Ich arbei­te unauf­hör­lich an Street Sce­ne“, schrieb Kurt Weill am 9. Sep­tem­ber 1946 in einem Brief aus New York an sei­ne Eltern in Paläs­ti­na. „Es ist das größ­te und gewag­tes­te Pro­jekt, da ich dies­mal eine wirk­li­che Oper für das Broad­way-Thea­ter schrei­be.“ Am 9. Janu­ar 1947 ging am Adel­phi Thea­t­re die Urauf­füh­rung über die Büh­ne, und die New York Times fei­er­te das Werk als „wich­tigs­ten Schritt in Rich­tung einer bedeu­ten­den ame­ri­ka­ni­schen Oper“.

Katharine Mehrling: „In Paris hat sich Kurt Weill dem französischen Chanson genähert, und in New York hat er sein ganz eigenes American Songbook erschaffen.“
(Foto: © Picture-Alliance/dpa/AP/Photo: D. Gossi)

Mit Lone­ly House, einem Lied aus der Oper Street Sce­ne, über­schrei­ben die Sän­ge­rin und Schau­spie­le­rin Katha­ri­ne Mehr­ling (Foto oben: © Andrea Pel­ler) und der Pia­nist, Inten­dant und Chef­re­gis­seur der Komi­schen Oper Bar­rie Kos­ky ihren Kurt-Weill-Lie­der­abend. Sie erin­nern an jene Kom­po­si­tio­nen, die Weill nach sei­ner Emi­gra­ti­on aus Deutsch­land in Paris und den USA schrieb. Am 21. März 1933, dem „Tag von Pots­dam“, floh Weill aus Ber­lin. Kas­par und Eri­ca Neher fuh­ren ihn an die fran­zö­si­sche Gren­ze. Zwei Tage dar­auf traf Weill in Paris ein und setz­te unver­züg­lich sei­ne Arbeit fort. So ging am 22. Dezem­ber 1934 am Théât­re de Paris Marie galan­te, eine Büh­nen­fas­sung von Jac­ques Devals gleich­na­mi­gem Roman über die Büh­ne, von dem jedoch nur ein­zel­ne Chan­sons Bekannt­heit erlang­ten.

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Katharine Mehrling: „In diesen Liedern steckt ganz viel Sehnsucht drin. Sie erzählen von den Abgründen der Seele, von der Vergänglichkeit der Zeit, von Weggehen, vom Ankommen.“
(Foto: © Yan Revazov)

Am 4. Sep­tem­ber 1935 fuhr Weill auf der Majes­tic nach New York. Auch hier initi­ier­te er sofort vie­le Pro­jek­te und such­te die Zusam­men­ar­beit mit Text­dich­tern, Film­schaf­fen­den und Pro­du­zen­ten. So schrieb er etwa die Musik zu Fritz Langs Film You and Me. Im Som­mer 1938 begann er mit Max­well Ander­sen die Arbeit an dem Musi­cal Kni­cker­bo­cker Holi­day mit dem berühm­ten Sep­tem­ber Song, Weills ers­tem und erfolg­reichs­ten ame­ri­ka­ni­schen Ever­green. Zwei Jah­re dar­auf kom­po­nier­te er mit Song­tex­ten von Ira Gershwin Lady in the Dark. Mit die­sem Musi­cal über eine Psy­cho­ana­ly­se errang er sei­nen ers­ten durch­schla­gen­den Broad­way-Erfolg. Zu hören gibt es unter ande­rem den Song My Ship, der sich als geheim­nis­vol­les Motiv durch das gan­ze Stück zieht, bis er am Ende die erlö­sen­de Erkennt­nis bringt. Aus dem Musi­cal A Touch of Venus, das 1948 mit Ava Gard­ner ver­filmt wur­de, stam­men die Songs I’Am a Stran­ger Here Mys­elf und Speak Low!

Katharine Mehrling: „Diese Liedkunstwerke gemeinsam mit Barrie Kosky zu erforschen und ganz eigene Versionen zu kreieren, das ist für mich eine Offenbarung.“
(Foto: © Komische Oper) 

Weill kehr­te nicht mehr nach Deutsch­land zurück. Nach­dem er 1943 die ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft erhal­ten hat­te, betrach­te­te er sich als ame­ri­ka­ni­scher Kom­po­nist. „I do not con­si­der mys­elf a ‚Ger­man com­po­ser‘. The Nazis obvious­ly did not con­si­der me as such eit­her“, schrieb er 1947 in einem Brief an das Maga­zin Life, das ihn als deut­schen Kom­po­nis­ten bezeich­net hat­te. Er sei ein ame­ri­ka­ni­scher Bür­ger und habe seit 1935 aus­schließ­lich für ame­ri­ka­ni­sche Büh­nen kom­po­niert. Am 3. April 1950 erlag er in New York einem Herz­in­farkt und wur­de auf am Mount Repo­se Ceme­try in Haver­straw beer­digt. Als Grab­in­schrift wähl­te Max­well Ander­son ein Zitat aus dem Musi­cal Lost in the Stars.

Die nächs­te Auf­füh­rung des Kurt-Weill-Lie­der­abends mit Katha­ri­ne Mehr­ling und Bar­rie Kos­ky fin­det am 19. Janu­ar 2020 statt.
Wei­ter Infor­ma­tio­nen: www.komische-oper-berlin.de

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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