David Fray Das fünfte Element

Der französische Pianist David Fray ist für sein neues Album zu Johann Sebastian Bach zurückgekehrt. Ein Gespräch über diese ganz besondere Art der Magie.

CRESCENDO: Sie haben eine große Affinität zur deutschen Kultur, zum deutschen Repertoire speziell. Wie kommt das?

David Fray: Die meis­ten Stü­cke, die wir in mei­ner Kind­heit gehört haben, waren von deut­schen Kom­po­nis­ten – Bach, Beet­ho­ven, Schu­bert … Die­se ers­te Musik hat mich sehr geprägt, und bis heu­te füh­le ich mich dem deut­schen Reper­toire sehr nahe. Ich habe das Gefühl, dort ver­bin­det sich die struk­tu­rel­le und ratio­na­le Sei­te der Musik per­fekt mit der poe­ti­schen und emo­tio­na­len. Eine gute Kopf-­Herz-Balan­ce, wie ich sie auch bei gro­ßen deut­schen Pia­nis­ten wie­der­fin­de, etwa bei Wil­helm Kempf, den ich sehr bewun­de­re.

Das heißt für Ihr eigenes Spiel …

Es geht genau um die­se Fähig­keit, Kopf und Herz in Ein­klang zu brin­gen. Sie war immer das, was ich selbst in mei­nem Leben und als Musi­ker errei­chen woll­te. Und genau das gilt doch für die Musik: dass sie hoch emo­tio­nal und expres­siv sein kann und zugleich ein intel­lek­tu­el­les Erleb­nis.

Sie haben das Konzert einmal als „magischen Raum in unserer modernen Welt“ beschrieben. Wie erleben Sie diesen Raum, wenn Sie selbst auf der Bühne sind?

Die Kon­zert­si­tua­ti­on ist sehr her­aus­for­dernd und oft wirk­lich hart. Man muss stark sein, um hier zu bestehen. Doch ist das Kon­zert auch der Platz, an dem die Musik wirk­lich lebt. Ein Album ist nicht das ech­te Leben. Es ist nur ein klei­nes Geschenk für Leu­te, die zu Hau­se Musik hören wol­len. Der ech­te Ort, an dem sich Musik ent­wi­ckeln kann, ist die Büh­ne, nicht das Stu­dio. Musik braucht ein Publi­kum. Das ist viel wich­ti­ger, als das Publi­kum selbst oft weiß.

Bei vie­len Stu­dio­ein­spie­lun­gen geht vor lau­ter Stre­ben nach ­Per­fektion die Leben­dig­keit ver­lo­ren“

Wie nehmen Sie das Publikum wahr, wenn Sie spielen?

ANZEIGE

Die Men­schen im Publi­kum sind extrem wich­tig, und ganz ehr­lich: Die Art, wie sie zuhö­ren, die Stil­le, die Prä­senz, hat star­ken Ein­fluss dar­auf, ob man als Künst­ler bes­ser oder weni­ger gut ist. Auf der Büh­ne ist man sehr sen­si­bel. Wann man merkt, dass das Publi­kum nicht folgt, frus­triert das extrem und blo­ckiert die Krea­ti­vi­tät. Spürt man aber, dass die Zuhö­rer bereit sind, mit einem über­all­hin zu gehen, dann ist das ein unglaub­li­ches Gefühl.

Umso schwieriger muss die Situation im Studio sein.

Ja, eine Stu­dio­auf­nah­me ist eine kom­pli­zier­te Sache. Frü­her hat­te ich den Anspruch, dass ein Album die idea­le Inter­pre­ta­ti­on für die Ewig­keit fest­hal­ten soll. Heu­te sehe ich das anders. Ich habe mitt­ler­wei­le akzep­tiert, dass eine CD immer nur ein Abbild eines bestimm­ten Moments in mei­nem Leben ist und ver­su­che umso mehr, dass man auf dem Album die­ses Leben auch wahr­nimmt. Bei vie­len Stu­dio­ein­spie­lun­gen geht vor lau­ter Stre­ben nach ­Per­fektion die Leben­dig­keit ver­lo­ren. Doch wer ist schon per­fekt? Wel­ches Kon­zert ist schon per­fekt? Dar­um geht es doch gar nicht!

Kei­nen bewun­de­re ich so wie Bach. Ohne Bach wäre ich kein Musi­ker gewor­den.“

Für Ihr neues Album haben Sie Bach-Konzerte für zwei, drei und vier Klaviere eingespielt – eine ungewöhnliche Instrumentierung. Was hat es damit auf sich?

Die Wer­ke waren nicht für die­se Beset­zung geschrie­ben, aber Bach selbst hat ja vie­les für ver­schie­dens­te Instru­men­te tran­skri­biert. Ich habe mich natür­lich inten­siv mit der his­to­ri­schen Auf­füh­rungs­pra­xis beschäf­tigt. Aber gera­de bei Bach gibt es so vie­le ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten. Die Stü­cke auf dem Album sind das bes­te Bei­spiel dafür, und das moder­ne Kla­vier bringt eine fas­zi­nie­ren­de Klar­heit und Struk­tur in die ver­schie­de­nen Stim­men. Letzt­lich fin­de ich die Instru­men­tie­rung aber gar nicht ent­schei­dend, denn Bachs Musik ist uni­ver­sell, sie steht über allem.

Was bedeutet Ihnen die Musik von Johann Sebastian Bach?

Bach ist ein wesent­li­cher Teil mei­nes musi­ka­li­schen Lebens. Es gibt kei­nen Kom­po­nis­ten, der mich mehr inspi­riert. Ich lie­be ihn so sehr, dass ich mein Leben lang auch nur Bach spie­len könn­te. Am nächs­ten ist mir viel­leicht Franz Schu­bert. Aber kei­nen bewun­de­re ich so wie Bach. Ohne Bach wäre ich kein Musi­ker gewor­den.

Bei Bach ist alles am rich­ti­gen Platz. Das ist ein Gefühl, das man im rich­ti­gen Leben sel­ten hat“

Hat sich Bachs Bedeutung im Lauf Ihres Lebens verändert?

Je mehr Bach ich spie­le, umso mehr beein­druckt mich die unend­li­che Viel­falt der Mög­lich­kei­ten in sei­nem Werk. Bin ich glück­lich – höre ich am liebs­ten Bach. Möch­te ich wei­nen – höre ich Bach. Will ich mit mys­ti­schen Dimen­sio­nen ver­bun­den sein – höre ich Bach. Bei Bach ist alles da: jedes Gefühl, jede Stim­mung. Für mich ist er wie ein wei­te­res Ele­ment unse­res Lebens. Feu­er, Erde, Luft, Was­ser – und dann ist da Bach! So fun­da­men­tal ist sei­ne Musik.

Max Reger hat gesagt, Bach sei der Anfang und das Ende aller Musik. Wie erleben Sie die besondere Magie von Bachs Musik?

Da genügt ein Blick in die Par­ti­tur. Schon wenn man sich ein­fach nur die Noten anschaut, ist da ein Gefühl von Per­fek­ti­on. Das ist, als wür­de man eine wun­der­schö­ne Kir­che betrach­ten – es ist ein­fach alles per­fekt und jede ein­zel­ne Stim­me für sich ist voll­endet. Bei Bach ist alles am rich­ti­gen Platz. Das ist ein Gefühl, das man im rich­ti­gen Leben sel­ten hat. Des­halb ist Bach so groß­ar­tig! (lacht)

Vorheriger ArtikelExotisch!
Nächster ArtikelIm Supermarkt der Traditionen
Dorothea Walchshäusl
Dorothea Walchshäusl ist Musikjournalistin und promovierte Politologin. Sie lebt und arbeitet in Passau. Den Mensch im Blick, die Musik im Ohr und das Gefühl in den Fingerspitzen, fasziniert die freie Autorin all das, was die Menschen im Kleinen wie im Großen bewegt und berührt. Für crescendo schreibt sie seit 2014 und erforscht in ihren Porträts und Reportagen mit Leidenschaft, warum sich Menschen mit Haut und Haar der Musik verschreiben.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here