Hans Sigl (*1969) ist ein österreichischer Schauspieler. Zunächst am Theater tätig, wurde er ab 2001 als Andreas Blitz in der Fernsehkrimiserie SOKO Kitzbühel bekannt. Seit 2008 verkörpert er den Bergdoktor in der gleichnamigen ZDF-Serie.

crescendo: Herr Sigl, in Ihrer wilden Jugendzeit haben Sie Gitarre und Schlagzeug gespielt und sich für AC/DC und Queen interessiert.

Hans Sigl: Zwei groß­ar­ti­ge Bands. Musi­ka­lisch hat jedoch alles damit begon­nen, dass ich im Jun­gend­chor mit­sang. Musik war schon als Kind ein wich­ti­ger Teil mei­nes Lebens. Mei­ne ers­te Trom­pe­te bekam ich mit sechs Jah­ren geschenkt, und dar­auf zu spie­len, habe ich mir selbst bei­gebracht.

Sind Sie mit Trompete auch aufgetreten?

So weit kam es nicht, denn das Instru­ment fand ein jähes Ende:
Im Fern­se­hen sah ich Dizzy Gil­le­spie spie­len, des­sen Trom­pe­te vor­ne so einen hoch­ge­zo­ge­nen Trich­ter hat­te. Ich dach­te: Das will ich auch und habe den Trich­ter ein­fach vor­ne hoch­ge­bo­gen – damit war das The­ma erle­digt!

Sie haben mehrere Meditations-CDs eingespielt. Ihr Entspannungstipp?

Es gibt ein schö­nes Zitat von Goe­the: „Im Atem­ho­len sind zwei­er­lei Gna­den: Die Luft ein­zu­ziehn, sich ihrer ent­la­den“. Wenn man sich hin­setzt, auf­recht, Hän­de auf die Knie und ein­fach zwei Minu­ten dar­auf ach­tet, wo man hin­at­met und was der Atem mit einem macht, ist man der Ent­span­nung schon sehr nah. Da rei­chen wirk­lich schon zwei Minu­ten, die man bei­spiels­wei­se im Auto sit­zen bleibt, anstatt gestresst wie­der los­zu­brau­sen.

Sän­ger haben die Mög­lich­keit, ganz anders auf Men­schen ein­zu­wir­ken, sie zu berüh­ren, als Schau­spie­ler“

Wenden Sie das selbst an?

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Mein Schau­spiel­be­ruf fin­det mit dem Berg­dok­tor viel in der Natur statt. Immer drau­ßen, mit vie­len Leu­ten um mich rum. Ich genie­ße und mag das, aber set­ze mich doch ger­ne zwi­schen­durch irgend­wo in den Wald oder in den grü­nen Benz, unser Film­au­to beim Berg­dok­tor, und mach die Türen zu. Drau­ßen wuselt alles her­um, ich set­ze mich hin, Hän­de auf den Kni­en und neh­me mir die Zeit.

Neben Stille kann auch Musik entspannen …

Unbe­dingt. Der ers­te Schritt zum Men­schen ist immer die Musik. Des­halb haben Sän­ger die Mög­lich­keit, ganz anders auf Men­schen ein­zu­wir­ken, sie zu berüh­ren, als Schau­spie­ler. Bei uns Schau­spie­lern ist ja immer erst das ratio­na­le Ver­ständ­nis des Tex­tes not­wen­dig. Bis das im Her­zen ange­kom­men ist, ist manch­mal schon die Pau­se vor­bei. In der Oper ist man bereits bei der Ouver­tü­re in einer ande­ren Welt. Das heißt, uns Schau­spie­lern fehlt ein Medi­um, wel­ches die Musi­ker haben, dar­auf sind vie­le – mich ein­ge­nom­men – sehr nei­disch.

Das halbe Jahr drehen Sie naturnah den Bergdoktor, im anderen leben Sie am Ammersee – zwei idyllische Locations …

Cle­ver, was? Alles rich­tig gemacht.

Nervt der Kitsch nicht manchmal schon fast?

Nach den ers­ten zwei, drei Staf­feln Berg­dok­tor-Dreh in Ell­mau, bei denen ich fast ein Drei­vier­tel­jahr nur in den Ber­gen war, kam ich nach Ber­lin und bin bei einer vier­spu­ri­gen Stra­ße mit Fuß­gän­ger­über­gang rich­tig erschro­cken. Man ent­wöhnt sich. Mei­ne Frau und ich machen ger­ne Städ­te­rei­sen, aber ich habe nie län­ge­re Zeit das Bedürf­nis nach Tru­bel und Hek­tik der City. Ich lie­be Lager­feu­er, lie­be es, wenn die Vögel zwit­schern – das ist meins!

Ich lie­be Lager­feu­er, lie­be es, wenn die Vögel zwit­schern – das ist meins“

Sie werden stark mit der Rolle des Bergdoktors identifiziert. Werden Sie als Fernsehdarsteller bei anderen Projekten wie Ihren Hörbüchern oder bei Lesungen deshalb weniger ernst genommen?

Men­schen, die pau­scha­le Vor­ur­tei­le haben, unter­stüt­ze ich grund­sätz­lich gedank­lich nicht, über­zeu­ge sie aber sehr ger­ne. Men­schen, die sagen, das höre ich mir ein­fach mal an, ich bin neu­gie­rig, fin­de ich groß­ar­tig. Bevor ich zum Fern­se­hen kam, habe ich zwölf Jah­re lang Thea­ter gespielt, und es ist wahr­schein­lich, dass ich nicht bis zur Ren­te den Arzt ver­kör­pern wer­de – es gab und gibt also immer auch etwas ande­res in mei­nem Leben.

Und für Sie selbst? Fällt es nach Monaten des Bergdoktors schwer, wieder in andere Rollen zurückzuschalten?

Über­haupt nicht, das ist ja mei­ne Arbeit. In den ers­ten zwei, drei Jah­ren hat mich die Figur des Berg­dok­tors schon sehr gefor­dert: Wohin geht die Rei­se? Wie ent­wi­ckelt man die Figur? Dar­auf lagen Ener­gie und Fokus. Inzwi­schen hat sich alles im posi­ti­ven Sin­ne ein­ge­spielt: Man kennt das Team, die Autoren, die Pro­du­zen­ten – bespricht gemein­sam, wo es hin­geht. Das ist schön. So gibt es immer mehr Raum für ande­re Pro­jek­te. Etwa mit dem Ein­spre­chen von Reclam-Hör­bü­chern oder mei­nen Lesun­gen haben sich ganz neue Fel­der auf­ge­tan. Da kann man umge­kehrt wie­der neue Kraft und Ener­gie für die Fern­seh­pro­duk­tio­nen schöp­fen.
Zum Bei­spiel, wenn man fünf Stun­den Effi Briest ein­ge­le­sen hat – weil die Arbeit toll ist und es wun­der­bar ist, sich mit die­ser Spra­che, die­sen Tex­ten zu beschäf­ti­gen, die man seit sei­ner Schul­zeit nicht mehr auf dem Schirm hat­te. Die Schach­no­vel­le von Ste­fan Zweig oder Der Sand­mann von E. T. A. Hoff­mann, was für unglaub­li­che Bücher! Letz­te­res eine Para­bel der künst­li­chen Intel­li­genz, in unse­rer Zeit also ein hoch­ak­tu­el­les The­ma. Oder Hoff­manns Erzäh­lun­gen mit der künst­li­chen Figur der Olym­pia. Woher kommt das Ver­lan­gen der Men­schen nach die­sen Robot­er­we­sen? Dann liest man Hoff­mann und ver­steht es … das nimmt mich mit und macht mich glück­lich.

Sehn­sucht wird gera­de in unse­rer hek­ti­schen Zeit immer grö­ßer und befeu­ert die Fan­ta­sie“

Nun treten Sie als Sprecher bei einem Melodramenabend bei der Schubertiade in Hohenems auf. Wie kam es dazu?

Der Pia­nist Hel­mut Deutsch hat­te mich ange­spro­chen, ob ich Melo­dra­men ken­ne. Die­se Musik, über die Tex­te gespro­chen – nicht gesun­gen – wer­den, sind ein tie­fer, ganz ande­rer Ansatz von Lied­in­ter­pre­ta­ti­on. Und es ist für mich eine gro­ße Freu­de und Ehre, mit einem der bes­ten Lied­be­glei­ter der Welt zusammen­zuarbeiten.

Viele der Werke sind spätromantisch und damit vom Thema her oft sehr verträumt: Es geht um Ritter, um Natur, um schaurige Geisterwelten. Ist das heute noch aktuell?

Es spielt zwar in die­sen roman­ti­schen Wel­ten, geht aber um vie­le gro­ße und teil­wei­se auch har­te The­men des Mensch­seins. Tat­säch­lich ster­ben in fast jedem Melo­dram eine oder meh­re­re Per­so­nen. Ande­rer­seits besteht bei vie­len Men­schen die Sehn­sucht, in eine Mär­chen­welt ein­zu­tau­chen. Die­se Sehn­sucht wird gera­de in unse­rer hek­ti­schen Zeit immer grö­ßer und befeu­ert die Fan­ta­sie.

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Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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