Anlass dieser Kolumne ist der aktuelle Fall der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Bereits letztes Jahr – das Orchester befand sich gerade auf einer China-Tour – debattierten die Musiker darüber, ob sie Christian Thielemann erneut das Vertrauen als Chef aussprechen wollen oder nicht. Die Stimmung im Orchester war damals gespalten. Die Vor- und Nachteile lagen auf der Hand: Das Abnutzen einer Beziehung, die Schwierigkeiten, das Repertoire zu erweitern, eventuell auch die nicht ganz einfachen Führungs- und Charaktereigenschaften des Chefdirigenten und der generelle Wunsch, innerhalb des Orchesters nach etwas Neuem, all das sprach gegen eine ­Vertragsverlängerung. Für ihn als Chefdirigenten wiederum sprach seine Reputation, sein unbestreitbares Können im romantischen Repertoire, der Umstand, dass die Kapelle mit ihm neue Aufmerksamkeit erhalten hatte, und vor allen Dingen, dass man durch ­Thielemanns Namen zum Residenzorchester der Osterfestspiele in Salzburg geworden war. Dass man aus demselben Grund auch das Silvesterkonzert des ZDF spielte und in Millionen deutscher Wohnzimmer zu sehen war. Natürlich mochte auch die allgemeine Angst vor einem Umbruch, dem ungewissen Neuen eine Rolle gespielt haben, dass das Orchester sich schließlich knapp für eine Vertragsverlängerung mit Thielemann ausgesprochen hat.

Umso tragischer erscheint es heute, dass sich die Hauptgründe für Thielemanns Vertragsverlängerung in den letzten Wochen in Luft aufgelöst haben. Bei den Salzburger Osterfestspielen hat sich der designierte Intendant, Nikolaus Bachler, gegen die Kapelle und vor allen Dingen gegen Christian Thielemann durchgesetzt. Orchester und Chefdirigent müssen die Festspiele verlassen. Eine Situation, in der sich das Orchester noch einmal kurz gegen seinen Chefdirigenten aufgebäumt hatte. Doch als die Kapelle in einer Pressemitteilung wissen ließ, der eigene Vertrag sei nicht an jenen Thielemanns gekoppelt, wurde dieses Aufbegehren schnell niedergeschmettert, als der Rechtsanwalt des Dirigenten zum Orchester sprach und den Musikern klarmachte, dass man in Zukunft aufeinander angewiesen sei. Umso härter muss die Nachricht gewirkt haben, dass auch das ZDF sich im nächsten Jahr von der Sächsischen Staatskapelle und Christian Thielemann trennen will und stattdessen wieder auf die Berliner Philharmoniker und ihren neuen Dirigenten Kirill Petrenko setzt.

Nun kann man all das unter dem Begriff „Pech“ zusammenfassen. Man kann die Entwicklung aber auch anders sehen. Ein Orchester wie die Sächsische Staatskapelle hat in den letzten Jahren zunehmend auf die Strahlkraft seines Dirigenten gesetzt und ist derzeit dabei, das eigene Image, welches es unter anderem durch Auftritte in den Kneipen von Dresden (die einem Dirigenten wie Thielemann weitgehend egal waren) oder durch Events wie „Klassik Picknickt“ aufgebaut hat, zu verspielen. Zudem hat das Orchester zugeschaut, wie das entscheidende Verwaltungspersonal vom Chefdramaturgen bis zum Orchesterdirektor aus Frust oder im Streit mit Thielemann abgewandert ist – also jenes Personal, das eigentlich den Erfolg des Ensembles und seine Vor-Ort-Verankerung ausgemacht hat.

Das Verblüffende ist, dass die Musiker selbst sich für diesen Weg ausgesprochen haben. Ein Weg des geringeren Widerstandes, des Festhaltens am Bewährten, des kleineren Risikos. Ein Weg, an dessen gegenwärtigem Punkt eine eher ernüchternde Bestandsaufnahme steht: Durch den Verlust von Salzburg und ZDF rutscht die Staatskapelle zurück in die sächsische Provinz, muss sich neu ordnen. Man könnte auch sagen, dass die Selbstbestimmung eines Orchesters in diesem Fall nach hinten losgegangen ist und die Kapelle derzeit vor den Scherben ihrer eigenen, demokratischen Personalpolitik steht.

Ein Phänomen, von dem auch die Berliner Philharmoniker ein Lied singen können. Nachdem sie Simon Rattle gewählt hatten, schienen sie in eine strahlende Zukunft zu gehen, bis sich herausstellte, dass der Brite unter Umständen nicht in jeder Nuance die beste Entscheidung für das Orchester war. Auch Rattles Vertragsverlängerung war eine knappe Entscheidung des Orchesters – und sorgte innerhalb des Ensembles für Grabenkämpfe. Erst als Rattle selbst seinen Abschied bekannt gegeben hatte und die Berliner erneut zusammenkamen, um über einen Nachfolger zu beratschlagen, schien die Orchester-­Demokratie wieder zu funktionieren. Offene Debatten über das, was dem Orchester guttun würde, Entscheidungen gegen ein Zurück zu Karajan mit Christian Thielemann und gegen eine Interimslösung mit Daniel Barenboim. Stattdessen überraschte das Orchester mit seiner Entscheidung für Kirill Petrenko als neuen Chefdirigenten. Auf ihn musste man in Berlin zwei Jahre lang warten, aber nun, bei seinem Antrittsdirigat mit Beethovens Neunter, war zu hören, welcher Aufbruch in der Berliner Luft liegt. Musiker, die sich öffentlich äußern, beschwören den neuen Geist, den Anspruch Petrenkos an jeden Musiker, sein Bestes zu geben. Der musikalische Ausdruck steht in Berlin wieder über allem anderen, über dem Schein und der Show – Spaß an der Perfektion, Lust, an sich selbst zu arbeiten, sind zurückgekehrt. Und soweit man das heute beurteilen kann, haben die Berliner Philharmoniker mit ihrer Wahl für Petrenko die positive Seite der Selbstbestimmung vorgeführt.

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Tatsächlich ist es so, dass viele Orchester, auch wenn ihre Wahlen meist nicht bindend sind, in den Prozess ihrer eigenen Zukunftsplanung einbezogen werden. Ein Mechanismus, der auf der einen Seite zu Bequemlichkeit führen kann, der dafür sorgen kann, dass ein Orchester weniger Risiko eingeht als etwa ein Kulturpolitiker oder ein Intendant, der allein entscheiden kann. Gleichzeitig hat der Mechanismus der Mitbestimmung aber auch eine unglaubliche Kraft: Wenn ein Klangkörper debattiert und eine gemeinsame Position vertritt, wenn eine Entscheidung am Ende von allen getragen wird, wenn sie den eigenen Mut für die Zukunft trägt, dann ist die Selbstbestimmung eines Orchesters ein für den neuen Dirigenten unglaublich hilfreiches Energiezentrum.

Die Wiener Philharmoniker, die sich bewusst gegen einen Chefdirigenten entschieden haben, nennen ihre Selbstbestimmung eine „Demokratie der Könige“. Und tatsächlich sind Orchester, die über ihre eigene Zukunft und über ihren eigenen Chef entscheiden können, privilegiert. Welcher Arbeitnehmer darf seinen Boss schon selbst wählen? Der Rewe-Angestellte? Der Schalterbeamte einer Bankfiliale? Und auch im öffentlichen Dienst (dazu gehören ja viele Orchester) ist es undenkbar, dass Lehrer ihren Schulleiter oder Finanzbeamte ihren Abteilungsleiter bestimmen. Gerade im öffentlichen Dienst geht es ja darum, dass politische Vorstellungen, die sich aus demokratischen Wahlen ergeben, umgesetzt werden und Behörden oder öffentlich geförderte Einrichtungen kein Eigenleben jenseits unserer Demokratie entwickeln.

Tatsächlich scheinen all diese Kriterien bei Orchestern nicht oder nur selten zu greifen. Ein Beispiel dafür ist die Staatskapelle Berlin. Auch hier hat man sich intern einst für Daniel Barenboim entschieden. In den letzten Monaten wurde aber auch deutlich, dass quasi ein eigener, weitgehend unbeaufsichtigter Kosmos entstanden sein könnte, an dem nun zunehmend Kritik laut wird. Wie viel Königreich leistet sich Barenboim? Wie monarchisch ist das demokratische System geworden? Wie gut funktionieren Leitungs- und Kontrollmechanismen durch den Intendanten? Ihm wurde gerade von einer einstigen Mitarbeiterin vorgeworfen, er hätte ihre Kritik am Benehmen des Dirigenten nicht verfolgt. Wie ernst nimmt auch die Kulturpolitik ihre Aufgabe, demokratische und arbeitsrechtliche Grundanforderungen an einen öffentlichen, durch Steuergelder finanzierten Betrieb durchzusetzen? Sicher: Orchester funktionieren nicht wie eine Abteilung im Steueramt. Und doch ist es wichtig, dass – gerade wenn sie durch öffentliche Gelder gefördert werden – eine Art Überprüfbarkeit möglich ist. Die Beteiligung der Musiker an Personalentscheidungen kann dabei durchaus hilfreich sein.  

Wie auch immer man diese Frage beantwortet: Die demokratische Beteiligung der Orchestermusiker an der Entscheidung über ihre Chefdirigenten ist in der Regel von Erfolg gekrönt, wenn das Orchester sich, seine Geschichte und seine Zukunft an erste Stelle setzt. Das ist vielleicht eine der wichtigsten Lehren der aktuellen Situation der Staatskapelle in Dresden: Koppelt ein Orchester sein eigenes Schicksal an die Person eines Dirigenten, kann die demokratische Mitbestimmung schnell zu einer selbst gewählten Entmündigung führen. Das war auch der Fehler der Berliner Philharmoniker, als sie allein auf den Personenkult um Simon Rattle setzten. Das ist derzeit das Problem der Staatskapelle in Berlin. Und auch beim SWR-Orchester und seiner fast messianischen Anbetung von Teodor Currentzis, die – das muss man zugeben – sehr gut von der politisch gewollten Fusion des Orchesters ablenkt und die Zusammenlegung der Klangkörper derzeit noch als Erfolgsgeschichte erscheinen lässt.

Die Mitbestimmung der Orchester bei der Wahl ihrer Chefdirigenten ist eine traditionell gewachsene Größe, die in der Regel für kreative Kraft sorgt und als Korrektiv des eigenen Weges dient. Problematisch wird diese Mitsprache dann, wenn ein Orchester seinen Stolz gegenüber einer Führungspersönlichkeit aufgibt, wenn es aus Faulheit oder dem Versprechen von Sicherheit das Risiko meidet oder die Zukunft durch ewige Vergangenheitssehnsucht verhindert.

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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