„Augsburg, Augsburg, Du herrliche Stadt!“, erklingt es derzeit auf deren Freilichtbühne. Wahrlich: Mehr Stolz und Selbstbewusstsein stünden der Renaissance-Stadt, die sich nur allzu häufig im Schatten des nahen München sieht, gut zu Gesicht. Da kommt es gerade gelegen, dass das Theater Augsburg jetzt ein Fugger-Musical als Uraufführung auf die Beine gestellt hat und sich auf die eigene Stadt-Geschichte besinnt.

Gefühlsmensch Jakob Fugger
Mit Stephan Kanyar (Komponist) und Andreas Hillger (Text) stand dafür ein Musical-erfahrenes Team bereit. „Herz aus Gold“ heißt das neue Werk, das noch bis zum 28. Juli 2018 auf der Augsburger Freilichtbühne läuft. Schon der Titel zeigt die Grundproblematik des Stücks: Denn über Jakob Fugger, den Reichen, und seine weltumspannenden Geschäfte weiß man viel, über sein Privatleben wenig. Außer, dass seine viel jüngere Ehefrau Sibylla kinderlos blieb und nur ein paar Wochen nach Jakobs Tod Konrad Peutinger ehelichte. Zu wenig Herz für ein Musical, dachte sich das Team und machte aus dem Machtmenschen Fugger kurzerhand auch einen Gefühlsmenschen. Einen, der alles bekommt – nur nicht die (Jugend)Liebe seines Lebens, nämlich Sybilla senior, als Mutter der Fugger-Gattin eine freie Musical-Erfindung. Sie liefert zwar Grund für Herz, Schmerz und das eine oder andere schöne Duett („Tanz deine eigene Weise“), aber auch für viel allzu Konstruiertes, das störend wirkt.

Vom rücksichtslosen Erfolgsstreben in der Renaissance
Besser ist das Musical, wenn es historische Fakten und den Geist der Renaissance vermittelt, mit der ganzen Härte und dem rücksichtslosen Erfolgsstreben dieser Ära. „Fortschritt geht über Leichen“, „nach oben, immer nach oben“ und „Gefühle kann ich mir nicht leisten“, singt der Musical-Fugger und ist damit um einiges glaubwürdiger denn als verschmähter Liebhaber. Überhaupt ist bemerkenswert, wie viel Fugger-Historie in „Herz aus Gold“ steckt. Vom Fugger-finanzierten Kaiser Maximilian I. bis hin zum Auftritt Martin Luthers, der im Fugger-Haus verhört wird. Musikalisch wie in Sachen Kostüm (Sven Bindseil) gibt es deutliche Anklänge an die Renaissance – gerade so viel, dass das Stück nicht kitschig wird, aber sich doch farbenprächtig in Ohr und Auge einprägt.

“Vom Fugger-finanzierten Kaiser Maximilian I. bis hin zum Auftritt Martin Luthers steckt viel Historie im Musical.”

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Szenisch verortet ist das Ganze von Regisseur Holger Hauer und Bühnenbildner Karel Spanhak auf einer wohltuend schlichten Freilichtbühne mit zwei adlerbekrönten (Lautsprecher-)Säulen, dem mit Büchern und Landkarten gefüllten Fugger-Kontor in der Mitte sowie einer durchaus ironischen Showtreppe aus schimmernden Golddukaten, die prächtige Einzüge von oben ermöglicht.

Viele gut besetzte Nebenrollen
Und das Sänger-Team? Chris Murray in der Hauptrolle wirkte im zweiten Teil, als alter, vereinsamender Fugger, überzeugender und hat vor allem beim Titelsong „Herz aus Gold“ seinen großen, stimmgewaltigen Auftritt. Ebenbürtig die divenhaft-selbstbewusste Sybilla senior (Roberta Valentini), gefolgt von Sybille junior (Katharina Wollmann), die stimmlich leider zu wenig Möglichkeiten zur Entfaltung bekommt. Innerhalb den vielen gut besetzten Nebenrollen hat noch Fuggers Gegenspieler Welser die größte Möglichkeit, sich darstellerisch zu profilieren und wird von Regisseur Holger Hauer selbst glaubwürdig verkörpert. Das Aufgebot aus Opernchor und Ballett Augsburg, einem Musicalensemble und Mitgliedern der Theaterakademie August Everding bleibt nichts schuldig – und das, obwohl GMD Domonkos Héja mit dem Rücken zum Ensemble die prächtig musizierenden Augsburger Philharmoniker dirigieren muss und den Ausführenden nur via Bildschirmen zur Verfügung steht.

Trotz inhaltlicher Fragezeichen: Die stehenden Ovationen am Schluss der Aufführung(en) sprechen eindeutig für dieses Musical. Infos zu Terminen und Karten finden Sie hier.

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