Dave Brubeck war ein Erneuerer des Jazz, ein begnadeter Pianist und ein überaus vielseitiger Komponist. Mit seinem Quartett schrieb er Musikgeschichte. Am 6. Dezember 2020 jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal. 

Am 10. Dezember 1959 fand in der New Yorker Carnegie Hall ein besonderes Konzert statt. Dave Brubeck stand mit seinem Quartett, Leonard Bernstein und den New Yorker Philharmonikern auf der Bühne. Zur Aufführung kam das fünfsätzige Werk Dialogue for Jazz Combo and Orchestra von Brubecks Bruder Howard. Der Abend wurde ein gigantischer Erfolg. Von „Schreien spontaner Freude“ aus dem Publikum berichtete die Presse.

Leonard Bernstein mit den Brüdern Brubeck
Leonard Bernstein mit den Brüdern Howard und Dave Brubeck
(Foto: © Brubeck Legacy) 

Ein Jahr zuvor hatte Brubeck jenes „Classic Quartet“ geschaffen, mit dem er die darauffolgenden zehn Jahre Musikgeschichte schrieb. Es bestand aus ihm am Klavier, Paul Desmond, mit dem Brubeck bereits seit 1951 zusammenarbeitete, am Saxofon, Joe Morello, den Brubeck 1956 angeworben hatte, am Schlagzeug und Eugene Wright am Bass.

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The Brubeck Quartet auf seiner Deutschland-Tournee 1966 in Berlin mit Paul Desmonds Komposition Take Five

Desmond war Brubecks kongenialer Partner. Er legte mit seinem Saxofon jenen zarten Schleier über Brubecks schweres polytonales Spiel am Klavier, das dem Quartett einen unverwechselbaren Klang verlieh. Desmond schuf auch jenes Stück, das zum Markenzeichen von Dave Brubeck wurde: Take Five. Bis zuletzt fehlte es in keinem seiner Konzerte. Aufgenommen wurde es 1959 für das legendäre Album „Time Out“.

Dave Brubeck mit dem Sitar-Spieler in Indien
Dave Bruback und der indische Sitar-Spieler Halim Abdul Jaffer Khan

Unmittelbarer Anlass, das Quartett zusammenzustellen, war eine Tournee, die das Außenministerium der Vereinigten Staaten im Zuge des Kalten Krieges organisierte. Unter dem Motto „Jazz Diplomacy“ wurden Bands in die Welt geschickt, um die amerikanische Demokratie und Toleranz zu bewerben. 14 Länder besuchte das Dave Brubeck Quartet 1958 auf seiner Reise, darunter Polen, die Türkei, Indien, Afghanistan, den Iran und den Irak. In Indien traf Brubeck mit dem Sitar-Spieler Halim Abdul Jaffer Khan zusammen. Auch Joe Morello, der neben seiner atemberaubenden Technik eine Ausbildung in klassischer Musik besaß, sammelte in Indien wertvolle musikalische Erfahrungen, u.a. bei dem südindischen Musiker Palani Subramania Pillai. Sie flossen ebenfalls in die Aufnahmen des Albums ein.

Dave Brubeck mit seinem Lehrer Darius Milhaud
Dave Bruback mit seinem Lehrer Darius Milhaud
(Foto: © A. J. Edwards, Brubeck Collection University of the Pacific)

In dem Titel Blue Rondo à la Turk verarbeitete die Band Rhythmen, die Brubeck auf dem Weg ins Rundfunkgebäude in den Straßen Istanbuls gehört hatte. Als er den Musikern des Rundfunkorchesters davon berichtete: „Eins-zwei, eins-zwei, eins-zwei, eins-zwei-drei“, erklärten sie ihm, was für ihn der Blues, sei für sie der 9/8‑Takt. Brubecks Begeisterung für das Experimentieren mit ungeraden Taktarten geht auch auf sein Studium bei Darius Milhaud zurück. Als Sohn eines kalifornischen Viehzüchters geboren, hatte seine Mutter, eine Pianistin, ihn für die klassische westliche Musik begeistert. Und am Mills College in Oakland, nahm Brubeck 1942 Unterricht bei Milhaud, bei dem bereits sein Bruder Howard studiert hatte.

The Brubeck Quartet bereitet seine Aufnahme-Session vor
The Brubeck Quartet bei der Vorbereitung zur Aufnahme der LP „Time Out“
(Foto: © Brubeck Legacy)

Die Aufnahme des Albums „Time Out“ erfolgte im Sommer 1959 im Studio von Columbia in New York in drei Sitzungen. Eigentlich sollte das Album, dessen ursprünglicher Titel „Out of Our Time“ war, in einer Sitzung fertig sein. Aber die Komplexität des musikalischen Materials erforderte zwei weitere Tage. Produzent war Teo Macero, der damals noch am Anfang seiner grandiosen Karriere stand.

Time Out-Session in New York
The Brubeck Quartet im New Yorker Columbia-Studio bei der Aufnahme der LP „Time Out“
(Foto: © Brubeck Legacy)

Im September 1958 kam die LP „Time Out“ heraus. Auf ein solches Album war die Plattenfirma nicht vorbereitet, und es dauerte, bis sie dessen Potenzial erkannte. Brubecks Idee war es gewesen, ein Gemälde von Joan Miró auf das Cover zu bringen. Doch gelang es nicht, die Genehmigung dafür zu erhalten. Erst auf die LP „Time Further Out“ konnte der Miró kommen. Das Cover von „Time Out“ zeigte ein abstraktes Bild von Sadamitsu Neil Fujita.

Probe zu Gates of Justice, der Kantate von Dave Brubeck
Probe zu Dave Brubecks Kantate Gates of Justice, 1971 in der National Cathedral in Washington
(Foto: © Brubeck Legacy)

Nach Tourneen durch die ganze Welt brach das Quartett schließlich auseinander. Desmonds Persönlichkeitsstörungen und damit auch seine Alkoholprobleme nahmen überhand. 1975 versuchte Brubeck, die Formation noch einmal aufleben zu lassen, und 1977 kam es zu einem letzten Auftritt. Wenige Monate später starb Desmond. Anfang der 2000er-Jahre nannte Brubeck seine Band mit dem Saxofonisten Bobby Militello, dem Schlagzeuger Randy Jones und dem Kontrabassisten Michael Moore abermals The Dave Brubeck Quartet.

Lola und Dave Brubeck
Waren 70 Jahre zusammen: David Brubeck und seine Frau Lola, die u. a. seine Managerin und Textdichterin war und mit der er das Musical The Real Ambassadors schrieb
(Foto: © Brubeck Legacy)

2008 gab Brubeck bekannt, nicht mehr auf Tournee gehen zu wollen. Am 5. Dezember, einen Tag vor seinem 90. Geburtstag starb er in Norwack im Bundesstaat Connecticut. Beeindruckend ist die Bandbreite seines kompositorischen Schaffens. Er befasste sich nicht nur mit Jazz, indischen und indianischen Musiktraditionen, sondern schrieb auch sinfonische und kammermusikalische Werke sowie Ballettmusiken, Kantaten, Oratorien und Chorwerke. Über 45 geistliche Kompositionen veröffentlichte er, darunter die Kantate The Gates of Justice und die Messe To Hope! A Celebration.

Foto Titelbild: DownBeat Archives

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Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Dr. Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Dr. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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