick auf den gro­ßen Saal und die Ent­fer­nung zum Hörer wer­den sie spä­ter klang­lich und in den dyna­mi­schen Kon­tras­ten grö­ßer dimen­sio­niert und ver­lie­ren so den Zau­ber des Unmit­tel­ba­ren und Pri­va­ten.

Vladimir Horowitz in der New Yorker Carnegie Hall 
(© Don Hunstein / Sony Music Entertainment)

Dome­ni­co Scar­lat­tis E‑Dur-Sona­te K 380 (L 23) etwa spielt Horo­witz als mög­li­che Zuga­be in der Pro­be am 7. April 1965, Tage vor dem ers­ten, und am 5. April 1966, Tage vor dem zwei­ten Kon­zert. Beim ers­ten Mal kün­digt er auf Eng­lisch an: „Okay, jetzt wer­de ich nur klei­ne Stü­cke spie­len!“ und lässt dem über­wäl­ti­gend zar­ten Scar­lat­ti jeweils gut zwei­mi­nü­ti­gen Rach­ma­ni­now, Cho­pin, Mosz­kow­ski und Liszt fol­gen; eine Peti­tes­se berü­cken­der als die ande­re, ohne Applaus dazwi­schen wie sonst bei Zuga­ben. Skrja­bins Op. 70 klingt dage­gen ein hal­bes Jahr nach einem pri­va­ten beim öffent­li­chen Kon­zert 1966 im Pia­nis­si­mo oft­mals noch luzi­der und fili­gra­ner, in den Aus­brü­chen und den wil­den Tril­ler-Ket­ten dage­gen ner­vös flir­ren­der, exzen­tri­scher und far­bi­ger.

 

Vladimir Horowitz in der New Yorker Carnegie Hall 
(© Don Hunstein / Sony Music Entertainment)

Man kann die­se CDs mit unge­mein plas­ti­scher, tech­nisch wie musi­ka­lisch aus­ge­feilt und inspi­riert gespiel­ter (Klavier-)Musik und lau­ni­gen, manch­mal fast beschwipst klin­gen­den Kom­men­ta­ren von Horo­witz (sowie sei­ner Ton­tech­ni­ker und der grau­en Emi­nenz im Hin­ter­grund, Gat­tin Wan­da Tos­ca­ni­ni Horo­witz) chro­no­lo­gisch hören; man kann aber auch ein­zel­ne Stü­cke direkt ver­glei­chen. Zur Aus­wahl ste­hen im Vor­feld der bei­den Kon­zer­te Bach/Busoni (Toc­ca­ta, Ada­gio und Fuge C‑Dur BWV 564), Schu­manns Fan­ta­sie op. 17, Beet­ho­ven (32 Varia­tio­nen über ein eige­nes The­ma), Skrja­bins Neun­te (Schwar­ze Mes­se) und Zehn­te Sona­te, aber auch Cho­pin (u.a. Ers­tes Scher­zo oder die Ers­te Bal­la­de), besag­ter Mozart und diver­se Scar­lat­ti-Sona­ten oder ande­re klei­ne Stü­cke. 

Vla­di­mir Horo­witz mit dem Ton­in­ge­nieur Fred Plaut im legen­dä­ren CBS 30th Street Stu­dio
(© Don Hun­stein / Sony Music Enter­tain­ment)

So minu­ti­ös der Blick hin­ter die Kulis­sen ist und etwa auch vir­tuo­se Impro­vi­sa­tio­nen zum Ein­spie­len doku­men­tiert, so rät­sel­haft bleibt ande­res, etwa der Mit­schnitt eines Pri­vat­kon­zerts, bei dem es plötz­lich einen Strom­aus­fall gab, der wei­te Tei­le Kana­das und der USA umfass­te, wes­halb der Nach­mit­tag des 9. Novem­ber 1965 als „The Nor­the­ast Black­out Con­cert“ in die Geschich­te ein­ging. Nach der hier nur ein­mal doku­men­tier­ten und bei kei­nem der Kon­zer­te 1965/66 gespiel­ten, unge­mein span­nend dar­ge­bo­te­nen frü­hen Beet­ho­ven-Sona­te (D‑Dur op. 10/3) und Skrja­bins Zehn­ter Sona­te, sowie dem dar­auf fol­gen­den Applaus, endet der Mit­schnitt ganz kon­ven­tio­nell. Von der Chopin’schen Polo­nai­se-fan­tai­sie, die Horo­witz laut Zei­tungs­be­richt bra­vou­rös im Dun­keln been­de­te, aber ist kei­ne Spur auf den Bän­dern erhal­ten, offen­bar wur­de das aus tech­ni­schen Grün­den unver­mit­telt abbre­chen­de Cho­pin-Frag­ment gelöscht. 

The Gre­at Come­back. Horo­witz at Car­ne­gie Hall. The unre­leased pri­va­te reci­tals pre­ce­ding his return in 1965” (Sony)

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